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Gottes Ruf gilt gebrochenen Existenzen

von Dorothea Söllig

Predigtdatum : 20.02.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Septuagesimae
Textstelle : Lukas 17,7-10
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Wochenspruch: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ (Daniel 9, 18)

Psalm: 31 (EG 716)

Lesungen
Altes Testament: Jeremia 9, 22 – 23
Epistel: 1. Korinther 9, 24 – 27
Evangelium: Matthäus 20, 1 – 16 a


Liedvorschläge
Eingangslied: EG 451, 1 - 4 Mein erst Gefühl sei Preis und Dank
Wochenlied: EG 409, 1 – 8 Gott liebt diese Welt
Predigtlied: EG 451, 5 - 10 Lass deinen Segen auf mir ruhn (Fortsetzung Eingangslied)

Schlusslied: EG 432, 1 - 3 Gott gab uns Atem, damit wir leben


Vorbemerkungen zur Predigt:

Es geht in diesem provokativen Gleichnis Jesu darum, die Hörer zu einem Bedenken ihres Verhältnisses zu Gott zu bewegen. Sie sollen ermutigt werden, ihn als Herrn anzuerkennen und ihm gern und mit Freude zu dienen. Jesus als Erzähler eröffnet mit seiner Person einen Erkenntnisraum, in dem der Herr in seiner fürsorglichen und dienenden Art erkennbar wird als einer, der gerade nicht dem Schema dieser Welt entspricht, aber gerade deshalb maßgeblich für das Handeln seiner Nachfolger wird.

Der in Klammern gesetzte Satz kurz vor dem Schluss der Predigt kann je nach Gemeindesituation verwendet oder auch weggelassen werden. Im aktualisierten Gleichnis sollte der Name einer örtlichen Gaststädte eingesetzt werden.

Die Bild- und Sachebene sind durch die Begrifflichkeit Herr und Knecht bzw. Diener sowie Chef und Angestellter geprägt. Der Einfachheit halber wurden diese Begriffe verwendet, ohne jeweils die feminine Form daneben zu stellen. Es sollte dem Ermessen jeder Predigerin und jedes Predigers vorbehalten bleiben, wie er oder sie dem Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit bei diesen Bezeichnungen gerecht werden möchte.

Die Verfasserin hat die Predigt gemeinsam mit dem Bibelgesprächskreis der Kirchengemeinde Schleusingen entwickelt.


Liebe Gemeinde,

gern hat Jesus in Gleichnissen geredet. So auch hier. Er erzählt. Ein Bauer hat einen Knecht. Den schickt er zur Arbeit aufs Feld und in den Stall. Der Knecht kommt abends ins Haus. „Bereite das Abendessen“, sagt ihm der Herr, „dann hast Du Feierabend und kannst auch essen“.

So war es üblich. So geschah es tagtäglich.
Was würde Jesus heute für ein Beispiel wählen? Vielleicht dies: Ein Steuerberater hat einen Angestellten. Den schickt er morgens in den Außendienst. Nach vielen Kundengesprächen kommt der Angestellte am Nachmittag ins Büro. Sein Chef forderte ihn auf: „Erfassen Sie nun noch ihre Tagesergebnisse im Computer. Bereiten Sie die Besprechung für morgen vor und reservieren Sie uns einen Tisch im Gasthaus zur Sonne (örtliches Restaurant einfügen) für das Geschäftsessen morgen Mittag. Wenn Sie das alles erledigt haben, können Sie für heute Feierabend machen.“

So ist es üblich, so geschieht es täglich.
Die Rollenverteilung ist klar. Der Chef sagt, was zu tun ist. Der Knecht oder Angestellte erfüllt seine Aufgaben.

Jesus fragt: „Wer von euch wird denn den Knecht gleich auffordern! Setz dich zu Tisch, wenn noch nicht einmal die Hausarbeit erledigt ist?“ „Niemand natürlich!“ Werden alle gedacht oder gesagt haben. „So etwas macht doch niemand! Erst die Arbeit, dann die Freizeit (das Vergnügen)!“ Jesus fragt: „Wird der Herr dem Knecht danken für die Arbeit, die er ihm befohlen hatte?“„Warum sollte er?“ werden alle gedacht oder gesagt haben: „Natürlich nicht! Es hat doch nur seine selbstverständliche Arbeit getan!“

Stellen Sie sich vor, Sie sind der Chefsteuerberater. Würden Sie zu Ihrem Angestellten sagen: „Nun legen Sie erst einmal die Beine hoch und trinken Sie einen Kaffee!?“ Auch, wenn noch nicht alle Arbeiten erledigt sind und außerhalb der regulären Pause? Wohl kaum! Würden Sie als Chef für den Angestellten nach einem ganz normalen Arbeitstag eine Dankesrede halten? Vielleicht zu einem Dienstjubiläum oder bei außergewöhnlichem Einsatz, aber doch sicher nicht im ganz normalen Alltagsgeschäft.

Liebe Gemeinde,

die Rollenverteilung ist klar. Der Herr befiehlt dem Knecht. Der Chef beauftragt den Angestellten. Die Begriffe haben sich geändert. Die Arbeitswelt und der Umgang zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch. Grundsätzlich ist es so geblieben: Der Herr oder Chef gibt die Aufträge, der Knecht oder Angestellte übernimmt seine Aufgaben und führt sie aus. Er wird und kann dafür keine besonderen Belobigungen erwarten. Darin waren Jesus und seine Zuhörer sich ganz sicher einig.

Jesus erzählt. Jesus fragt. Jesus stellt die Übereinkunft her.
Ja, so war es, so ist es und so ist es normal. Jesus erzählt zunächst so, dass sich seine Zuhörer mit dem Chef identifizieren und ihm Recht geben. Dann aber redet er seine Zuhörer direkt an. Ich lese Vers 10 noch einmal nach der „Guten Nachricht!“

So ist es auch mit euch. Wenn ihr alles getan habt, was Gott euch be-fohlen hat, dann sagt: „wir sind nur Diener, weiter nichts; wir haben nur getan, was uns aufgetragen war.“

Jetzt redet er seine Zuhörer anders an. „Wir sind nur Diener“ sollen sie sagen. Jetzt redet Jesus seine Zuhörer so an, dass sie sich mit dem Diener identifizieren. Das ist eine erstaunliche Wendung. Sie weckt die Frage: Wer bin ich? Bin ich ein Diener, ein Knecht, ein Angestellter, oder bin ich der Herr oder der Chef? Wer sind Sie? Sind Sie Angestellter, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Chef? Im Alltag finden wir uns in verschiedenen Rollen vor. Oft sind wir beides zugleich, haben Vorgesetzte, denen wir uns unterordnen müssen und Mitarbeiter, die uns unterstellt sind. Zu Hause hat einer mehr das Sagen als der Andere, aber nicht in jeder Hinsicht. Einer bestimmt mehr, was gekocht und eingekauft wird, der andere eher, wohin der Urlaub geht. Untereinander sind wir mal mehr Knecht, mal mehr Herr, und manchmal beides zugleich.

Jesus knüpft an diese unsere Lebenserfahrung an. Auf diesem Hintergrund nimmt er unser Verhältnis zu Gott in den Blick. Indem er seinen Zuhörern sagt: „Wenn ihr alles getan habt, was Gott euch befohlen hat, dann sagt: „wir sind nur Diener, weiter nichts; wir haben nur getan, was uns aufgetragen war.“ Jesus stellt es klar in den Raum: Gott ist der Herr. So holt er uns erst einmal von dem hohen Ross, auf dem wir manchmal sitzen und meinen, unsere eigenen Herren zu sein. Jesus stellt geradezu provokativ in den Raum, dass Gott der Herr ist. Damit bewegt er seine Zuhörer dazu, in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Wer ist Gott für mich? Kann ich akzeptieren, dass er der HERR ist? Bringe ich ihm Anerkennung entgegen? Lasse ich mir von ihm etwas sagen? Nehme ich wahr, dass er mir etwas befohlen hat? Will ich das überhaupt, mir etwas befehlen lassen? Wie geht es mir damit? Wer ist schon gern Knecht? Diener sein, ist das erstrebenswert? Da regt sich Widerstand. Innere Unruhe kommt auf. Ich denke nach! Ich muss mich entscheiden. Gehe ich weg, und sage: Nicht mit mir? Oder komme ich näher und sage: Ja, Du bist der Herr über mein Leben, Gott, auch wenn ich es oft vergesse und dich ignoriere in meinen alltäglichen Entscheidungen.

Wenn ich nicht weggehe, wenn ich den Herrn akzeptiere, dann geht das Fragen weiter: Habe ich alles getan, was mir aufgetragen war? Was ist mir überhaupt aufgetragen? Wie ist er so, dieser Herr, Gott als Chef? Ich überlege, was ich noch so von ihm gehört habe. Jesus nennt ihn nicht immer „Herr“. Er nennt ihn oft Vater im Himmel. Ein Vater ist ja auch eine Art Chef. Aber einer, der es gut meint und fürsorglich ist. Trotzdem und gerade deshalb erwartet er, dass ihn die Kinder akzeptieren, achten und auf ihn hören. Jesus erzählt vom Vater im Himmel, der für uns sorgt und uns zugleich ganz viel zutraut. Er erzählt, wie gut es dieser Chef mit seinen Knechten und Kindern meint. So motiviert er sie, ihn zu akzeptieren und nach seinem Willen zu handeln. Jesus rückt die Vorstellung zurecht, dass Gott uns verpflichtet sei, und wir das Recht hätten, große Ansprüche an ihn zu stellen. Er bewegt uns zu einem Lernprozess, so wie die Mutter in folgender kleinen Geschichte ihren Sohn.

Hans ist acht Jahre alt. Hans braucht Geld. € 3.50. Er möchte sich
etwas dafür kaufen. Verdienen kann er noch nichts. Bitte sagen
mag er nicht. Da fällt ihm etwas ein: Er schreibt seiner Mutter eine
Rechnung:
Anziehen der kleinen Schwester 0,50 €
Aufpassen 1,00 €
Einkaufen 2,00 €
macht zusammen 3,50 €

Vor dem Mittagessenlegt er diese Rechnung heimlich unter den Teller der Mutter. Mutter findet den Zettel. Sie liest ihn. Sie schaut Hans an. Sie sagt kein Wort. Sie legt den Zettel weg. Hans weiß gar nicht, was er davon halten soll. Er ist ganz aufgeregt. Am Abend liegen unter seinem Kopfkissen zwei Umschläge.
Im ersten Umschlag sind 3,50 €.
In dem anderen Umschlag liegt
ein Zettel: Rechnung der Mutter:
Für Essen und Trinken 0,00 €
Waschen und Bügeln 0,00 €
Flicken von Hosen 0,00 €
Pflege bei Krankheit 0,00 €
Erziehung 0,00 €
Hinbringen zu Sport, Musik, und Freunden 0,00 €
Trösten bei Kummer 0,00 €
Liebhaben 0,00 €
macht zusammen 0,00 €

Als Hans das liest, wird er sehr nachdenklich. Leise geht er in die
Küche und legt das Geld auf den Küchentisch. Dann geht er schnell
wieder ins Bett.

So, wie zwischen Mutter und Sohn, verhält es sich mit Gott und uns. Wir haben es gar nicht nötig, Gott verpflichten zu wollen und große Ansprüche an ihn zu stellen. Damit zeigen wir nur unser geringes Vertrauen und unsere mangelnde Achtung vor ihm. Dieser Herr ist ja immer schon für uns da wie ein fürsorglicher Vater und eine liebevolle Mutter zugleich und ist gerade so der große Gott und der Herr der Welt. Ja, mehr noch. Wiewohl er der Chef des Ganzen ist, macht er, was Menschen damals und heute normalerweise für unmöglich halten. Der Chef macht sich selbst zum Diener der Diener.

Jesus schürzt sich und wäscht seinen Jüngern die Füße. Er bedient sie tatsächlich bei Tisch, wiewohl es umgekehrt der Normalfall wäre. Was wir zu tun schuldig sind, soll und kann darum nur richtig geschehen aus Dankbarkeit. Der Junge in der Geschichte hat es begriffen. Die Mutter tut ungleich mehr für ihn, als er für sie tun kann. Nun schämt er sich, eine Gegenleistung gefordert zu haben. Begreifen wir, wie sehr der Herr mit seiner Liebe für uns in Vorleistung gegangen ist! So wird es uns leicht, ihn zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit unserem ganzen Verstand und allen Kräften, und unseren Nächsten wie uns selbst. (Und wenn wir es doch nicht schaffen, zu tun, was wir schuldig sind, dann hat es doch Jesus geschafft, vor uns und für uns, und in ihm Gott, der Chef selbst.)

Das Gleichnis lehrt uns, Gott zu akzeptieren als guten und fürsorglichen Chef, als den Vater im Himmel, dem wir vertrauen können, und für den wir dankbar, gern und selbstverständlich unsere Arbeit tun.
Amen.

Verfasserin: Pfarrerin Dorothea Söllig, Johanniskirchplatz 6, 98553 Schleusingen
Die Predigt wurde erstellt gemeinsam mit dem Bibelgesprächskreis der Ev. Kirchengemeinde Schleusingen.

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