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Die Verheißung des Heiligen Geistes

von Frank Zeeb (70184 Stuttgart)

Predigtdatum : 24.05.2020
Lesereihe : II
Predigttag im Kirchenjahr : Exaudi
Textstelle : Jeremia 31,31-34
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Wochenspruch: Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannes 12,32)

Psalm: 27,1.7-14 (EG 714)

Predigtreihen

Reihe I: Epheser 3,14-21
Reihe II: Jeremia 31,31-34
Reihe III: Johannes 7,37-39
Reihe IV: Römer 8,26-30
Reihe V: 1. Samuel 3,1-10
Reihe VI: Johannes 16,5-15

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 155 Herr Jesu Christ, dich zu uns wend
Wochenlied: EG 136 O komm, du Geist der Wahrheit
Predigtlied: EG 325, 1-5 Sollt ich meinem Gott nicht singen
Schlusslied: EG 172 Sende dein Licht und deine Wahrheit

Predigttext Jeremia 31,31-34

Der neue Bund

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Hinführung

a) Zum Text
Wann der Text genau niedergeschrieben wurde, ist umstritten. Im Ablauf des Jeremiabuches ist er wohl ein nachträglicher Einschub in das so genannte „Trostbüchlein“, das sich an die Exulanten der ersten Verschleppung (597 v.Chr.) richtet. Da er in die Linie der Heilsweissagungen gehört, die die Wiederherstellung des Tempels, die Neugründung des Bundes und die Endzeit miteinander verbinden, halte ich ihn für etwas später verfasst, nach der Zerstörung des Tempels (vgl. Hes 33-36). Es handelt sich um die konsequente Ausdeutung der deuteronomistischen Theologie, dass Gott sein Volk wegen dessen Bundesbruch straft, aber eben auch als Herr der Geschichte zur Umkehr mahnt und dann sein Gericht zurücknimmt. Das Beispiel von dem Bankkaufmann ist historisch, die Akten des Bankhauses wurden bei Ausgrabungen gefunden – tragisch, dass Klischees sich schon in dieser frühen Zeit ausbilden.

Wirkungsgeschichtlich handelt es sich wohl um die erste Erwähnung eines „Neuen Bundes“, der den alten Bund gleichsam ablöst. Dabei ist nicht – im Sinne einer Ersetzungstheologie – daran gedacht, dass der Bund Gottes mit seinem Volk nun auf die Kirche übergegangen sei, sondern daran, dass Gott einen Neuanfang mit Israel setzt. Dieser „Neue Bund“ ist weniger als der Sinaibund mit konkreten Regeln und Vorschriften verbunden, sondern stärker spirituell orientiert So kann Paulus den Gedanken in 2. Kor 3,3; 6,16 und vor allem im Römerbrief mit der Offenbarung Gottes in Christus verbinden, die der Einzelne im Glauben annimmt. Die Kirche hat von Anfang an mit Taufe und Abendmahl die Sakramente als Bundeszeichen verstanden, vor allem das Heilige Abendmahl ist durch die Einsetzungsworte unmittelbar mit diesem Text verbunden.

b) Zur Predigt
Ich möchte in der Predigt die geistesgeschichtliche Situation ernst nehmen, in der die Ersthörer sich befanden. Eine Zeit der Krise wirft die Frage auf, wie sich Gottes Verheißung, politische Realität und menschliches Handeln in der Welt zueinander verhalten. Das möchte ich an der Person des Propheten Jeremia deutlich, den diese Krise fragen lässt, ob seine Verkündigung umsonst gewesen ist. Die Leitfrage möchte ich dann anhand einiger aktueller Beispiele auf die heutige Zeit übertragen, der in einer analogen Situation die Frage nach der Gottesferne gestellt ist. Der Predigttext wird erst jetzt gelesen, als Antwort, die Jeremia auf seine Frage erhält: Gott setzt neu an, vielleicht nicht sofort, aber in einem endzeitlichen Horizont. Abschließend genügen wenige Worte, um die Verheißung der heutigen Gemeinde zuzusprechen.

I. Die Stadt: Wüst und leer

Liebe Gemeinde,

Jeremia, der Prophet, steht im Tempel. Genauer: in dem, was früher einmal der Tempel gewesen ist. Vor einigen Jahren sind die Babylonier über Jerusalem gekommen, wie Raubtiere, wie gefräßige Heuschrecken und haben gehaust wie die Vandalen. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Der Tempel ist zerschlagen zu Staub, eine Ruinenstätte, in der bei Tag die wilden Hunde und bei Nacht die Eulen kampieren.

Der Stadt ist es nicht besser ergangen, alles was irgendwie wertvoll aussah, haben die Feinde mitgenommen, und wenn dabei ein Haus oder ein ganzer Straßenzug in Flammen aufging, wen kümmert's. Was noch schlimmer ist, ist die Menschenleere in der Stadt. Die Babylonier haben nicht zuletzt die Menschen weggetrieben. Kunsthandwerker, Schreiber, Lehrer, Priester, Musiker – alle, die ihnen besonders wertvoll erschienen. Die menschliche Beute war fast das Wertvollste, was Jerusalem an Siegesgut zu bieten hatte.

II. Der Prophet: Unerhört

Jeremia denkt zurück an diese schreckliche Zeit, an den Kampfeslärm, an die Feuersbrünste, an die entsetzten Schreie der Gefolterten und Sterbenden. Und es tut ihm weh, dass manch einer gar nicht einmal ungern mit den Babyloniern mitgegangen ist. Das Großreich bot durchaus seine Chancen, wenn man sich mit ihm arrangierte. Erst vor ein paar Tagen hat er wieder einen Brief bekommen von einem der Abtrünnigen:

„Liebe Verwandten, uns geht es gar nicht schlecht in Babylonien. Ein großes, reiches Land ist das, und sie behandeln uns gar nicht schlecht. Wir dürfen fast machen, was wir wollen. Ich habe mir Geld geliehen und ein Bankhaus eröffnet. Das läuft super. Ich habe im ersten Jahr einen mehr als bescheidenen Gewinn gemacht und mir ein Haus gebaut. Außerdem habe ich eine nette junge Frau kennengelernt, im nächsten Frühjahr bekommen wir ein Kind. Ja, die Götter der Babylonier sind stark und helfen dem Tüchtigen. Kein Wunder, dass sie die Oberhand über Jerusalem gewonnen haben. Da ist doch einfach mehr Schwung dahinter!“

Jeremia verbittert das. Er wollte diesen Auftrag nicht, dem Volk das Unheil anzusagen. Er hat sich dagegen gewehrt. Aber Gott, der Gott Israels, hat ihn geschickt, zu predigen. Jahrelang hat er gepredigt vom Unheil, hat dem Volk vorgehalten: Ihr schließt die falschen Bündnisse! Ihr verlasst euch auf politische Manöver, statt auf Gott zu vertraue! Ihr sucht das Heil bei korrupten Finanziers und der Weltwirtschaft! Hohe Rendite und die Liberalisierung des Welthandels, das war ihr Lebenssinn. Die sozialen Folgen waren den Oberen egal. Hohngelächter hat er geerntet, verprügelt haben sie ihn, sozial geächtet und in einen Brunnen geworfen. Die anderen Propheten, die den Oberen nach dem Mund gepredigt haben, die haben sie hochgeachtet und verehrt und mit Wohltaten überschüttet … Und wie ist es dann gekommen? Genauso wie Jeremia im Auftrag des Gottes Israels gepredigt hat – und profitiert haben dann doch wieder die Reichen. Die fallen doch immer weich. Das einfache Volk konnte zusehen, wie es nach der militärischen Katastrophe wieder auf die Füße kam – und solche wie sein entfernter Vetter liegen in Babylonien im weichen Bett und lassen sich's wohl sein. Jeremia weiß nicht, ob er mehr traurig oder wütend ist. Sein Lebenswerk ist buchstäblich in Rauch aufgegangen, das von vielen, vielen Menschen auch und die Schuldigen und Gottlosen haben es fast besser als vorher … ist das gerecht? Und wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht, die einfachen Leute auch noch zu verspotten? Und ist ihm eigentlich klar, dass er mit seinem Tun das Bild beschädigt, das Fremde von unserem Volk haben?

III. Auch unsere Welt ist aus den Fugen geraten

Szenenwechsel. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus vor über 30 Jahren gab es so etwas wie Aufbruchsstimmung. Das Bild von den „blühenden Landschaften“ war ein Zeichen von Hoffnung. Es hatte ja fast schon biblische Ausmaße. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ein Prophet bei seiner Heilsweissagung von „blühenden Landschaften“ spricht, die Gott am Ende der Zeit schenken will. Aber auch hier galt: Wir haben letzten Endes unser Heil von politischen Zusammenhängen erwartet, die Kräfte des Marktes und der Weltwirtschaft hochgehalten. Jetzt ist fast eine Generation darüber hinweggegangen.

Sicher, es ist den meisten von uns gut ergangen seither, mindestens in den meisten Teilen Deutschlands und Europas. Aber die Anzeichen mehren sich, dass die guten Zeiten  womöglich nicht mehr allzu lange dauern werden. Werte lösen sich auf. Gesprächskulturen geraten in Vergessenheit, das politische Argument wird oft dem lautstarken Geschrei geopfert … Friedrich Hölderlin, der schwäbische Poet sagt schon vor über 200 Jahren: „Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt.“

Das erleben wir heute auch immer wieder und ich meine nicht, dass es der Wahrheitsfindung und dem politischen Fortschritt dient. Und die Weltwirtschaft wird immer mehr zum Götzen, dem manches geopfert wird – vom Klima will ich einmal gar nicht reden, auch nicht von der Ausbeutung weiter Teile Afrikas oder Asiens. Auch in unserem Land wird die Schere zwischen arm und reich größer – dabei sollte doch die Herstellung gleicher Lebensverhältnisse eines der obersten Ziele eines demokratischen Staatswesens sein. In einem idealen Staat, in einer Welt nach Gottes Geschmack sollte es nicht sein, dass Manager hundert Mal mehr verdienen als die Mitarbeitenden. Es sollte vor allem nicht sein, dass Menschen von einem Vollzeitjob nicht leben können. Kein Zweifel: Auch wenn die Katastrophen nicht so brutal und unmittelbar eingetreten sind – sollte ich sagen: bisher nicht – wie bei Jeremia, meine ich doch: Unsere Welt ist auch aus den Fugen geraten und lässt sich kaum an Gottes Willen messen.

IV. Gottes Worte ins Herz geschrieben

Für Jeremia ist die Zerstörung des Tempels eine schlimme Erfahrung, weil er seinen ganzen Glauben darauf gesetzt hat, dass Gott im Tempel seinen Bund wohnen lässt. Solange der Tempel stand, gab es Hoffnung: Gott wird seinen Bund nicht vergessen. Er setzt sich durch, auch wenn die Menschen den Bund immer wieder brechen. Auch wenn wir Gott immer wieder vergessen und seinen Geboten zuwider handeln.

Jeremia wird still. Er merkt, dass sich etwas in ihm regt. Das kennt er. Es ist ihm ab und zu schon so gegangen, dieses eigenartige Gefühl, dass er ganz bei sich ist und doch ganz außer sich. So fühlt es sich für Jeremia an, wenn Gott mit ihm redet. Die Worte geschehen förmlich in ihm, er kann nie sagen wie, aber sie schreiben sich gleichsam in sein Herz:

Lesung des Predigttextes Jeremia 31, 31 - 34

V. Wie im Paradies

Ein neuer Bund. Trotz allem Schmerz, dass Israel den Bund immer wieder gebrochen hat, obwohl Israel seinen Gott vergessen, ja verraten hat. Ein Bund, der ganz neu ist, ganz anders, ein Bund, der keiner Ermahnung und Belehrung mehr bedarf, weil er im Herzen der Menschen wohnt. Jeremia hat eine leise Ahnung, wie das geschehen kann – er hat ja selbst Gottes Worte im Herzen. Aber wenn das alle Menschen spüren, dann – ja, dann kann es doch keinen Streit mehr geben wie früher, was wirklich Gottes Wille ist. Wenn alle aus tiefstem Inneren heraus von Gott und seinem Wort her leben, danach handeln, ihr Leben danach ausrichten, mit ihrem Nächsten so umgehen, wie es recht ist vor Gott … Jeremia denkt noch weiter. Sein ganzes Leben hat er sich daran aufgerieben, dass die Politik seines Königs und der Regierung sich nicht messen lassen kann an Gottes Willen. Aber wenn auch die Großen Gottes Wort im Herzen tragen, nicht nur in Israel, auch in Babylonien, in Ägypten, einfach überall … dann gibt es doch auch keinen Krieg und keine Ungerechtigkeiten mehr, dann sind doch … sind doch paradiesische Zustände.

Jeremia steht auf. So sieht die Welt nicht aus. So sieht Jerusalem nicht aus, wie es in Trümmern liegt. Und wahrscheinlich dauert es noch sehr, sehr lange, bis es soweit ist. Aber es ist ein Hoffnungsbild. Macht und Gewalt haben nicht das letzte Wort, sondern Gott selbst wird eines Tages die Welt gerecht machen und die Sünde und die Missetat ausrotten – aus unseren Herzen und aus der Weltpolitik.

VI. Jesus Christus – Garant des Neuen Bundes

Liebe Gemeinde, Jeremia kann jetzt nach Hause gehen. Er hat ein Hoffnungszeichen im Herzen, einen Lichtschimmer, der ihn düstere Zeiten überstehen lässt. Der neue Bund wird kommen.

Gott sei Dank wissen wir Christen ein bisschen mehr als Jeremia wissen konnte. Der neue Bund ist nämlich schon da, mitten unter uns. Jesus von Nazareth ist das Zeichen, ja mehr noch, der Garant für diesen neuen Bund. In ihm ist Gottes Reich schon da, in unserer Zeit. Von ihm her leben wir, auf ihn hin leben wir zu. Mit ihm im Herzen brauchen wir die Unpässlichkeiten unserer Zeit nicht zu fürchten. So sind wir alle ein Stück wie Jeremia, geplagte, angstvolle Menschen, die unter der eigenen Wirklichkeit leiden. Aber eben auch Hoffnungsmenschen mit Gottes Wort und seiner Verheißung im Herzen.

AMEN

Fürbittengebet

Gott allen Trostes, Geist der Wahrheit.
Auf dich hoffen wir und bitten für die Menschen,
denen die Wahrheit vorenthalten wird.
Für die Menschen, denen die Freiheit vorenthalten wird.
Für die Menschen, denen ein würdiges Leben vorenthalten wird.
Für die Menschen, denen das Evangelium vorenthalten wird. Für alle Menschen, die verfolgt, gefoltert, verachtet, dumm gehalten und verwirrt werden.
Dankbar sind wir für alle, denen du die Augen öffnest und die Licht und Wärme in diese Welt bringen.
Dein Heiliger Geist sei mit ihnen und mit uns.
Das bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn.

AMEN

Nach: Chr. Nolting, in: M. Evang u. a. (Hgg.):
Nimm an unser Gebet. Gebete an Sonn- und Feiertagen im Kirchenjahr, Neukirchen-Vluyn 2011, S. 110.

Verfasser: Pfarrer Dr. Frank Zeeb, Gänsheidestraße 4 – 6, 70184 Stuttgart


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