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Gottes Ruf gilt gebrochenen Existenzen

von Felizitas Muntanjohl (65549 Limburg)

Predigtdatum : 08.02.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Septuagesimae
Textstelle : Matthäus 20,1-16a
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Wochenspruch:

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Daniel 9, 18)

Psalm: 31 (EG 716)

Lesungen

Altes Testament:
Jeremia 9, 22 – 23
Epistel:
1. Korinther 9, 24 – 27
Evangelium:
Matthäus 20, 1 – 16a

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 277
Herr, deine Güte reicht, so weit
Wochenlied:
EG 409, 1-6
Gott liebt diese Welt
Predigtlied:
EG 502, 1-5
Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit
Schlusslied:
EG 157
Lass mich dein sein und bleiben

1 Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der früh am Morgen ausging, Arbeiter zu dingen in seinen Weinberg. 2 Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Silbergroschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
3 Und ging aus um die dritte Stunde und sah andere an dem Markte müßig stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat gleich also. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand gedingt. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg.
8 Da es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang dabei, an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt waren, und empfing jeder seinen Groschen. 10 Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen. 11 Und da sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausvater 12 und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichbehandelt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
13 Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden, dass du einen Groschen bekommst? 14 Nimm, was dein ist, und gehl Ich will aber diesem letzten genauso viel geben wie dir. 15 Habe ich nicht das Recht, zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
16 So werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein.

Liebe Gemeinde!
„Wenn mir das wirklich bei der Arbeit passieren würde, dann würde ich am nächsten Tag auch erst eine Stunde vor Schluss kommen!“ Das ist die Reaktion wohl der meisten auf diese Geschichte. Es ist ja geradezu unglaublich und kommt uns ausgesprochen ungerecht vor, wie da dieser Hausherr mit seinen Arbeitern umgeht. Wer würde da noch sich abstrampeln wollen, wenn er um solche Behandlung vorher wüsste!
Nun will aber Jesus ja nicht einen Tarifvertrag für Arbeitgeber ausarbeiten. Er will ja mit dieser Geschichte keinen Ratschlag für die Wirtschaft geben. Sondern er redet von einem viel grundsätzlicheren Verhältnis: nämlich dem zwischen Gott und einem Menschenleben.
Und wenn Jesus von Gottes Beziehung zum Menschen redet, dann tut er das oft mit ganz verrückt anmutenden Geschichten.
Denken Sie nur an den Hirten, der seine 99 Schafe alleine lässt, um eines zu suchen. Oder die Frau, die ein großes Fest mit ihren Nachbarinnen feiert, weil sie einen unter den Küchenschrank gerollten Groschen wiedergefunden hat.
Immer wieder redet Jesus von Gott als von einem ganz überraschend und oft unverständlich reagierenden Wesen. Und wenn wir es uns genau überlegen, dann trifft das ja auch darauf zu, wie wir die Wirklichkeit erleben: wir verstehen Gottes Handeln in der Welt auch oft nicht. Manchmal ist er uns viel zu still, und oft erscheint er uns auch ungerecht. Sollte nicht wenigstens bei ihm Gerechtigkeit zu erkennen sein, wenn wir sie schon nicht durchhalten können?

*
Nun scheint mir aber, wir haben eine ganz andere Vorstellung von dem, was gerecht wäre, als das, was Jesus als Gottes Gerechtigkeit beschreibt. In der Geschichte heißt das: Gott hat mit den Menschen einen Groschen Lohn ausgemacht. Sie beklagen sich aber am Ende, weil sie meinen, sie hätten im Verhältnis zu anderen mehr verdient.
Liegt nicht auch für uns darin das Ärgerliche, dass wir uns vergleichen mit anderen, die es vielleicht besser haben? Wir meinen ja gar nicht, dass wir eine Mittelmeerkreuzfahrt verdient, hätten, – aber wenn andere das geschenkt bekommen, warum dann wir nicht? Das ist nun noch ein harmloses Beispiel, weil wir daran nicht weiter hängen. Was ist aber, wenn wir den Eindruck haben, wir haben uns lange um etwas bemüht, und ein anderer bekommt es ohne viel Mühe geschenkt? Zum Beispiel die Gesundheit. Der eine ist bis ins hohe Älter rüstig, der andere plagt sich schon als junger Mensch mit Krankheiten herum. Der eine arbeitet sein Leben lang hart und hat im Alter kaputte Knochen, der andere trifft es von Kindheit an gut und hat im Alter Zeit und Geld und Kraft, das Leben zu genießen. Das ärgert uns, und da empfinden wir Gott als ungerecht. Warum hat es der andere besser als ich? Hätte ich es dann nicht auch besser verdient?

*
Was im Leben haben wir eigentlich verdient? Haben wir verdient, dass wir gesund geboren werden? Haben wir verdient, dass unsere Eltern genug zu essen hatten, dass wir nicht verhungerten? Haben wir verdient, dass wir in diesem Land leben und damit in gesicherten Verhältnissen?
Ist nicht all das schon ein Geschenk, ein Umstand, der nicht selbstverständlich ist? Könnte ich nicht genauso gut in Israel leben und um mein Leben fürchten müssen; oder im Irak und mit meinen Kindern einem gewissenlosen Diktator ausgeliefert; oder in Litauen geprägt von der langen Geschichte geraubter Freiheit? Oder hier als Kind süchtiger Eltern, die ihre Hilflosigkeit, zu leben an mich weitergeben?
Was haben wir verdient von dem, was wir haben? Nicht mal ein gerechter Lohn für die getane Arbeit ist doch selbstverständlich, der Laden mit Gemüse ist es nicht und auch nicht das eigene Stück Land. Nicht mal das Leben selbst, das jeden Tag gefährdet ist auf vielerlei Weise.

*
Wenn ich zurückfrage, bleibt doch letztlich nur das: Da schenkte mir einer das Leben, er umgab mich mit ungewöhnlich guten Bedingungen und setzte mich in eine Welt, die von ihm in reicher Weise ausgestattet ist.
Und was ist nun? Nun ruft er mich zum Handeln, zur Arbeit in dieser Welt. Der eine hört den Ruf schon früh im Leben. Kaum zur Sprache erwacht, fragt er nach dem Anfang und nach dem Sinn des Lebens und hört den Ruf in ein verantwortliches Leben vor Gott.
Ein andrer hört den Ruf erst später. Zuerst war die Schönheit des Lebens wie selbstverständlich. Und erst später kam der Bruch in dem unbekümmerten Leben und damit die Frage nach Gott und der Gerechtigkeit. Und dann hört auch der den Ruf zum Einsatz für die Würde und den Wert des Lebens in der Welt.
Und wieder ein anderer macht sich nichts daraus und lebt die meiste Zeit seines Lebens nach dem Motto: „Keiner denkt an mich, nur ich denk an mich.“ Er sieht zu, dass er nicht zu kurz kommt. Gerechtigkeit ist, wenn er selbst nicht weniger hat als andere. So geht es auch bergauf, und er erreicht eine Menge. Und erst nach dem Höhepunkt des Lebens kommt die Zeit der Zweifel und der Fragen. Und erst im Alter merkt der Mensch, dass da etwas Wesentliches fehlte. Etwas, das er sich nicht erarbeiten und nicht verdienen konnte. Und das doch erst dem Ganzen seinen Wert und seine Bedeutung gegeben hätte, die über sein persönliches Leben hinausreichte. Und vielleicht findet auch er noch dies Geheimnis des Geschenks, das ihn sein Leben lang begleitete, das er aber nie bemerkte.

*
Wir sind so oft unzufrieden mit unserem Leben, weil wir dachten, es sei dazu da, dass wir es gut haben. Wir vergleichen uns mit gesünderen Menschen oder mit erfolgreicheren oder mit reicheren und klagen über die Ungerechtigkeit der Welt.
Wir übersehen aber dabei, dass wir eine Menge mitbekommen haben für unsern Weg durchs Leben. Und dass die Hauptsache ist, dass wir den Ruf hören, mit dem Gott uns in seinen Weinberg ruft. Ob wir nun früher oder später Gott begegnen in unserm Leben – das ist nicht so wichtig. Es kommt darauf an, dass wir hinfinden zu dem „Hausvater“ unserer Welt und uns den Arbeitern darin anschließen.

*
„Was haben wir davon?“ Mit der Geschichte antwortet Jesus auf diese Frage seiner Jünger. „Was kriegen wir dafür, dass wir nun so viel aufgegeben haben für dich?“ Denn Jesus nachfolgen heißt ja oft, es sich zu verderben mit seiner Familie, mit seinen Nachbarn und Freunden, bespottet zu werden oder ausgelacht. Sich öffentlich zu Jesus zu stellen ist ja oft eine peinliche Angelegenheit und kostet eine schwere Entscheidung.
Es ist keine leichte Sache, zur Kirche zu gehören. Gerade dann, wenn zur Entscheidung steht, ob man lieber tut, was Jesus richtig fände, oder was die Leute schöner finden.
Was kriegen wir dafür? Es ist kein Geld und ist auch keine große Ehre. Es sind vielleicht eine Art neue Brüder und Schwestern, aber vor allem ist es dies: Gottes Silbergroschen. Es ist der von Anfang an versprochene Lohn, zu ihm zu gehören, zu erfahren oder zu erkennen, dass er sich uns schenkt, er in unser Leben eintritt und eingetreten ist und wir so einen festeren Halt haben als in den Zufälligkeiten des Schicksals.
Es ist ein Stück Himmelreich, das wir bekommen, wenn wir uns zu ihm stellen. Es ist die Erkenntnis, mit wie viel Gutem er uns beschenkt hat. Es ist die Freude, eine Aufgabe zu haben, die alles Arbeiten im Alltag durchdringt und ihm eine größere Bedeutung gibt. Es ist das atemberaubende Geschenk, dass wir in manchen großartigen Momenten spüren: Hier ist Gott, ganz und gar bei mir. Ich bin von ihm gerufen, Sinn in diese heillose Welt zu bringen, hier an diesem Ort, Gott und ich, ein Paar, das niemand trennen kann, ein Salzkorn für die Welt. Hier beginnt das Reich Gottes, das Neid und Gewalt und Hass überwinden will. Gott möchte die Welt heil machen. Und mich ruft er, dabei mitzuhelfen.
Das ist Gottes Silbergroschen für uns. Der Lohn für Klein und Groß, Jung und Alt. Für jeden, der mitarbeitet in Gottes Weinberg.

Verfasserin: Pfarrerin Felizitas Muntanjohl, Gartenstraße 23, 65549 Limburg/Lahn

Nachwort des Herausgebers: Vorangestellt ist der Predigttext hier ausnahmsweise in der Lutherübersetzung von 1964, den die Verfasserin verwendet hat. Die Predigt stammt aus dem Jahr 1991. Daraus erklärt sich die Anspielung auf den Diktator im Irak.

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