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Gott lässt mich nicht

von Helmut Spindler (69488 Birkenau)

Predigtdatum : 08.03.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Reminiszere
Textstelle : Markus 12,1-12
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Wochenspruch:

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Römer 5, 8)

Psalm: 10, 4.11 – 14.17 – 18
oder Psalm 34 (EG 718)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 5, 1 – 7
Epistel:
Römer 5, 1 – 5 (6 – 11)
Evangelium:
Markus 12, 1 – 12

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 545
Wir gehen hinauf nach Jerusalem
Wochenlied:
EG 366
Wenn wir in höchsten Nöten sein
Predigtlied:
EG 98
Korn, das in die Erde
Schlusslied:
EG 66, 6 + 9
Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden

Vorüberlegungen:
Das Gleichnis Mk 12,1-12 lässt sich allegorisch deuten. Man kann einen Bezug zum jüdisch-christlichen Denken herstellen und das Gleichnis aus dem Verhältnis der beiden Religionen zueinander interpretieren. Die Predigt darf aber nicht bei einem theologischen Vortrag stehen bleiben.
Ich versuche eine Akzentuierung des persönlichen Bezuges mit einer Frage nach dem „Herrn meines Lebens“, ausgehend von der Erinnerung an den Herrn des Weinberges, herzustellen. Die Frage nach der Bedeutung des 1. Gebotes legt sich an dieser Stelle nahe.
Die Problematik einer Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung wird kritisch hinterfragt und in ein christliches Wertesystem eingebunden.

Literatur:
Eugen Drewermann, Das Markus Evangelium, Zweiter Teil, Bilder von Erlösung, Olten und Freiburg 1988, zur Stelle S. 233-246. Walter Schmithals, Das Evangelium nach Markus, ÖTK 2/2, S.511-523.

Liebe Gemeinde,
im Markus-Evangelium gibt es Worte, die so traurig sind, dass man sie gar nicht erwähnen möchte, und die dennoch so wahr sind, dass man unbedingt darüber reden muss. Dazu gehört auch dieses Gleichnis, das uns heute Morgen zum Wort Gottes werden soll:

1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. 3 Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5 Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 6 Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.
9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. 10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, daß er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.

Jesus erzählt hiermit eine Geschichte, in der Gott nicht weltenfern hinter den Wolken thront, sondern er erzählt eine Geschichte aus dem Alltag der Menschen; damit zeigt er, wie Gott sich mit unserem Leben verbindet und wie sich dadurch die Verhältnisse ändern können.
Jesus vergleicht hier Gott mit einem Menschen, der einen Weinberg anlegt. Voller Eifer errichtet er alles, was ein Weinberg braucht. Er verpachtet ihn an Winzer und hofft auf Erträge zur rechten Zeit. Doch was dann folgt, ist eine Geschichte voller Gewalt: Schläge, Misshandlungen, Verletzungen und Mord. Brutalität, die schließlich in der Ermordung des Erben und der Schändung seiner Leiche eskalierten. Kalte Berechnung treibt die Pächter des Weinberges, um Anvertrautes, Geliehenes zum Eigentum zu machen, um selbst Besitzer des Weinberges zu werden. So beginnt die Geschichte, und wir können mit Recht empört darüber sein.
Begonnen hatte es noch vergleichsweise harmlos. Die Ältesten des Rates und die Gesetzeslehrer, also die religiösen Führer der damaligen Zeit, hatten sich mit Jesus getroffen, um mit ihm zu debattieren. Auf Diskussionen und Streitgespräche verstanden sie sich. Vielleicht dachten sie, mit geschickten Fragen und Fangfragen die Autorität Jesu untergraben zu können. Aber es kommt anders. Jesus lässt sich nicht auf ein theoretisches, distanziertes Gespräch ein. Er redet vielmehr auf seine gewohnte Weise, in Vergleichen, mit Bildern aus seinem Alltag.
Und die Hörer verstehen sofort, was er mit der Erzählung von den bösen Weingärtnern sagen will. Der Eigentümer, der den Weinberg gepflanzt hat, ist Gott. Mit den Pächtern sind sie gemeint. Die Jahre vergehen – es dauert, bis ein neu angelegter Weinberg Früchte trägt – und mit den Jahren verblasst die Erinnerung an den Besitzer, der dazu noch im Ausland lebt.
Doch dann, als sich die harte Arbeit endlich in Erträgen auszahlt, da meldet er sich wieder und verlangt seinen Anteil. Doch die Pächter weigern sich. Sie wollen nun selbst die Besitzer sein. Sie steigern sich so sehr in diese Vorstellung hinein, dass sie die Abgesandten des Eigentümers misshandeln, sogar töten.
Natürlich wissen die Zuhörer, dass Jesus hier von den Propheten der Vergangenheit redet, von Gottes Boten, die er in unermüdlicher Geduld ausgesandt hatte, das Volk Israel von seinen Irrwegen zurückzuführen. Auch sie waren verhöhnt, bedroht, geschlagen worden.
Doch dann wechselt Jesus in die Gegenwart. Der Sohn, den der Besitzer als Letzten schickt, das ist er selbst. Und er spricht offen aus, was in den Köpfen seiner Widersacher als Plan reift: auch den, sogar den werden sie töten. Sie werden es tun in der grotesken Annahme, der Weinberg wäre ihrer, wenn sie den Erben töteten.
“Was wird nun der Herr des Weinbergs tun?”, fragt Jesus. Und er zögert nicht mit der Antwort: “Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.” Damit wird angedeutet: Gottes Geduld ist groß, aber nicht unendlich. So hart das Wort klingt, es steckt auch Hoffnung darin. Es heißt nicht: “Er wird kommen, die Weingärtner umbringen und den Weinberg verdorren lassen“, – sondern: “Er wird den Weinberg anderen geben.”
Eine neue Chance. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Jesus sagt: Ich bin dieser Eckstein. Ihr Schriftgelehrten, Hohenpriester und Älteste, ihr könnt mich wegwerfend behandeln und totzukriegen suchen, doch ich werde anderen zum Fundament, zum Grundstein ihres Lebens werden.
Aber auch das Psalmwort, das Jesus hier am Schluss zitiert, ändert nichts mehr an der Haltung seiner Gegner. „Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.”
Für sie folgt nichts aus dem Gleichnis. Sie fühlen sich viel- mehr in ihrem Hass und in ihrer Angst vor Jesus bestätigt. Und so nimmt die Passionsgeschichte ihren Lauf.
Liebe Gemeinde, dieses Gleichnis von den bösen Weingärtnern ist aber nicht nur ein bildhafter Hinweis auf das Leiden Jesu. Das Gleichnis geht auch uns heute an. Es erzählt von Gott, von uns und von Gottes Herrschaft, die diese Welt verändern will. Jesus wollte den Menschen nahe sein – und das war er auch für viele, wenn auch manchmal nur für Augenblicke. In Jesus Christus hat Gott alles riskiert, was er hatte, damit die Botschaft seiner Liebe und Nähe untern den Menschen Wirklichkeit wird, damit seine unbegreiflich Güte Menschen ansteckt und zurechtbringt.
Die Erinnerung an den eigentlichen Herrn des Weinbergs ist auch eine mahnende Frage an uns:
Wer ist denn eigentlich Herr meines Lebens?
Wer bestimmt über in Wahrheit über dein Leben?
Ich bin ja oft schon genug mit dem Inhalt meines Lebens beschäftigt. Beruf, Familie, Auskommen – das fordert Zeit, Gedanken, Kraft. Schließlich möchten wir ja, dass unser Leben auch sichtbaren Erfolg hat. Und wir wissen, dass dieser Erfolg nicht leicht ist und dass wir in Konkurrenz mit anderen Menschen stehen.
Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Fleiß, Tatkraft, gute Ideen sind positive Kräfte, die unser Leben fördern und es zur Entfaltung bringen. Die Frage ist aber, ob ich meine, damit selbst Eigentümer und Herr meines Lebens zu sein – oder, anders gefragt, wie ich es mit dem ersten Gebot halte: “Ich bin der Herr, dein Gott.“
Das Gleichnis Jesu macht deutlich: Es kommt in meinem Leben entscheidend darauf an, dass ich Gott den Ertrag meines Lebens nicht schuldig bleibe. Dass die weit verbreitete Grundeinstellung “Ich will mein eigener Herr sein und bleiben” ein Leben voller Neid und Spannungen schafft und die Wurzel darstellt, aus der Egoismus und Ellenbogen-Mentalität sprießen.
Dies ist ja eine Haltung, die uns auf Schritt und Tritt begegnet. Und selbst die jüngsten unter uns, die Konfirmanden, wissen darum: auch in der Schule muss ich ab und zu meine Ellbogen einsetzen, um es den anderen zu zeigen, wer ich bin oder ich muss mich beim Lehrer so einschleimen, dass ich doch die bessere Note bekommen, die ich eigentlich gar nicht verdient habe.
Es ist doch traurige Wirklichkeit, dass wir in unserer persönlichen Umgebung, im Machtspiel der Interessengruppen in der Gesellschaft und ebenso in der Politik der Völker untereinander beinahe selbstverständlich davon ausgehen, dass wir Menschen die Herren seien.
“Ich bin der Herr, dein Gott.” Ich frage mich: Gilt das für mein Leben? Oder finde ich es lästig oder gar zum Ärgern, wenn ich daran denken soll, dass der Weinberg, in dem ich arbeite und ernte, dass der Acker, den ich bestelle, nicht mein Eigentum ist? Wie begegne ich den Boten, die mich erinnern? Verstopfe ich mir die Ohren? Möchte ich sie zum Verstummen, zum Schweigen bringen?
Und wie trete ich dem letzten Boten gegenüber, dem Sohn, wenn er mich anspricht? Begreife ich die Passionsgeschichte Jesu als Zeichen einer unglaublichen Liebe und Geduld, mit der Gott um mich, um uns wirbt?
In Jesu Leben, einem Leben, das voller Liebe war ohne Feindschaft, voller Selbstlosigkeit ohne Vorbehalt, voll von Gemeinschaft ohne Ausgrenzung – in Jesu Leben offenbart Gott, was er unter dem “Ertrag des Lebens” versteht. Jesus lebt diesen Ertrag vor – so, dass ich es begreifen kann, dass ich ihm folgen kann. Was Gott als Ertrag meines Lebens erwartet, soll mich nicht erschrecken oder ärgerlich machen. Es unterstreicht nur das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit, mit der er sagt: “Ich bin der Herr, dein Gott.”
Gott gibt in unsere Hand, was ihm am Herzen liegt. Wir sind beschenkt von Gott. Jesus ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Jesus ist der Stein, an dem sich viele stoßen und zu Fall kommen. Jesus ist aber zugleich auch der Eckstein, der als Fundament einer neuer Beziehung zwischen uns und Gott gesetzt wurde. Er ist zur Basis eines neuen Baues geworden, zum Fundament einer neuen Beziehung mit Gott.
Deshalb ist Gott bei denen, die ihr Leben als sein Geschenk verstehen – und die den Ertrag dieses Lebens nicht für sich behalten wollen, sondern weitergeben an andere Menschen.
Deshalb sucht Gott Pächter für seinen Weinberg, die bereit sind, das Anvertraute für ihn und für die anderen einzusetzen; die daran arbeiten, dass niemand und nichts verworfen wird; die Verhältnisse schaffen, die Mut zum Leben machen und die zeigen, dass im Weinberg Gottes etwas wächst, das für alle gut ist. Amen.

Verfasser: Pfarrer Helmut Spindler, Friedhofstr. 33, 69488 Birkenau-Reisen

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