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Heilung an Leib und Seele

von Martin Bender (55128 Mainz-Bretzenheim)

Predigtdatum : 06.10.2002
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 18. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : 2. Mose 34,4-10
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Wochenspruch:

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
(Jeremia 17,14)

Psalm: 32,1-5.10-11 (EG 717)

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 34,4-10
Epistel:
Epheser 4,22-32
Evangelium:
Markus 2,1-12

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 289
Nun lob, mein Seel, den Herren
Wochenlied:
EG 320
Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren
Predigtlied:
EG 127,6+7
Durch dich besteht der neue Bund
Schlusslied:
EG 304,5+6
Danket dem Herren

Liebe Gemeinde,
wir alle kennen die großen Feste des Kirchenjahres und die dazu gehörigen Zeiten: Weihnachten mit der Adventszeit davor und der Epiphaniaszeit danach, die Passionszeit mit dem Höhepunkt Karfreitag, dann Ostern mit der österlichen Zeit, Himmelfahrt und Pfingsten. Dann kommt der Trinitatis-Sonntag und danach bis zu 25 „Sonntage nach Trinitatis“. Diese Zeit ohne bestimmte Feste ist darauf ausgerichtet, die Bibel nach ihren wesentlichen Aussagen durchzuforsten und alles das an biblischer Aussage zur Sprache zu bringen, was nicht an ein besonderes Kirchenfest gebunden ist.
So gibt es neben dem Gedenktag für Israel die Leitthemen „Taufe“, „Liebe“, „Erbarmen“, „Richten“, „Nachfolge“ usw. Der thematische Leitgedanke des heutigen Sonntags ist die Sünde.
Dieses Wort wird meistens missverstanden. Es gibt keine Einzel-Sünden, Es gibt nur die Sünde schlechthin. Und aus ihr folgert alles, was wir in vereinfachter Sprache dann als „Sünden“ bezeichnen.
Sünde ist der Zustand der Absonderung des Menschen von Gott. Da ist ein Sund zwischen ihm und uns. Ein Sund ist ein Wasserlauf, ein tiefer Graben, der ein Land in zwei Teile zerschneidet oder eine Insel vom Festland trennt. Sünde ist das, was uns von Gott trennt. Und aus dieser Trennung resultiert das Verhalten im Einzelfall, das mit Gottes Willen nicht vereinbar ist.
Die Geschichte des Gottesvolkes - der Juden und der Christen - ist voll von großen und kleinen Abtrünnigkeiten von Gott und Rückkehr zu ihm. Aus einer derartigen Geschichte ist unser heutiger Predigttext entnommen.
4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! 8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an 9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. 10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.
Ein kleiner Ausschnitt nur aus einem großen Geschehen ist es, was wir gerade gehört haben. Nur ein Teil eines Ereignisses von großer Tragweite, Die meisten von uns kennen ja diese Geschichte noch aus dem Religionsunterricht. Erinnern wir uns noch einmal an den Zusammenhang: Da hat also Mose mit großer Mühe erreicht, dass sein Volk nach vielen Jahrzehnten aus Ägypten auswandern darf. Sie sind durch das Meer hindurch gezogen und wurden von den Verfolgern befreit. Jahr für Jahr sind sie durch die Wüste Sinai gezogen und haben nach neuer Heimat gesucht.
In diese Situation hinein schließt Gott seinen Bund mit seinem Volk. Er teilt Mose seinen Willen mit, den dieser dann auf zwei steinernen Tafeln dem Volk präsentiert. Was darauf steht - die sogenannten 10 Gebote - sind aber keine Befehle, sondern Bestandteile des Vertrages, den Gott mit seinem Volk schließt. Er hat sie aus der Knechtschaft heraus geführt und ihnen zugesagt, sie zu einem großen Volk zu machen.
Dieses Angebot akzeptieren sie, indem sie nach seinem Willen ihr Leben gestalten. Es sind keine Gebote, sondern Angebote: Du tust das, was für euer Leben als Volk das Beste ist, und ich werde euch weiterhin fördern und bewahren.
Mose erhält auf dem Berg das Wort von Gott, das er in die Tafeln einträgt, die 10 Artikel des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, und als er mit diesem Bund, diesem Vertrag zu seinem Volk kommt, sieht er, dass es von Gott abgefallen ist. Ausgerechnet sein Bruder Aaron hat das Volk aufgestachelt zur Abgötterei und hat das goldene Kalb gegossen.
Was ist geschehen? - Das Volk ist wieder einmal ungeduldig geworden, weil es nicht weiter geht mit der Wanderung in das Gelobte Land. Mose ist auf dem Berg, um mit Gott zu reden - wer weiß, ob er jemals wieder herunter kommen wird. Also muss man sich doch nach einer anderen Führung umsehen. Das ist Untreue gegen Gott, Abfall von ihm. Das ist die Sünde.
Mose wird zornig. Er sieht den Vertrag, den Bund, den Gott soeben mit dem Volk abgeschlossen hat, als nichtig an. - Er zerschmettert die Tafeln mit dem Vertragstext.
Das ist so, als wenn wir eine Vertrags-Urkunde zerreißen und sagen, nach Wegfall der Geschäftsgrundlage sei sie das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben ist.
Gott hat anderes vor mit seinem Volk. Er will sich nicht trennen von ihm. Gott macht nicht so schnell Schluss mit den Menschen wie die Menschen mit ihm. Er gibt Mose den Befehl, zwei neue Tafeln zu machen, um erneut den Bund darauf zu schreiben. Es ist mühsam für Mose, aber es lohnt sich.
Mose tut das, was Gott ihm befohlen hat und steigt wieder auf den Berg. Dort begegnet er Gott erneut. Dabei kommt es zu dem großen Gebet, einem der größten und bedeutendsten Gebete überhaupt, die uns in der Bibel überliefert sind:
„Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!
Habe ich, Herr, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Mose betet für sein Volk, er stellt sich mit hinein in den Kreis der Abgefallenen und Sünder, derer, die sich von Gott abgesondert haben und sich damit in den Zustand der Sünde begeben haben. Er nimmt sich nicht aus, sondern er nimmt sich mit hinein, er solidarisiert sich mit ihnen - nicht um sich der Sünde anzuschließen, sondern um als einer der ihren sprechen zu können. Er ist sich dessen bewusst, dass auch er nicht frei ist von Sünde, dass auch er schon versucht hat, sich von Gott zu lösen.
Aber er hat auch selbst erfahren: Gott streckt immer wieder seine Hand aus. Gott nimmt uns hinein in seinen Plan. Dies erbittet nun Mose für sein Volk. Und Gott antwortet: „Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des Herrn Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.“
Es ist einer der zentralen Texte des großen Bundes. Da steht zuerst das Angebot, die Zusage Gottes, was er an seinem Volk tun will. Und erst danach kommt im Detail, was er als Gegenleistung von seinem Volk erwartet. Er befiehlt Mose, das auf die Tafeln zu schreiben.
Es ist nicht so, wie es immer wieder gesagt und geglaubt wird, dass Gott die fertigen Tafeln an Mose übergeben habe. Nein, Mose soll das, was ihm Gott ins Herz und Verstand geschrieben hat, nun auf den Tafeln festhalten.
Gott schreibt nicht selbst, er lässt durch Menschenhand schreiben. Und zwar von Menschen, die er sich als seine Werkzeuge aussucht - und die dazu bereit sind.
Gott treibt keine Zaubereien, sondern er öffnet unsere Herzen für das, was er als das Richtige erkannt hat. Wenn fromme Juden den Namen Gottes nicht aussprechen, sondern Gott nur nennen, indem sie ihn beschreiben, dann ist er der Ewige, der Barmherzige, der Alleinweise, der Allmächtige.
Es ist ein besonderes Merkmal jüdischer Frömmigkeit, sich ganz Gott unterzuordnen, ihm dabei ganz zu vertrauen. Das hat in der Geschichte des Gottesvolkes - und auch in den Lebensgeschichten vieler Gotteskinder - dazu geführt, dass sie enttäuscht, ja verbittert und verzweifelt waren, wenn etwas Unerwartetes oder Unbegreifliches geschah.
Es ist auch gute alte jüdische Tradition, dann Gott das Leid zu klagen - in aller Verzweiflung. Das kann bis zum Hadern gehen. Aber Gott nimmt uns das Hadern als Ausdruck unserer Verzweiflung nicht übel, wenn es nicht zum Dauerzustand wird. Solange wir noch mit Gott hadern können, nehmen wir ihn noch ernst. Schlimm wird es erst, wenn wir nicht mehr mit ihm hadern können, weil wir ihn nicht mehr ernst nehmen.
Das ist dann die Sünde, der große Abfall von ihm. An diesem Punkt war das Volk Israel damals in der Wüste, weil es sich von Gott allein gelassen und verlassen fühlte. Bevor Mose zum Schreiber für Gottes Worte wird, muss er sich mit seinem Volk und für sein Volk vor Gott beugen. Doch Gott richtet uns wieder auf. Er lässt uns nicht am Boden liegen. Er lässt uns mitunter spüren und erkennen, dass wir ihm ausgeliefert sind. Erst wenn wir das erkennen und uns freiwillig unter seine Allmacht beugen, lässt er uns wieder hochkommen.
Er stellt uns wieder auf unsere eigenen Füße. Er will, dass wir in freier Gewissensentscheidung das tun, was wir in seinem Sinne, aus seinem Geist heraus als richtig erkennen.
Das ist der Sinn dessen, was hier im Leistungsteil des Menschen in dem Bund mit Gott steht. Gottes Leistungsteil besteht darin, dass er uns immer wieder neu aus den Knechtschaften dieser Welt befreit.
Wenn wir uns dem entziehen, dann befinden wir uns im Zustand der Sünde. Wenn wir uns aber befreien lassen, dann sind wir der Sünde, der Absonderung von Gott enthoben.
Gott hat das immer wieder mit seinem Volk getan, und er hat es jedem einzelnen Menschen seines Volkes angeboten. Ob wir dieses Angebot annehmen, das liegt nun ganz an uns. Amen.

Verfasser: Prädikant Martin Bender, Südring 98, 55128 Mainz

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