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Freuet euch...

von Manfred Günther (35325 Mücke)

Predigtdatum : 21.12.1997
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Advent
Textstelle : Philipper 4,4-7
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Wochenspruch:

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Phil. 4,4.5b)

Wochenlied:

EG 9

Weitere Liedvorschläge:

EG 11; 34; 398

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte laßt kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde!

Gleich zweimal ruft uns dieses Wort zu: Freuet euch... Und wir möchten uns ja auch freuen in diesen Tagen auf Weihnachten hin. Und Freude ist ja überhaupt etwas, das wir suchen, uns wünschen und ersehnen - nicht nur hier in der Kirche und nicht nur zu Weihnachten. Viele Gründe also, einmal über die Freude nachzudenken und darüber, wie wir sie finden können.

Die Geschichte, die ich ihnen dazu erzählen möchte, spielt nach dem letzten großen Krieg in der Weihnachtszeit des Jahres 1945: In einem Zimmer im Hinterhaus in einer kleinen Stadt wohnen zwei junge Leute. Sie sind gerade ein paar Monate verheiratet. Das Wenige, das sie als Verkäuferin verdient, muß zum Leben reichen, denn der Mann hat keine Arbeit finden können. So müssen die zwei mit jedem Pfennig rechnen und am Monatsende bleibt nichts übrig. Und doch sind die beiden sehr glücklich miteinander; sie haben wenigstens zu essen; es geht ihnen also noch besser als vielen anderen - damals. Nur eine Sorge beschäftigt die jungen Leute - jetzt - ein paar Tage vor Weihnachten. Was würden sie einander zum Fest schenken können? Woher das Geld dazu nehmen?

Einmal abends gehen sie durch die Straßen des Städtchens. Sie drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern, wo zu bestaunen ist, wovon sie nur träumen können. Er sieht, wie ihre Augen zu strahlen beginnen, als sie einen schimmernden Haarreif betrachtet, reich besetzt mit glitzernden Steinen. Wie würde er zu ihrem Haar passen, auf das sie so stolz ist und das er so liebt, denn es ist lang und seidig bis weit über die Schultern hinab.

Wie gern hätte er ihr diesen Haarreif an Heiligabend auf den Gabentisch gelegt, doch womit sollte er ihn bezahlen? Da erinnert er sich an den einzigen Wertgegenstand, den er besitzt: Eine goldene Taschenuhr, vom Vater geerbt, die er an einem alten, schäbigen Lederband immer bei sich trägt. Er hängt sehr an der Uhr, denn sie hat ihn drei Kriegsjahre in Rußland treu begleitet. Soll er sich von der Uhr trennen, an die sich für ihn soviel Erinnerungen knüpfen?

Doch schlimmer noch ist ihm der Gedanke, an Heiligabend mit leeren Händen dazustehen und seiner Frau, die sich für ihrer beider Unterhalt abrackert, nichts schenken zu können. So geht er an Heiligabend früh hin und verpfändet die Uhr. Für das Geld kauft er den Reif und einen kleinen Tannenbaum; auch für ein wenig Gebäck reicht es noch. Zuhause schmückt er Baum und Stube festlich. Als er seine Frau von der Arbeit erwartet, zündet er die Kerzen an und legt sein Päckchen unter den Baum. Was wird sie Augen machen, wenn sie es auspackt, wie wird sie sich freuen!

Als sie ins Zimmer tritt, trägt auch sie ein kleines Päckchen in der Hand. Sie reicht es ihm mit einem „Fröhliche Weihnachten“ - und dann nimmt sie ganz langsam und zaghaft ihr Kopftuch ab. Dabei sieht sie ihren Mann ein wenig ängstlich an. Unter dem Tuch kommen kurze, nur noch streichholzlange Haare zum Vorschein. Auch sie wollte ihrem Mann ein Geschenk machen können und so hat sie ihr langes, schönes Haar einer Frau verkauft, die daraus Perücken macht.

Der Mann steht wie vom Donner gerührt. Auch als sie sagt: „Es wächst doch wieder“, will er sich nicht trösten lassen. Am liebsten würde er ihr das Geschenk gar nicht mehr geben. Was soll sie mit dem Reif auf ihrem kurzgeschorenen Kopf. Aber nun liegt das Päckchen da unter dem Baum und er hält das ihre in der Hand. So sagt er, als er sich wieder gefaßt hat: „Ich hab auch etwas für dich“. Und dann öffnen beide ihr Päckchen. Kurz darauf stehen sie im Lichterglanz des Bäumchens und wissen nicht, ob sie weinen oder lachen sollen.

Sie hat den Haarreif in Händen, den sie sich so gewünscht hat und zu dem ihr nun das passende Haar fehlt. Und er - er entnimmt einem kleinen Kästchen eine vergoldete Kette für seine Uhr, die er beim Pfandleiher versetzt hat. Und dann liegen sie sich in den Armen. Er erzählt ihr die Sache mit seiner Uhr, und beiden ist nicht recht klar, warum sie sich doch so freuen können, über diese schönen, aber unnützen Geschenke.

Eine rührende Geschichte, nicht wahr? So möchten wir auch einmal beschenkt werden! Wir wüßten schon, warum wir uns freuen würden! Denn in der kleinen Erzählung war ja zuletzt nicht das Geschenk das Entscheidende, sondern die Haltung, die dahinterstand: Mit dem Reif und der Kette konnten die zwei ja nun gar nichts mehr anfangen. Aber sie hatten beide aufgegeben, woran ihr Herz hing, hatten hergeschenkt, was ihnen lieb war: die goldene Uhr, das lange, schöne Haar. Die jungen Leute hatten sich nur gefragt, wie kann ich dem anderen eine Freude machen, wie zeige ich ihm, daß ich ihn liebe, daß ich an ihn denke. Wie klein war ihnen erschienen, was sie hergaben, in Gedanken an die große Freude, die sie dem anderen machen wollten.

Die Geschichte spielt 1945. Viele von ihnen erinnern sich noch gut, wie das war in dieser Zeit. Da gab’s nichts, da hatte keiner was übrig. Aber, die es erlebt haben, kennen auch noch die Freude, die einen erfüllte, wenn man etwas geschenkt bekam, an Heiligabend oder zum Geburtstag. Man wußte, das ist dem Geber nicht leicht gefallen. Er hat doch selbst nichts, und man spürte etwas von der Liebe, die der andere mit seiner Gabe ausdrücken wollte.

Heute geht’s uns gut, viele sagen: zu gut! Die Ausgaben für die Weihnachtsgeschenke tun uns nicht weh. Oft fällt es uns schwer zu sagen, was wir oder unsere Angehörigen brauchen könnten, worüber wir uns wirklich freuen würden. Und doch - das wäre ein Weihnachten nach dem wir uns sehnen:

Wir möchten wieder einmal die Freude erfahren, die doch seit alters zu diesem Fest gehört. Und manch einer sehnt sich vielleicht danach, einem anderen zu Weihnachten zeigen zu können: Du, ich hab’ dich lieb, ich möchte für dich alles geben, was ich besitze, du bist mir soviel wert! Aber wie soll man’s machen? Wie soll das gehen: Soviel Liebe in ein Weinnachtsgeschenk packen? Kann man Liebe und Zuneigung heute denn überhaupt noch mit Dingen ausdrücken, die man in jedem Kaufhaus kriegen kann?

Wir könnten sagen: Letztenendes ist entscheidend, ob die Gabe von Herzen kommt. Der gute Wille, eine Freude zu machen, das ist’s! Aber wir wollen ehrlich sein: Wenn der reiche Onkel Herbert uns an Heiligabend ein 10-Mark-Päckchen überreichte, würden wir uns doch ein bißchen ärgern und zu uns sagen: Ist ja ein wenig schäbig; der hat doch wirklich genug; ein paar Scheine mehr hätte er doch drauflegen können. Da fragen wir dann halt doch nach dem Wert des Geschenks, nicht nach dem vielleicht echten Vorsatz, eine Freude zu machen.

Und wie geht’s uns denn selbst jedes Jahr beim Einkauf der Geschenke? Da zerbrechen wir uns in den Wochen vor dem Fest den Kopf, ob wir nicht doch noch auf etwas kommen, was unsere Lieben brauchen können, was sie noch nicht haben, woran sie sich freuen. So hetzen wir alle Jahre wieder durch die Kaufhäuser und Geschäfte und tun uns bei all der Auswahl so schwer, das Richtige zu finden. Je näher das Fest rückt, desto quälender werden die Fragen, die uns bewegen: Hat er das nicht schon? Wird ihr das Spaß machen? Ist das nicht zu wenig? Und weil bei uns ja nunmal Wohlstand herrscht und jeder hat, was ihm zum Leben nötig ist, werden die Geschenke von Jahr zu Jahr größer - und teurer.

Es gibt inzwischen auch Leute, die haben für sich das Schenken ganz abgeschafft. Sie haben vereinbart, wir machen den Rummel nicht mehr mit, wir feiern ein Fest ohne Gaben, ruhig und besinnlich. Leider halten sich dann die, mit denen wir das ausgemacht habe, oft nicht daran.

Aber selbst wenn... Spätestens an Heiligabend kommt dann die Reue über den Entschluß. Ist erst das Festessen vorbei und die Kerzen am Baum brennen langsam herunter, dann spürt man doch, daß etwas fehlt. Und wenn noch Kinder da sind und sie haben nichts zum Auspacken, sitzen traurig herum und wissen nicht womit sie spielen sollen, dann merkt man, ein Fest so ganz ohne Geschenke ist auch nicht das Wahre! Irgendwie gehören die Gaben doch dazu. Der völlige Verzicht aufs Schenken bringt auch nicht mehr Weihnachtsfreude. Es ist schon so: Es ist heute schwer geworden zum Fest, die echte Freude zu geben und zu empfinden.

Vielleicht hilft es uns bei der Suche nach der Weihnachtsfreude, wenn wir einmal darüber nachdenken, woher eigentlich der Brauch des Schenkens kommt. Da hatte ja nicht irgendwann einmal ein tüchtiger Geschäftsmann die Idee, aus dem Fest für sich Kapital zu schlagen (wenn’s auch heute oft so aussieht!). Auch der Gedanke, den Mitmenschen einmal im Jahr zu zeigen, wie lieb man sie hatte, war’s nicht, was die ersten Schenker bewegte.

Vor allen Weihnachtsgaben war die Freude da, die Freude über die Gabe, die allen Menschen damals in Bethlehem bereitet wurde. Der Jubel über diese Geburt, die Freude über dieses Kind hat zu allen Zeiten Menschen so bewegt, daß sie nicht anders konnten, als von der Freude, die sie erfahren hatten, etwas weiterzugeben. Darum konnten die Menschen schenken, darum können auch wir heute den Spaß am Schenken und Beschenktwerden zurückgewinnen. Lassen sie uns einmal diese Gabe näher betrachten, um die es an diesem Fest eigentlich geht: Ich meine das Geschenk Gottes an uns Menschen.

Gott selbst wird Mensch! Das ist die Gabe, das ist die frohe Botschaft des Weihnachtsfestes; und daran dürfen und sollen wir uns freuen. Aber dazu müssen wir wohl die Augen einmal losbekommen vom süßen Jesulein, vom Krippenkind, vom Stall, von Ochs und Esel. Das ist Kinderweihnacht. Jesus ist mehr als der holde Himmelsknabe, dem die Engel singen. Wir kennen das ganze Leben dieses Menschen, der da im Viehstall geboren würde. Und erst dieses Leben wird ihn zum Heiland und Retter machen.

Später als Mann wird er zu den Ärmsten gehen, zu den Kranken, zu den Verzweifelten und Sündern. Er wird sie gesund machen und heil, er wird ihnen Vergebung ihrer Schuld zusprechen. Ja (auch und gerade das ist Weihnachtsbotschaft!), der Weg des Kindes von Bethlehem wird von der Krippe zum Kreuz führen. Leiden und Tod warten auf den, dessen Geburt wir in diesen Tagen feiern. Darum ruft an Heiligabend der Engel: Euch ist der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr... Herr wird Jesus am Ende sein, wenn dieses Leben, das Leiden und Sterben für uns hinter ihm liegt.

Gott wird Mensch, das will uns zur Weihnacht froh machen! Er steigt unüberbietbar tief hinab in unsere Welt. Er liegt auf Stroh, er verzichtet auf alle Herrlichkeit. Und er bleibt diesem Anfang auf Erden treu. Keine Königspaläste warten auf ihn, nicht Reichtum und Macht. Er teilt das Los der Geringsten. Arm, ohne Behausung zieht er umher und lebt mit denen und für die, die nicht mehr sind, als er sein will.

Liebe Gemeinde, die Geburt dieses Menschen ist Geschenk und Freude für alle!

Für die Einsamen, denn sie sind nicht mehr allein. Für die Hoffnungslosen, denn sie können neue Zuversicht haben. Für die Armen, denn er will sie reich machen. Für die Schuldigen, denn er schenkt ihnen Vergebung. Für die Geängsteten, denn er will in allem mit ihnen sein. Für alle, die am Sinn ihres Lebens zweifeln und fast verzweifeln, denn er zeigt, daß es Sinn hat.

Gott kommt uns an Weihnachten ganz nah. Er thront nicht mehr fern in den Himmeln, unnahbar, unerreichbar. Er wird einer von uns, einer wie wir. Er schenkt sich selbst. Das ist der Grund aller Freude, damals und heute.

Wenn wir uns an dieser Gabe Gottes freuen können, dann finden wir gewiß auch zum echten Schenken zurück. Es ist dann auf einmal gar nicht so wichtig, wie groß, wie teuer das ist, was wir geben und bekommen. Und wie Gott uns sich selbst schenkt, so lernen auch wir unseren Lieben und allen Mitmenschen uns selbst zu schenken. Gott braucht solche Menschen, die sich anstecken lassen von der Freude der Weihnacht. Menschen, die denen nachgehen, die Kummer haben, die sich um die sorgen, die einsam sind, die denen verzeihen, die schuldig geworden sind, an Weihnachten und an allen Tagen.

Die Gaben, die wir kaufen können, werden so vielleicht bei uns wieder das, was sie ursprünglich waren: eine schöne Nebensache. Eine kleine Zugabe zu dem viel größeren Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können: uns selbst! (Ich wünsche ihnen allen heute schon zum Fest die Freude am Weihnachtsgeschenk Gottes und von ihren Lieben Gaben, die aus dieser Freude kommen!) Amen.

Pfr. Manfred Günther,Lohgasse 11, 35325 Mücke


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