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Jesus auf dem Weg Gottes

von Jochen Gollin (Frankfurt)

Predigtdatum : 05.04.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Judika
Textstelle : Johannes 12,12-19
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Wochenspruch:

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3, 14b.15)

Psalm: 69 (EG 731)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 50, 4-9
Epistel:
Philipper 2, 5-11
Evangelium:
Johannes 12, 11-19

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 450
Morgenglanz der Ewigkeit
Wochenlied:
EG 11, 1-3
Wie soll ich dich empfangen
Predigtlied:
EG 11, 5.6.10
Wie soll ich dich empfangen
Schlusslied:
EG 397, 3
Herzlich lieb hab ich dich

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, daß dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.
17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Hinführung:
Der Predigttext enthält drei Akzente:
1) Gott hat durch den Mund der Pilgerscharen seinem messianischen Sohn das angemessene Lob bereitet!(Verse 12.13)
Das Motiv der Pilgerscharen des Passafestes ist nicht ein Verständnis von Sacharja 9,9 sondern ihr Bezeugen des messianischen Zeichens der Erweckung des Lazarus von den Toten (Vers 17.18). Was Jünger wie Pilgerscharen erst nach der Verherrlichung Jesu am Kreuz begreifen werden, ist die unverwechselbare Art seines messianischen Königtums, die sich ihnen u.a. im Lichte von Sacharja 9,9 ff. erschließen wird (Vers 16).
2) Im Einzug Jesu (Verse 14.15) werden mit dem in die Welt gekommenen Logos der Sohn Gottes und Jahwe als eines in der Mitte Israels (Johannes 10.30; Zephanja 3,15) epiphan.
Anders als bei den Synoptikern heißt es bei Johannes erst nach der Akklamation: Jesus fand einen jungen Esel.
Durch seine Wahl des Esels als königliches Reittier kommentiert Jesus die Königsakklamation der Pilgerscharen und weist alle ihre möglichen politisch-nationalistischen Untertöne und Hoffnungen in ihre Schranken.
Sein messianisches Königtum ist nicht von dieser Welt. Seine Kennzeichen sind Frieden, Armut, Niedrigkeit, Schwachheit...
3) Entgegen ihren eigenen Absichten machen die Gegner Jesu eine prophetische Aussage über die Universalität des Evangeliums.
Die Universalität des Evangeliums ist schon angelegt im Sacharja 9,9-Kontext: Vers 10. Sie setzt sich fort in der auf den Einzug folgenden Szene von den „Griechen“, die kommen, weil sie Jesus gerne sehen wollen.

Liebe Gemeinde!
Gelobt sei, der da kommt, in dem Namen des Herrn, der König von Israel.

1.
Was hat Gott mit den Jerusalempilgern angefangen, dass sie so reden können? – Und was hat Gott mit uns angefangen, dass wir bei jeder Abendmahlsfeier ein solches Wort auf die Lippen nehmen dürfen?
Ich blende zurück zum Bericht der Bibel. Die Geschichte, die Johannes zuvor erzählt, klingt phantastisch. Jesus habe den Lazarus aus dem Grab gerufen und von den Toten auferweckt. Es ist das gewaltigste Wunder Jesu, und darum das letzte, das der Evangelist Johannes im vorhergehenden Kapitel berichtet. Und dennoch soll seiner Ansicht nach nicht das Wunder als solches den Blick der Menschen auf sich ziehen. Nach Meinung des Johannes ist auch dieses Wunder ein Zeichen, das auf das Geheimnis der Gegenwart Gottes in der Person Jesu hinweist. In diesem Sinne geschieht alles von vornherein, um Glauben an Jesus zu wecken. Wer an ihn glaubt, erfährt darin Höchstes und Letztes: Leben aus Gottes Hand, hier und jetzt.
Darum bildet die Reaktion der Festpilger auf das unglaubliche Ereignis von der Auferweckung des Lazarus ein Modell für jeden Menschen, der etwas vom wahren Gott erfährt. Die Pilger quittieren die märchenhafte Erfahrung damit, dass sie Gott recht geben. Sie wehren sich nicht gegen das, was ihnen da begegnet ist. Sie tun nichts dagegen, was von Gott her in ihrer Mitte geschah. Im Gegenteil. Sie tun zu all dem noch etwas hinzu. „Sie rühmen die Tat“ und singen: „Hosianna. Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“
Es ist im Grunde nicht sehr viel, was sie hinzutun. Ihr Lied ist wenig originell. Ihr Lied ist montiert aus drei verschiedenen Sätzen der Hebräischen Bibel. Aus zwei Versen eines Psalms (118, 25 und 26) und aus einem Prophetenvers (Zephanja 3,15). Die Pilger haben keine eigene Stimme. Sie wiederholen nur, was schon Israel auf Gottes Taten antwortete. Dieser Mangel an Originalität, scheint mir, ist bedeutsam: mehr als die Pilger müssen auch wir nicht tun. Wir brauchen nur Gott recht zu geben in dem, was er mit uns anfing und vorhat. Hierbei können die Worte, die die Pilger brauchen und die von Generationen von Christen schon vor uns beim Abendmahl gesungen wurden, für uns zu einem Vehikel werden, das uns in Gottes Zukunft fährt.
Wohin wird die Reise gehen?
Die Palmzweige in den Händen der Pilgerscharen können als Siegeszeichen gelesen werden. Dann ist das Loblied zugleich als Siegeslied zu verstehen: Was Gott mit der Fleischwerdung anfing, was sich im irdischen Wirken Jesu fortsetzt, was sich in seinen Worten und Wundern ereignet und was in seiner Kreuzigung und Auferstehung und in der Ausgießung des Heiligen Geistes kulminiert, ist nichts anderes als eine Verwandlung dieser Welt, eine Umwälzung aller Verhältnisse, die alle bisherigen Umwälzungen der Menschheit überholt und nachhaltig in den Schatten stellt. Das hat angefangen und das wird weitergehen. Und wer Gott darüber lobt, der nimmt schon jetzt teil an der großen Veränderung.
Wer in der Gemeinschaft der Glaubenden – Lebende wie Tote –, Gott, den König Israels, zum Herrn erhebt, erklärt damit, dass ER der wahre Herr ist. „Loben“ heißt ja: Applaudieren, in die Höhe heben, aufrichten, erheben. Wer Gott lobt, der lässt den Gott, den die ganze Welt beiseite schiebt, Gott sein. Wer sonntags in der Gemeinde singt: Herr, erbarme dich und Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geist, der behauptet Gott gegen alle Herrscher und Potentaten, ob sie in Washington und Moskau, in Berlin, Brüssel und Peking oder in internationalen Konzernzentralen sitzen. Was zart und heimlich begann, soll vor der Weltöffentlichkeit sichtbar werden: Jesus Christus, Gott von Gott, wird die alte Welt zu Ende bringen und alles neu machen. Er wird aller Menschen Gott werden. Das ist das Reiseziel. Darauf hin singen die Pilger auf den Straßen Jerusalems ihr Lied. Darauf hin singen wir Christen weltweit das Kyrie, das Gloria, das Hosianna in der Höhe und feiern im Gottesdienst das Fest der Ankunft Jesu Christi, der Gegenwart unseres Gottes in Brot und Wein!

2.
Jesus aber fand ein Eselchen und setzte sich darauf, wie es in der Schrift heißt: ‚Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, er sitzt auf dem Füllen einer Eselin’. Und bei Sacharja heißt es dann weiter: Denn er wird Frieden gebieten den Völkern und seine Herrschaft wird sein von einem Meer zum anderen und vom Strom bis zum anderen Ende der Erde (Sach 9,10).
Einen ‚Bettelkönig’ nennt Martin Luther den Mann Jesus in einer Predigt zum Einzug, einen, der Macht und Prunk der Herrschaften in aller Welt auf fast unerträgliche Weise lächerlich macht. Stellen Sie sich die heutigen Mächtigen vor, an wen immer Sie denken, auf einem kleinen Esel! Die Umkehrung aller Werte, die mit der Geburt in einem Elendsasyl beginnt und am Kreuze endet, wird hier noch einmal unüberbietbar demonstriert: Denn der Einzug in die Heilige Stadt, in die Stadt aller Hoffnung eines unterdrückten Volkes, ist der Einzug zum eigenen, ihm selbst bewussten schmählichen Untergang. Die jetzt jubeln, werden ein paar Tage später schreien. Und das Hosianna erstirbt im Kreuzige-Ruf.
Wer kann das alles verstehen?
Die Gefährten Jesu sowieso nicht. Der Evangelist erklärt freundlich: Erst als Jesus verherrlicht worden war, erinnerten sie sich daran, dass dies über ihn in der Schrift steht und sie selbst es an ihm erfüllt hatten.
Und die Festpilger und das übrige Volk? Sie erwarten einen, der ihnen die Freiheit von der römischen Besatzung bringt und die Reinigung der Stadt von den gehassten Ungläubigen. Sie erwarten einen Messias, vor dem der Politiker Pontius Pilatus weichen muss. Sie verschwenden ihre Träume und Illusionen an einen kommenden König, der dann selber die Macht ergreifen wird, die absolute und universale Machtergreifung. Fromme sind unter diesen Jubelnden und Nicht-Religiöse, Extremisten, ja Feinde der öffentlichen Ordnung.
Mit seiner Entscheidung, auf einem Eselchen in die Stadt zu reiten, unterläuft Jesus diese national-politischen und apokalyptisch-universalistischen Erwartungen. Sein Reich sei nicht von dieser Welt, wird er später sagen. Aus diesen Stunden des Einzugs jedoch ist kein Wort von Jesus überliefert. Ihm genügt wohl das Bild, die symbolische Handlung. Dabei nimmt er die alte Prophetie für sich in Anspruch, aber eben genau mit den äußeren Zeichen, die ihn als den auszeichnen, der er ist: Der König der Armen; der Fürst des Friedens; der Sohn, der in seiner Geringheit mit dem Vater eins ist (Joh 10,30): Der in Schwachheit erscheinende Gott; die Herrlichkeit, die nur unter ihrem Gegenteil, der Niedrigkeit, erkannt werden will.
Genaugenommen ist es die einzige Szene, in der Menschen den Richtigen gefunden haben, dem sie zujubeln. Die einzige Szene in der Geschichte der Menschheit. Dem Richtigen, aber dem Unerkannten; dem einzig Würdigen, aber dem unter seinem Gegenteil Verborgenen; dem Herrn, aber dem (an anderen Stellen der Bibel so bezeichneten) Knecht Gottes und der Menschen.
In heutiger Zeit hat die Dichterin Marie Luise Kaschnitz dies festgehalten in dem folgenden Gedicht:
Jesus, wer soll das sein?
Ein Galiläer
Ein armer Mann
Aufsässig
Eine Großmacht
Und eine Ohnmacht
Immer
Heute noch.

3.
Da sagten die Pharisäer zueinander: „Ihr richtet überhaupt nichts aus. Alle Welt läuft ihm nach!“
Gegen ihre eigene Absicht machen die Gegner Jesu hier eine prophetische Aussage über die Universalität des Evangeliums, über seine Bedeutung für jedermann und jedefrau und über seinen Lauf um die ganze Welt. Schon im folgenden Kapitel berichtet Johannes von Nicht-Juden, die nach Jerusalem kommen, weil sie Jesus sehen wollen. Ich möchte anschließen mit einer Geschichte von der anderen Seite unserer Erdkugel, dem Südpazifik, die ein bezeichnendes Licht auf die Frage wirft, mit der unser Predigtlied begann: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?
Auf den Gilbert-Inseln in Ozeanien hatte sich die Bevölkerung um 1900 schon mehrheitlich einer protestantischen Version des Christentums zugewandt, nicht unbeeindruckt von den Stahlschiffen und Schulbüchern – und den Gewehren: Das Evangelium als eine Macht des Lebens.
Und doch ging die Rechnung irgendwie nicht auf. Es blieb das Problem Macht auf der einen, der Geber-Seite und Ohnmacht auf der anderen, der Empfänger-Seite.
Da kam, eingeladen von Plantagenarbeitern, an die Gestade der Gilbert-Inseln Joseph Leray, ein katholischer Priester, ein schwacher asthmatischer Mensch. Dazu hatte er einen Bruch. Wenn er Fahrrad fuhr, hatte er Mühe, die Balance zu halten. Ein Weißer, der nicht mächtig war. Aber er hatte Durchhaltevermögen. Schwachheit ist eben nicht gleichbedeutend mit Untätigkeit. Die Gilbertisen liebten ihn, „weil er körperlich so hilflos schien und weil er so drollig wirkte, wenn er Rad fuhr“.
Für schwache Menschen, die – wie die Gilbertisen – sich als Opfer von Gewalten erfuhren, die größer waren als dass sie selbst sie hätten beeinflussen können, war dieser schwache Mensch, der bei ihnen blieb und sie liebte, die Brücke zu Christus. In großer Geduld begleiten, dabeibleiben, Ohnmacht nicht gleich überwinden, sondern miteinander aushalten wollen, bis da etwas spürbar wird von der Kraft Gottes, die in unserer Schwachheit Wohnung nimmt und uns verändert: Könnten nicht auch wir mit unserem Leben so antworten auf die Frage: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?
Wir sind nur Menschen, aber Christus tut sein Herz auf und will auf seine ohnmächtig-vollmächtige Art anderen und uns das Herz öffnen. Sein eigenes Leben bietet er dafür auf. Amen.

Verfasser: Pfarrer i.R. Jochen Gollin, Große Spillingsgasse 41, 60385 Frankfurt/Main

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