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Gott und sein Volk

von Michael Volkmann (Bad Boll)

Predigtdatum : 20.08.2017
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 9. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 2, 13 - 22
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Hinführung
Ich glaube, man versteht das Johannesevangelium besser, wenn man es nicht als einen geschichtlichen, sondern als einen theologisch-literarischen Text versteht. Der Evangelist verbindet die Geschichte von der Tempelreinigung mit Jesu erstem Passa in Jerusalem. Was Jesus über das Abbrechen und Aufrichten des Tempels sagt, bezieht sich nicht auf den realen Tempel, sondern auf ihn selbst: sein Tod und seine Auferstehung am dritten Tag sind nach der Erzählung dieses Evangeli-ums verbunden mit dem dritten Passa Jesu in Je-rusalem. Obwohl Jesus mit der Anspielung auf Sacharja 14,21 eine Spur zum Verstehen legt, gibt erst die Auferste-hung den Jüngern den Schlüssel zum Verständnis dessen, was Jesus gesagt hat und was sie aus der Schrift assoziie-ren, in die Hand. „Die Juden“ verstehen zwar die Anspielung an Sacharja, glauben aber nicht an die Auferstehung und verstehen daher nicht, was Jesus sagt und wie die Jünger Psalm 69,10 auslegen. Dennoch habe ich, anders als der Evangelist, Respekt vor ihnen und bringe das in der Predigt zum Ausdruck.

Im Text kommt acht Mal der Tempel vor, zwei Mal im Sinn vom Leib Jesu, fünf Mal als Jerusalemer Heiligtum und ein-mal als Kaufhaus bezeichnet. Doch es geht eben nicht um die Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Darum kann der Bezug zum Israelsonntag nicht über dessen Bedeutung als Gedenktag an die Tempelzerstörung hergestellt werden. Vielmehr wird die Beziehung zwischen „den Juden“ und der Jesusbe-wegung (die Bezeichnung „Christen“ kommt im Jo-hannesevangelium nicht vor) thematisiert, die im Evangeli-um als sehr spannungsreich beschrieben wird. Dem Span-nungsverhältnis im Evangelium wird die Verbundenheit zwi-schen Christen und Juden heute zur Seite gestellt. In Ni-kodemus lässt sich eine jüdische Person des Evangeliums finden, der über die Spannungen hinweg Brücken baut.

Gliederung
Jesu Leidenschaft für seines Vaters Haus
I. Passafest: Freude liegt in der Luft
II. Jesus hat eine Leidenschaft für, nicht gegen den Tempel
III. Das Johannesevangelium spricht nicht gut von den Ju-den
IV. IV: Jesu messianisches Handeln wird erst von Ostern her verstehbar
V. Juden und Christen bewahren das Erbe des Tempels in ihren Gottesdiensten
VI. Nikodemus – ein Brückenbauer

Ziel
Wir verstehen Jesus von Ostern her. Wir bleiben mit den Juden verbunden, auch wenn sie nicht an Jesus glauben.


Predigttext Johannes 2, 13 – 22
Die Tempelreinigung
13 Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
14 Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen.
15 Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um
16 und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kauf-haus!
17 Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69, 10): »Der Eifer um dein Haus wird mich fres-sen.«
18 Da antworteten nun die Juden und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst?
19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.
20 Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsund-vierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Ta-gen aufrichten?
21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.
22 Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten sei-ne Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.


I. Passafest: Freude liegt in der Luft
Liebe Gemeinde,

das Passafest ist nahe: Das Fest der Freiheit, der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Ein Wallfahrtsfest: Wer kann, steigt hinauf nach Jerusalem, um dort das Passalamm zu essen. Das Fest der ungesäuerten Brote: Schon Tage vor dem Fest schwingen die Hausfrauen den Besen und machen den Frühjahrsputz. Alles, was aus Sauerteig bereitet ist, muss aus dem Haus. An Passa isst man sieben Tage lang Mazzen, das Brot der Freiheit. Freude liegt in der Luft. Sie erinnert uns an die Osterfreude, die Freude der Auferste-hung, denn Ostern ist unser Pas’cha und wird von den ortho-doxen Christen auch so genannt.

Auch Jesus steigt hinauf nach Jerusalem. Wie bei der Wall-fahrt üblich, geht er direkt in den Tempel. Das ist die Stätte - so heißt es in der Tora -, die der HERR erwählt hat, dass sein Name daselbst wohne (2). Hier begann die Erschaffung der Welt. Hier ist Morija, wo Abraham am dritten Tag seiner Wanderung Isaak zum Opfer band und vom Engel Gottes in letzter Sekunde gestoppt wurde. Hier liegen die Tafeln des Bundes in der Lade im Allerheiligsten. Hier ist die Mitte (3), wo das Volk Israel seinem Gott begegnet. Jesus ist diesem Ort verbunden. Er hat eine Leidenschaft für den Tempel, das zeigt sich jetzt.

II. Jesus hat eine Leidenschaft für, nicht gegen den Tempel
Jesus findet im Tempel die Händler. Sie bieten dort Opfertie-re an. Daneben die Geldwechsler für den halben Schekel, den jeder Israelit jährlich für den Tempel gibt. Diese Dinge werden für den Tempeldienst benötigt.

Jesus nimmt einige Stricke und macht sich eine Geißel. Die Geißel schwingend, scheucht er die Händler und Geldwechsler samt ihrer Ware aus dem Tempel. „Die Tempelreinigung“ steht in der Lutherbibel über diesem Abschnitt. Gerade so, als tue der Frühjahrsputz zu Passa nicht nur Privathäusern, sondern auch dem Tempel gut. Das Ganze geht geordnet vonstatten. Zu den Taubenhändlern sagt Jesus, sie sollen ihre Tiere selbst entfernen. Er sagt auch: Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!

Meines Vaters Haus – jetzt verstehen wir Jesu Leidenschaft. Sie ist eine Leidenschaft für, nicht gegen den Tempel. Sie ist dagegen, dass der Tempel zum Kaufhaus verkommt, und dafür, dass er für alle, die hineingehen, das Haus des himm-lischen Vaters ist. Ein Haus nicht für die weltlichen Dinge, sondern des Gebets. Wir verstehen das. Das ist auch uns wichtig. Das sieht man bis hinein in die Hausordnungen unse-rer Gemeindezentren. Für kommerzielle Veranstaltungen gibt es andere Orte als Kirchen. Aber sollte das alles sein, was Jesus uns sagen möchte?

Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! Den Tempel, die Opfer und die Opfertiere gibt es zurzeit Jesu schon tau-send Jahre. Deshalb ist Jesus nicht der erste, der das sagt. Jesus spielt mit seinen Worten auf die Prophetie des Sachar-ja an. Sacharja erlebte das Ende des babylonischen Exils. Die Rückkehr der Juden nach Jerusalem. Den Wiederaufbau des Tempels. Und dann, als der Tempeldienst wieder aufge-nommen wurde, sagte er im letzten Vers seines Buches, als sein letztes Wort: „Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des HERRN Zebaoth an jenem Tage“. (4).

An jenem Tage: Sacharja schaut voraus auf den Tag des HERRN. Er schaut voraus auf die kommende Heilszeit. Er sieht den kommenden Friedenskönig, der auf einem Esel in Jerusalem einreiten wird. Wenn Jesus den Tempel ein Kauf-haus nennt, dann ruft er bei denen, die ihre Bibel kennen, die Erinnerung an Sacharja hervor: an das kommende Heil, den kommenden Messias, den Tag des HERRN. Und sie be-greifen: Jesus zeigt uns, dass dieser Tag, das Heil und der Messias so nahe sind wie das bevorstehende oder das nächste oder übernächste Passa. Darauf zielt seine Leiden-schaft.

Wenn die, die bei Jesus im Tempel sind, das verstehen, dann haben sie viel verstanden. Denn der Evangelist sagt uns, dass sich die ganze Geschichte den Jüngern erst nach der Auferstehung Jesu von den Toten erschlossen hat. Erst im Nachhinein denken sie an den Psalmvers und an die Worte, die Jesus gesagt hat, und beginnen zu verstehen: Ostern ist der Schlüssel für unsere Geschichte.

III. Das Johannesevangelium spricht nicht gut von den Juden
Ostern ist nicht Passa. Das sagt uns Johannes bereits im ersten Vers mit einer merkwürdigen Formulierung. Er spricht vom Passa der Juden, als ginge es ihn nichts an. Doch der Evangelist ist Jude. Die Jünger Jesu sind Juden. Und auch Jesus, der Sohn Davids, ist Jude. Noch bevor der Evangelist die ersten Juden auftreten lässt, die nicht zu den Jüngern gehören, schafft er diese Distanz. „Die Juden“ sind die Ande-ren. So gut wie nie bezeichnet er Jesus oder die Jünger als Juden, obwohl sie es sind. Sein Verhältnis zu den Juden ist ein gespannteres als unseres heute. Wir bekennen heute unsere enge Verbundenheit mit den Juden. Für Johannes sind sie die Anderen. Das müssen wir beachten, wenn wir den zweiten Teil der Geschichte bedenken.

Plötzlich sind da die Juden. Sie stellen ihn zur Rede und wol-len wissen, mit welchem Recht er so gehandelt hat: „Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst?“

IV. Jesu messianisches Handeln wird nur von Ostern her ver-stehbar
Jesus antwortet ihnen: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Damit bietet er ihnen ein Zei-chen an. Doch sie können’s nicht verstehen. Auch die Jünger verstehen erst später.

Das Gespräch findet im Tempel statt und Jesus hat soeben vom Tempel als Vaterhaus und Kaufhaus gesprochen. Folg-lich beziehen die Gesprächspartner Jesu Antwort ebenfalls auf den Tempel. Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, sagen sie, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Den Jerusalemer Tempel, das größte Gebäude im ganzen Römischen Reich, an dem noch dreißig Jahre wei-ter gebaut werden sollte, an drei Tagen aufrichten? Das ist unvorstellbar!

Johannes erzählt nichts von der Reaktion der Fragenden. Er eröffnet jedoch uns, wovon Jesus eigentlich redet. Jesus redete von dem Tempel seines Leibes, nicht von dem Tempel aus mächtigen Kalksteinquadern. Dann fährt der Evangelist fort: „Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte“. Sie beginnen zu begreifen. Jesu Auferstehung ist ihnen der Schlüssel da-zu. Erst nach Ostern können sie Jesu Auferstehen zu neuem Leben mit dem Psalmvers zusammenbringen: „Die Leiden-schaft für dein Haus wird mich verzehren“. Dazu helfen ihnen die Worte „aufrichten“ und „auferstehen“. Im griechi-schen Text des Neuen Testaments ist das ein und dasselbe Wort. Diesen Tempel aufrichten bedeutet: von den Toten auferstehen. Jetzt verstehen wir auch, warum Jesus von drei Tagen spricht: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“. Im Glauben daran verstehen wir ihn.

V. Juden und Christen bewahren das Erbe des Tempels in ihren Gottesdiensten
Als Johannes sein Evangelium niederschrieb, war der jüdi-sche Aufstand gegen Rom verloren. Der Tempel war zerstört und mit ihm große Teile der jüdischen Gesellschaft. Nur die pharisäische Bewegung und die Jesusbewegung existierten weiter. Beide suchten nach einer theologischen Antwort auf die Tempelzerstörung.

Die Pharisäer hielten an Gottes Treue fest. Sie waren ge-wiss, dass die Herrlichkeit Gottes nicht vom jüdischen Volk gewichen ist und dass sie weiterhin Geliebte Gottes sind. Ihr gottesdienstliches Leben fand schon in der Tempelzeit auch in ihren Synagogen statt. Vom Tempeldienst abgeleitet, hat-ten sie dort bereits opferlose Wortgottesdienste gefeiert. Ihre Nachfolger, die Rabbinen, tun das so bis heute. Ähnlich entwickelte die Jesusbewegung schon während der Tempel-zeit Wortgottesdienste in ihren Häusern. Die Juden unter ihnen gingen täglich in den Tempel, die Glaubenden aus Ju-den und den Völkern sammelten sich täglich in den Häusern, um über die Schrift und über die Worte Jesu nachzudenken und miteinander das Brot zu brechen. Beide, Juden und Christen, bewahren das Erbe des Tempels in ihren Gottes-diensten.

VI. Nikodemus – ein Brückenbauer
Nach dieser Geschichte im Tempel, so erzählt Johannes, spricht ein Mann mit Jesus, Nikodemus, der Fraktionsführer der Pharisäer im Hohen Rat. Johannes lässt uns lange im Unklaren, welche Konsequenzen Nikodemus aus seinem Ge-spräch mit Jesus zieht. Am dritten Passa, von dem der Evangelist erzählt, nach der Kreuzigung, als Jesu Leib vom Kreuz abgenommen war, kommt Nikodemus. Er bringt Myr-rhe, gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. Er erweist sei-nem Freund Jesus die letzte Ehre. Zum Zeichen der Verbun-denheit der Juden mit Jesus und seinen Jüngern.
Amen.


Eingangsgebet
Allmächtiger, barmherziger Gott,
du hast dir dein Volk Israel zum Eigentum erwählt.
Aus seiner Mitte hast du Jesus Christus Mensch werden las-sen.
Sieh an dein Volk. Schenke Ihm Frieden
Und lass dereinst alle Menschen dich ehren und loben als ein heiliges Volk.
Dir sei Ehre in Ewigkeit.
Gottesdienstbuch, Seite 161


Fürbittengebet
Vater im Himmel,
du hast Juden und Christen in deinen Dienst berufen,
nun mach uns auch bereit zum Dienst füreinander,
dass wir einander nicht als Feinde begegnen,
sondern in geschwisterlicher Liebe zueinander.


Heile Verletzungen, die Christen Juden zugefügt haben.
Wecke in uns den Respekt vor dem Judentum und mache uns bereit von Juden zu lernen.
Mach uns empfänglich für die Schönheit der Tora
und zeige uns das Evangelium in ihr.
Lass Vertrauen zwischen Juden und Christen wachsen,
dass wir die Begegnung und das Gespräch miteinander su-chen.
Lege in uns die Sehnsucht nach dem Andern,
dass wir uns nie mehr voneinander abwenden.
Gib uns die Gewissheit, dass deine Liebe uns umfasst,
auch wo uns unsere Glaubensüberzeugungen trennen.
Gib uns den Mut, für Juden einzutreten,
wo sie als Minderheit benachteiligt, verachtet oder verleum-det werden.
Mache uns zu entschiedenen Gegnern von Judenhass.
Lass Juden und Christen zusammenwirken als Partner,
die gemeinsam für eine bessere Welt eintreten.
Entfache in uns die Hoffnung auf die neue Schöpfung
und bringe uns zur Einheit aller mit dir in deinem Reich.
M. Volkmann


Verfasser: Pfarrer Dr. Michael Volkmann
Evangelische Akademie Bad Boll


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Anmerkungen:
1. Bei dem Zitat aus Psalm 69, 10 in V. 17 folge ich nicht der Luther-übersetzung 2017, sondern der Bibel in gerechter Sprache.
2. 5. Mose 12, 5
3. Johannes 8, 3+9
4. Sacharja. 14, 21

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