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Gottes Macht über den Tod

von Jürgen Reichel-Odié (60596 Frankfurt)

Predigtdatum : 27.09.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 16. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 11,1.(2).3.17-27.41-45
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Wochenspruch:

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Timotheus 1,10b)

Psalm: 68,4-7a.20-21 oder 146 (EG 757)

Lesungen

Altes Testament:
Klagelieder 3,22-26.31-32
Epistel:
2. Timotheus 1,7-10
Evangelium:
Johannes 11,1 [2] 3.17.27 [41-45]

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 450
oder EG 625
Morgenglanz der Ewigkeit
Wir strecken uns nach dir
Wochenlied:
EG 113
oder EG 364
O Tod, wo ist dein Stachel nun
Was mein Gott will, gescheh´ allzeit
Predigtlied:
EG 625
Christus spricht: Ich bin die Auferstehung
Schlusslied:
EG 550
Das könnte den Herren der Welt

„Du lebst nur zweimal“ – eine Ostergeschichte im Herbst

Vorbemerkung

Einen erzählenden Predigttext erzählend auszulegen, das reizt mich. Zumal, wenn es sich dabei um den Text eines so großartigen Romanciers wie den Evangelisten Johannes handelt. Deshalb habe ich den Monolog des sterbenden Lazarus entwickelt. Nachdem der Evangelist Johannes nicht nur ständig zwischen den Erzählzeiten (Gegenwart und Vergangenheit) wechselt, sondern auch gerade an dieser Stelle sehr frei mit der Erzählfolge umgeht (Joh.11,2 zitiert als in der Vergangenheit geschehen, was erst Joh.12,1-11 erzählt wird) – ich glaube nicht an Textverderbtheiten und mangelnde Beherrschung von Grammatik und Erzählfolge: die biblischen Schriftsteller waren hochgebildete Erzähler und Schreiber ... , – fühle ich mich so frei, auch zeitgenössische Zitate in meinem Monolog des Lazarus zu verwenden – bis hin zum (einem James-Bond-Film entlehnten) Titel „Du lebst nur zweimal“. – Ich habe auch Vorschläge für Lesungen und Lieder gemacht, wobei die Predigt sich ausdrücklich auf die Lesung und das Lied nach der Predigt bezieht.

Benutzte und verwendete Literatur:
- Angela Langner, z. St., in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, Zur Perikopenreihe I, S. 327 ff., hg. v. Wolfgang Kruse, 2002
- Friedemann Oettinger, z. St., in: Textspuren, Konkretes und Kritisches zur Kanzelrede, Bd. 1, S. 197 f., hg. v. Peter Härtling, Stuttgart 1990

Liebe Gemeinde, Sie kennen das aus Zeitschriften: da wird (in manchen als eine regelmäßige Rubrik) aus einem neuen Roman ein gekürzter Abschnitt als Vorabdruck veröffentlicht, um Lust auf mehr zu machen. Ein solcher gekürzter ‚Vorabdruck’ ist der für heute vorgeschlagene Predigttext. Es handelt sich um eine Ostergeschichte – eine Ostergeschichte zum Herbstbeginn (jedenfalls kalendarisch: vor wenigen Tagen haben wir offiziell Herbstanfang gehabt), und in der deutschen Übersetzung trägt sie den Titel „Die Auferweckung des Lazarus“.

Lesung Joh. 11, 1-3.17-27.41-44

Soweit der ‚Vorabdruck’. Den ganzen Text finden Sie als 11. Kapitel des großen Romans, der als „Das Evangelium nach Johannes“ in unseren Bibeln veröffentlicht worden ist.

„Die Auferweckung des Lazarus“ – eine Ostergeschichte im Herbst. Mich fasziniert die Gestalt des Lazarus. Er gab der Geschichte den Titel, spielt ansonsten aber keinerlei Rolle, außer, dass er zu Anfang krank ist, dann stirbt und am Ende aus seinem Grab herauskommt, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch (v.44). Lazarus ... – ich versuche, mich in ihn hineinzudenken. Dazu habe ich einen Monolog entworfen. Die Situation: Der alte Lazarus spricht kurz vor seinem Tode mit seinem Lieblingsneffen. Als Titel für diesen Monolog des alten Lazarus habe ich gewählt:

„Du lebst nur zweimal“

>> Du fragst, wie das damals war, als unser Messias Jesus, mein persönlicher Busenfreund, mich wieder aus dem Grab herausholte? Mein Gott, ist das lange her. Ich selbst habe ja am wenigsten davon mitbekommen. Das meiste kenne ich auch nur aus Erzählungen. Das war ja damals Dorfgespräch, selbst in Jerusalem ereiferte man sich darüber. In der Familie wurde noch am wenigsten darüber geredet, jedenfalls, was die Einzelheiten betrifft. Du kennst ja deine Tante Marta und deine Mutter. Wer hat was wann wo gesagt oder getan – darüber konnten die beiden sich nie einigen. Und ehe es dann wieder zum Streit kam, haben sie lieber geschwiegen, Marta eher rechthaberisch und Maria eher beleidigt. So sind sie halt, meine Schwestern. Aber was viel schwerwiegender war: irgendwie war ich allen unheimlich geworden. Ein ehemaliger Toter, der schon so richtig schön vor Verwesung gestunken hatte und wie ein Gespenst aus dem Grab erschienen war ... So ein Mensch ist unheimlich. So einer lässt auf Distanz gehen. Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass ich später nie eine Frau gefunden habe.

Wie gesagt, ich selbst habe am Wenigsten etwas von allem mitbekommen. Ich erinnere mich noch deutlich an den Nachmittag, wie ich plötzlich von einem heftigen Schüttelfrost überfallen wurde und mit hohem Fieber mich hinlegen musste. Die Tage mit brennendem Fieber und wahnsinnigen Kopfschmerzen verliefen für mich halb bewusstlos im Dämmerzustand. Dass meine Schwestern, deine Mutter und deine Tante, nach Jesus schickten, habe ich gar nicht mitbekommen.
Wir waren übrigens ein seltsames Quartett, wir vier. Ich als der Jüngste, noch nicht mal zwanzig, der Benjamin, und Jesus mit Anfang Dreißig als älterer Freund. Einerseits betrachteten wir uns wie all die Anderen als seine Anhänger, als seine Jünger. Waren fasziniert von ihm, wie er die Tradition auslegte, hochaktuell und hochexplosiv. Wie er sich gab und auf die Leute zuging. Wie er die Nähe von Gottes Reich beschwor, ja, dass es bereits mitten unter uns angefangen habe. Da waren wir nicht anders als die anderen Jüngerinnen und Jünger.

Andererseits herrschte ein ganz besonderer Ton zwischen uns und Jesus. Da war etwas von spontaner Zuneigung und besonderer Nähe. Weiß Gott, wieso. Dabei begleiteten wir ihn noch nicht einmal auf seinen Reisen, waren eher so was wie sein Zuhause, wohin er sich jederzeit zurückziehen konnte (was selten genug passierte). Deine Tante Marta handfest und praktisch, deine Mutter und ich, als die Jüngeren, eher als seine Seelenverwandten. Ich muss schon sagen: das war schon so was wie eine Liebesbeziehung zwischen uns und ihm.

Das nächste, was ich dann mitbekam, war, wie ich, aufrecht, an Händen und Füßen mit Tüchern gefesselt und zugebundenen Augen, irgendwo im Freien stand und meine Schwestern mit zitternden Händen dabei waren, mich von all den Tüchern zu befreien. Ach ja – ich hörte noch Jesus sagen (ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wo der auf einmal hergekommen sei): Löst die Binden und lasst ihn gehen! (v.44) Ich bezog diese Worte gar nicht auf mich und tappte doch, völlig benommen, einfach nachhause.

Nachher, zuhause, erzählten mir Marta und Maria alles. Beim Abendessen, das Jesus dann bei uns einnahm – meine Schwestern erstarben fast vor Ehrfurcht und ich verstand immer noch nichts und Jesus war auffällig schweigsam – platze dann noch eine neu gewonnene Freundin deiner Tante herein und sang uns ein von ihr spontan komponiertes Liedchen vor. Ich glaube, du kennst es auch, die Worte jedenfalls sind ziemlich bekannt geworden:

Lied EG 652 (zweimal)

Das sangen wir dann wieder und wieder. Wir waren erfüllt von der Erfahrung, in Jesus, unserem Freund, den Messias, den Sohn Gottes, unter uns zu haben. Er an diesem Abend aber sagte wenig, er war seltsam nachdenklich, nur nach dritten Becher Wein lächelte er leicht belustigt und rezitierte ein Gedicht von Erich Fried – ein Liebesgedicht, wie er betonte:
Vorübungen für ein Wunder

Vor dem leeren Baugrund
mit geschlossenen Augen warten
bis das alte Haus
wieder dasteht und offen ist

Die stillstehende Uhr
so lange ansehen
bis der Sekundenzeiger
sich wieder bewegt

An dich denken
bis die Liebe
zu dir
wieder glücklich sein darf

Das Wiedererwecken
von Toten
ist dann
ganz einfach

Mit diesen Worten versuchte er uns, auf den Boden der Realitäten zurückzuholen. Und fügte noch einige Zeilen aus den Klageliedern Jeremias hinzu:
Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch keine Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue, o Gott, ist groß.

Der Boden der Realität bedeutete für mich, dass die Tage meiner Krankheit wie ein unwirklicher Albtraum weit hinter mir lagen und das Leben weiterging, mein zweites Leben, als wäre nichts geschehen. Nein, das stimmt natürlich nicht ganz. Da waren die wilden Erzählungen, wie ich, schon stinkend vor Verwesung, von den Toten auferweckt worden war und wie ein Gespenst aus der Grabkammer auftauchte. Und da war die seltsame Scheu, mit der mich hinfort alle betrachteten und behandelten, meine Schwestern vielleicht ausgenommen.

Oft habe ich mich gefragt, warum Jesus das mit mir gemacht hat. Und warum mit mir. Nun, was Letzteres betrifft – es war schon eine besondere Freundschaft und Nähe zwischen uns. Aber das konnte es nicht sein. Nie hat Jesus, wenn er heilte oder sonst Menschen half oder auch nur lehrte und erzählte, sich von verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Rücksichten leiten lassen. Er war immer für alle Angehörigen unseres jüdischen Volkes da, und sogar darüber hinaus. Er hatte ja auch ziemlich gezögert zu kommen, als meine Schwestern nach ihm geschickt hatten. Nein, es war eher, als ob er mir diese besondere Verantwortung zugetraut hatte, mit dem Stigma eines schon tot Gewesenen zu leben.

Ich habe lange darüber gegrübelt, warum Jesus mich von den Toten auferweckt hatte. (Darüber reden konnte ich mit fast niemandem – alle hielten mich für undankbar, wenn ich diese Frage auch nur stellte.) Nachdem er selbst auferweckt worden war, dachte ich, meine Auferweckung sei sozusagen ein Vorzeichen von Ostern gewesen, ein erster Hinweis darauf, was noch kommen würde. Obwohl er selbst es ja gar nicht wissen konnte und es auch nicht gewusst hat. Aber im Nachherein will es mir so scheinen.

Erst viel später begriff ich. Meine Auferweckung war eine Art vorweggenommener Kommentar zu seiner eigenen Auferstehung. Wie das? Daran, dass wir alle, wenn der Messias endgültig wieder kommen wird, auferstehen werden, glauben wir ja viele. Wie schon deine Tante Marta damals zu Jesus sagte: Ich weiß wohl, dass er (damit meinte sie mich) auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. (v.24) Und so verstehen nun viele Jesu Auferstehung einfach als Bekräftigung dieser allgemeinen Erwartung. Als Messias hat er uns diese allgemeine Auferstehung gleichsam vorexerziert. Aber das ich auferweckt worden bin, obgleich ich doch auch wieder sterben werde – wie deine Tante, wie deine Mutter vor mir – , das zeigt mir inzwischen eines: es gibt nicht nur ein Leben nach dem Tod – es gibt, viel wichtiger, auch ein Leben vor dem Tod! Und das in unserer Todeswelt, trotz Leid und Geschrei und Schmerz ...

Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Sondern unser Gott, der Lebendige, gepriesen sei sein Name! Irgendwann, als ich mal wieder richtig mit Gott haderte ob all des schrecklichen Leids und Elends in unserer Welt, und nirgendwo eine Aussicht, dass sich das mal ändern würde (sollen die Tränen wirklich erst am Ende der Zeit abgewischt werden?), da fiel es mir wie Schuppen von den Augen oder wie die Grabtücher damals von meinen Gliedern:

Das Leben siegt. Unser Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, gepriesen sei sein Name!, hält Treue für immer und gibt das Werk seiner Hände, also uns und unsere Welt, nicht auf. Selbst wenn jeder von uns eines Tages sterben wird und ich, wie’s ausschaut, recht bald – schon jetzt wird ER uns nicht endgültig dem Tod überlassen. Das wollte Jesus mit meiner Auferweckung zeigen. (Wenn ich jetzt daran denke, muss ich schon schmunzeln. Manchmal konnte mein Freund recht drastisch und dramatisch werden – neben dem Kammerspiel liebte er eben auch die Große Oper ... Aber schließlich geht es auch um Leben und Tod.) Und deshalb sagte er uns auch, damals, zum Abschied, am nächsten Morgen, die Verse aus Jeremias Klageliedern:
Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch keine Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue, o Gott, ist groß.
Nachdem ich das begriffen hatte, wurde mein Leben richtig leicht und frei. Trotz all des Schweren, das ich noch erleben musste und zu tragen hatte. Immer wieder erlebte ich, was Marie Luise Kaschnitz sehr schön in einem Gedicht beschrieben hat:
Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Und dann konnte ich mich wieder und wieder mit dem geradezu frechen Ausspruch unseres großen Lehrers Paulus trösten, der einmal in einem seiner Briefe unsere Propheten zitiert und geschrieben hatte: Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1.Kor.15,54b-55) In diesem Sinne wünsche ich auch dir für dein Leben – nimm es als meinen Segen! – , dass der Friede unseres Gottes, der höher ist als alle Vernunft, dein Herz und deine Sinne bewahrt – im Messias Jesus! Amen. <<

EG 113, 1.3.5.7

Pfr.i. R. Jürgen Reichel-Odie,Waidmannstr. 27, 60596 Frankfurt am Main

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