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Glaube und Unglaube

von Andreas Heidrich (65812 Bad Soden)

Predigtdatum : 08.03.2020
Lesereihe : II
Predigttag im Kirchenjahr : Reminiszere
Textstelle : Römer 5,1-5(6-11)
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Wochenspruch: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Süder waren. (Römer 5,8)

Psalm: 25,1-9

Predigtreihen

Reihe I: Johannes 3,14-21
Reihe II: Römer 5,1-5(6-11)
Reihe III: Jesaja 5,1-7
Reihe IV: Matthäus 26,36-46
Reihe V: Markus 12,1-12
Reihe VI: 4. Mose 21,4-9

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 625, 1–3 Wir strecken uns nach dir
Wochenlied: EG 366, 1–7 Wenn wir in höchsten Nöten sein
Predigtlied: EG 361, 1–4.6 Befiehl du deine Wege
Schlusslied: EG 97, 1–6 Holz auf Jesu Schulter

Predigttext Römer 5,1-5(6-11)

Friede mit Gott

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
(6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.
7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben.
8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
9 Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind.
10 Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.
11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.)

Liebe Gemeinde,

wie kann man Kinder im Grundschulalter oder Jugendliche in der Konfirmandenzeit motivieren etwas zu glauben, was noch relativ neu für sie ist? Ich komme auf diese Frage durch den heutigen Predigttext. Denn der  wirkt auf mich so , als ob der Apostel Paulus sich auch so etwas gefragt hat; wie kann er Menschen, die noch nicht allzu lange Christen sind, die Grundlagen des Vertrauens auf den einen Gott, seinen Heiland Jesus Christus und den Heiligen Geist beschreiben?.

Er tut dies im heutigen Predigttext Römer 5, 1 - 5 in der ihm eigenen Art und rhetorisch gekonnt. Davon später mehr. Zunächst lese ich uns den Predigttext, also aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, die Verse 1 – 5:

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Beim ersten Hören ist es nicht leicht, dem zu folgen und all das zu erfassen, was Paulus hier vom Evangelium von Jesus Christus schreibt. So lade ich Sie ein, mit mir den Text entlang zu spazieren, so wie an einer Galerie der „Grunderfahrungen des christlichen Glaubens“ vorbei. Das erste Bild, das uns da in Vers 1 vor die Augen gemalt wird ist der Frieden, der von Gott durch Jesus Christus mit den Menschen geschlossen wird:

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Frieden ist hier im Sinne des „schalom“ gemeint. „Schalom“ bedeutet in der Hebräischen Bibel und im  Alten Testament ein seelisches, geistiges und körperliches Heilwerden. Außerdem meint schalom ein materielles Versorgtsein, so wie es Abraham, Sarah und ihrer Familie geschenkt wurde. Von Abraham ist gerade im vorhergehenden Kapitel 4 erzählt worden.

Für die damaligen Menschen im Römischen Reich, zu dem alle Missionsgebiete des frühen Christentums gehörten, hat das Wort Frieden allerdings einen zwiespältigen Klang. Das Römische Reich proklamiert nämlich mit der „Pax romana“ eine Reichsideologie, die alle unterdrückten Völker unter der Herrschaft des jeweiligen Kaisers und seiner Statthalter halten soll. Frieden wird also nicht nur positiv verstanden. Sondern  hier wird unter dem Deckmantel des Friedens eine Zwangs-ideologie verfolgt, die vom Glauben an die römischen Götter getragen wird.

Mit dem Einzug des Christentums kommt nun etwas Neues, etwas ganz anderes: Denn an die Stelle  dieser Zwangsideologie tritt nun die Herrlichkeit des Gottes Israels, der sich in Jesus Christus allen Völkern zuwendet. Es ist also vorausgesetzt, dass da ein Gesandter Gottes – nämlich Jesus Christus - kommen musste. Er musste kommen, um das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Schöpfer auf eine neue Grundlage zu stellen. Denn das Gottesverhältnis war seit Adam und Eva gestört.

Das wird in Vers 2 so ausgemalt: „Durch ihn haben wir auch Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ In Jesus Christus haben die Menschen aus der Völkerwelt im Glauben also einen Zugang zu Gottes Gnade gefunden. Der Glaube wird ohne Bedingungen geschenkt. Deshalb können sich die Christenmenschen dieser Gnade rühmen und zudem der zukünftigen Herrlichkeit, die von Gott geschenkt werden wird.

Das griechische Wort für das Wort „Herrlichkeit“ meint in der damaligen Zeit auch den Machtglanz von Königen und Königreichen. Dem „Glanz“, der von Menschen und von den teils grausam herrschenden römischen Kaisern ausgestrahlt wird, stellt Paulus – zwischen den Zeilen – die Herrlichkeit des einen Gottes entgegen. Dieser eine unsichtbare Gott kommt den Menschen in Jesus Christus ganz menschlich und verletzlich nahe – nicht entrückt und vergöttert wie die meist brutalen Kaiser in Rom.

Das wird ja gerade in der Passions- und Fastenzeit deutlich, die wir als Christen jetzt wieder bewusst erleben und gestalten können. Und zwar so, dass wir nicht allein an die Leiden und das Martyrium von Jesus Christus denken, sondern auch an das der ersten Christen und des Apostels Paulus.

(Je nach Gemeinde kann auf das Oratorium „Paulus“ von Mendelssohn-Bartholdys verwiesen werden. Vielleicht wird es auch in der Gemeinde oder in der Region aufgeführt. Wer dieses musikalische Meisterwerk anhört, spürt: Paulus – und die ersten Christen - haben am eigenen Leib erfahren müssen, dass hinter der angeblichen Friedensordnung Roms massive ungerechte und gewalttätige Machtinteressen stehen. So wurde Paulus  von römischen Statthaltern festgenommen, verhört und schließlich in Rom im Namen des römischen Kaisers hingerichtet.)

Als er die Zeilen des Predigttextes verfasst, lebt der Apostel Paulus noch. Doch er kennt die Mühsal, die Schwierigkeiten und die Gefahren für Leib und Leben, die das Bekenntnis zu dem einen Gott und seinem Messias Jesus im Römischen Reich mit sich bringt. Er hat sie auf seinen Missionsreisen erlebt und erlitten, wovon besonders die Apostelgeschichte ausführlich erzählt. Und in einigen seiner Briefe erzählt Paulus selbst davon. Deshalb malt der Apostel – um im Bild der Galerie christlicher Grunderfahrungen zu bleiben – nun in den Versen 3 bis 5 aus, dass er und alle Christen sich nicht nur des Friedens und der geschenkten Gnade Gottes rühmen, sondern auch der „Bedrängnisse“. Dieses altmodisch klingende Wort meint konkret: Erfahrungen der Verfolgung, des Ausgeliefertsein und der Folter, der Christen gerade im Römischen Reich vonseiten der Staatsgewalt ausgeliefert waren. Paulus denkt hier sicherlich auch an seine Flucht in einem Korb, in dem er von einer Stadtmauer herabgelassen wurde. Oder an seine manchmal lebensbedrohlichen Seereisen auf Segelschiffen durch ein teils aufgewühltes Mittelmeer. Übrigens auf Routen, die heute teilweise von Flüchtlingen auf sich genommen werden.

Kaum sehen wir beim Gang durch die Galerie einen Paulus vor uns, der im Auf und Ab der Wellen des Mittelmeeres betet und bangt, so führt dieser uns in seinem Text schon zum nächsten Bild: Nämlich zu den  Christen, die auf Gott vertrauen und die in Sicherheit sind, weil die äußere Bedrängnis ihnen innere Geduld bringt. Er sagt dies so in Vers drei: „Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt.“ Dieser bekenntnisartigen Feststellung folgt nun in den nächsten beiden Versen 4 und 5 eine rhetorische Figur, die Paulus gerne verwendet. Und zwar die Figur des Kettenschlusses mit einem Halbsatz, auf den dreimal eine mit „aber“ eingeleitete Weiterführung folgt: Er schreibt: „Geduld aber (bringt) Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“

Damit macht Paulus anschaulich, was für seine theologische Deutung von Widrigkeiten, Verfolgungserfahrungen und Krankheiten grundlegend ist: Nämlich dass solche Bedrängnisse wesentlich dazugehören, wenn man an Jesus Christus glaubt. Sie ermöglichen Schritt für Schritt – wie auf einem Stufenweg - spiritueller Reife. Dazu braucht jeder Christenmensch zunächst Geduld. Aus dieser Geduld wächst die Fähigkeit, die eigene Bedrängnis und Bedrohung als Bewährung zu begreifen. Das heißt; wer verfolgt, verspottet oder gefoltert wird, wird sich darin als Christenmensch bewähren, weil er glaubt, dass er in Gottes Frieden bewahrt ist – so wie dies schon Jesus Christus auf seinem Weg am Kreuz getan hat und Paulus auf seinen gefährlichen Seereisen oder in den Verfolgungen, die er erlebt hat.

Wir können uns also als großes, überdimensionales Gemälde hinter den Gemälden, die ich nun schon genannt habe, ein solches vorstellen, das Jesus von Nazareth als gekreuzigten Verlierer darstellt. Doch dahinter wird auch der von Gottes lebensrettender Energie auferweckte Retter sichtbar – mit all der Hoffnung, die Paulus und andere ihm als gefolterten und dann von Gott auferweckten Herrn zugeschrieben haben. Deshalb schließen sich nun noch einmal bekenntnisartige Worte in Vers 5 an:

„Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Paulus macht mit diesen Worten die große Kraft des Heiligen Geistes deutlich. Durch ihn ist die Liebe Gottes in die Herzen der Christusgläubigen gegeben. Durch ihn sind sie ganz und gar von der Liebe Gottes beseelt.

Und auch das ist ein Gegenentwurf zur Reichsideologie Roms. Denn ganz konkret wird dem römischen Kaiser abgesprochen, der Herr über die Seelen und den Geist von Christenmenschen zu sein. Dieser Herr ist allein Gott.

Liebe Gemeinde,
dies ist das letzte Bild bei unserem Spaziergang durch die Galerie des christlichen Glaubens von Paulus.

Aber lassen Sie uns noch für einen Moment den aufmerksamen Blick behalten, den wir auf unserem Spaziergang hatten. Mit diesem Blick sehen wir: Auch in unserer Zeit gibt es weltweit zunehmend Herrscher, die sich autokratisch und diktatorisch verhalten. Sie halten ihre Völker mit Gewalt nieder oder suchen durch Kriege von inneren Schwierigkeiten abzulenken. Und es gibt nach wie vor in einer Reihe von Staaten Christenverfolgungen. In dieser Situation tut es Glaubenden – aber auch Zweifelnden – gut, sich auf den Gott Israels zu besinnen. Dieser hat schon sein kleines Volk in der Wüstenwanderung von Ägypten ins gelobte Land in vielerlei Bedrängnissen bewahrt. Er tat dies bei Jesus Christus, an dem er nach dessen Weg ans Kreuz erwiesen hat, was Gnade und unverdiente Gerechtigkeit für alle Menschen heißt.

Schließlich gilt nicht nur Paulus, sondern allen verfolgten Menschen christlichen Glaubens die Verheißung, dass sie in der Liebe Gottes geborgen bleiben. Und es gilt auch, dass der Heilige Geist sie – trotz Verfolgung, Unterdrückung und Zweifeln – im Glauben an den einen Gott und seinen Heiland Jesus Christus erhalten wird.

Ich bitte Sie nun darum, dass wir den Text alle zusammen von dem verteilten Blatt ablesen Damit reihen wir uns ein in die Schar derer, denen diese Worte zu Hoffnungsworten und Gedenk-Zeichen geworden sind. Denn dessen zu gedenken, was Jesus Paulus und uns allen auch in schwieriger Zeit bedeuten kann, heißt - trotz düsterer Aussichten - zuversichtlich und hoffnungsfroh zu leben und unsere Welt im Kleinen mitzugestalten.

AMEN

Verfasser: Pfarrer Andreas Heidrich, Zum Quellenpark 28, 65812 Bad Soden


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