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Gottes Macht über den Tod

von Barbara Alt (35423 Lich)

Predigtdatum : 11.09.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 16. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : 2. Timotheus 1,7-10
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Wochenspruch:
„Christus Jesus hat den Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“
(2. Timotheus 1, 10 b)

Psalm: 68, 4 - 7a.20 - 21

Lesungen
Altes Testament: Klagelieder 3, 22 – 26.31 – 32

Epistel: 2. Timotheus 1, 7 – 10

Evangelium: Johannes 11, 1 (2) 3.17-27

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 162, 1 - 4 Gott Lob, der Sonntag kommt herbei
Wochenlied: EG 652 Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben
Predigtlied: EG 398 In dir ist Freude in allem Leide
Schlusslied: EG 347,4 - 6 Ach bleib mit deiner Gnade
Predigttext 2. Timotheus 1, 7 - 10
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch seiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit seinem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach seiner Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium…“

Predigt

Liebe Gemeinde,

was wir gerade gehört haben, das sind Worte, die uns in ihrer Vertrautheit wie Balsam auf die Seele herabfließen – poetisch, wohl gesetzt, wahr und zeitlos;
Worte des Zuspruchs, die der Apostel Paulus für seinen engsten Mitarbeiter Timotheus findet, um ihn in seinem Amt als Gemeindeleiter und Seelsorger zu stärken;
Worte, die uns persönlich anrühren, wenn wir unsicher und verängstigt sind, wenn wir uns bedrohlichen Entwicklungen gegenüber sehen, die alles in Frage stellen, worauf wir unser Vertrauen und unsere Hoffnung gesetzt haben;
Worte, die daran erinnern, dass ein vermeintliches Ende nicht das Letzte ist, was Gott uns zugedacht hat.

Heute ist der 11. September – ein Datum, das unauslöschlich mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 verbunden ist. Nicht nur die Schreckensbilder von damals haben uns verstört, sondern auch vieles, was danach folgte: Krieg in Afghanistan und im Irak, Terror und Aufbegehren gegen einen westlich geprägten Lebensstil, der seine Überlegenheit beweisen wollte und dessen politische Repräsentanten sich nichts anderes vorstellen konnten als eine Ausbreitung seiner Werte und Normen weltweit. Mit der Explosion der Türme durch die hinein rasenden Flugzeuge wurde nicht nur ein symbolträchtiges Bauwerk erschüttert und zerstört und mehr als 2 000 Menschen getötet. Unserem Selbstbild in Amerika und Europa wurde eine Verletzung beigebracht, die nicht verheilt ist, die uns wie ein verwundetes Tier immer wieder zur Gegenwehr ausholen ließ.

Wir haben uns abgekämpft, sind kraft- und mutlos geworden angesichts der Herausforderungen, die sich aus einer veränderten weltpolitischen Situation ergeben haben.

Wir haben vieles lernen müssen in dieser einen, globalisierten, vernetzten Welt, auf dieser einzigen Erde, die mehr als 7 Milliarden Menschen Raum geben muss zum Leben, zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer Überzeugungen. Die Flüchtlinge aus den Kriegsregionen, aus Perspektivlosigkeit, Gewaltherrschaft und bitterer Armut haben uns in unserer nur scheinbar heilen Welt aufgerüttelt. Sie haben uns neu vor die Frage gestellt, wie wir eigentlich leben wollen in diesem 21. Jahrhundert … Als Christinnen und Christen im Gegenüber zu anderen Religionen und Wertvorstellungen suchen wir nach Vergewisserung in einem Glauben, dessen Bedeutung im Alltag geschwunden ist und der doch die Wurzel darstellt, aus der unsere Weltanschauung von Freiheit und Selbstbestimmung erwachsen ist: Wo ist die Quelle, die uns belebt und erfrischt und uns zuversichtlich weitergehen lässt – aufeinander zu und gemeinsam mit anderen?

Die Worte des Apostels Paulus, die heute als Predigttext in unsere Ohren und Herzen dringen, die werden vor diesem Hintergrund mehr als Balsam und Trost für die angefochtene Seele. Sie fassen auf einzigartige Weise zusammen, was uns mit dem Evangelium von Jesus Christus geschenkt ist. Sie klingen unerschrocken und programmatisch. Sie spiegeln eine ungeahnte Gewissheit.

Dabei waren die Verhältnisse damals, noch am Anfang unserer Zeitrechnung, als das Christentum noch nicht zwei Jahrtausende Tradition mit sich trug, die es allzu selbstverständlich erscheinen lassen, ebenso im Umbruch.
Paulus schreibt aus der Gefangenschaft in Rom. Er hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, für seine Glaubensüberzeugung einzustehen, so wie es mit und nach ihm vielen anderen Frauen und Männern ergangen ist, die um ihres Glaubens willen verfolgt, bedroht, gefoltert und getötet wurden und werden.
Nachfolge auf dem Weg Jesu heißt immer wieder auch Nachfolge im Leiden, in der Ablehnung und Verachtung. Nachfolge ist nichts, was Ehre und Anerkennung verschafft. Schamhaftes Verschweigen ist nur dort angesagt, wo der Weg des geringsten Widerstandes gesucht wird. Doch der Apostel beschwört Timotheus geradezu, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen, sondern seine Sendung in Erinnerung zu rufen, nachzuspüren, welche Ermutigung ihm durch Handauflegung zuteil geworden ist.
Nein, einen Geist der Furcht haben wir als Christinnen und Christen wahrhaftig nicht von Gott erhalten. Es gibt zahllose Beispiele eines furchtlosen Engagements für die Botschaft des Friedens und der Versöhnung, der Toleranz und der Mitmenschlichkeit, die uns gerade die Angst nehmen und zu einem erfüllten Leben beitragen will. Kein Terror und Hass kann diese Botschaft zum Schweigen bringen. Sie wird immer neu als zartes Hoffnungsgrün die Schwere des Alltags durchbrechen!

Wenn es aber der Geist der Furcht vor manchen Ungewissheiten der Zukunft nicht ist – welcher Geist ist uns denn stattdessen verheißen?

Der Geist der Kraft ist es – der hat nichts mit Krafttraining der Sportler zu tun, sondern lässt uns an Bevollmächtigung und Stärkung durch Zuspruch und Segen denken, wie wir ihn in der Kirche immer wieder empfangen und weitergeben.
Kraft wird wirksam durch Vergewisserung, durch gemeinsame Besinnung auf das, was uns trägt.
Kraft zeigt sich als Widerstandskraft, als Standhaftigkeit – durchaus im Sinne unseres Reformators Martin Luther.

Der Geist der Liebe ist es, der uns verheißen ist – ohne Liebe wäre alles, was wir tun, seelenlos und leer. Die Liebe zum Nächsten neben uns, wer immer er oder sie sein mag, lässt uns über uns hinauswachsen, macht alle Anstrengungen um ein friedliches Zusammenleben, um Integration erst möglich und steht im Zentrum unseres Glaubens. Die Liebe hilft uns, mit Verschiedenheiten in den eigenen Reihen umzugehen und sie zur gegenseitigen Bereicherung weiter zu entwickeln.

Und der Geist der Besonnenheit ist es, auf den wir vertrauen dürfen – er kann uns bei Entscheidungsfindungen leiten, uns vor Überreaktionen und Schuldzuweisungen bewahren. Er lässt uns durchatmen und noch einmal neu anfangen, wo eine Situation verfahren ist.

Für einen unser Denken und Glauben prägenden Theologen wie Paulus muss sich wahrhaftig niemand schämen. In nur wenigen Versen entfaltet er, auf welche Gewissheit wir uns stützen können, wenn wir in Bedrängnis geraten: Keiner kann uns etwas anhaben oder uns von Gottes Liebe trennen, da wir durch Jesus Christus gerettet und herausgerufen sind. Es ist Gottes erklärter Wille, uns dies allein aus Gnaden und nicht abhängig von eigenem frommen Bemühen zuteilwerden zu lassen. Was er vor aller Zeit beschlossen hat, offenbart sich im Glauben an Jesus Christus. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Macht des Todes gebrochen. Das Leben, die Unvergänglichkeit ist ans Licht gekommen, ist unzerstörbar geworden, unzerstörbar auch durch menschliche Machtanmaßung. Daraus erwächst die christliche Freiheit, die sich nicht einschüchtern lässt, was auch jetzt oder zukünftig geschieht.

Seit mehr als 70 Jahren leben wir in Frieden und haben unser Auskommen. Zum Glück fehlt den meisten von uns die Erfahrung existentieller Bedrohung von außen. Was uns in Angst versetzt, ist die Gefährdung der eigenen Gesundheit oder der Verlust lieber Menschen. Sorgen macht uns, wenn die materielle Lebensgrundlage schwindet. Das große Versprechen der Rettung vom Tod durch unseren Heiland Jesus Christus muss sich auch in den unspektakulären Situationen des Lebensalltages bewahrheiten, damit wir ihm trauen können, wenn es ernst wird.

So ist schon etwas im Glauben gewonnen, wenn wir weniger angstvoll die Veränderungen um uns herum wahrnehmen und uns nicht einreden lassen, dass wir uns abschotten und einigeln müssen gegen alles Fremde und Unverständliche.

Gottes Geist ist schon am Wirken, wenn wir im Streit keine Fäuste ballen, sondern einen Schritt innerlich zurücktreten können und dem anderen etwas zugutehalten, seine Position zu verstehen versuchen.

Der Tod hat schon seine Macht verloren, wenn wir uns in Krankheit und Leid nicht allein gelassen fühlen müssen, sondern aufgehoben sind in liebevoller Zuwendung in der Familie, im Krankenhaus oder in einer Betreuungseinrichtung.

Wir erfahren die Unvergänglichkeit des Lebens, wenn nach einer Zeit der Trauer oder der Depression wieder Zuversicht aufkeimt und nicht mehr alles in uns wie gelähmt erscheint.

Wenn wir auf Jesus sehen, der um der Liebe zu den Menschen willen den Tod nicht gescheut hat, kann uns Mut zuwachsen, sobald uns etwas zugemutet wird, was wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Dann singen wir getrost und mit Leichtigkeit wie im nächsten Lied: „Wenn wir dich haben kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod. Du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not.“

Und der Friede Gottes, höher als unsere Vernunft, bewahre unsere Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen



Verfasserin: Dekanin Barbara Alt
Ludwigsburg 1, 35423 Lich


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