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Jesu Kreuzigung

von Stephen Gerhard Stehli (39104 Magdeburg)

Predigtdatum : 10.04.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Karfreitag
Textstelle : Johannes 19,16-30
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Wochenspruch:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit all, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3, 16

Psalm: 22 (EG 709)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja (52, 13 – 15) 53, 1 - 12
Epistel:
2. Korinther 5, (14b – 18) 19 – 21
Evangelium:
Johannes 19, 16 – 30

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 85
O Haupt voll Blut und Wunden
Wochenlied:
EG 83 oder EG 92
Ein Lämmlein geht oder: Christe, du Schöpfer aller Welt
Predigtlied:
EG 552 oder EG 93
Es ist vollbracht (Anhang Bayern) oder: Nun gehören unsre Herzen
Schlusslied:
EG 93
Nun gehören unsre Herzen
16 Da überantwortete Pilatus den Soldaten Jesus, dass er gekreuzigt würde.
Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, daß schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde!
„Es ist vollbracht.“ In jedem Jahr läuft es am Karfreitag in allem Hören, Singen und Beten auf diesen Satz hinaus. Es steht nur beim Evangelisten Johannes, und nicht zuletzt wegen dieses Satzes ist der Kreuzigungserzählung von Johannes das Evangelium des Karfreitags. Bei den anderen Evangelisten schreit Jesus noch einmal auf, oder er befiehlt seinen Geist in Gottes Hände. Das alles sind eindrückliche, wichtige Aspekte der Kreuzigung. Sie stehen neben- und nicht gegeneinander. Johannes indes betont anders, er hat eine andere Deutung im Sinn. Diese Deutung führt bis an die Basis, bis in die Wurzeln unseres Glaubens, so wie der Karfreitag uns immer wieder neu herausfordert.
Dieser Feiertag steht heute für viele so fremd da. Leicht ist es, über das dunkle Geschehen zu Karfreitag hinwegzugehen und jetzt schon an Osterfreuden, an Fröhlichkeit zu denken. „Es ist vollbracht.“ In der steten Wiederholung stellen sich immer mehr Fragen aus diesem Schlusspunkt. Es hilft alles nichts, als ernsthafte Christen, die sich gerade bewusst am Karfreitag zum Gottesdienst versammelt haben, müssen wir erst in die Aussagen des Karfreitags hinein, bevor wir durch den Karfreitag hindurch zum Osterfest kommen.

I.
Der Tod Jesu steht uns vor Augen, und er lässt auch an manches Sterben denken, das uns fern und nah begegnet. Wenn jemand nach langer und schmerzhafter Krankheit oder quälender Bewusstlosigkeit stirbt, dann wird oft gesagt: „Sie ist hindurch“ oder „Er hat es geschafft.“ Erleichterung über die Beendigung von Leiden spricht aus diesen Worten. Auch für Jesus kommt ein quälender Foltertodeskampf bei einer der grausamsten Hinrichtungsarten, die sich die Menschen ausgedacht haben, – von der Ehrlosigkeit im damaligen Verständnis ganz zu schweigen – zum Ende.
„Es ist vollbracht“ – ein Erleichterungsseufzer zum Abschluss aller Quälerei? Jesus war ganz Mensch, er hat jeden Schlag, jeden Dorne, jeden Nagel und das nahende Ersticken am Balken gespürt, real erlitten. Die Folter des Sohnes Gottes war echt, und, so hart es klingt, sie musste es auch sein. Gott wollte in Jesus bewusst ganz Mensch sein, von jenen schönen Tagen in Nazareth und Galiläa bis hin zum menschlichen Abgrund von Jerusalem, zum Kreuzeshügel Golgatha. Es ist kein Zufall, dass Jesus eben nicht im Bett stirbt, sondern verurteilt und hingerichtet wird. Gott wollte durch alles hindurch, was Menschen anderen Menschen antun können. So ist der geschundene Körper nun auch an sein Ende gekommen.
„Es ist vorbei.“ Und trotzdem steht nicht das Nacherleben des qualvollen Leidens im Mittelpunkt des Evangeliums. Der Evangelist ergötzt sich gar nicht an Qual und Leid. Nüchtern, fast kühl, reiht Johannes Geschehen an Geschehen: Kreuzigung, Kreuzesaufschrift, Kleiderteilung, Sorge für die Mutter, Essig, Tod. Alles hat seinen Platz, alles greift ineinander, aber es ist kein Schwelgen im Leiden, keine beleuchtete Überhöhung des Schmerzes und der Schmerzen festzustellen.
Die Menschen damals wussten schon, was eine Kreuzigung ist, und wir können es neben den vielen anderen Folter- und Hinrichtungsmethoden auf der Welt erahnen. In dieser Reduzierung muss eben mehr liegen als die Beendigung des Leidens für Jesus als Individuum. Der Tod Jesu wäre sonst nicht mehr als der Tod eines großartigen Menschen, eines Lehrers und Predigers. Wir würden ihm zwar das Ende der Folter wünschen, die kaum mit anzusehen war und doch von vielen, von seiner Mutter und dem Lieblingsjünger und den all’ den anderen, angesehen wurde. Wir empfinden Mitleid, wie mit andern Menschen. Aber daran unser Leben, unser Sein, unser Glauben hängen? Das trägt nicht, da muss, wenn es tragen soll, mehr sein! „Es ist vollbracht.“ Was ist vollbracht?

II.
Kein Punkt, liebe Gemeinde, den Johannes aus Überlieferung, Komposition, Erkenntnis und Schauen in seine Kreuzigungsdarstellung übernimmt, in und aus der Gottes rettendes Wort zu uns spricht, ist zufällig gewählt. Der Evangelist würde uns vielleicht so sagen: „Es war so, und es ist wahr so, weil es so sein musste.“
Pilatus, der römische Taktierer und Befehlsgeber, ob nun Zyniker oder Pragmatiker, wird zum Propheten, indem er seine Kreuzesinschrift anbringen lässt, gegen den Widerstand der klerikalen Hierarchie. Das, was als Spott und Warnung gedacht war, ist nun reine Verkündigung, und das in der Landessprache wie in den Weltsprachen: Jesus von Nazareth, der König der Juden, der Messias, der so ganz anders als erwartet und damit so ganz und gar richtig ist.
Die Soldaten verteilen die Kleider, d. h. Jesus gibt sein letztes Hemd ab, er ist dadurch der Erlöser, dass er das Leben und bis zum Sterben auch alles andere ganz und ohne Vorbehalt einsetzt. Es muss so sein, weil wir es auf Golgatha mit dem Geschehen am Ende aller Prophezeiung zu tun haben, am Ende aller Ahnung und Vorausschauung auf Gottes Wirken in der Welt. Da soll selbst der Essigschwamm auf dem Ysoprohr nicht verloren gehen.
Johannes zeigt auch auf, wie Menschen angesichts dieser abgrundtiefen Quälerei und dieses Schreckens handeln können. Sie sind dabei. Sie können die Kreuzigung nicht abwenden, und sie wenden auch sich nicht ab, sondern stehen dem Menschen Jesus bis zum letzen Moment bei. Die Frauen mit der Mutter Jesu und der Lieblingsjünger. Auch sie stehen beispielhaft neben ihrer historischen Rolle, denn ihr Verhalten ist ebenfalls die Basis für Neues, dort, am Ende aller Dinge, die sie erhofft hatten, so scheint es.
Was ist Jesus fast mit dem letzen Atemzug wichtig, was gibt den Seinen noch zum Ende mit? Was steckt noch für uns alle hinter der liebevollen Fürsorge für Maria, seine Mutter? Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit, Einander annehmen, das ist auch das Vermächtnis des Menschen Jesus im Kreuztod des Gottessohnes. Auch das können wir begreifen. Wer Jesus damals in Kapernaum, am Jordan, in Jerusalem oder auch heute in der Heiligen Schrift richtig zugehört hat, der weiß, da es so sein muss im Ernstnehmen dieser so klaren, so verständlichen und doch so selten praktizierten Botschaft. Auch Karfreitag nimmt nichts vom höchsten Gebot weg: Gott lieben und ehren, und den Nächsten wie einen selbst.
Da nun alles geklärt ist, alles erfüllt ist, alles auf den Punkt gebracht wird, zu dem hin Gott uns führen will, dann ist es auch so durch Jesus am überdeutlichen und doch nur vermeintlichem Ende des Daseins auszusprechen: dass es so gekommen ist, wie es kommen sollte und musste, wie Gott es sich durch seinen Willen selbst auferlegt hat, und wie es nun auch zu Ende geführt ist. Nun hören wir den Satz der Sätze: „Es ist vollbracht.“

III.
Auf manchen alten Kreuzigungsdarstellungen befindet sich ein Schädel am Fuß des Kreuzes. Er soll nicht vor allem Golgatha als Schädelstätte abbilden, sondern nach alten Legenden und Überlieferungen den Schädel Adams darstellen, der angeblich dort bestattet wurde. Diese Feststellung ist nicht historisch, sondern theologisch-symbolisch. Wichtig hierbei ist das Bild, dass sich der Kreuzestod Jesu in eine Reihe stellen lässt bis zum Auseinanderleben von Mensch und Gott im frühesten Anfang.
Die Bilder des Alten Testaments sollen nichts weiter darlegen, als dass die Beziehung zwischen den Menschen, und zwar jedem einzelnen Menschen, und Gott nicht immer stimmig, nicht immer richtig ist. Dieses Auseinaderdriften liegt auch in der Benutzung der Freiheit begründet, die Gott uns als Menschen schenkt, in unserer Urteilsfähigkeit und damit auch in eigener Verstricktheit, auch in Fehlgriffen, Fehlurteilen, Selbstüberschätzung, Egoismus, usw.
Wir haben es alle immer wieder im eigenen Leben erlebt, wo und wie es nicht richtig läuft und lief, durch unser Fehlverhalten oder auch durch die Schuld anderer. Der Sündenfall ist ein griffiges Bild, Adam und Eva sind damit auch Typen, die den Menschen an sich symbolisieren.
Wenn nun das Kreuz aufgerichtet wird über dem Grab Adams, dann soll das zeigen, dass dieser Riss geschlossen, dieses Auseinanderleben von Gott und uns Menschen überwunden werden soll. Indem sich im Leben Jesu Christi Himmel und Erde berührten, indem Gott in Jesus Menschen Auge in Auge gegenübertrat und, so glauben wir, tritt, will Gott die neuen Chancen für uns alle vollenden. Das gilt für dieses Leben jetzt, in welchem nichts, was Gottes Willen und seiner Liebe widerspricht , so bleiben soll und muss, und es gilt für jenes Leben, welches uns nach diesem bevorsteht, verheißen ist.
Der Adamsschädel steht damit für das Frühere, das Fehlerhafte unseres Lebens. Das Zeichen des Kreuzes steht für das immer wieder neue, menschliche und zugleich übermenschlich schöne Verhältnis zu Gott, das uns möglich ist. „Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet.“, so schreibt Kurt Ihlenfeld in seinem Passionschoral. Nichts, was vorher war, muss weiterhin so sein.
„Es ist vollbracht“, heißt somit, dass alles in Ordnung gebracht ist, dass Gottesferne oder gar Gottesstrafe nicht mehr sind, wenn wir, frei und ohne Druck aus Angst oder Not, Gottes Liebe annehmen, uns von Gottes Liebe annehmen lassen. Es muss nichts dazugegeben, dazuverdient, dazugeleistet werden. Die Entscheidung für uns Menschen ist endgültig, sie ist einmalig und sie ist vollendet. Paulus fasst es im Kolosserbrief so zusammen: „Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet“ (Kolosser 2, 14).
Damit das geschehen konnte, konnte Gott nicht mehr allein aus der Perspektive der Allmacht heraus uns Menschen nur betrachten und in seiner Liebe und seiner Zuwendung schier verzweifeln – wenn Gott denn verzweifeln könnte – an Unverständnis und Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit unter uns Menschen. Gott der Herr wollte handeln, aber er wollte dabei seinen Geschöpfen die Freiheit und Souveränität lassen, durch die er uns, so der Psalmbeter, „wenig niedriger gemacht (hat) als Gott“ (Psalm 8, 6).
Gott handelte in und durch seinen Sohn Jesus Christus bis zum Äußersten in der unmittelbaren Interaktion mit den Menschen, damit nunmehr niemals je jemand tatsächlich gottverlassen sein muss, komme er sich auch zunächst so gottverlassen vor, wie Christus am Kreuz es selbst erlebt, durchlebt und durchleidet. Das ist der Gott, zu dem wir rufen können: „Kyrie Eleison – Herr erbarme dich“, denn er hat sich bewusst und gewollt der Erbarmungswürdigkeit selbst ausgesetzt.
Und somit ist bei dem Schock und Schrecken der Hinrichtung Christi die Kreuzigung kein Blutritual zur Besänftigung eines Zornesgottes, sondern Gottes Weg, um uns zu sagen, dass es nichts gibt, was und von ihm trennen muss. „Ich habe es alles durchgemacht, nichts Menschliches ist mir fremd, und es gilt: Es ist vollbracht.“ Der Adamsschädel, die Schädelstätte, Golgatha sind nicht mehr Zeichen für Trennung, sondern für Angenommensein, nunmehr, so paradox es klingt, von Anfang an. Darin liegt denn auch die Ahnung des Geheimnisses des Ostermorgens bereits verborgen.

IV.
„Es ist vollbracht?“ Ja, wo denn, so könnten wir, nein so können und müssen wir fragen.
Das Foltern und das Hinrichten hat doch nicht mit Golgatha aufgehört, die Schrecken von Angst, Krankheit, Verzweifelung gibt es weiterhin. Auch wir verhalten uns nicht so, wie wir es eigentlich wollen und sollen. Und darüber hinaus stellen fest, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung so viele Menschen gibt, die mehr oder minder fröhlich und ungestört ohne die Vorstellung des Erlöstseins durch den Gottessohn leben und denen scheinbar nichts fehlt. Nach eigenem Bekunden oder nach unserer Außensicht scheinen sie ganz gut ohne Gott auszukommen.
Da sollten wir zu unserem eigenen Verständnis die logische Reihenfolge einzuhalten versuchen. Erst kommt unser Angenommensein durch Gott, dann fließt daraus in eigener Erkenntnis anderes, neues Verhalten. Nicht durch unser Verhalten „verdienen“ wir Gottes Liebe, sonders als Gottes Kinder können wir neu handeln.
Natürlich hindert niemand die Menschen daran, sich auch ohne Gott ordentlich und vernünftig und menschlich zu verhalten, aber ohne Gott gibt es immer die Gefahr, dass etwas anderes auf den Thron oder auf den Chefsessel des Lebens gesetzt wird. Meistens ist das dann der Mensch selbst, und die Folgen sind, das ist allein schon im 20. Jahrhundert erkennbar, verheerend. Die Gotteserkenntnis am Karfreitag kann die Gelassenheit geben, nicht selbst immer das Maß aller Dinge zu sein.
Im Geschehen am Kreuz bleibt Gott der Herr ja folgerichtig in seiner Beziehung zu uns Menschen. Er hält es mit den kleinen Dingen, mit dem Unerwarteten, mit dem Widersprüchlichen, um nicht zum Instrument der Menschen degradiert zu werden. Wie das Kind in der Krippe zu Bethlehem hilflos war, so hängt nun der hilflose, ausgemergelte Köper am Hinrichtungspfahl.
Weihnachten und Karfreitag gehören somit unmittelbar zusammen. Das Christkind der Krippe ist der Christus vom Kreuz, uneingeschränkt. Das ist der Willen Gottes, im Schwachen, ja im Verspotteten stark zu sein, im Widersprüchlichen, damit nicht die Eigeneinschätzung oder Überschätzung des Menschen zum Maß der Welt wird.
„Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft“, so wiederum die Kreuzestheologie des Paulus im 1. Korintherbrief. Und weiter heißt es da: „Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“ Der schreiende Widerspruch von Karfreitag ist ja gerade die feste Zusage, dass es nicht nach den unerbittlichen Regeln der Welt gehen muss, sondern nach den Regeln und dem Wirken der Liebe Gottes. Das hat Gott an Kreuz vollbracht!
„So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen. Das Ja erscheint im Nein, der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen, die Liebe will verborgen sein.“, so schreibt es wiederum Kurt Ihlenfeld in seinem Passionschoral. Das macht unsere Aufgaben klarer: Selbsterlösung ist nicht anzustreben, da sie zum totalitären, gottvergessenen Denken und Handeln führt. Vor Selbstverbesserung sollen wir uns indes durch niemand en abhalten lassen. Wenn wir nicht mehr können, ist aber Gott da, uns zu tragen. Gott spricht in Jesus Christus uns alle individuell an, und in der Individualität fördert Gott der Herr unsere Gemeinschaft.
Und doch bleiben Widersprüche, und doch werden wir angesichts des Kreuzes Christi immer wieder Fragen haben und Zweifel und auch Anfechtung. Da gibt das Geschehen vom Kreuz auch ein Maß an Vertrauen dazu, das wir, berechtigt und nicht misstrauisch, Gott schenken können, auch wenn wir nicht alle Rätsel der menschlichen Existenz mit ihren unterschiedlichen Glaubens- und Lebensauffassungen durchdringen können. Für mich selbst als einzelnen sollte ich das annehmen. Unsere oder meine Erkenntnisfähigkeiten und Durchdringung können aber kein Maß und keine Grenze sein für die Liebe Gottes, die Liebe unseres Gottes, der sich nicht scheute, bis zum Äußersten zu gehen und dann auch uns lebend, sterbend, lebend zuzusprechen: „Es ist vollbracht.“

V.
Liebe Gemeinde, das Nötige ist getan, es ist erreicht, es ist beendet, es ist vollendet, es ist vollbracht: alle Übersetzungen und Übertragungen der Worte Jesu haben ihren jeweils richtigen Aspekt, das Wunder im Schrecken von Karfreitag zu illustrieren, verstehbarer, erfahrbarer, begreifbarer zu machen. Johannes Kreuzigungsbericht führt unausweichlich auf dieses Ziel hin, und das Ziel ist nicht Tod und Gottesferne, sondern die endgültige Überwindung derselben.
Daher ist das Kreuz kein Galgen mehr, kein Marterpfahl, sondern ein Freuden- und Siegeszeichen, was zu Recht unsere Altäre und Kirchtürme, unser Wände daheim und durchaus auch uns selbst schmücken kann. Es ist ein Zeichen der Hoffnung und ist damit auch der Hinweispfeil, dass das Wunder Gottes in Jesus Christus, in seinem Weg mit uns Menschen noch nicht einmal in der umfassenden Zuwendung von Karfreitag stehen bleibt, sondern dass es weitergeht. So wie Weihnachten schließlich nur in Karfreitag verstehbar wird, so ist Karfreitag im Aufleuchten des Ostermorgens reflektiert. Es gehört zusammen. Wir dürfen es für uns annehmen.
Und so lautet denn auch die Arie der großartigen Johannespassion (von Johann Sebastian Bach, Anm. d. Hrsg.), die mit dem heutigen Evangelium und Predigttext in diesen Tagen überall auf der Welt aufgeführt wird, mit der Botschaft für uns selbst und für alle:
Es ist vollbracht!
O Trost für die gekränkten Seelen!
Die Trauernacht
lässt nun die letzte Stunde zählen.
Der Held aus Juda siegt mit Macht.
Es ist vollbracht!
Amen.

Verfasser: Prädikant Stephen Gerhard Stehli, Hegelstraße 36 II, 39104 Magdeburg

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