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Gott lässt mich nicht

von Ulrich Bergner (61352 Bad Homburg)

Predigtdatum : 01.03.2015
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Invokavit
Textstelle : Markus 12,1-12
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Wochenspruch:
"Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Süder waren." (Römer 5, 8)

Psalm: 10, 4.11 - 14. 17 - 18

Lesungen
Altes Testament: Jesaja 5, 1 - 7
Epistel: Römer 5, 1 - 5 (6 - 11)
Evangelium: Markus 12, 1 - 12

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 98 Korn, das in die Erde
Wochenlied: EG 366 Wenn wir in höchsten Nöten
Predigtlied: EG 96 Du schöner Lebensbaum
Schlusslied: EG 170 Komm, Herr, segne uns


Liebe Gemeinde,
es gibt Geschichten, die gibt es gar nicht. Geschichten so voller Bosheit, Dreistigkeit, Dummheit, dass man es nicht für möglich halten sollte. Mit so einer Geschichte haben wir es hier zu tun. Unverschämte Gier und schamloser Rechtsbruch sind der Motor dieser mörderischen Geschichte und dazu noch bodenlose Dummheit. Nüchtern und mit einem Funken Verstand betrachtet, fragt man sich unwillkürlich, das gibt es doch gar nicht. Kann es denn sein, dass Menschen sich wirklich in ihrer Gier auf diese Weise ihr eigenes Grab schaufeln? Kann man wirklich glauben, mit so etwas durchzukommen. Man kann liebe Gemeinde, man kann und man tut es. Im Großen, in der Politik, zurzeit in [Beispiel einfügen], und im Kleinen. Und so bleibt nach dieser Geschichte ein schaler Geschmack zurück und vielleicht bei dem einen oder anderen Empörung. Jedenfalls war das so bei denen, die Jesus damals im Tempel zugehört hatten.

Es waren nicht irgendwelche Leute, sondern unter ihnen war sozusagen die Leistungselite der damaligen Zeit, Schriftgelehrte, Pharisäer, die Verantwortungsträger, die Entscheider in Sachen Moral und Wertvorstellungen. Diese Leute hören diese Geschichte und sie sind empört. Markus, der Evangelist stellt fest: Sie verstanden, dass sie mit diesen empörenden Gleichnis gemeint sind. Kein Wunder, dass bei ihnen der Plan reift, diesen Provokateur aus dem Verkehr zu ziehen. Wir wissen auch, wie die Geschichte ausgegangen ist.

Liebe Gemeinde, wir können dieses Gleichnis sozusagen historisch, distanziert betrachten. Dann könnten wir sagen, Gott sei Dank es betrifft uns nicht. Es gab in der Kirche Zeiten, da hat man das genauso gelesen, als eine historische Erinnerung: Der Weinberg, Gottes Erbe, alles, was er an Gutem zur Verfügung stellt, sein Heil, das er den Menschen geben will, das ist vom Judentum verspielt worden und auf die Christen übergegangen. Und die wissen damit sorgfältig umzugehen. Die anderen haben es nur ausgebeutet. Bei dieser Betrachtung bliebe freilich völlig außer Acht, dass dieses Gleichnis von dem Juden Jesus erzählt und von dem Juden Markus niedergeschrieben wurde. Und es bliebe außer Acht, dass dieses Gleichnis Teil des Evangeliums ist, und Evangelium heißt frohe Botschaft, die nach dem Willen Jesu allen Menschen gleichermaßen gilt.

Deshalb wollen wir versuchen die frohe Botschaft inmitten dieser empörenden Geschichte aus Gier und Dummheit und Mord zu entdecken.

Gehen wir nochmal an den Anfang: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm. So beginnt Jesus sein Gleichnis.

Den bibelkundigen Hörern im Tempel waren diese Worte sehr vertraut, und wir haben sie eben in der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört. Genauso wie Jesus sein Gleichnis beginnt das Weinberglied des Propheten. Jesus beginnt also mit vertrauten Worten. Er knüpft an das alte Lied, als wollte er sagen, ihr erinnert euch doch: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg...

Aber dann nimmt die Geschichte plötzlich einen anderen Verlauf. Der Besitzer hat das Land verlassen; dergleichen kam im alten Israel vor, das kannte man. Die Grundbesitzer überließen ihre Güter Pächtern und gingen in den Handelszentren von Syrien und Ägypten ihren Geschäften nach. Bis hierher haben die Leute im Tempel vielleicht ruhig zugehört, aber dann ereignen sich merkwürdige Dinge. Alles beginnt noch vergleichsweise harmlos. Der erste Knecht, der die Pacht einfordert, wird verprügelt und mit leeren Händen fortgeschickt. Der nächste schon wird auf den Kopf geschlagen und verhöhnt; der Anspruch des Besitzers wird ins lächerliche gezogen.

Langsam aber unerbittlich steigert sich die Gewalt bis sie sich beim dritten Knecht des Eigentümers blutig entlädt. Es kommt zum Mord. - Man möchte meinen: Jetzt reicht's! Das Maß ist voll! Kein Gutsbesitzer kann sich das gefallen lassen. Aber was wir erwarten, geschieht nicht. Niemand fällt den gewalttätigen Pächtern in den Arm, die Gewaltspirale dreht sich ungehindert weiter. Immer wieder versucht es der Besitzer des Weinbergs von neuem. Immer wieder schickt er Knechte, viele Knechte, es gibt Tote und es gibt Verletzte. Aber wie eine Lawine rast die Gewalt, jedes Maß fehlt den Pächtern in ihrer Anmaßung, in ihrer Gier, die wie eine Sucht keine Grenzen kennt.

Wenn Jesus Gleichnisse erzählt, liebe Gemeinde, dann erzählt er von Gott, von Gott und von uns. Und spätestens jetzt fragt man sich: Wenn das so ist, wo bleibt der Weinbergsbesitzer? Wo bleibt Gott? Außer Landes, ist die Antwort. Außer Landes, weit weg, nicht da, wo er gebraucht wird. Er lässt sich vertreten und das dann auch noch völlig erfolglos.

Ist das die bittere Botschaft: So ist es eben, wenn man Gott braucht, ist er nicht da? - Er lässt den Dingen ihren Lauf, Gewalt, Gier und Bosheit feiern zynisch ihre Triumphe und Gott tut nichts dagegen? So geht es zu in unserer Welt, möchte man meinen, an manchen Orten mehr, an manchen weniger. Alle Kulturpessimisten haben es doch schon immer gewusst. Es ist wie im richtigen Leben, wirklich wie im richtigen Leben.

Nicht ganz. Denn bei Licht betrachtet, hätte tatsächlich kein Gutsbesitzer sich das gefallen lassen. Spätestens nach dem ersten Mord wäre Schluss gewesen. Diese Großgrundbesitzer hatten auch so ihre Möglichkeiten. Diese Geschichte ist ganz unmöglich. Kein Mensch hat so viel Geduld. Kein Mensch gewährt ein ums andere Mal die Chance zur Besinnung, zur Heilung eines Schadens, der doch längst unermesslich ist. Kein Mensch bringt so viel Langmut auf, keiner gewährt so viel Zeit. Kein Eigentümer, kein Privatmann, kein Politiker, kein Mensch - aber Gott.

Und langsam beginnen wir zu verstehen. Mit dem Menschen, der liebevoll und sorgfältig den Weinberg angelegt hat, der alles gut und wohl geordnet hat, damit nun die Früchte reifen können, - mit diesem Menschen verhält es sich wie mit Gott und mit uns. In dieser unmöglichen, in dieser schier unglaublich empörenden Geschichte spiegelt sich Gottes Geschichte mit uns.

Aber Moment, sagen wir, ist Jesus da nicht ein ganz klein wenig zu weit gegangen - keiner von uns ist doch ein Gewalttäter, keiner von uns ein Mörder. Natürlich nicht. Gleichnisse sind auch keine Vergleiche, sie erzählen eine Geschichte, eine Geschichte, in der uns ein anderer Blick auf uns selber gewährt wird. In diesem Gleichnis können wir uns selber entdecken. Und sei es, dass wir uns empört entdecken. Jesus hält uns den Spiegel vor. Wir sind Menschen, die sich etwas nehmen, was ihnen nicht zusteht. Und wir schauen auf ein zutiefst gestörtes Vertrauensverhältnis.

Fragen wir uns doch selbst: Hat Gott nicht alles für uns getan, hat er den Weinberg des Lebens nicht blendend und bestens ausgestattet? Was haben wir damit angefangen? Mit dem Leben, das er uns anvertraut, mit der Geduld, mit der er uns täglich begegnet, obwohl ihm sicher vieles an unserem Leben nicht gefällt. Was haben wir gemacht mit der Güte, mit der er uns reichlich und täglich versorgt? Sind wir ihm den Dank schuldig geblieben oder sagen wir wirklich jeden Morgen: Danke lieber Gott, dass du für mich da bist. Oder beschweren wir uns ständig darüber, dass wir zu kurz gekommen sind und eigentlich viel mehr verdient hätten - anderen geht es ja auch besser... Unser Gleichnis geht dem traurigen Höhepunkt entgegen. Jetzt erzählt Jesus von sich selbst. Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn, den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich, sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Aber die Weingärtner sehen die vermeintliche Chance ihres Lebens: Lasst ihn uns töten, so wird der Weinberg unser sein. Das ist die ultimative Logik des Verbrechens, wenn der Erbe tot ist, wird das Gut neu aufgeteilt; damals galt diese Regel. Die Gier scheint am Ziel. Wenn erst mal das letzte Tabu gefallen ist, dann bin ich mein eigener Herr, grenzenlos ich selbst. Dann kann man es harmlos aber dämlich so ausdrücken: unterm Strich zähl' ich.

Wie kommt eigentlich Gott darauf, Ansprüche an mich zu stellen? Die Zehn Gebote zum Beispiel. Oder das Gebot der Liebe, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Verlangt nicht das Leben härtere Bandagen? Durchsetzungsfähigkeit ist doch da gefragt. Die Alphatiere machen das Spiel und nicht die, die liebevoll zurückstehen. Ja, wenn man alle diese Grenzen, die Gott zieht, zum Verstummen bringt, dann wird der Mensch ganz und gar autonom. Aber dann fallen auch die Grenzen zwischen den Menschen weg, die sie schützen. Zwar gibt der Erfolg immer recht - aber um welchen Preis. Die Rebellion ist am Ziel. Und diese Rebellion gegen Gottes Gebot und seine Güte ereignet sich ständig. Sie ereignet sich fortwährend, sie ereignet sich täglich.

Der Erbe ist tot, Christus gekreuzigt, Gottes lebendiges Wort, sein Anspruch auf unser Leben, ist zum Verstummen gebracht. Eigentlich ist es das Ende. Aber Jesus ist mit seinem Gleichnis noch nicht am Ende. Er endet mit einem Zitat, mit einem Psalmwort. Wir beten es an jedem Osterfest: Der Stein den die Bauleute verworfen haben ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsren Augen.

Vielleicht haben damals einige bei diesem verblüffenden Schlusswort hinauf geschaut zu dem kunstvoll behauenen Eckstein, der im Tempelportal alles zusammenhielt. Vielleicht haben sie verstanden - oder auch nicht. Die Fachleute, die Experten konnten mit diesem Eckstein nichts anfangen. Sie haben ihn verworfen. Ihr Urteil stand fest: auf den Müllhaufen der Geschichte.

Wir sind mitten in der Passionszeit. Wir bedenken den Weg Jesus ans Kreuz. Einmal mehr, so scheint es, ist ein guter Mensch gescheitert mit seinen Ansprüchen.
Aber, liebe Gemeinde, über Jesus Lebensweg würden wir heute kein Wort mehr verlieren, wenn es das gewesen wäre. In den Tod Jesu hat sich Gott eingemischt. Er hat Jesu Tod nicht auf sich beruhen lassen. Mit dem hingerichteten Jesus von Nazareth hat Gott sich identifiziert. Mit ihm hat er sich vorbehaltlos einverstanden geklärt. Zu ihm hat er Ja gesagt, als er ihn auferweckt hat von den Toten, um sein ewiges göttliches Leben mit zu teilen. Das ist das verwunderliche Ende der Rebellion gegen Gottes Güte. Da fängt das Wunder der Güte Gottes an.

Und darum ist das Wort Christi bis heute nicht verstummt. Und alle, die wir getauft sind auf seinen Namen, dürfen darauf vertrauen, dass schamloser Rechtsbruch so wenig wie unverschämte Bosheit das letzte Wort behalten. Nein, sie haben ganz und gar keine Zukunft. Umso mehr hat Gott seine Freude daran, wenn wir den Mut haben, dankbare Menschen zu sein oder zu werden. Menschen, denen jeden Tag neu Gottes Güte begegnet, die jeden Morgen neu ihr Leben dankbar aus der Hand des gnädigen Gottes empfangen.
Amen


Verfasser: Pfarrer Ulrich Bergner
Kirchgasse 3 a, 61352 Bad Homburg



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