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Glaube und Unglaube

von Reinhard Simon (39307 Genthin)

Predigtdatum : 28.02.2021
Lesereihe : III
Predigttag im Kirchenjahr : Reminiszere
Textstelle : Jesaja 5,1-7
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Wochenspruch: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Süder waren. (Römer 5,8)

Psalm: 25,1-9

Lesungen

Reihe I: Johannes 3, 14 - 21
Reihe II: Römer 5, 1 - 5 (6 - 11)
Reihe III: Jesaja 5, 1 - 7
Reihe IV: Matthäus 26, 36 - 46
Reihe V: Markus 12, 1 - 12
Reihe VI: 4. Mose 21, 4 - 9

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 428 Komm in unsre stolze Welt, EG 445 Gott des Himmels
Wochenlied: EG 94 Das Kreuz ist aufgerichtet, EG 96 Du schöner Lebensbaum
Predigtlied: EG 789, 7 Bleib mit deiner Gnade bei uns
Schlusslied: EG 320, 1.4.6-8 Nun lasst uns Gott, dem Herren Dank sagen und ihn ehren

Predigttext Jesaja 5,1-7

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Vorbemerkung

Das „Weinbergslied“ Jesajas wird in der Übersetzung die Gute Nachricht Bibel wiedergegeben, weil man es auf diese Weise in raschem, geleiertem Versmaß einer Bänkelballade mit Endreim vortragen kann. Das ist in der Übersetzung gut gemacht. In einigen Worten sind Dehnungsstriche eingefügt. Auch der poetische Text aus dem Hohenlied lohnt es, ihn im Versmaß vorzutragen.

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist Abend in den Straßen, als du auf einmal Gitarrenklänge hörst und einen eigenartigen Singsang. Du gehst ihm nach, lauschst, schaust um die Ecke. Und da siehst du ihn sitzen vor dir auf der Freitreppe! Er greift in die Saiten, spielt ein rasches Solo, unterbricht jäh, beginnt wieder. Ist es ein Liebeslied? Wer ist die Schöne, von der er da in so seltsamen Bildern singt? Und wer der Freund, dem sein rauer Gesang gewidmet ist?

„Hört mir zu! Ich singe euch das Lied meines Freundes von seinem Weinberg:

Auf fruchtbarem Hügel, da liegt mein Stück Land,
dort hackt ich den Boden mit eigener Hand,
ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf,
baute Wachtturm und Kelter, setzte Reben darauf.
Und süße Trauben erhofft ich zu Recht, -
doch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht. Jerusalems Bürger, ihr Leute von Ju - da,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?

Die Trauben sind sauer – entscheidet doch ihr:
War die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?
Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;
zum Weiden soll‘n Schafe und Rinder hinein!
Und die Mauer ringsum, die reiße ich ein!
Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis,
schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!
Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen!
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!
Der Weinberg des Herrn seid ihr,
Israeliten! Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!
Er hoffte auf Rechtsspruch –
und erntete Rechtsbruch,
statt Liebe und Treue
nur Hilfeschrei - e!“

Es ist der Prophet Jesaja, einsam auf der Treppe, die hinaufführt zum Tempel. Die Leute kommen vorbei zum Abendlob dort oben bei Kerzenschein und Weihrauchduft und schauen ihn flüchtig an. Das Tagesgeschäft liegt hinter ihnen, sie sind frohgemut und sichtbar satt, müde teils auch, vom Streit zermürbt, bittere Sorge um den nächsten Tag beugt ihnen den Rücken. Einen Rechtsstaat? – das hatten sie mal, jetzt aber zählt das Ego, die Abzocke, der längere Arm. Die Richter sind gezinkt, wer aufmuckt, landet in Dunkelhaft. Kinder laufen vorbei, manche pfeifend, einige fast schon kleine Beamte, andern sieht man die Straße an, auf der sie leben, angewiesen, dass ihnen jemand Beachtung schenkt, aber wann kommt das schon vor?

So ziehen sie vorüber. Du bleibst stehen. Was für ein Liebeslied das noch in deinem Ohr nachklingt! Aber war es überhaupt ein Liebeslied?

Wieder unterbricht er sich und singt:

„Komm, lass uns hinausgehn, mein Liebster,
die Nacht zwischen Blumen verbringen!
Ganz früh stehn wir auf, gehn zum Weinberg
und sehn, ob die Weinstöcke treiben,
die Knospen der Reben sich öffnen
und auch die Granatbäume blühen.
Dort schenke ich dir meine Liebe!“
1

Jetzt sieht er Deinen fragenden Blick:

„Ein üppiger Weinstock waren wir hier“, sagt er da, „voll reicher Frucht. Weinberg Gottes! Je reicher die Leute, desto reicher die Spenden und Stiftungen. Aber sieh! Nur mit halbem Herzen sind sie bei Gott, der sie so geliebt hat. Mit Silber und Gold wollen sie ihr Heil kaufen, Geld ist ihnen heilig, darauf schwören sie2, sie waschen es rein aus schmutzigem Geschäft! Der Mensch wiegt ihnen leichter als ein Hauch, leichter als der Rauch, der aus dem Schornstein in den Himmel steigt.“3

„Was sind das für bittere Lieder, die du singst, Gottesliedermacherfreund“, antwortest du. „Früher gab es sowas bei uns auch, aber wegen der Texte konntest du im Knast landen, oder ausgebürgert werden. Wir haben sie natürlich gehört! Jetzt ist eine andere Zeit, bei uns.“

„Sei froh! Aber wie ist es bei euch mit Gott?“, fragt er dich.

Was willst du da sagen? Dass man kaum etwas hört in deinem Land über ihn? Dass es ihn sozusagen fast nicht gibt? Und man schon gar nicht an ihn glaubt? „Aber die Weinberge“, wirst du sagen, „die sind bei uns nicht wüst, Gott sei Dank, schon lange nicht mehr, an Saale und Unstrut, Main und Mosel. Die bringen viel Frucht.“

„Hast du es gut“, sagt er dann, „aber wie arm ist das, wenn keiner mehr richtig etwas weiß von Gott! Wie ein Tag ohne Freude, ein Lied ohne Melodie, diese Gitarre ohne Saiten.
Oder wie ein Text ohne Biss! – Eigentlich fehlt dann doch alles“, fügt er nachdenklich hinzu.

Jetzt weißt du schon gar nicht mehr, was du dazu sagen sollst.

„Geht euch da nicht die Kraft aus für die Wahrheit, für die schmerzliche Wahrheit, für die großen Aufgaben der Zukunft vor euch? So fragt er weiter. „Du siehst doch, das ist immer schwierig und unbequem. Und kommen die Menschen in eurem Land wirklich zu ihrem Recht?“

Du möchtest etwas vom Rechtsstaat sagen, dafür bist du dankbar, aber dann fällt dir ein, was vor deinen Toren passiert, da wo im Mittelmeer unschuldig gestorben wird und an Grenzzäunen in unfassbarer Zahl, und die Hochrüstung, dieser Wahnsinn von Stolz und Argwohn, Leiden und Verschwendung, und noch etliches mehr fällt dir ein. Wieviel Gottesglauben, wieviel wirkliches Gottvertrauen braucht es, damit die Erde ein neues Gesicht bekommen kann? Aus eigner Kraft, wie sollte das gehen? Woher also der Mut, die Kraft, der lange Atem?

Jetzt bist du weit abgeschweift, nein: in die Tiefe und Weite gegangen in deinem Sinnen. Was steigt in dir auf? Ein Schmerz? Ein Zorn, der Veränderung will, der weiter fragt und bohrt? Der nach Gott ruft?

Du steigst die Stufen hinauf zum Tempel, du willst zu ihm gehen, dem Gott, von dem dieser Unruhekünstler, der gottverwundete Jesaja seine seltsame Bänkelballade gesungen hat. Wie ihm das Herz brannte!

„Die Menschen lieben die Finsternis mehr als das Licht“, geht es dir durch den Sinn – Warum? „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“ Wo hast du das gehört? Und das Andere:

„So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzig-einen Sohn dahingab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren sind,
sondern Leben haben in Ewigkeit“?4

So bist du nun hier angekommen in unserer Kirche: „Nach dir, Herr, verlangt mich, mein Gott, ich hoffe auf Dich!“5
Und einer sagt uns: „Komm, folge mir nach!“
Amen.

Fürbittengebet

Gott,
in dem Frieden,
den du gewährst,
führe uns als deine Boten
durch diese lieblose Welt
und gib uns
wache Sinne,
sehende Augen,
hörende Ohren,
helfende Hände
und ein aufrechtes Herz.

Mach uns bereit und mutig,
zur rechten Zeit
das rechte Wort zu sagen
oder zu schweigen,
wenn es not ist,
damit dein Werk nicht verdorben
sondern ausgebreitet werde
auf dieser Erde.

So bitten wir für uns,
für deine heilige Kirche.
Und wir beten für alle,
die unter Lasten leiden,
für Kranke,
Alte,
Einsame,
Verbitterte.

Ach Gott,
den Zeichen des Friedens
widerspricht diese Welt,
widersprechen wir selbst.
Überwinde dies alles
mit Hoffnung,
mit Freude,
mit dem Geist deiner Liebe.
Amen.

Aus: Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst (Dienst am Wort 49), Göttingen ²1989, S. 53)

Verfasser: Pfarrer Dr. Reinhard Simon, Goethestr. 28, 39108 Magdeburg

_______________
Anmerkungen:

1 Aus dem Hohenlied, 7,12-13
2 vgl. Hosea 4,1-2; 6,8-9; 8,4; 10,1
3 Der biblische Name „Abel“ (1. Mose / Gen 4) heißt „Hauch“, heute schreckliche Assoziation an die Schornsteine von Auschwitz
4 Joh 3,19-20 und 16 (aus dem Evangelium des Sonntags)
5 Psalm 25,1 (aus dem Eingangspsalm)


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