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Gottes heilt Leib und Seele

von Natascha Reuter (Kirchengemeinde Bischoffen)

Predigtdatum : 27.10.2019
Lesereihe : I
Predigttag im Kirchenjahr : 19. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 5,1-16
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Wochenspruch: Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)

Psalm: 32,1-7 (EG 717)

Predigtreihen

Reihe I: Johannes 5,1-16
Reihe II: Epheser 4,22-32
Reihe III: Jesaja 38,9-20
Reihe IV: Markus 2,1-12
Reihe V: Jakobus 5,13-16
Reihe VI: 2. Mose 34,4-10

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 333 Danket dem Herrn
Wochenlied: EG 324 Ich singe dir mit Herz und Mund
Predigtlied: EG+ 102 Da wohnt ein Sehnen
Schlusslied: EG 168, 4-6 Du hast uns, Herr, gerufen

Predigttext Johannes 5, 1 – 16

Die Heilung am Teich Betesda

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;

3-4 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.
6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Sabbat an diesem Tag.
10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.
11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!
12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?
13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.
14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.
16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Predigt

„Steh auf, steh endlich auf“, singt Marius Müller Westernhagen 1992. „Steh auf. Wenn dir jemand sagt, du bist zu klein. Und du hörst nur immer: Lass das sein. Dann steh auf. Steh endlich auf.“ Er schreit es bei unzähligen Konzerten von der Bühne. Steh auf! Er ist nicht Jesus. Damals, in dieser wunderbaren Geschichte am Teich Betesda. Nein. Aber er bedient sich dessen Worte. Kennt sie möglicherweise.

Nicht auf der Bühne, aber dort vor den Toren Jerusalems, am Schaftor. Da steht Jesus, und er sagt.: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ „Steh endlich auf“, sagt Jesus zu einem Mann, der schon sein ganzes Leben auf ein und derselben Stelle gesessen hat. 38 lange Jahre lang auf ein und demselben Platz in den Hallen am Teich. Eine Ewigkeit. Immer die gleiche Perspektive. Wie sich das wohl anfühlt? Beschränkt. Gelähmt. Einsam. Kaum beweglich. Von seinem Bett aus kann er lediglich die überfüllten Hallen und einen kleinen Ausschnitt des Teiches in der Mitte sehen. Irgendwie zu diesem Teich, der angeblich Menschen heilt, zu gelangen, unvorstellbar. Er kennt jede Farbschattierung der Säule vor ihm, sieht immer wieder die gleiche Unebenheit im Boden. Er weiß wie es aussieht wenn am Morgen das Tageslicht langsam durch die Ritzen der Halle dringt. Er weiß wie die Schatten der Säulen am Abend verlaufen. Er kennt sich aus, richtig gut, nach all den Jahren. Beschränkt, aber irgendwie auch bequem so über die Jahre. Was nicht von anderen verändert wird, das wird nicht verändert. Der Blick reicht nur so weit, wie sich der Kopf drehen lässt.

In diesen eintönigen Alltag platzt er nun rein, Jesus. Ganz unverhofft, nichts kündigt die Veränderung an. Und er sagt - er fordert diesen Mann auf: „Steh auf, nimm dein Bett und geh herum“. Er sagt nicht: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause - in dein altes Leben zurück. Nein. Er sagt: „Steh auf und geh“. Gehe, bewege dich. Los. Alle Lähmung wird durchbrochen. Die Perspektive verändert sich.

Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn staunend herum wandern, zwischen den Säulen, die er nur von unten kennt. In den fünf Hallen. Die Zahl fünf, die in dieser Geschichte an die Thora, an die Gesetze, erinnert. Und während dieser Mann umher geht, ändert sich seine Sicht auf diese Gesetze, auf diese Bücher. Das gilt letztlich auch für meinen Umgang mit biblischen Texten. Wer die biblischen Texte liest und meint sie ganz zu kennen, wer alle wichtigen Verse auswendig kann, wer jeden Buchstaben der Schrift kennt und meint ihn einordnen und deuten zu können, der ist eigentlich nicht viel anders als der Kranke, der in seiner Halle sitzt, sie betrachtet und mit den Jahren in und auswendig zu kennen glaubt. „Steh auf“, sagt Jesus. Steh endlich auf. Sieh dahinter, sie genauer hin, bewege deine Gedanken, deinen Geist. Nur Mut. Es ist so heilsam die Perspektive zu wechseln, auch auf das was man meint zu kennen.

Langsam kommt er an den Teich, von dem er sich so viel erhoffte, den er aber nie glaubte erreichen zu können. Das heilende Wasser. Angeblich berühre ein Engel die Oberfläche und nur dann, in dem Moment, wo das Wasser sich bewegt, schafft es Heilung. So sagten die Menschen damals. Eines war sicher: das Wasser verändert. Wäscht ab, erfrischt. Ob er mit seinem Fuß, seiner neuen Beweglichkeit, die Wasseroberfläche berührt? Sich hinein traut? Es wird nicht berichtet. Vielleicht schaut er auch nur staunend auf das Wasser, dreht sich um, neugierig die nächsten Schritte zu wagen. Und sein Blick fällt auf die anderen. Die Menschen, die nur um die nächste Säule lagen, die er jedoch nie sehen konnte. Er sieht deren Sorgen, deren Leid und deren Ängste. Da ist Mitleid, da sind und bleiben aber auch Fragen.

Er schlendert weiter und eigentlich müssten sie sich wundern, die Umstehenden. Das ist es ja schließlich auch - ein Wunder. Der, der 38 Jahre lahm, wie gelähmt war, geht plötzlich umher. Eine Sensation - doch niemand scheint es zu greifen. Niemand fragt nach. Unfassbar.

„Es ist Sabbat, du darfst dein Bett nicht tragen“, so sagen die, die ihm begegnen. Mit anderen Worten: Los, legt dich besser wieder hin. Das tut dir nicht gut aufzusehen, aufzubegehren, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Du solltest dein Schicksal nicht herausfordern.

„Wenn Dir jemand sagt, viel zu riskant“, singt Westernhagen, „ich hab' Deinen Vater gut gekannt. Macht Dich glauben, dass er Jesus ist bis er Deine Eingeweide frisst.“

Die anderen, die wollen niederdrücken, klein halten, die neue Beweglichkeit einschränken. Nur so haben sie Kontrolle. „Wer hat dir das erlaubt?“, so fragen die am Teich. Ist das nicht zu riskant?

„Steh auf, steh endlich auf, nimm dein Bett und geh“, sagt Jesus. Bewege dich. Nimm wahr. Sei neugierig und mutig. Frei. Sei frei. Auch wenn das die anderen unsicher macht, verunsichert. Wenn sie etwas anders von dir erwarten.

Der, der immer nur auf der Stelle saß, gelähmt vom Leben an Körper und Geist, läuft plötzlich umher. Bewegung passt ihnen nicht. Veränderung ist gut, aber vielleicht doch lieber erst morgen. Sie verstehen nicht. Und als sie endlich erfahren, dass es Jesus war, der den Mann gesund gemacht hat, können sie sich wieder nicht freuen, sondern ärgern sich erneut, dass die Heilung an einem Sabbat stattgefunden hat. Der Ärger geht sogar so weit, dass sie Jesus verfolgen. Statt Freude und Hoffnung auf neues Leben empfinden sie Hass, der sich in lebensvernichtender Energie äußert. Sie merken nicht, dass sie eine einseitige Perspektive haben. Sie sitzen, wie vorher der Mann, auf ihrem Platz und blicken nur auf das was sie meinen zu verstehen.

Irgendwann wendet sich der Geheilte ab, geht weiter umher. Und steht plötzlich - so erzählt es die Bibel - im Tempel. Erst da, nachdem er vieles gesehen und gehört hat, erkennt er Jesus wirklich. Vorher wusste er überhaupt nicht, wer ihn in Bewegung versetzt hat.

Und Jesus? Er fordert ihn auf dabeizubleiben, nicht wieder in die Starre zurück zu verfallen. „Sündige hinfort nicht mehr“. Das meint so viel wie: Bleib bei mir. Sieh mich an. Bewege dich. Sieh hin und staune, sei mutig, auch wenn dich im Leben vieles lähmt und du dich einsam fühlst. Du dachtest, du hättest keinen Menschen und trotzdem bist du geheilt. Ich bin da.

"Willst du gesund werden?“, so hatte er diesen Mann bei der ersten Begegnung gefragt. Willst du neue Erfahrungen mit dir selber, mit anderen? Willst du Verantwortung für dein Leben übernehmen? Auch diese Frage steckt darin?

Wollen wir gesund werden, alles was uns lähmt, all unsere Ängste loslassen und mutig aufstehen?

„Wenn Dir jemand schwört, dass er Dich liebt“, so enden die Zeilen von Marius Müller Westernhagen. „Wenn Dir jemand schwört, dass er Dich liebt. Es keinen and'ren Menschen für ihn gibt. Wirst Du es dann glauben oder nicht. Wirst Du Dich entscheiden für das Licht. Steh’ auf. Steh’ endlich auf.“

Amen

Verfasserin: Pfarrerin Natascha Reuter, Bei der Kirche 11, 35216 Biedenkopf


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