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Hoffnung auf den Sieg

von Bernhard von Issendorf (65193 Wiesbaden)

Predigtdatum : 08.02.1998
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Septuagesimae
Textstelle : 1. Korinther 9,24-27
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Schriftlesung: Matthäus 20,1-16a

Wochenspruch:

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Dan. 9,18)

Wochenlied:

EG 342 oder 409

Weitere Liedvorschläge:

EG 131; 259; 262; 263

24 Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Liebe Gemeinde,

im Griechenland der Antike war der Sport nicht die schönste Nebensache der Welt, nicht deshalb eine ernsthafte Sache, weil man sehr viel Geld dabei verdienen konnte. In Olympia gab es wohl einen Ehrenkranz, wohl auch einmal eine Stele, aber keine Millionenbeträge in Gold, die Stadt Athen zahlte ihren Olympiasiegern 500 Drachmen, für die Teilnahme an den isthmischen Spielen, das sind die Wettkämpfe von Korinth, 100 Drachmen. In Griechenland war der Sport eine ernshafte Sache, weil er zur Religion gehörte, weil er ein Gottesdienst war. Sport und Religion bildeten eine Einheit.

Besonderes Ansehen genossen die großen wiederkehrenden Wettkämpfe, wie die Kämpfe von Olympia, die zu Ehren des Göttervaters Zeus gefeiert wurden. Dem Poseidon, dem Gott der Meere, waren die Wettkämpfe von Korinth geweiht die alle zwei Jahre stattfanden. Poseidon hatte der Stadt Korinth zwei Häfen an zwei Meeren geschenkt und so erhielt er von dieser Stadt besondere Dankbarkeit. Anders als in Olympia gab es keinen Kranz aus Blättern des wilden Olivenbaumes, sondern hier bestand der Siegeskranz ans Fichtenzweigen.

Da Paulus etwa anderthalb Jahre in Korinth weilte, ist es sehr wohl denkbar, daß er die isthmischen Spiele miterlebt hat, aber selbst wenn er nicht Zuschauer dort war, so hat er doch von der Bedeutung des Sports für diese Stadt und seine Einwohner gewußt.

Er spricht von den Laufwettbewerben, dem Training für die Wettkämpfe und vom Boxsport: sie scheinen ihm geeignet, sein Glaubensleben anschaulich zu machen.

In den Laufwettbewerben gehen viele Kämpfer an den Start, aber es kann immer nur einen Sieger geben, dennoch laufen alle in der Hoffnung und unter der größtmöglichen Anstrengung: Die Entscheidung fällt im Ziel, niemand der Wettkämpfer, wenn es ihnen wirklich ernst ist, gibt vor dem Ziel auf. Es sei denn, ein Unfall stoppt den Läufer. Man weiß von Wettkämpfern zu erzählen, die bis zum Umfallen kämpften, selbst von Todesfällen wird berichtet.

So nur kann es im Glaubensleben sein - voller Hoffnung auf den Sieg, voll konzentriert und mit der Mobilisierung der letzten Reserven aller Kräfte, ohne Aufgeben zum letzten Atemzug . Es mag ja in Vorläufen vorkommen daß jemand ein taktisches Rennen läuft, aber im Endlauf gibt es keinen, der nicht gewinnen will.

Dies ist es, was unserem Glaubensleben fehlt: die ganze Hoffnung, die volle Konzentration die Kraft aller Reserven. Ist unser Glaubensleben uns denn weniger wert als ein Endlauf eines Rennens?

Paulus verweist darauf daß sich der Weltkämpfer „aller Dinge“ enthält. Dem Wettkampf geht eine Askese voraus. Er sagt freilich nicht was konkret mit dem „Enthalten aller Dinge“ gemeint ist: Wir dürfen vermuten, daß es Nahrungsaskese gab, nicht zu viel, nicht zu fett zu essen; es wird auch Alkoholaskese gegeben haben, weil der Wein und der Tresterschnaps die Wachheit der Sinne raubt, aber es ist auch an sexuelle Enthaltsamkeit zu denken.

Die Vorstellung, daß sexuelle Aktivitäten Kräfte rauben und binden, die der Wettkämpfer für den Wettkampf braucht, ist weitverbreitet. Zum Trainingslager der Fußballnationalmannschaft sind die Frauen nicht zugelassen, im olympischen Dorf werden auch die Ehepaare unter den Sportlern getrennt. Verzicht und Einschränkung ist für den Sport selbstverständlich.

Paulus sagt, Verzicht und Einschränkung ist auch für das Glaubensleben notwendig. Er sagt nicht, welche. Die mittelalterliche Kirche hat darunter zuerst die sexuelle Askese verstanden, die Nahrungsaskese wurde auf bestimmte Jahreszeiten, die Fastenzeiten, festgelegt.

Es macht einen Sinn, daß Paulus hier nicht konkret spricht: Für Paulus war es tatsächlich persönlich der Verzicht auf Ehe und Familie, war der Verzicht einer beruflichen Karriere als Rabbi oder Rhetor etwa, aber er hat dieses nicht zur Norm für alle Menschen gemacht. Vielmehr verlangt er von uns, daß für uns prüfen und in eigener Verantwortung erkennen, was uns dienlich und was uns schädlich ist, was wir meiden und was wir anstreben sollten.

Nur eines ist klar, unser Leben kann im Sport genausowenig wie im Glaubensleben so bleiben, daß wir ohne Unterscheidung so fortfahren in all unseren Trieberfüllung, Selbstgestaltungen. Alles ist möglich, aber nicht alles ist nützlich. Doch die Entscheidung darüber nimmt dem Einzelnen niemand - auch nicht die Kirche und ihre Pfarrer - ab. Die Kirche ruft mit ihrer Botschaft in die Verantwortung, aber sie nimmt diese nicht ab. Die Predigt nennt die Argumente, zeigt die Notwendigkeiten der Entscheidung, aber sie buchstabiert sie nicht vor, sie entscheidet nicht aus eigener Kraft. Nur so erhalten wir eine mündige Christenheit, so entsteht, was die Reformation das Priestertum aller Gläubigen nannte.

Der dritte Sportbereich, den Paulus anspricht, ist der Boxsport. Der ähnelte damals mehr unserem Catchen mit harten Bandagen. Es waren die Fäuste nicht mit weichen Handschuhen abgepolstert, sondern die Knöchel waren mit harten Lederbandagen kantig und hart verstärkt. Die Faustkämpfer hatten zerschlagene Gesichter, das berühmte klassische Profil war ihrem Sport und seiner Härte geopfert worden.

Die Standbilder der Faustkämpfer fallen deshalb völlig aus dem griechischen Schönheitsideal heraus. Die Trennung zwischen Ringen und Boxen war noch nicht in unserem Sinn durchgeführt. Deutlich war das Herkommen dieses Kampfsports aus dem Krieg. Sein Ziel war die Vernichtung des Gegners. Der Tod im Ring war nicht ungewolltes Ereignis und Sportunfall, sondern Ziel.

So total versteht Paulus das Glaubensleben. Und wer ist dann sein Gegner? Wieder benennt er ihn nicht, wie er bei der Askese nicht berichtet hat, wessen er sich enthält. Er weiß, seine Leser werden wissen, wer gemeint ist, und werden die richtige Entscheidung selbst treffen. Das Glaubensleben ist ein Kampf gegen die Mächte des Bösen, gegen die Übel der Welt, gegen das Bedrängende und Einengende der Schuld.

Wie bei uns im Catchen gab es bei den antiken Kämpfen offenbar einige, die sich abgesprochen hatten und dem Publikum ein Theater aufführten, statt zu treffen, eben in die Luft schlugen, die nicht ernst machten. Vielleicht waren auch solche gemeint, die bei der Vorstellung der Kämpfer einige Figuren zeigten und sich gewaltig gebärdeten, aber dann, wenn es wirklich zur Sache ging, wenn das Leben auf dem Spiel stand, nicht mehr ernsthaft kämpften sondern feige waren oder ein abgekartetes Spiel trieben.

So kann es nicht sein. Paulus betont, das Glaubensleben ist eine ernsthafte Sache, es ist keine äußere Schau, sondern eine Sache, da steht unser Leben auf dem Spiel, und da muß mit harten Bandagen gekämpft werden. Ästhetik hat da keinen Platz - ja und ohne Narben und Wunden wird es nicht abgehen. Wir werden Gezeichnete sein. Der Narben und Wunden, die wir im Leben davon tragen, müssen wir uns nicht schämen, sondern sie zeigen Lebenserfahrung, die Kraft, Kämpfe durchzustehen.

Hier waren offenbar die Korinther uns und unseren Zeitgenossen ähnlich, gegen eine Schaueinlage hatten sie nichts, die Achtung, die man als Faustkämpfer fand, nahm man an, aber die Lebenswirklichkeit nicht. Man kann den Glauben nicht leben und meinen, es gäbe da keine Wunden, da ginge nicht das Schönheitsideal verloren. Der Teufel läßt nicht mit sich spaßen, die Übel der Welt werden uns zusetzen; wer sich nicht mit ihnen abfinden will, wer nicht mit den dunklen Mächten sein Deal machen will, der wird schwere Schläge und Niederschläge hinnehmen müssen, aber er wird auch sehr genau zielen und seine ganze Kraft einsetzen, nicht damit es gut aussehe, sondern um seine Gegner in die Flucht zu schlagen.

Schließlich kehrt Paulus von seinen Beispielen aus der Welt zurück dorthin, wo er arbeitet: nämlich als Prediger: Es geht ihm um die Glaubwürdigkeit als Prediger. Paulus weiß, man wird seine Worte an seinem Leben messen, und wenn sein Leben seine Worte Lügen straft, dann hat er seiner Sache einen schlechten Dienst getan, dann zeigt er, dann offenbart er seine Verwerflichkeit.

Heinrich Heine wird die Verlogenheit der Prediger einmal so bereimen: „Die predigten öffentlich Wasser und tranken heimlich Wein.“ Die Unglaubwürdigkeit der Prediger schadet der Sache selbst. Mit der Kriegspredigt zu allen Zeiten hat die Kirche der Botschaft des Friedens Gottes Schaden getan, die Moral der Predigt wird an der Moral der Prediger gemessen. Eine Kirche, die Nächstenliebe predigt, doch intolerant zu Minderheiten und Randgruppen ist, macht sich selbst unmöglich. Diesen paulinischen Maßstab wünschen wir allen Konfessionen und allen Kirchen, jeder Gemeinde und allen Predigern dem müssen wir uns auf der Kanzel zuerst selbst stellen.

Psalm 31,20-25:

Wie großartig das Gute von dir, Gott,

du hast es bereitet den Menschen, die dich fürchten,

du erweist es vor den Menschen, die dir glauben.

Du birgst sie in deinem Schutz vor Menschenbanden,

vor dem Zank der Zungen behütest du sie.

Gelobt sei Gott:

Du hast Gutes wunderbar

mir erwiesen in der Stadt aus Stein.

Ich sprach wohl in meiner Angst:

„ich bin von deinen Augen verstoßen.“

Doch du hast meiner Stimme Flehen gehört,

als ich zu dir schrie.

Liebt Gott, das ganze heilige Volk.

Wer glaubt, findet bei Gott Schutz,

wer aber sich selbst erhebt, dem wird vergolten

Seid getrost und ohne Angst,

alle, die ihr wartet auf Gott.

Gebet

Du, Gott unseres Lebens,

beschenkst uns mit Leben.

Dich achten wir, wenn wir unser Leben achten

wenn wir seine Möglichkeiten entfalten,

und wenn wir uns für das Gute entscheiden

und für unser Handeln Verantwortung übernehmen.

Du, Gott unseres Glaubens,

du öffnest uns die Grenzen des Lebens,

dich preisen wir, wenn wir uns mit dem Tod nicht abfinden,

wenn wir deine Verheißung der Auferstehung festhalten

und wenn wir dein letztes Gericht fürchten

und deshalb unsern Schuldigern heute vergeben.

Pfr. Bernhard von Issendorf, Humperdinckstr. 7b, 65193 Wiesbaden


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