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In Gottes Schuld

von Sigrid Wiefel (99084 Erfurt)

Predigtdatum : 23.10.2005
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 21. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Matthäus 18,15-20
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Wochenspruch:

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. (Psalm 130,4)

Psalm: 143,1-10 (EG 755)

Lesungen

Altes Testament:
Micha 6,6-8
Epistel:
Philipper 1,3-11
Evangelium:
Matthäus 18,21-35

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 452
Er weckt mich alle Morgen
Wochenlied:
EG 404
Herr Jesu, Gnadensonne
Predigtlied:
EG 382
Ich steh vor dir mit leeren Händen
Schlusslied:
EG 246
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. 17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. 18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. 19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Liebe Gemeinde!
Wie reagieren Sie auf das eben Gehörte? So vielleicht: das wäre ja noch schöner! Wen geht das denn etwas an, das ist doch meine Privatangelegenheit. Ich habe meine Gründe, was weiß denn der davon? Da könnte ich ja ebenso gut – ich hab da auch allerhand munkeln gehört – aber ich sage immer: jeder soll vor seiner eigenen Tür kehren und sich nicht in Dinge einmischen, die ihn nichts angehen. Und wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Aber wenn denen meine Art nicht passt, - also ich kann auch ohne den Verein selig werden!
Regt sich bei Ihnen auch Widerspruch gegen den Anspruch dieser alten Gemeindeordnung aus der Umgebung des Evangelisten Matthäus? Soll es so in einer Kirchengemeinde zugehen, wollen wir es bei uns so halten?
Das wäre ja das Letzte, sagen ein paar Jugendliche, über die des öfteren Kritik in der Gemeinde geäußert wird: dieser Krach, das soll Musik sein, nie räumen sie ordentlich auf, und diese unmöglichen Klamotten! Die Pfarrerin gibt die geäußerte Kritik entschärft an die Jugendgruppe weiter und mahnt zur Mäßigung, wobei sie in umgekehrter Richtung die Kritik der Jugendlichen an der Elterngeneration entgegennimmt: die nerven immer, die Spießer, die verstehen absolut nichts, mit denen kann man nicht reden!
Über die Ehekrise im Pfarrhaus, eine hat das Pfarrerpaar sogar beim Psychiater gesehen, machen sich natürlich viele Leute große Sorgen, aber so offen und öffentlich wird darüber natürlich nicht gesprochen, nur im kleinen Kreis, natürlich eben in ganz vielen ganz kleinen Kreisen.
Im Pfarrhaus wird man es zu allerletzt erfahren, dass alle genau wissen, was los ist und was so nicht sein sollte, denn natürlich kann man so etwas nicht direkt ansprechen. Oder wäre das etwa besser? Würden wir uns das nicht rundweg verbitten, wenn jemand einem sagt: seit einiger Zeit trinkst du zuviel, weißt du mit deinem Geld nichts Besseres anzufangen als dir so ein protziges Auto zu kaufen? - Vermutlich wäre das ein Grund, fortan diese Gemeinde und vielleicht die Kirche überhaupt zu meiden. Unsere zweite Reaktion nach dem Gegenschlag: das geht dich gar nichts an, wäre vermutlich entweder glattes Leugnen oder Rechtfertigung unseres Verhaltens.
Also bleibt es dabei, dass wir es meist machen wie die bunten Blätter: es werden Gerüchte, Beobachtungen und Verurteilungen in unheiliger Mischung angehört und weiterverbreitet, und in heuchlerischer Selbstgerechtigkeit fühlen wir uns dabei ein bisschen gruselig wohl.
Ein klares Nein dazu, das hier, wie es Matthäus erzählt, direkt aus dem Munde Jesu kommt. Also doch offen ansprechen, wenn einem etwas auffällt, was beim anderen nicht in Ordnung ist, was Sünde ist. Aber wozu soll das führen und wie soll das geschehen? Ist es das Ziel, dass die Kirche gesäubert werden muss von allem Schmutz, allem Hässlichen, Zwielichtigen, Falschen und Unreinen, damit sie in dieser verkehrten bösen Welt dastehen kann als eine Verkörperung der wahren Werte, als leuchtendes Beispiel? Eine reine Kirche als Gegenbild zur bösen Welt, ist es das?
Das ist jedenfalls oft zu hören unter uns, meist verbunden mit tiefer Enttäuschung: das so etwas in der Kirche möglich ist! Das darf es in der Kirche nicht geben. Aber leider hat es diesen menschlich- allzumenschlichen Fall ja gegeben, darum muss man sich von der Kirche abwenden.
Liebe Gemeinde! Es scheint, als bekämen wir auf unserer Suche nach dem Ziel und nach einer guten Praxis von Lebensregeln in der Kirche einfach keinen festen Grund unter die Füße. Denn wenn es das Ziel wäre, alles auszuschließen was sündig ist, wer dürfte denn dann zu dieser Kirche gehören? Die, die sich selbst erlösen, brauchen Gott bekanntlich nicht, und die Selbstgerechten, die sich für besser halten als die, deren Verfehlungen so genüsslich öffentlich gemacht werden, sind die größten Heuchler. So eine Kirche wollen wir doch nicht sein! Viel mehr muss doch unsere Sorge sein, einer Versuchung dieser Art nicht nachzugeben.
Als wir in den ersten Jahren nach der Wende darüber berieten, ob es bei uns in der Kirche wie für die öffentlichen Ämter eine Regelüberprüfung auf Stasimitarbeit für Pfarrer geben sollte, war die Mehrheit auch im Kirchenvolk ohne Frage dafür. In der damaligen Situation konnte es kaum anders sein. Aber es blieb und bleibt doch die ernste Frage: tun wir das, um die schwarzen Schafe aufzuspüren und auszusondern und zu beweisen: wir sind anders, wir haben saubere Hände, wir sind eine reine Kirche? Erlebt haben wir dann: die, die nun nachweislich verstrickt waren in die üblen Machenschaften der Stasi, leugneten oder rechtfertigten sich mit ihren guten Absichten. Ein niederschmetterndes Ergebnis.
Ob es auf die andere Art doch besser gelingt, eine gute Gemeinde zu werden, auf die Art, die Matthäus vorschlägt? Vorausgesetzt wird in diesen Jesusworten, dass wir eine Gemeinschaft von Menschen sind, in der es auf jeden ankommt. Einer oder Eine zu verlieren, wäre ein großes Unglück, als ob wir ein Kind, die Schwester, den Bruder verlören. Es darf nichts unversucht bleiben, um ihm zu helfen. Er darf in seinen, sie in ihren Schwierigkeiten nicht allein gelassen werden, und die Versuche zu helfen schließen Öffentlichkeit ganz selbstverständlich aus.
Unter vier Augen kann ein Mensch vielleicht sein Herz öffnen, aber auch nur dann, wenn der andere nicht als Richter, nicht als Besserwisser kommt, sondern als einer, der aus eigenen leidvollen Erfahrungen weiß, wohin man sich verlieren kann. Nur ein solcher Mitmensch, der ein Mitleidender ist, kann zum Nächsten, zum Bruder, zur Schwester werden. Das Wort Sünde bezeichnet genau die Erfahrung, die ein Sünder macht: er ist abgesondert, alleingelassen, verloren. Ob man sich nun in Verachtung von ihm fernhält oder in vermeintlicher Toleranz so tut, als wäre nichts, für den, der in eine Sucht oder andere Abhängigkeiten und Verstrickungen geraten ist, läuft es auf dasselbe hinaus: er ist alleingelassen, aufgegeben.
Das soll nicht sein! Gebt keinen auf, sagt Jesus. Versucht es siebenmal siebzigmal, ihm zu helfen, ihn zu gewinnen, euch ihm geschwisterlich zu nähern, zu vergeben, was der andere an Trennendem getan hat. Danach muss vielleicht etwas anderes versucht werden, aber wann hätten wir es schon siebenmal siebzigmal versucht?
So sehr man sich zuerst spontan gegen diese Gemeindeordnung wehrt, so sehr wird sie zum Strohhalm, zum Rettungsanker, zum reinen Evangelium, wenn man sich vorstellt: ich bin der, ich bin die, die nicht mehr herauskommt aus dem Unheil, das ich angerichtet habe. Man meidet mich, man redet über mich, man lässt sich nichts anmerken, aber keiner hilft mir.
Wir haben schon geahnt, woran es liegen mag, dass wir die Haltung des Mitleidenden so schwer aufbringen. Ein bekannter moderner Psychologe bestätigt es: du weigerst dich, an der Sünde des Nächsten mitzuleiden, weil du ihn dann nicht mehr verachten oder hassen kannst. So brauchst du dich selbst nicht so zu hassen wegen ähnlicher Fehler. Er ist ja so viel minderwertiger als du. Ja, das machen wir gern, uns besser dünken. Jesus würde weinen über uns, wenn wir eine Gemeinde sein wollen von Leuten, die sich besser dünken. Er liebt doch die Sünder. Nicht wegen ihrer Sünde, sondern weil sie Hilfe und Nähe brauchen. So wie wir alle. Hilfe und Nähe – das ist doch auch eine schöne Umschreibung für das große Wort Liebe. Amen.

Verfasserin: Pfrn. i . R. Sigrid Wiefel, Glockenquergasse 1, 99084 Erfurt

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