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Jesus und die Ehebrecherin

von Iris Schmidt (Nenderoth Dekanat Herborn)

Predigtdatum : 10.07.2022
Lesereihe : IV
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 8,3-11
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Wochenspruch: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)

Psalm: 42,2-6

Lesungen

Reihe I: Lukas 6,36-42
Reihe II: Römer 12,17-21
Reihe III: 1. Mose 50,15-21
Reihe IV: Johannes 8,3-11
Reihe V: 1. Petrus 3,8-17
Reihe VI: 1. Samuel 24,1-20

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 353 Jesus nimmt die Sünder an
Wochenlied: EG 495 O Gott, du frommer Gott
Predigtlied: EG 584 Meine engen Grenzen
Schlusslied: EG 140 Brunn alles Heils, dich ehren wir

Predigttext: Johannes 8,3-11

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Predigt

Wow – eine filmreife Szene, die wir da im heutigen Predigttext gehört haben. Man kann sie sich bildlich wunderbar mit allen Details vorstellen.

  • Jesus ist im Tempel im Morgengrauen.
  • Die umringenden Männer bilden einen Schulterschluss.
  • Und in der Mitte – fast einem Boxring gleich – die Frau.

In dieser Geschichte spielen Haltungen eine starke Rolle. Die Männer „ergriffen“ und „brachten“ eine Frau, eine ertappte Ehebrecherin. Sie zerrten sie vor ihn, Jesus, hin. Der Haufen von rechtschaffenden Männern umringt beide. Jesus und die Frau – beide sind in die Mitte gedrängt. Jesus in der Mitte – so, als wäre er mit dieser Ehebrecherin angeklagt!

Bei Jesus wechseln sich Bücken und Aufrichten ab. Sein Haupt bleibt aber immer unter den wachsamen Blicken der Menge. Und dann, fast am Ende: Ein wieder lichter werdender Kreis. Einer nach dem anderen verschwindet am Ende aus der Bildfläche.

In der Mitte nur noch die zwei – Jesus und die Frau. Ganz am Schluss, die Sonne ist im Steigen begriffen, ganz viel Licht breitet sich aus – da geht auch die Frau. Mit einer neuen Lebensweisung im Ohr.

Einer aber fehlt ganz in diesem Bild. Zu einem Ehebruch gehören immer doch zwei! Wo ist der Mann dazu? Vielleicht gehörten auch noch mehr Personen in die Mitte. Die, die dazu beitrugen, dass es so weit kommen konnte. Doch die hat das Standgericht nicht im Blick.

Dafür soll später ein anderer vor das Tribunal gezerrt werden: Der Meister, der Lehrer selbst.

Die Frage ist eine Fangfrage: Was Mose geboten hat – gilt es heute noch? Wenn nein, ist der Meister überführt, die jüdischen Gesetze nicht ernst zu nehmen. Und wenn ja, maßt er sich das Todesurteil an, das doch der römischen Besatzungsmacht zusteht.

Jesus, der Lehrer soll zum Richter werden. Den kann man dann am Ende selbst verklagen. Doch den Schuh zieht sich Jesus nicht an. Vielmehr wird er zum Anwalt.

Das Bild von Jesus als Anwalt ist uns vertraut. Jesus trat ein für die an den Rand Gedrängten. Menschen mit physischen und psychischen Krankheiten. Menschen mit Behinderungen. Zugewanderte, Kinder, und ja, Frauen, auch leichte Mädchen.

Gott sei Dank tat er das! So gab er damit deutlich – für alle sichtbar – ein Beispiel der Liebe Gottes zu den Ausgegrenzten. Er befeuerte bei seinen Jünger/innen zu allen Zeiten tätige Nächstenliebe, lang bevor sozialer Einsatz als staatliche Aufgabe gesehen wurde.

Denn: Was wurde nicht alles auf den Weg gebracht von Menschen, die Jesu Botschaft ernst nahmen! Kliniken und ärztliche Mission. Pädagogik und Sonderpädagogik. Sozialwesen und Asylrecht. Wir verdanken die Inspiration dazu auch diesem einen. Diesem einen, der sich denen zuwandte, die an den Rand gedrängt oder in die Mitte gezerrt wurden: Den Opfern der Gesellschaft.

Wir haben Grund anzunehmen, dass auch die Frau in der Mitte ein Opfer der vorherrschenden männlichen Sicht war. Schon deshalb, weil sie dort allein mit Jesus steht.

[Dieser folgende Abschnitt könnte gekürzt werden:
Die Schuld am Ehebruch wurde vielfach und meistens den Frauen zugeschoben.
Sie waren es folglich, die sich und ihre Ehe durch Kleidung und Verhalten zu schützen hatten.
Jesus kehrte die Blickrichtung um.
In der Bergpredigt sprach er Männer an: Der Ehebruch beginnt mit den Augen.
„Wenn dich dein Auge, deine Hand zum begehrlichen Blick, zum Grapschen verführt, dann hau sie ab, bevor du eine Ehe verletzt. Besser, du kommst unvollständig ins Reich Gottes, als dass du vollständig zur Hölle fährst“ (Matthäus 5,31ff.).

Bei uns hält sich bis heute ein ungleicher Blick auf die Rollen beim Ehebruch.
Für verführerische Frauen gibt es eine Reihe unschmeichelhafter Bezeichnungen.
Entsprechende Männer dürfen immer noch Frauen“held“ heißen.
Jesus dagegen sieht beide Seiten der Medaille.
Männer mögen geschluckt und Frauen aufgeatmet haben.]

Doch wir wissen nicht, ob diese Frau im Predigttext wirklich ein Opfer ist! Vielleicht wäre sie heute einfach eine, die die Verführungsstrategien aus einem der vielen Frauenzeitschriften erfolgreich angewendet hat. Vielleicht hat sie alle möglichen Listen und Künste angewandt. Und inzwischen wird Verführungserfolg gerade bei an Jahren jüngeren Männern bewundert. Vielleicht war es eine solche Frau, die nun mit Jesus in der Mitte steht. Gehen wir einen Moment einmal davon aus. Fühlen wir jetzt noch gern mit ihr? Wollen wir, dass Jesus für sie eintritt? Für eine Täterin womöglich? So hat die Begebenheit mit Sicherheit auf die erste Leserschaft gewirkt. Unsere Geschichte hat Menschen auch verärgert! Fast wäre sie ja nicht hineingekommen in die Bibel. Nach theologisch-wissenschaftlicher Erkenntnis ist die Geschichte zwar sehr alt, gehörte wohl aber nicht ursprünglich zum Johannesevangelium.

Was würde uns fehlen, wenn sie nicht in der Bibel stünde? Ein ganz wichtiger Aspekt, der bei fast allen anderen Berichten über sein Leben fehlt, nämlich: Jesus schützt nicht nur Ausgegrenzte und Opfer, sondern auch Täter. Die Menschen in Jesu Nachfolge fanden es richtig, auch dies aufzuschreiben. Jesus setzt sich auch für die Verursacher von handfestem Unrecht ein. Und in der Nachfolge Jesu – also auch in unseren christlichen Maßstäben – soll diese Haltung grundsätzlich weiter gelten.

Diese Haltung fordert von uns, den richtenden Blick abzusetzen. Bei einem getanen und nachweislichen Unrecht wird das juristische Urteil von den zuständigen Instanzen gesprochen. Die Zeit der Verbüßung soll genutzt werden, ein Leben zu erlernen unter der Weisung „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“.

Sicherlich erwartete der Meister, Jesus, eine solche Bereitschaft nicht von jedem seiner Jünger – oder doch? Es reicht ihm doch hier die Einsicht in die eigenen Fehler. Vielleicht sind wir in dieser Geschichte unter denen, die nach kurzem die Bildfläche räumen, und damit ihre Lektion gelernt haben?

  • Ja, Herr, auch ich sitze im Glashaus und werde deshalb nicht mit Steinen werfen.
  • Auch ich habe schon begehrliche Blicke geworfen, auf Dinge und Personen.
  •  Auch ich spüre, je älter ich werde, dass ich aus diesem Kreis verschwinden muss.
  • Ich lasse meinen Stein in der Tasche und versuche auch, hinfort nicht mehr zu sündigen.
  • Das ist es doch, was du von mir willst?

Wer springt schon gern für einen Täter in die Bresche, für einen, der gegen den allgemeinen Sittenkodex verstößt. Öffentlich bekannt gewordenen Ehebruch verzeiht die öffentliche Meinung inzwischen meistens, wenn Reue erkennbar ist. Bei uns heute fliegen keine Steine. Juristisch genießen alle Täterinnen und Täter gleichermaßen den Schutz vor Vorverurteilungen. Doch viel zivilisierter sind wir nicht, wenn es ums Anprangern sozialer Unverträglichkeiten geht.

In den modernen internationalen Tugendrepubliken hat das Steinewerfen die Form des Shitstorms angenommen – mit dem sozialen Tod als Folge.

Shit – Storm – zwei Wörter, die nicht übersetzt werden müssen. Nicht viel besser als Steinhagel. Ein Sturm öffentlicher Entrüstung, der mit Beleidigungen einhergeht und sachliche Diskussion verhindert. Besonders leicht im virtuellen Netz. Hinter fantasievollen Pseudonymen bleiben die Steinewerfer anonym.

[Parkplatz für eigene oder aktuelle Beispiele …]

Warum holen wir so gern die Steine aus der Tasche, pardon, tippen Entsprechendes in unsere Tastaturen, werfen mit Beleidigungen? Die menschliche Vernunft bleibt letztlich unergründlich…

Zurück zur Predigtgeschichte:
Kurz vor dem Ende sitzt Jesus mit der Frau allein da. Bevor auch sie geht, kommt das wegweisende Wort.
Tu kein Unrecht mehr.“

Wir können das Bild vor unserem inneren Auge auch einmal mit neuen Figuren füllen. Wo stehen wir in diesem Bild? Was würden wir mit Jesus bereden wollen – ganz unter vier Augen und Ohren?

[Hier wäre eine kleine „Aktion“ möglich: Die Leute bekommen einen vorgedruckten Zettel mit Sandmotiv und „Zeigefinger“, in einer Sprechblase können sie zu Hause ihre „Klagepunkte“ ganz persönlich für sich notieren.]

Gott sei Dank wissen wir, wie die Geschichte mit Jesus letztlich ausgegangen ist: Ganz am Schluss bricht noch einmal ein neuer Morgen an. Ein einziger Stein wird beiseite gerollt. Es wird ein ganz neues Wort gesprochen. Eines, das allen Opfern und Tätern dieser Welt gilt. Eines, mit dem ein neues Leben anbricht.

Und wieder ist die Sonne im Steigen begriffen. Und ich hoffe, wir alle sind ein Teil von diesem Bild. Amen.

Verfasserin: Pfarrerin Iris Schmitt, Niederkirchen


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