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Gottes Barmherzigkeit

von Gundula Guist (Usingen)

Predigtdatum : 23.09.2012
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 14. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Apostelgeschichte 12,1-11
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Wochenspruch:

„Christus Jesus hat den Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Timotheus 1, 10 b)

Psalm: 68, 4 - 7 a.20 - 21

Lesungen

Altes Testament: Klagelieder 3, 22 – 26.31 – 32

Epistel: 2. Timotheus 1, 7 – 10

Evangelium: Johannes 11, 1 (2) 3.17.27 (47 – 45)

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 66, 1 – 3 + 8 Christus ist kommen

Wochenlied: EG 113, 1 + 3 + 8 O Tod, wo ist dein Stachel nun

Predigtlied: EG 355, 1 + 4 + 5

EG 610 Mir ist Erbarmen widerfahren - oder

Herr, deine Liebe

Schlusslied: EG 644

EG 157 Nun ist vorbei die finstre Nacht – oder

Lass mich dein sein und bleiben

Eingangsgebet:

Gott, unser Befreier uns Erlöser,

du hast das Volk Israel aus der Ägyptischen Gefangenschaft befreit

du hast deinen Sohn Jesus Christus den Tod entrissen

du hast so viele Schicksale immer wieder zum Guten gewendet.

Wir danken Dir für all die Barmherzigkeit, die uns und anderen erwiesen hast.

Lass uns Mut schöpfen aus diesen Lebensgeschichten,

dass wir auf Dich und Deine Boten hören;

dass wir nicht aufgeben für das Leben zu kämpfen,

dass wir nicht aufhören zu glauben, zu zweifeln und zu vertrauen.

Das bitten wir durch deinen Sohn Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Fürbittgebet

Gott, sende allen Menschen einen Engel.

Einen zu denen, die an ihrem Leben verzweifeln,

und einen zu denen, die Sorgen niederdrücken.

Einen zu denen, die vor Arbeit nicht wissen wohin

und einen zu denen, die nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen.

Einen zu denen, die im Gefängnis sitzen

und einen zu denen, die ihre Freiheit missbrauchen.

Einen zu dem von mir entferntesten Menschen auf der Erde,

und bitte auch einen zu mir.

In der Stille bringen wir nun vor Gott die Situationen für die wir um seine Hilfe bitten:

STILLE

Vater Unser

Predigt

(Bibeltext nach der Neuen Genfer Übersetzung, „die Juden“ wurden ersetzt durch „das Volk“)

1 Um diese Zeit begann König Herodes, die Gemeinde in Jerusalem zu verfolgen, und ging mit Gewalt gegen einige ihrer Mitglieder vor. 2 Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.

3 Als er sah, dass er dem Volk damit einen Gefallen tat, setzte er den eingeschlagenen Kurs fort und ließ auch Petrus festnehmen, und zwar gerade während der Zeit, in der ´das Passafest` gefeiert wurde, das Fest der ungesäuerten Brote.

4 Herodes ließ Petrus ins Gefängnis bringen und beauftragte vier Gruppen zu je vier Soldaten mit seiner Bewachung; nach den Festtagen wollte er ihn dann vor allem Volk aburteilen.

5 Während Petrus nun also ´streng bewacht` im Gefängnis saß, betete die Gemeinde intensiv für ihn zu Gott.

6 In der Nacht vor der von Herodes geplanten öffentlichen Verurteilung schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit je einer Kette an sie gefesselt; und vor der Tür seiner Zelle waren Posten aufgestellt und hielten Wache.

7 Mit einem Mal stand ein Engel des Herrn in der Zelle, und helles Licht erfüllte den Raum. Der Engel gab Petrus einen Stoß in die Seite, um ihn zu wecken. »Schnell, steh auf!«, sagte er. Im selben Augenblick fielen die Ketten, die Petrus um die Handgelenke trug, zu Boden.

8 Der Engel sagte: »Binde den Gürtel um und zieh deine Sandalen an!«, Petrus tat es. »Und jetzt wirf dir den Mantel über und komm mit!«, sagte der Engel.

9 Petrus folgte ihm nach draußen, allerdings ohne zu wissen, dass das, was er mit dem Engel erlebte, Wirklichkeit war; er meinte vielmehr, er hätte eine Vision.

10 Sie passierten den ersten Wachtposten, ebenso den zweiten, und als sie schließlich zu dem eisernen Tor kamen, das in die Stadt führte, öffnete es sich ihnen von selbst. Sie traten ins Freie und gingen eine Gasse entlang – und plötzlich war der Engel verschwunden.

11 Da erst kam Petrus zu sich. »Wahrhaftig«, sagte er, »jetzt weiß ich, dass der Herr seinen Engel gesandt hat! Er hat mich Herodes und seiner Macht entrissen und hat mich vor all dem bewahrt, was das Volk so gern gesehen hätte.«

Liebe Gemeinde,

„Wahrhaftig, jetzt weiß ich, dass der Herr mir einen Engel gesandt hat“ – das sagt Petrus, aber erst ganz am Schluss der Geschichte, als der auf der Straße steht. Als der Engel schon längst wieder verschwunden, bemerkt er erst: hoppla, da war ja ein Engel!

Das Ganze ist sowieso eine erstaunliche Geschichte. Für uns heute ist nicht mehr nachprüfbar, was damals wirklich geschehen ist. Schlief Petrus wirklich zwischen zwei Soldaten, an die er gefesselt war? Gab es einen ersten und einen zweiten Wachposten sowie ein großes Tor aus dem Gefängnis heraus zur Stadt? Konnte er mit Hilfe eines Engels all dies unversehrt und - wenn man es mal so sagen will - mit schlafwandlerischer Sicherheit überwinden?

Festhalten kann man wohl, dass Petrus offensichtlich gefangen gehalten wurde und sterben sollte wie Jakobus - und seine Befreiung nicht anders als erstaunlich und wunderbar zu beschreiben war. Der schon zum Tode Verurteilte kommt frei – und kann es selbst kaum glauben! „Wahrhaftig, jetzt weiß ich, dass der Herr mir einen Engel gesandt hat.“

Wie ist das mit uns? Würden wir nicht auch gerne einmal einem Engel begegnen? So einem, der uns aus dem herausführt, was uns fesselt und was uns lähmt? Dass muss ja kein Gefängnis aus Stein-mauern sein. Das können auch ganz andere Gefängnisse sein, solche die wir uns z.B. aus unseren eigenen Ansprüchen an uns selbst bauen, oder die aus Urteilen von anderen über uns gebaut sind. Fallen z.B., in die wir immer wieder geraten: jemand sagt ein be-stimmtes Wort, und schon sind wir auf 180, jemand zieht seine Augenbraue hoch, und schon fühlen wir uns schlecht. Auf unserem Gefängnis steht nicht: Jerusalemer Stadtgefängnis. Auf unserem Ge-fängnis könnte stehen: Sorgen, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Stress, Trauer, Mobbing.

Also schauen wir mal, wie der Engel das nun angestellt hat, den Petrus zu retten: Er hat ihn leider nicht einfach auf Händen durch die Mauern getragen, oder mal kurz mit dem Finger geschnippt und aus dem Gefängnis gebeamt. Es hat keine Erde gebebt, es ist keine Spezialeinheit gekommen, keine Mauer eingestürzt, kein Schuss gefallen. Wenn man dem Engel so zuhört, dann ist das, was er zu Petrus sagt, alles andere als spektakulär. Er sagt:

• Wach auf.

• Steh auf.

• Binde den Gürtel um.

• Zieh deine Sandalen an.

• Wirf dir den Mantel über.

• Komm mit.

Und Petrus, der tut, was der Engel von ihm will.

• Er wacht auf.

• Er steht auf.

• Er bindet sich den Gürtel um.

• Er zieht seine Sandalen an.

• Er wirft sich den Mantel über.

• Er kommt mit.

Alles keine besonderen Dinge, die der Engel da von Petrus verlangt, um ihn zu retten, alles ganz unspektakuläre Alltagsdinge. Und doch führen sie dazu, dass Petrus schließlich aus der Gefangenschaft in die Freiheit geführt wird.

Vielleicht sind auch wir schon öfter mal einem Engel begegnet. Vielleicht verlangen wir einfach zu viel von den Engeln, die Gott uns schickt. Wir verlangen Spektakuläres, Besonders, Außergewöhn-liches, ein Wunder – doch der Bote Gottes möchte nur Dinge getan haben, die zum ganz normalen Alltag gehören. Das Wunder, das in dieser biblischen Geschichte erzählt wird, fußt jedenfalls darauf, dass jemand ganz normale Dinge tut.

Kennen tun wir das, z.B. aus dem Straßenverkehr. Bestimmt ist ihnen irgendeine Situation in Erinnerung, wo sie in Nachhinein weiche Knie bekamen und dachten: „Oh, das war eben aber knapp! Gott sei Dank, dass nichts passiert ist.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie in einer solchen Situation nicht einfach die Hände vom Steuer und die Füße von den Pedalen genommen haben, sondern versucht haben, zu reagieren: zu lenken, auszuweichen, zu kuppeln, zu bremsen etc.. Dinge, die Sie schon tausende Mal zuvor getan haben, die aber in dieser Situation die Rettung vor einem Unfall bedeuteten.

Kennen tun wir das auch aus die ein oder anderen Situation, wo uns ein lieber Mensch durch schwierige Situationen mit ganz alltäglichen Dingen viel geholfen hat. Nur dadurch, dass er da war; und uns z.B. aufforderte aufzustehen, zu essen, unsere Arbeit zu tun, nicht zu verzweifeln, uns immer wieder Mut machte, uns an die Hausaufga-ben erinnerte.

Der Engel des Petrus verlangt nichts außergewöhnliches, aber er verlangt, dass Petrus mittut. Petrus hätte ja auch abwehren können mit den Worten: „Lass mich in Ruhe, ich schlafe gerade, warte doch bis morgen früh!“ Oder es hätte ihm nicht schnell genug gehen können: „Ach, lass das doch mit den Sandalen und dem Mantel, Hauptsache ich komme hier raus.“ In beiden Fällen wäre eine Rettung wohl nicht geglückt, denn laufen musste Petrus nun schon selbst, und ohne Sandalen und Mantel hätte man ihn sehr leicht als entflohenen Häftling erkannt und wieder festgenommen. Wer nicht aus seinem Gefängnis raus will, dem ist auch mit einem Boten Gottes nicht zu helfen und wer es zu schnell haben will, der lässt sein Gefängnis nicht wirklich hinter sich. Suchtkranke z.B. wissen um diese Zusammenhänge.

Unser Gott handelt nicht ohne uns. Auch das ist freier Wille des Menschen, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen.

Trotzdem sollten wir jetzt nicht vorschnell den Schluss ziehen, dass diejenigen, die es nicht schaffen, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien, von Gott und seinen Engel vergessen worden wären oder dass sie nicht gut genug auf das Hilfsangebot eingegangen wären. Wir wissen bei keinem Unglücksfall oder Schicksalsschlag, was dahinter verborgen ist. Auch unser Bibeltext setzt vor die Rettung des einen, das Martyrium des anderen: Petrus wird gerettet nachdem Jakobus hingerichtet worden ist. - Und wir wissen: so ist die Welt bis heute, dem einen gelingt und geschieht das Wunder, dem andern nicht. Die Bibel wertet nicht: sie berichtet von Jakobus wie von Petrus. Die alte Kirche bewahrt das Andenken an beide: sowohl Petrus als auch Jakobus werden als Heilige verehrt. Da sollten auch wir mit unserem Urteil über das Schicksal anderer vorsichtig sein.

Wie ist das nun? Würden Sie gerne mal einem Engel begegnen? Nachdem, was wir jetzt gehört haben, ist es wahrscheinlich so, dass wir ihn in der Situation gar nicht erkennen werden.

Selbst wenn die Situation vorbei ist, und wir gerettet zurück blicken, haben wir zwei Möglichkeiten:

• wir können sagen: das waren wir selbst: wir haben uns die Schuhe angezogen, den Mantel und den Gürtel; wir haben das Gas, die Bremse, die Kupplung getreten; wir haben uns selbst aufgemacht uns aus unserem Gefängnis zu befreien –

• oder wir sagen im Nachhinein: „Wahrhaftig, Gott hat mir einen Engel gesandt“, denn ohne die anderen, die mich immer wieder antrieben, oder ohne diese innere Stimme, die mir geholfen hat, hätte ich das niemals geschafft.

Für Petrus jedenfalls ist plötzlich alles ganz klar, als er da mutterseelenallein aber befreit im Morgengrauen auf der Straße steht: „Da war ein Bote Gottes!“ So schnell er kann läuft zu seinen Leuten, zu der kleinen christlichen Gemeinde, die für ihn so eifrig gebetet hatte, und erzählt von seiner wunderbaren Rettung.

„Wahrhaftig, jetzt weiß ich, dass der Herr mir einen Engel gesandt hat“

Amen.

Verfasserin: Pfarrerin Gundula Guist

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