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Leben aus der Taufe

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 18.07.2004
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 5. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Römer 6,3-8.(9-11)
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Wochenspruch:

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1)

Psalm: 139,1-16.23-24 (EG 754)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 43,1-7
Epistel:
Römer 6,3-8 [9-11]
Evangelium:
Matthäus 28,16-20

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 452
Er weckt mich alle Morgen
Wochenlied:
EG 200
Ich bin getauft auf deinen Namen
Predigtlied:
EG 320
Nun lasst uns Gott, dem Herren
Schlusslied:
EG 590
Herr, wir bitten, komm und segne uns

3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, [9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde,
Vor zwei Wochen ist die Fußball-Europameisterschaft in Portugal zu Ende gegangen. Sie hat viele in ihren Bann gezogen. Es ist ja auch wirklich faszinierend, die Spiele zu verfolgen, die Dramatik mitzuerleben, mitzujubeln mit Siegern und mitzutrauern mit Verlierern.
Was mir aufgefallen ist: Solange die Auswahl des DFB gewonnen hat, waren es unsere Jungs, Rudis Buben oder wie auch immer. Wenn sie aber verloren haben, waren es „die da“, die „alten Säcke“, die Deutschen Monster, lauter Nichtskönner, die längst ins Altersheim gehören. Sie haben nicht ihre Leistung gebracht. Ich lerne daraus: Wer seine Leistung nicht bringt, verliert Anerkennung, verspielt Zuneigung und verschwindet am besten von der Bildfläche.
Letzte Woche hat es Zeugnisse gegeben. Das ist nicht so schlagzeilenträchtig wie eine EM. Aber es wiederholt im kleinen, familiären Rahmen das große Drama. Wer tüchtig war, wer Spitze war, der erntet verdienten Lohn. Wer aber die Leistung nicht gebracht hat, der musste sich in diesen Tagen fürchten: Was werden die Eltern sagen? Bin ich noch Omas Liebling, auch wenn ich eine Ehrerunde in der „Acht“ einlegen muss? Kriege ich jetzt wieder zu hören: Du bringst es einfach nicht?
Hinter diesen Beobachtungen steht eine Frage: Zählt an mir nur, was mir gelingt? Ist für meinen Wert nur ausschlaggebend, was ich für Familie, Gesellschaft, Staat und Kirche bringe? Und wenn ich es noch nicht oder nicht mehr bringe, was ist dann? Bin ich dann „draußen“, abgeschrieben, nicht mehr wert, dass man auf mich achtet? Bin ich nur, was ich leisten kann?
In einer Zeit des Schweigens möchte ich Sie bitten, Ihrer Antwort auf die Spur zu kommen: Was lässt mich mein Leben wertvoll sehen?
Ich möchte Ihnen eine Geschichte aus der DDR-Zeit erzählen:
„Frau Rick ist eine ältere, ganz freundliche Frau. Ich sehe sie öfters am Fenster sitzen oder ich treffe sie unterwegs oder wir unterhalten uns über den Gartenzaun hinweg. Als der Sommer begann, habe ich Frau Rick gefragt: „Wohin fahren sie denn dieses Jahr in Urlaub?“ Und sie hat gesagt: „Wir fahren dieses Jahr nicht weg. Wir haben die Entdeckung gemacht, dass es eine Möglichkeit gibt, Ferienkinder aus Ungarn einzuladen. Da haben wir uns auch gemeldet und uns ein Ferienkind für die vier Wochen gewünscht. Und ich weiß auch schon, was ich mir wünsche: So einen kleinen, pfiffigen Jungen, schwarzhaarig, mit glitzernden Augen, das kann ich gut leiden. Und dann werden wir auf der Saale Kahn fahren und zur Rudelsburg wandern, und wir gehen in die Eisdiele. Das wird prima.“ Ich sage: „Wie schön, Frau Rick, das wird ja wunderbar.“
Ein paar Wochen später, Ferienanfang, gehe ich in die Stadt. Da kommt mir Frau Rick entgegen, neben ihr ein langes, blondes Mädchen. Frau Rick ist ganz brummig und grüßt nur so vor sich hin. Aber dann bleibt sie doch stehen und sagt: „Judith, geh mal ein paar Schritte voraus.“ Und nun platzt es aus ihr heraus: „Also so etwas. ich komme gerade vom Bahnhof, wie Sie sehen. Und als der Zug einfährt und die Türen aufgehen, kommen die Kinder alle heraus, und es gab genau solche Jungs, wie ich mir einen gewünscht hatte. Plötzlich kommt die Leiterin mit diesem Mädchen an, stellt sie neben mich und sagt: „Das ist Ihr Ferienkind.“ Und ich sage: „Haben Sie denn nicht…?“ „Doch, doch,“ sagt sie, „alles in Ordnung. Nehmen Sie sie nur mit.“ „Na,“ sagt Frau Rick, „Blonde Bohnenstange, mit Rudelsburg und Eisdiele wird wohl nichts. Sie soll mit den Nachbarskindern spielen, da geht die Zeit auch rum.“ Das hört sich recht traurig an, war aber nicht zu ändern.
Zwei Tage später gehe ich durch die Fußgängerzone. Da waren die Tische bei der Eisdiele rausgestellt, und an einem der Tische sehe ich: Da sitzt Frau Rick mit Judith, und sie essen Eis, froh und ganz lustig miteinander. Ich dränge mich durch die Tische und frage: „Na, wie geht es Ihnen denn?“
„Ach wunderbar, uns geht es ganz großartig“ Frau Rick sagt: „Judith, geh doch mal ein paar Ansichtskarten kaufen.“ Und dann erzählt sie mir: „Das hat mich doch nicht ruhen lassen. Da bin ich abends noch einmal zu der Transportleiterin gegangen. Die wohnt bei uns in der Nähe. Da hat sie mir erzählt: „Als die Kinder aus dem Zug raus kamen, hat die Judith so vor sich hingesagt: „Die alte Frau dort, die sieht lieb aus - zu der will ich.“
„Seitdem ich das weiß“, sagt Frau Rick, „sieht die Sache für mich ganz anders aus. Da standen ganz andere Eltern. Die hatten Pakete unterm Arm und das Auto schon vor der Tür stehen. Aber zu mir alter, einfacher Frau wollte das Mädchen, obwohl ich gar nichts besonderes bin.“
Seitdem ich das weiß“, sagt Frau Rick, „ist mein Verhältnis zu dem Kind völlig verändert. Ich habe plötzlich verstanden: Wichtig ist nicht, was ich gewollt habe, sondern dass jemand mich gewollt hat. Wichtig war nicht, was ich mir gewünscht habe, sondern dass mich jemand gewünscht hat, obwohl ich doch gar nichts besonderes bin.
Können Sie das verstehen?“
Auch jetzt haben wir wieder eine Zeit des Schweigens. Ich möchte Sie bitten, sich Ihren Gedanken zu dieser Geschichte zu machen!
Wir haben eben gehört: „Wichtig ist nicht, was ich gewollt habe, sondern dass mich jemand gewollt hat.“ Unsere Taufe sagt uns: Wir sind gewollt. Wir sind angesehene Leute. Wir sind anerkannte Leute. Dazu müssen wir nicht irgendwo in den Schlagzeilen gewesen sein. Gott hat uns in der Taufe gesagt: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ Gott hat uns in der Taufe zugesagt: Du bist mein und sollst es bleiben. Nichts soll dich von mir trennen dürfen. Das steht als großes Versprechen über unserem, über Ihrem Leben.
Dabei ist Gott nicht blauäugig. Er weiß, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Er weiß, was für ein eigensinniges Herz wir haben und wie dickfellig wir oft genug sind. Gott weiß um unsren Eigensinn und Starrsinn. Er weiß, wie schnell wir uns verrennen können. Er weiß, wie wir die eigenen Wege lieben, auch wenn sie uns immer tiefer in Ausweglosigkeiten verstricken. Das alles weiß Gott von uns.
Gerade deshalb sagt er uns zu: Obwohl vieles, ja alles gegen euch sprechen mag - Christus spricht für euch. Obwohl euer Verhalten oft genug ein einziges Argument dagegen ist, dass ihr liebenswert seid - Christus spricht mit seiner Liebe für euch. Auf diese Liebe gegen alle Augenschein und gegen allen Widerstand hat Gott sich festgelegt. Darauf hat er sich in Jesus festnageln lassen. So weit geht Gott, dass er selbst vor dem Leiden nicht zurückschreckt, das ihm seine liebe zu uns einbringt.
Taufe - das ist die Zusage: diese Festlegung Gottes gilt dir ganz persönlich. Du bist gemeint. So könnten wir Gott ja nie und nimmer festlegen - oder können Sie den Wind festlegen? Er weht, wo er will. Aber Gott selbst hat sich festgelegt. Seht, das macht unser Leben unendlich wertvoll: Wir sind Gott seine Liebe wert. Liebenswert wird ein Mensch doch nicht dadurch, dass er dies oder jenes toll kann, ein charmanter Plauderer ist oder eine großartige Köchin, eine tolle Malerin oder ein wunderbarer Lehrer - liebenswert sind wir einzig und alleine dadurch, dass einer seine Liebe zu uns entdeckt, dass wir einem seine Liebe wert sind. Diese Entdeckung aber ist unsere Taufe: da deckt Gott seine ganze Liebe zu uns auf.
Ich möchte Sie nun bitten, diesen einen Satz einmal auf sich wirken zu lassen: Ich bin ein liebenswerter Mensch - ich bin Gott seine Liebe wert.
Jemand hat mir die folgende Erfahrung erzählt: „Ich habe in dieser Woche am Sterbebett einer Verwandten gestanden. Meine Cousinen haben mich gerufen, um mit der Tante zu singen und zu beten. Im Gesicht, im Stöhnen und Beten dieser Frau konnte ich es sehen: Ich bin aufgehoben. Ich darf getrost sterben. Ich weiß, wem ich entgegengehe.“
Sehen Sie: seit Ihrer und meiner Taufe steht es fest: Der Horizont unseres Lebens ist größer als die 80 Jahre, die wir hier leben werden. Der Horizont unseres Lebens ist nicht der Tod, sondern die Ewigkeit Gottes. Diesen Horizont des Lebens kann mir keine Schuld verstellen, kann mir kein Zweifel nehmen, darf mir der Tod nicht rauben. Sie und ich - wir gehören zusammen mit Jesus Christus, der durch den Tod gedrungen ist und stärker ist als aller Tod, auch stärker als mein und Ihr Tod.
Seit unserer Taufe gilt das von Gott her für uns: Du lebst unter einem weiten Horizont. Und durch den Horizont kommt Gott dir entgegen und will dir Begleiter sein auf dem Weg im Leben zur Ewigkeit. Amen.

Verfasser: Pfr. Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

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