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Gottes gute Ordnungen

von Ellen Klass (Stuttgtart)

Predigtdatum : 13.10.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 20. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Markus 2,23-28
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Wochenspruch:
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (Micha 6, 8)

Psalm: 119, 101 - 108

Lesungen
Altes Testament: 1. Mose 8, 18 - 22

Epistel: 1. Thessaloniker 4, 1 - 8

Evangelium: Markus 10, 2 - 9 (10 - 16)

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 445 Gott des Himmels und der Erden
Wochenlied: EG 295 Wohl denen, die da wandeln
Predigtlied: EG 395 Vertraut den neuen Wegen
Schlusslied: EG 170 Komm, Herr segne uns

Hinführung:
Das Ährenausraufen am Schabbat wird von allen drei synoptischen Evangelien erzählt (Markus 2, Matthäus 12, Lukas 6). Es scheint also mit unterschiedlichen Schwerpunkten eine wichtige Geschichte zu sein, die dazu anregt, sich mit der Tora, dem Gesetz Israels auseinanderzusetzen. Für uns Christen stellt sich die Frage, wie wir uns zu den Zehn Geboten, hier speziell zum Gebot der Sonntagsheiligung bzw. -ruhe stellen. Sehen wir sie als An-Gebote der Freiheit, also in der Tradition der Exodusgeschichte, oder sind wir gefangen in der Sicht, dass die Gebote als einengende Gesetze unser Leben einschränken und wir sie deshalb nicht zu beachten haben? Die Predigt versucht zu verdeutlichen, dass Jesus – vom Evangelisten Markus als „über den Schabbat“ (Vers 28) vorgestellt – die Freiheit schenkt, Not und Gebot abzuwägen und im Zweifelsfalle wie Jesus zugunsten des Lebens und dessen, was ihm förderlich ist, zu entscheiden.
Die Predigt will anregen, darüber nachzudenken, was das im Blick auf das dritte Gebot für den/die Hörer/in persönlich bedeuten kann. Wenn er/sie das Gebot im Sinne jesuanischer Freiheit ernst nimmt, kann es für ihn /sie heißen, es zu brechen – oder im Gegenteil die Sonntagsruhe stärker als bisher zu achten. Für die eine oder den anderen mag das eine Zumutung sein: eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen zu müssen. Aber Jesus befreit dazu.

Gliederung:
1. Kleine Fluchten über Mauern und durch Zäune
2. Motive für die Gebotsübertretung
3. Die besondere Stellung des Schabbatgebotes
4. Hunger und Not erlauben die Ausnahme. Die Grenze ist das Leben.
5. Freiheit braucht Mut und Vertrauen
6. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Ziel:
Die Frage der Freiheit im Beachten der Gebote ist nicht willkürlich, sondern hat einen Anhaltspunkt: Was ist für den Menschen gut, was dient zum Leben?


1. Kleine Fluchten über Mauern und durch Zäune

Liebe Gemeinde,

es ist zwar nicht prinzipiell verboten, aber auch nicht ausdrücklich erlaubt, was Kinder zu allen Zeiten gerne getan haben und noch heute lieben. Sie steigen über eine niedrige Mauer oder nutzen unauffällig ein Loch im Zaun, um auf ein dahinterliegendes Grundstück zu gelangen: eine verwilderte Wiese, ein brachliegendes Fabrikgelände oder ein zugewachsenes Feld. Wunderbare Plätze zum Spielen. Hier und da eine Mohnblume, ein paar vereinzelte Ähren, ein morscher Baum, meterhohes Gras, eine Ruine zum Verstecken. Vorzügliche Orte, wie geschaffen für kindliche Eroberungsphantasien und elternlose Freiheit. Weit und breit niemand, der einem Vorschriften macht. Und falls es doch verboten war, hier zu spielen? Wenn einen jemand verjagt: Nicht schlimm. Dann sucht man eben einen anderen Platz zum Abtauchen aus dem erwachsenen Regelwerk der Ge- und Verbote.

2. Motive für die Gebotsübertretung

Die Geschichte vom Ährenraufen am Schabbat kann man so lesen und hören, dass man die Jünger um Jesus gut versteht – sie genießen die willkommene kleine Flucht (an ihrem „freien“ Tag) aus den Pflichten des Alltags mit seinen Mauern und Zäunen der Gebotsbefolgung.

Aber natürlich geht es dabei um noch etwas anderes. Natürlich geht es um etwas Tieferes in der Erzählung von Jesus und den Jüngern, die am geheiligten Schabbat etwas tun, das nach dem Gesetz verboten ist.

Die Frage, warum die Jünger etwas tun, was nicht erlaubt ist – diese Frage liegt dahinter. Warum steigen sie über die Mauer des Gesetzes, weshalb schlüpfen sie durch den Zaun des Sabbatgebotes? Sind sie wie Kinder, die angelockt sind von dem, was hinter Mauer und Zaun sich auftut an Neuland, Abenteuer und erhoffter Freiheit?

3. Die besondere Stellung des Schabbatgebotes

Die Jünger sind gläubige jüdische Menschen. Sie wissen genau, wie wertvoll das Gebot der Heiligung und Achtung des Schabbat ist. Auch Jesus kennt als Rabbi selbstverständlich die Bedeutung und Wichtigkeit von Gottes Gesetzen. Wir können sicher sein, dass weder Jesus noch die Jünger die Größe irgendeines göttlichen Gesetzes einschränken wollen. Und doch brechen gerade diese Menschen ein Gebot. Und dazu nicht irgendeines, sondern ausgerechnet ein entscheidendes, für das jüdische Selbstverständnis ungemein wichtiges Gebot. Denn schließlich sind der Schabbat und seine strenge Heiligung bis heute das, worin sich das Judentum ganz offensichtlich von allen anderen Völkern und Religionen unterscheidet.
Soweit wir heute wissen, gab es in der antiken Welt keinen Ruhetag. Erst das Judentum hat den Schabbat eingeführt. Ohne ihn gäbe es wohl bei uns nicht den Sonntag, der sogar in unserem Grundgesetz im Artikel 140 als Tag der „Arbeitsruhe“ und der „seelischen Erhebung“ als Grundrecht garantiert ist.

Vorhin haben wir in der Schriftlesung(2. Mose 20, 8-11) von diesem Grundrecht für alle gehört. Alle, nicht nur Wohlhabende und Reiche, dürfen Luft schöpfen. Alle dürfen durchatmen und aus der Tretmühle des Alltags heraus. Am Schabbat, am Sonntag, dürfen Ruhe und Kraft wieder wachsen.

Wie wunderbar dieses Gebot Gottes für die Menschen gedacht ist, das wissen wir in unserem Land aus Zeiten, in denen man den Ruhetag abgeschafft hat und versucht hat, die Menschen mit Arbeit kaputtzumachen.

Nicht nur in totalitären Staaten, auch in gefestigten Demokratien erfahren wir, was mit Menschen passiert, die keine Pause mehr machen dürfen oder können: sie werden krank, brennen aus und werden leer.

Und dennoch wird über den Schutz des Sonntags bei uns viel diskutiert.
Die einen fragen: können wir uns den Luxus eines freien Tages in der Woche überhaupt noch leisten? Sind wir dann noch wettbewerbsfähig?
Und die anderen: Müssen wir nicht im Gegenteil noch viel vehementer als bisher die Mauer und den Zaun als Schutz um den Sonntag herum verteidigen?

Und wer soll das entscheiden?

Was ist gut für den Menschen?
Das ist eine Frage, die sich unmittelbar aus der Geschichte ergibt.
Aber die Antwort auf diese Frage ist eben nicht eins zu eins aus der Geschichte abzuleiten.

4. Hunger und Not erlauben die Ausnahme.
Die Grenze ist das Leben.

Schauen wir also noch einmal genau hin, was erzählt wird:
Die Jünger gehen durch das Feld und streifen beim Hindurchgehen die Körner ab, zerreiben sie und essen sie. Matthäus erklärt es in seiner Version so: „…seine Jünger waren hungrig und fingen an, Ähren auszuraufen.“ Sie waren hungrig. Ganz schlicht und einfach ist das der Grund. Es ist nicht die Lust am mutwilligen Übertreten einer unnötigen Regel. Eben genau dies nicht. Sie brechen ein Gebot, weil ihnen der Magen knurrt und ihnen die Kraft für die nächste Etappe der Wanderung ausgeht. Und sie wissen, dass sie ein wichtiges Gebot übertreten.

Nach dem Alten Testament hat die Ernte am Schabbat zu ruhen. Gebote müssen gehalten werden, weil sie die guten Gaben Gottes sind, die dem Menschen hilfreich Orientierung geben. Sie sind auch in unserer christlichen Tradition als Wegweisung, als An-Gebote zur Freiheit verstanden worden.

Nur im Notfall darf ein Gebot übertreten werden. Das ist der Grundsatz. Wenn ein Leben in Gefahr ist, wenn es um Leib und Leben des Menschen, der Kreatur geht, dann muss man abwägen. Dieses Denken ist dem jüdischen Gesetzeskundigen eigen und wird von ihm gelebt. Genau dies steht in dieser Geschichte zwischen den Zeilen.
Die Frage ist ja noch immer, warum die Jünger etwas tun, wovon sie genau wissen, dass es nach dem Gesetz nicht recht ist. Der Hunger ist es, der die Menschen bedroht. Der Hunger bedroht das Leben. Es geht also in der Geschichte um nichts Geringeres als das Leben selbst.

5. Freiheit braucht Mut und Vertrauen

Das heißt also: Jesus stellt das Gesetz der Schabbatheiligung bzw. der Sonntagsruhe gar nicht infrage.
Er mutet uns vielmehr zu, selbst abzuwägen. Nicht willkürlich, nicht nach Lust und Laune, sondern besonnen.
Was dient dem Menschen? Was ist gut und wichtig, damit er leben kann in Freiheit?
Was brauche ich, damit ich gerne und mit freudigem Herzen Gottes An-Gebote annehmen kann? Was ist nötig und unverzichtbar zum Atem schöpfen?
Jesus sagt: Die An-Gebote sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die An-Gebote.
Er mutet uns zu selbst, zu entscheiden. Und er traut uns zu, uns die Freiheit der Abwägung selbst zu nehmen.
Wer wüsste das nicht: Der Umgang mit der Freiheit braucht Mut und Vertrauen – beides schenkt uns Jesus.

Und er gibt uns den entscheidenden Maßstab zur Entscheidungshilfe mit an die Hand: „Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren…“ Not und Hunger sind die Kriterien für den Umgang mit der Freiheit. Sie erlauben, über die Mauer des Gesetzes zu steigen um des Lebens willen.
Noch einmal: es ist keineswegs die Lust an der Grenzüberschreitung oder die Neugierde auf das Verbotene hinter dem Zaun, die Jesus und die Jünger leitet. Er will nicht provozieren, er zweifelt den Sinn der Ordnung nicht an, im Gegenteil: er würdigt die Notwendigkeit der Schabbatruhe ausdrücklich.
Aber eben nicht um jeden Preis. Die Grenze ist das Leben. Und wenn Leben gefährdet ist, dass darf oder muss die Grenze des Gebotes überschritten werden.

6. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Was ist für den Menschen gut?
Was brauchen wir zum Atmen, zum Leben, zur Freiheit?
Kinder haben es da gut. Sie springen über eine Mauer oder schlüpfen durch ein Loch im Zaun. Und schon sind sie für eine Weile der Welt entrückt in einem Land der Freiheit.
Wer weiß, vielleicht täte es uns Erwachsenen zuweilen auch ganz gut, uns auf die Möglichkeiten der Kinder zu besinnen?
Nicht, dass wir in ein träumerisches Phantasieland fliehen könnten – oder wollten.

Aber als erwachsene Menschen, die Jesus nachfolgen, dürfen wir nach seinem Vorbild ruhig mutig Entscheidungen treffen. Jesus traut es uns zu, dass wir die Für und Wider abwägen können. Wir müssen keine Angst haben, dass die Ordnung bedroht ist. Wir haben die Freiheit, uns den Sinn von Ordnungen bewusst zu machen. Mitunter dürfen wir am Sonntag Ähren ausraufen, wenn die Not es erforderlich macht.

Und schließlich: In aller Freiheit können wir mit unserem Gott über Mauern springen (1) Psalm 18,30). Gott hält uns sicher an der Hand. Amen.

Anmerkung 1: Psalm 18,30

Eingangsgebet:
Gott, wir kommen zu dir mit unseren großen und kleinen Lasten, und wir bringen dir auch das, was uns in der letzten Woche gefreut und gestärkt hat. Wir danken dir für Menschen und Engel, die Du uns an die Seite gestellt hast. Heute am Sonntag wollen wir uns neu an deinem Willen und deinen Weisungen ausrichten. Hilf Du bei Entscheidungen, die wir treffen sollen. Erinnere uns an das, was recht ist und was wir tun sollen.

Mach unsere kleine Kraft groß, unseren zaghaften Mut stark und unsere dünne Hoffnung tragend.
Amen.

Fürbittgebet:

Gott des Himmels und der Erde,
du traust uns viel zu. Und manchmal empfinden wir das Geschenk der Freiheit auch als Zumutung, weil wir nicht wissen, wie wir sie leben sollen.

Wir bitten dich: Lass unsere Hände fröhlich deinen Willen tun und mit warmem Herzen deine Gebote achten.

Sei bei denen, die sich verkrampft und verzweifelt am Buchstaben des Gesetzes festhalten müssen. Lass sie deine Weite erfahren.
Sei bei denen, die meinen, sie bräuchten keine Regeln, keine Ordnung, kein Gesetz. Lass sie deine An-Gebote der Liebe erfahren.
Wir bitten Dich für uns: Lass uns munter im Kornfeld deiner Zuwendung leben, lass uns liebevoll die Ähren deiner Schöpfung pflegen und sie ausraufen, wenn es dem Leben dient, wenn es Not und Hunger abwendet.

Gib uns allen ein gutes Gespür für die Verantwortung als Schwester der Freiheit.


Verfasserin: Pfarrerin Ellen Klass
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