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Gott kommt und schafft Freude

von Martin Klumpp (Stuttgart)

Predigtdatum : 22.12.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Advent
Textstelle : Jesaja 52,7-10
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Wochenspruch:
"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe." (Philipper 4, 4.5 b)

Psalm: 102, 17 - 23

Lesungen
Altes Testament: Jesaja 52, 7 - 10

Epistel: Philipper 4, 4 - 7

Evangelium: Lukas 1, (39 - 45) 46 - 55 (56)

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 6, 1 - 3 Ihr lieben Christen freut euch nun
Wochenlied: EG 9, 1 - 5 Nun jauchzet, all ihr Frommen
Predigtlied: EG 123, 1 - 4 Jesus Christus herrscht als König
Schlusslied: EG 13, 1 - 3 Tochter Zion, freue dich

Hinführung
Das Lied Jesaia 52, 7 - 10 stammt aus einer Sammlung von Texten eines Propheten, dessen Namen wir nicht kennen. Er wird „Deuterojesaia“ (der zweite Jesaia) genannt und lebte in der babylonischen Gefangenschaft (587 – 538 v. Chr.). Vermutlich gehörte er zu den ersten, die aus Babylon in das zerstörte Jerusalem zurückkehren konnten. Statt großer Freude kamen Resignation und Verzagtheit auf. Er will Mut zum Vertrauen und Hoffen verbreiten.

Drei Faktoren begegnen sich.
- Das Trostlied des Propheten an die Rückkehrer aus Baby-lon,
- die Situation direkt vor Weihnachten
- und die Frage, ob und wie auch wir Befreiung aus Gefan-genschaft erfahren.

Der Prophet redet durchgehend von einem göttlichen Ge-schehen inmitten irdischer Geschichte. Er redet nicht nur abstrakt von Freude, sondern findet eine dichterische Sprachform, in der das Erlebnis von Freude sinnlich wahr-nehmbar wird.

Die Predigt versucht zu beschreiben, was Gott als König an uns tut, wie er auch uns befreit aus Lähmung und Gefan-genschaft. Wir sind gefangen in hehren Idealen, die wir mit eigener Kraft doch nicht erfüllen. Diese heimliche Enttäu-schung führt zur Verdrängung unserer Wirklichkeit. Sie lähmt und raubt die Hoffnung.

Gliederung
Daraus ergibt sich folgender Aufbau:
I. Gott kommt als König und wirkt im Diesseits dieser Er-de.
II. Die Gefangenschaft als Krise des Bundes zwischen Gott und Israel
III. Wie ist Gott König? Was bringt der Freudenbote?
IV. Was ist unsere Gefangenschaft, aus der uns Gott be-freit?
V. Nur wer das Dunkel sieht, bekommt auch Kraft im Dun-kel.


Predigt

Liebe Gemeinde,

(I. Gott kommt als König und wirkt im Diesseits dieser Er-de.)

Denken wir uns einmal ganz spielerisch ein Szenario aus. Die bekannte Zeitung mit den großen Lettern auf der Titelseite druckt als dicke Überschrift:
„Großereignis – Gott kommt als König“.

In kleinem Fettdruck wird dann mitgeteilt, der Amtsantritt stünde unmittelbar bevor. Plakate, Fahnen, Internetauftritt, alles sei schon vorbereitet. Als Programm sei vorgesehen: Friede für alle Menschen, Angstfreiheit und Wohlergehen auch für kleine Leute, Heil als positive Perspektive für die Zukunft.

Stürmische Debatte in Presse, Funk und Fernsehen. Die einen meinen: Angriff auf die Demokratie! Wir wollen keinen Gottesstaat, in dem eine klerikale Clique bestimmt, was für uns alle gelten soll. Gegenmeinung: Endlich ein Ende des dauernden Geschachers, in dem es nur drum geht, wer mit welchen Mitteln die eigene Gier nach Vorteil wie befriedigt.

Der Prophet, dessen Lied wir heute betrachten, stellt zwei Dinge klar.
Zum Einen: Advent meint, dass Gott nicht nur im Himmel sitzt und ganz von oben auf uns schaut. Gott kommt. Er ist und wirkt in unserer Welt. Darum geht es an allen Festen: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten.

Zum Zweiten: Weil wir kein fundamentalistisches, klerikales Zwangsregiment wollen, aber auch nicht diesen unendlichen Kampf, wer wann wie viel für sich erstreitet, deshalb geht es um die Frage: Wie ist Gott König? Wenn er und er allein der König ist, heißt das zugleich, dass nicht eine Clique von Klerikalen, aber auch keine andere Interessengruppe König sein kann. Sein Königtum stellt jede Politik infrage, die sich erschöpft im Streit um Einfluss, Macht und Vorteil.


(II. Die Gefangenschaft als Krise des Bundes zwischen Gott und Israel)

Blicken wir zurück in die Zeit als der Prophet diese Worte sprach. Die babylonische Gefangenschaft war für Israel der Supergau. Kann ein Volk, mit dem Gott einen Bund ge-schlossen hat, einfach untergehen? Es schien so. Die Könige in Israel hatten sich mit Babylon, der Großmacht angelegt, wollten selber Großmacht werden. Die Großmacht hat dann Israel erobert, Jerusalem zerstört. Der Tempel war ver-waist: kein Gottesdienst, kein Psalm und auch kein Opfer-kult. Die ganze Oberschicht war umgesiedelt in Arbeitslager fremder Herrscher. Und was das Schlimmste war: Der Glau-be und die Hoffnung schienen eingeschlafen. Man resignier-te, gewöhnte sich ans Unglück. „Wenn Gott sein Volk nicht schützen kann, dann gibt es ihn vielleicht auch nicht“.
Wer so Großmacht denkt, der lebt dann ohne Gott, allein auf sich gestellt.


(III. Wie ist Gott König? Was bringt der Freudenbote?)

Wie ist Gott König?
Wir sagten es schon: Wenn er König ist, dann ist kein ande-rer König, herrscht also niemand absolut.

Das führt in Richtung Demokratie. Alle sind von Gott her würdig, dass sie und ihre Meinung wichtig sind.

Vier Gesichtspunkte werden ausdrücklich genannt.

Zum Ersten: Die Freudenboten verkündigen Frieden.
Niemand kann die Sache Gottes mit Gewalt vertreten. Das ist nicht gottgemäß. Niemand soll den Streit um Einfluss oder Macht mit Gewalt entscheiden wollen, denn das bringt keinen Frieden. In der Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche entdecken wir viel Gewalt in Gottes Namen und im Namen einer einseitigen Gerechtigkeit.
Friede ist nur deshalb möglich, weil Gott alle Menschen mit seiner Liebe meint und sucht.
Letztlich gibt es keine absolute Herrschaft von Menschen über Menschen.

Zum Zweiten: Gutes predigen.
Gemeint sein könnte, dass jeder Mensch mit dem, was ihn betrifft, auch mit dem, was er falsch gemacht hat, was nicht gelungen ist, ernst- und angenommen wird.

Manchmal geraten wir durch schuldhaftes Handeln in Not, manchmal aber auch ganz ohne erkennbare Schuld. Unab-hängig davon sucht uns Gott und will uns helfen. Die Pro-pheten wussten von der Schuld Israels an seiner Niederlage und Gefangenschaft. Sie sprachen auch darüber. Aber sie legten das Volk nicht für immer darauf fest, sondern lobten Gott, dass er die Gefangenschaft beendet und die Freiheit wieder schenkt.
In der Antike galt es als selbstverständlich, dass, wenn ein Volk besiegt wird, dann sein Gott zugleich besiegt ist. Genau dieses Prinzip bricht der Gott Israels auf. Er ist auch Gott für jene, die in Schuld und Schwachheit leiden. Das ist wahrlich eine gute Predigt und ganz ungewöhnlich!

Zum Dritten: Was ist gemeint, wenn die Freudenboten „Heil verkündigen“?
Heil meint Heilung durch eine Kraft, die niemand aus sich selber hat.
Dass wir an Gott glauben, dass die Erkenntnis des Glaubens unser Leben prägen kann,
dass wir zum Frieden fähig werden, das ist Heil.
Dass Gott einen Weg zeigt, wo wir keinen wissen,
dass ein Gedanke aufkommt, wo wir ratlos sind,
dass Trost in Trauer wächst,
dass aus zerbrochenem Leben ein neues Leben wächst und Kraft in Schwachheit da ist,
dass Gott an unserem Ende ein neues Leben schenkt,
das alles ist auch Heil.
In diesem Sinne ist auch die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft wie eine Auferstehung, wie eine Befreiung aus Gericht und Tod.

Zum Vierten: Am Ende unseres Textes führt der Prophet eine internationale Dimension ein.
Die anderen Völker werden auch erkennen, wie Gott aus Lähmung, Schuld und Katastrophe rettet.
Es ist aber niemals unser Verdienst, wenn er das tut. Wir stehen niemals über anderen Völkern. Was mit Heil gemeint ist, ist immer Heil für alle Menschen. Die Freude soll in allen Völkern wachsen. Das schließt Feindschaft unter Völkern aus.


(IV. Was ist unsere Gefangenschaft, aus der uns Gott be-freit?)

Liebe Gemeinde,

wechseln wir wieder in unsere Aktualität und fragen: was ist unsere Gefangenschaft, aus der Gott uns befreit?
Aus dem, was hier von Israel und seiner Katastrophe be-richtet wird, können wir erkennen:
Gefangenschaft entsteht, wenn man den Streit um religiösen Einfluss oder den Streit um Vorteil, Überlegenheit und Macht zum alleinigen Prinzip des Lebens wählt. Der eigene Kampfgeist tritt an die Stelle Gottes. Heil ist dann nur das, was wir selber machen. Gott ist im Grunde abgeschafft. Er kann uns nicht mehr korrigieren und uns nicht mehr helfen.

Wie sieht unsere heutige Gefangenschaft aus, aus der uns Gott befreien soll?

Unsere Zeit ist voll guten Willens und hehrer Ideale, auch frommer Ideale.
Dass alle Würde haben sollen, dass Gott den Frieden will, dass niemand hungern muss, dass jedes Kind ein Recht auf optimale Förderung und Bildung hat, dass man allen hilft, die schwach sind oder gescheitert. Das Ideal der treuen Ehe und der heilen Familie, die Kindern gut tut, wird in Kirche und in Politik gepriesen.

Weihnachten ist fast zum Fest geworden, an dem wir unsere heile Wunschwelt feiern.

Und weil wir alle diese wunderbaren Ideale mit unserer Kraft und Leistung selbst, erfolgreich, ohne Gott erfüllen wollen, schauen wir geflissentlich weg, um nicht zu sehen, wie es wirklich aussieht.
Die selbst gemachte heile Welt hat eine dunkle Seite, die niemand sehen will.
Und so entwickelt sich eine heimliche Resignation,
die wie ein Gefängnis wirkt, in dem man überzeugt ist, dass sich „ja doch nichts ändert“, eine Nüchternheit, die keine Hoffnung kennt, ein Realismus, der nicht hinausdenkt über das, was ist, eine Frömmigkeit, die sich zurückzieht und nicht glaubt, dass Gott der König ist, eine Festkultur, die nur den eigenen Wohlstand feiert und nicht wahrnimmt, wie viele Menschen an diesem Abend weinen, weil sie arm und einsam sind.

(V. Nur wer das Dunkel sieht, bekommt auch Kraft im Dun-kel.)

Wenn wir so das Gefängnis erkennen, in dem wir in uns selbst gefangen sind, dann entdecken wir, wie sehr wir brauchen, was der Friedensbote ansagt.

Wir brauchen Gott als König, nicht dass wir höher oder stär-ker werden, sondern dass wir Mut bekommen zu sehen, wie es wirklich ist, auch das Dunkle.

Wir brauchen Gott als König, dass auch die Hoffnung wächst auf das, was nur mit Gottes Hilfe werden kann. Der Papst hat die Bootsflüchtlinge auf der Insel Lampedusa besucht. Nicht weil er eine Lösung hat für ihr Problem. Er konnte aber zeigen, dass Europa, das seine Ideale von Menschlichkeit gerne vor sich herträgt, ein Problem hat.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat zu sagen gewagt, wie es in unseren Familien wirklich aussieht, wie viel Formen von Zusammenleben es da gibt, wie schwer es viele haben. Nicht weil sie alles bessern könnte, sondern, dass wir vor Gott bedenken, wie es ist und wie es werden kann.

Nicht unser Reden vom Frieden schafft Frieden.
Sondern wenn Gott uns durch seine Kraft gewiss macht, dass auch der andere, der anders oder fremd ist, von ihm geliebt wird, das schafft Friede.
Nicht allein der gute Vorsatz verändert unser Leben, sondern die Gewissheit, dass wir vor Gott eigene Schuld sagen und zeigen können. Die Erfahrung der Vergebung schafft Umkehr und Veränderung.

Nicht der Idealismus, dass wir eine schöne, neue Welt er-bauen, schafft die schöne Welt. Sondern dass Gott Kraft gibt, die Dunkelheit zu sehen, da zu bleiben in der Schwachheit, auszuhalten und zu hoffen, wo ich keine Lö-sung weiß. Das ist der Ort, wo Kraft aufkommt, wo Geduld entsteht, wo Ideen wachsen und Wege sichtbar werden, die wir nicht selber finden.

In diesem Sinne freuen wir uns mit den Freudenboten, die uns sagen: Dein Gott ist König. Amen!


Fürbittengebet

Du unser Gott, du lieber Vater,
Dir sagen wir jetzt unsere Bitten.
- Gib du uns und vielen Menschen heute möglichst viel Ru-he, dass wir bedenken, was dein Kommen bringt.
- Dich bitten wir besonders für alle, die gefangen sind, die an Schuld leiden, die keine Heimat und keine Familie ha-ben, die nicht wissen, wie es weitergeht.
- Sei nahe allen, die an Unrecht, Krieg und Willkür leiden. Gib ihnen die Gewissheit, dass du sie siehst und suchst.
- Dich bitten wir für jene, die sich vor Weihnachten fürch-ten, weil sie zum ersten Mal allein sind, die sich verlassen fühlen, die trauern oder krank sind.
- Dich bitten wir für Geschäftsleute, die ertrinken in der Fülle ihrer Pflichten, die erschöpft sind und keine Ruhe finden.
- Dich bitten wir für Kinder und Familien. Stütze jene, die im Streit leben, die verbittert sind, die von sich und an-deren enttäuscht sind.
Du, unser Gott! Du kommst zu uns.
Du darfst alles sehen, wie es ist, auch alles Dunkle.
Gib uns und allen Menschen Kraft, Geduld und Hoffnung, dass wir aushalten, was uns hilflos macht,
dass wir bleiben, auch wenn wir keine Hilfe wissen,
dass wir suchen nach der Kraft, die du in Schwachheit wachsen lässt.
Erfülle uns in diesen Tagen vor dem Fest mit Freude auf dein Kommen.


Verfasser: Prälat i. R. Martin Klumpp
Lohengrinstraße 15, Stuttgart

Herausgegeben vom

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