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Früchte des Geistes

von Eberhard Dieterich (89518 Heidenheim)

Predigtdatum : 17.07.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 8. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Epheser 5,8b-14
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Wochenspruch:
"Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit." (Epheser 5, 8 b.9)

Psalm: 48, 2 – 3 a.9 – 11

Lesungen
Altes Testament: Jesaja 2, 1 - 5

Epistel: Epheser 5, 8 b – 14

Evangelium: Matthäus 5, 13 - 16

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 440, 1 – 4 All Morgen ist ganz frisch und neu
Wochenlied: EG 318 O gläubig Herz, gebenedei
Predigtlied: EG 263, 1.2. 5.6 Sonne der Gerechtigkeit
Schlusslied: EG 447, 6 - 8 Lobet den Herren alle


Predigttext Epheser 5,8 b - 14
„Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

Hinführung
Die Christen in Ephesus werden darauf angesprochen, dass sich bei ihnen eine grundlegende Änderung ereignet hat.
Deshalb lese ich Vers 8a mit beim Predigttext:
»Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.«
Es geht also darum, etwas davon zu begreifen, was es heißt im Auferstehungslicht Jesu zu leben.
Dabei ist mir bewusst geworden und wird immer wieder deutlich: Wegschauen, schlafen, das ist auch meine Sache.
Staunend mache ich die Beobachtung, wie Erinnerung an die Zeit des Dritten Reichs lebendiger wird. Nach 70 Jahren nimmt das Diakonische Werk Stellung zu Verantwortung in Sachen Euthanasie.
Ich erzähle ein wenig von der aufwachenden Erinnerung und hoffe, dass das Mut macht. Sie können sich im Internet unter »Stolpersteine Stuttgart« und unter »Spur der Erinnerung« informieren.
In der Zeit der Hitlerherrschaft war Wahrheit lebensgefährlich.
Und es dauert bis heute, dass wir uns erinnern lassen und vielleicht auch wach werden.
Uns Christen wird zugesprochen: Lebt als Lichtleute in Güte,
Gerechtigkeit und Wahrheit.



Gliederung
I. Finsternis, aufdecken
Der verschwundene Friedhof
Spur der Erinnerung
Stolpersteine
Schweigen, ein Werk der Finsternis
Auch ich sehe weg
II. Lebt als Kinder des Lichts
III. Wach auf!
Hoffnungsspuren

Ziel
Wir sind Lichtleute. Wir dürfen ums Aufwachen bitten.

Predigt

Liebe Gemeinde,

(I. Finsternis, aufdecken)
und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
So habe ich soeben gelesen.
Bilder und Erinnerungen werden dabei wach.
Drei will ich erzählen.

(Der verschwundene Friedhof)
Jemand erinnert sich: »Wir waren nach dem Krieg auf der schwäbischen Alb. Wir wohnten in dem Dorf, das heute bekannt ist für seinen alten, gepflegten jüdischen Friedhof. Auch damals wusste man davon, dass vor dem Krieg hier viele jüdische Familien gewohnt hatten. Aber der Friedhof war nicht zu finden. Niemand gab Auskunft. Niemand war bereit, an das Vergangene nur zu denken, geschweige denn es auszusprechen.
Gleich nach dem Krieg, vor 60 Jahren, da war der jüdische Friedhof unauffindbar. Erst viel später ist es einem Lehrer gelungen, die Mauer des Schweigens zu brechen.«

(Spur der Erinnerung)
Eine zweite Beobachtung:
Zum Aufdecken dunkler Erinnerungen braucht es richtig Mühe. Und es ist gut, dass die Enkel nach über 70 Jahren sich da ein wenig leichter tun.

Eine »Spur der Erinnerung« wurde auf der Straße gezogen: eine Farbspur von der Behinderteneinrichtung Grafeneck bei Münsingen bis nach Stuttgart ins Innenministerium in der Dorotheenstraße.

Die Erinnerung: 1939 wurde Grafeneck beschlagnahmt und in eine Tötungsanstalt von Behinderten umgewandelt. Hier wurde geübt, was später in Auschwitz geschah. In Grafeneck wurden als »lebensunwertes Leben« unter strengster Geheimhaltung über 10 000 Menschen durch Gas umgebracht. Manche erinnern sich noch mit Schrecken an die »grauen Busse«, die mit zur Tötung bestimmten Menschen nach Grafeneck fuhren. Unter dem Deckmantel »Gesundheit« wurde das von Stuttgart aus ganz offiziell organisiert. Erst heute wagt man hinzuschauen. Und dabei merkt man auch, wie oft man weggeschaut hat.

(Stolpersteine)
Eine andere Aktion zur Erinnerung.
Sind Sie schon über einen »Stolperstein« gestolpert?
Da ist eine kleine goldene Tafel in den Boden auf dem Gehweg eingelassen. Unwillkürlich »stolpert« man, bleibt stehen, muss lesen: Zum Beispiel in Stuttgart in der Leuschnerstraße 51:
»Hier wohnte Berta Rauner, Jahrgang 1886. Deportiert 1944 nach Theresienstadt. Ermordet 1944 in Auschwitz«

Der Künstler Gunter Demnig erinnert damit an Opfer der NS-Zeit. Vor der Haustüre ihres letzten selbst gewählten Wohnorts versenkt er ebenerdig in den Boden kleine Tafeln, mit dem Namen eines Deportierten – und dem zugehörigen Datum der Verschleppung. Auf einmal wird sichtbar: die Menschen, die im Dritten Reich verschleppt und umgebracht wurden, lebten ja mitten unter uns. Menschen, die aufgrund der Identifikation als Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, politisch oder religiös Abweichende verhaftet, deportiert, versklavt und grausam ermordet wurden.

Inzwischen hat der Künstler an über 500 Orten mehr als 9000 Stolpersteine verlegt. Und es werden immer mehr.

(Schweigen, ein Werk der Finsternis)
Bilder, Erinnerungen.
Sie tun sich auf, wenn ich lese:

Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren
Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.

Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht.

So schreibt der Epheserbrief an frisch getaufte Christen.
Es gibt offensichtlich Dinge, von denen man nicht redet. Die berichteten Hinweise und Erinnerungen machen mir deutlich: da redet der Brief ja von uns.

»Unfruchtbare Werke der Finsternis« heißt es da.
Es gibt offensichtlich Dinge, derer man sich schämt. –
Wir versuchen, damit fertig zu werden, indem wir sie nicht ansprechen, nicht aufdecken – schweigen, wegsehen.

Den Krankenschwestern in Grafeneck, wo die Behinderten in Württemberg serienmäßig umgebracht wurden, – als sogenanntes lebensunwertes Leben – wurde strengstens verboten, irgendetwas zu erzählen.
Wer redet, stirbt selbst. Das war die schlimme Ordnung.

Man wusste, dass das, was im Namen des Dritten Reiches hier geschah, das Licht scheuen musste.
Und man sorgte durch Drohungen für große Angst.
Und die Angst schnürte den Mund zu.
An vielen Orten wurden Menschen, die einmal sagten: »Wir haben den Krieg schon verloren« über Nacht abgeholt.

In der Nähe der schwäbischen Stadt Leonberg schlachtete eine Bäuerin einen Hahn. Sie schlug ihm mit dem Beil den Kopf ab und sagte halblaut: »So sollte man es dem Hitler auch machen.« Die Frau wurde abgeholt – und kam nie wieder heim.

Was bei uns im Krieg und im Dritten Reich geschehen ist, davon war vieles nur möglich, weil absolutes Stillschweigen bewahrt wurde. Die Gewalt und die Angst sorgten dafür, dass niemand mehr wagen konnte, etwas aufzudecken.

Und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
Denn was von ihnen heimlich getan wird,
davon auch nur zu reden ist schändlich.

Ich bin erschrocken.
»Das Böse scheut das Licht.« Das weiß man. Aber es gibt eine Verschlafenheit, die dem Bösen dient, ohne dass wir das merken. Ich denke – es fallen Ihnen da selbst manche Erinnerungen ein.

(Auch ich sehe weg)
Es gibt viele Bilder,
bei denen ich mich ertappe, dass ich wegsehe.
Ich ertrage sie nicht – oder will nicht gestört werden.
Und damit stärke ich das Schweigen, die Nacht.

Seit 50 Jahren wissen wir, dass Millionen Menschen hungern. Aber anscheinend können wir nicht so genau hinsehen, dass sich etwas grundsätzlich ändert.

Es ist merkwürdig:
wir leben in einer Welt, in der Öffentlichkeit, Aufdecken gewollt ist.
Information, Erzählen, nicht Schweigen – das ist die Aufgabe der Zeitungen und der Medien.
Und es war schon oft gut, dass da etwas zur Sprache kam.

Und trotzdem: es gibt jeden Tag genügend Dinge, die das Licht scheuen. Und oft merken wir es selbst nicht. Vielleicht verschlafen wir wirklich vieles. Ich selbst schaue immer wieder weg. Aber ich weiß: das Wegsehen hilft nicht. Niemand. Zuletzt auch mir nicht.

Auch bei uns persönlich begegnen wir der Frage:
Wegsehen oder Aufdecken?
Was ist der nötige nächste Schritt?
Soll ich zum Arzt?
Soll ich ins Altenheim?
Ist es richtig, wenn ich meinen Kindern keine Grenzen setze?
Soll ich wirklich zum Elternabend gehen? Andere tun es doch auch nicht?
Mein Kollege wird gemobbt. Soll ausgerechnet ich etwas dagegen sagen?

Es sind oft ganz alltägliche Dinge, an denen diese Mahnung zum Tragen kommt:
Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.


(II. Lebt als Kinder des Lichts)
Sie kennen auch das andere.
Da wird öffentlich, was niemand angeht.
Da wird das persönliche Leben von Menschen zur Schau gestellt. Da benützt man die Wahrheit, um sie anderen um die Ohren zu schlagen.

So ist das Aufdecken in unserem Predigttext nicht gemeint.
Deshalb müssen wir nun doch den Anfang hören.

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts ist
lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist.

Das wird uns einfach gesagt: Christen gehören zum Licht. So wie Jesus das Licht der Welt ist, so können wir – so sollen wir »Kinder des Lichts« sein. Zwei besondere Merkmale gehören zu denen, die zum Licht gehören und so leben:

• Sie wissen: die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
• Und: Sie fangen an, zu fragen und zu prüfen: Gefällt das Gott? Ist das die Art, die wir bei Jesus gelernt haben?

Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit – statt Wegsehen und Schweigen.

– Güte – statt messerscharfe Besserwisserei.
– Gerechtigkeit – statt Gesetzlichkeit. Die immer neue Bemühung, Menschen gerecht zu werden.
– Und all das – »in Wahrheit«, – in aller Offenheit.

Das ist die Umgebung, die Atmosphäre, in der Lichtmenschen fragen und prüfen, was Gott gefällt.

Sie merken:
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – sie sind ein Wunschbild – ein Ziel.

Aber sie sind auch eine Ermutigung.
Da ist der freundliche Hinweis:
Vielleicht musst du es dir doch nicht so schwer machen.
Vielleicht musst du doch nicht einfach alles unter den Teppich kehren.
Vielleicht kannst du doch den Mut haben, in aller Freundlichkeit und Deutlichkeit Dinge offen anzusprechen.
Was gut ist, muss das Licht nicht scheuen.
Wenn wir uns für die Rechte von Menschen einsetzen, dann darf das sichtbar werden.
Christliche Gemeinde darf sichtbar werden –
durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Gott selbst sieht uns in diesem Licht.

(III. Wach auf!)
Sie werden bei uns oft das Gegenteil sehen.
Auch wir schweigen, wo wir reden sollten.
Auch wir haben oft nicht den Mut zum rechten Wort – oder wissen nicht, was jetzt recht ist.
Am Schluss unseres Predigtabschnitts steht ein kleines Lied: Wach auf, der du schläfst,
und steh auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.

Wach auf! Und: Steh auf von den Toten!
Das kann niemand selbst machen.
Das ist Gottes Wort an Ostern.
Gott will das Leben.
Und deshalb hat er Jesus aufgeweckt.
Und deshalb gilt uns:
Wach auf! Steh auf!
In Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Und du wirst sehen:
Christus selbst wird dazu das nötige Licht und die nötige Kraft und Zuversicht geben.
Wach auf, der du schläfst,
und steh auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.

(Hoffnungsspuren)
• Der jüdische Friedhof auf der Alb wird heute sorgfältig gepflegt.
• Bei der Farbspur der Erinnerung von Grafeneck nach Stuttgart haben sich viele erinnern lassen.
• Die Zahl der Stolpersteine wächst noch immer.
Kleine Zeichen des Lichts, das die Finsternis aufdeckt.
Es gibt sie auch in der persönlichen Umgebung.

Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit!
So werden wir jetzt singen.
Heute werden wir zu solchem Beten und Singen ermuntert.
Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Amen

Eingangsgebet
Du Gott des Lichtes, du bist durch Jesus Christus
in unsere Dunkelheit und Kälte hineingegangen.
Du Gott der Güte, du rührst uns an,
damit unsere Herzen wieder warm werden.
Du Gott der Wahrheit, du schenkst uns Mut,
für die Wahrheit einzustehen.
Du Gott der Gerechtigkeit, du willst,
dass wir aufstehen gegen alle Ungerechtigkeit.
Du Gott des Lichtes,
lass dein Licht bei und durch uns leuchten,
damit deine geliebte Welt nicht im Dunkel bleibt.
Amen
Nach: Bleib du uns gnädig zugewandt, Luther-Verlag, Seite 86


Fürbittengebet
Wir danken dir, Gott,
dass du uns sagst,
es wird ans Licht kommen, was im Dunkel ist.
So bringen wir vor dich auch die Schatten unserer Tage,
die Menschen, die im Irak und in Afghanistan
zwischen Hoffen und Bangen leben,
arbeiten und leiden,
die Hungernden und Trauernden in … und anderswo.
Dich bitten wir für Männer und Frauen,
die Lebenszeichen gegen den Tod setzen, –
und für die Kranken und Sterbenden
in unserer Gemeinde.
Wir denken
auch an unsere Angehörigen und Freunde
in den Altenheimen.
Wir wollen auch an die denken,
die sehr einsam geworden sind
und keinen Menschen haben.
Lass sie, lass uns alle erfahren,
wer du bist,
der kommt und ans Licht führt aus der Nacht.
Amen Nach D. Eisenhardt


Verfasser: Dekan i. R. Eberhard Dieterich (†)

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