Menü

Leben aus Gottes Gnade

von Waltraud Frassine (Reichelsheim)

Predigtdatum : 07.08.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Kirche und Israel
Textstelle : Epheser 2,4-10
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:
"Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade." (1. Petrus 5, 5)

Psalm: 113, 1 – 8

Lesungen
Altes Testament: 2. Samuel 12, 1 - 10. 13 - 15 a

Epistel: Epheser 2, 4 – 10

Evangelium: Lukas 18, 9 – 14

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu
Wochenlied: EG 299 Aus tiefer Not schrei ich zu dir
Predigtlied: EG 401 oder EG 638 Liebe, die du mich zum Bilde Ich lobe meinen Gott
Schlusslied: EG 614 Lass uns in deinem Namen


Predigttext Epheser 2,4-10
„Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“


Predigt

Liebe Gemeinde,

das erste, was sie noch halb im Schlaf hörte, nachdem der Radiowecker angegangen war, war eine kurze Mitteilung: Der Moderator wies auf die später folgende Presseschau hin, in der es unter anderem um einen Bericht über zwei Bilder von Caspar David Friedrich gehen sollte, die nach einer Restaurierung wie zu neuem Leben erwacht waren. Neues Leben, das wünschte sie sich auch manchmal, wenn sie mit dem ganz normalen Alltag nicht mehr zurechtkam. Eine Restaurierung, so dachte sie, könnte ich auch gebrauchen.

Später am Tag las sie dann den ganzen Artikel in der Zeitung. „Die Überraschung ist das dritte Schiff. Vor vierzehn Tagen erst wurde es, nach zweieinhalbjähriger Restaurierung, beim Zusammenfügen der Infrarotaufnahmen am rechten Bildrand des „Mönchs am Meer“ entdeckt … Das dritte Schiff ist in keiner der einschlägigen Biographien und Werkanalysen zu Caspar David Friedrich beschrieben. Kein Wunder, denn es war ja, ebenso wie die beiden anderen Segler, von denen die Kunstwelt freilich wusste, unter den Farbschichten des fertigen „Mönchs“ verschwunden. „Der Mönch am Meer“ strahlt nun in einem tiefen, vielstufigen Blau, das mit keiner Farbnuance der Kunstgeschichte zu vergleichen ist … Das Bild brummt nicht mehr, es klingt.“

Wenn es doch so einfach wäre! Da kommt ein kundiger Mensch und trägt Schicht um Schicht ab, die sich im Laufe der Zeit über das originale Bild gelegt hat. Er nimmt Wachsschichten, vergilbten Firniss und Übermalungen weg und am Ende „klingt das Bild“, erstrahlt in Farben, die keiner vermutet hätte.

Im Laufe des Tages denkt die Frau immer wieder an dieses Bild vom „Mönch am Meer“. Könnte es doch bei uns Menschen auch so sein. Wenn doch auch für sie solch ein Abtragen von Übermalungen, von verdunkelnden Schichten, die das ursprüngliche Bild, das sie in sich tragen, verdecken möglich wäre.

Am Anfang seines Lebens ist jeder Mensch wunderbar. Wir leuchten und strahlen, so vieles ist in uns angelegt, so viele Talente, die sich entwickeln könnten, würden sie nur von jemandem entdeckt und gefördert. Aber das Leben schreibt und malt mit seinen Einflüssen. Das neugeborene Wesen macht Erfahrungen, es erlebt Fürsorge und Liebe, aber auch Verlassenheit, Einsamkeit, Angst und Sorge. Und im Laufe der Jahre ist von dem wunderbaren Bild, von den unendlich vielen guten Möglichkeiten des Anfangs manchmal nichts mehr wahrzunehmen. Von außen beim Betrachten nicht. Und auch der Mensch selbst hat das Gefühl, unter den vielen Schichten seiner Erlebnisse wie verschüttet zu sein.

Die Frau hat schon oft versucht, eine andere zu werden. Wo ist das neugierige kleine Mädchen geblieben, das sie einmal war, wo die kritische junge Frau, die sofort sah, wenn etwas gegen Recht oder Menschenwürde verstieß? Und dagegen protestierte. Sie hat an sich gearbeitet, wie es so schön heißt, aber heute begehrt sie nicht mehr auf, wenn sie Unrecht spürt oder das Gefühl hat, jemand wird falsch behandelt. Was ist nur mit ihr passiert? Manchmal hat sie das Gefühl, sie kann gar nichts mehr machen – und sie will auch gar nicht mehr.

Könnte sich etwas für sie ändern, wenn sie den Predigttext für diesen Sonntag bedenken würde? Ich lese aus dem Epheser Brief:

Epheser 2, 4 - 10
(4) Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner vielen Liebe willen, womit er uns geliebt hat,
(5) auch uns, die wir in den Vergehungen tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht - durch Gnade seid ihr errettet!
(6) Er hat uns mit auferweckt und mit sitzen lassen in der Himmelswelt in Christus Jesus,
(7) damit er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erwiese in Christus Jesus.
(8) Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es;
(9) nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.
(10) Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. Juden und Heiden eins in Christus.

Wie so oft in den Briefen des neuen Testamentes enthält dieser Abschnitt eine Fülle von Gedanken, die sich beim ersten Lesen gar nicht erschließen. Und wie so oft bleibe ich bei einzelnen Sätzen hängen. Gleich der letzte Satz: „Wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken“, und dann: „Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner vielen Liebe willen auch uns mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr errettet.“

Wir sind sein Gebilde – darin steckt ja das Wort Bild – und wir sind geschaffen zu guten Werken. Das heißt doch, am Anfang ist alles Gute in uns angelegt. Gott hat uns so gemacht. Es ist alles da, was uns befähigt zu Menschen zu werden, die liebevoll miteinander umgehen, die auf den Nächsten achten, die mit Gottes Schöpfung verantwortungsvoll umgehen. Jeder Mensch ist ein strahlendes Bild.

Aber dann kommt das Leben und malt auf diesem Bild herum, hinterlässt seine Eindrücke. Und die sind mitnichten immer hell und strahlend. Das fängt schon bei den Säuglingen an, die erfahren müssen was Hunger ist, wenn die Mama nicht beim ersten Schrei zum Stillen bereit ist oder wenn der Papa erst eine Weile braucht bis das Fläschchen zubereitet ist und die richtige Temperatur hat. Das geht weiter im Kindergarten, wo sich manches Kind alleingelassen und von den Eltern verstoßen fühlt. Unsere zweite Tochter hat mir das mal gesagt, als sie schon selber Sonderschullehrerin war. Wie furchtbar das für sie war, ohne jemanden aus der Familie, mutterseelenallein in dieser Gruppe von lauter fremden Menschenkindern sein zu müssen.

Solche Erfahrungen – und ich denke, Sie können sich unschwer weitere solche Negativerfahrungen ausdenken, die einen im Laufe des Lebens treffen – solche Negativerfahrungen trüben das Bild eines Menschen ein. Der Einer wird nicht in der Lage sein, freundlich auf andere zu zugehen, die andere wird immer misstrauisch sein, egal wie ihr eine andere Person begegnet. Und manchmal ist nur noch schwarz da, Hass und Gewalt, die immer wieder ausbrechen.

Zum Glück malt das Leben nicht nur in dunklen Farben in der Seele eines Menschen. Beständige liebevolle Aufmerksamkeit der Eltern und Betreuungspersonen wird das Urvertrauen der Babys stärken, im besten Fall so sehr, dass die dunklen Farben einer Enttäuschung oder einer Verletzung gar nicht anhaften können. Wer Glück hat, schafft es vielleicht, selber so mit sich umzugehen, dass Schlimmes, Negatives nicht an ihn oder sie herankommt. Es gelingt doch vielen Menschen, trotz schwerer Schicksalsschläge Freundlichkeit und Zuwendung auszustrahlen, nicht stumpf und düster zu werden.

Aber wenn ich mich wie tot fühle, wenn ich ausgebrannt bin und mich kaum noch dazu zwingen kann, meine normalen täglichen Dinge zu erledigen, was dann. Vielleicht gelingt es gerade noch, die Fassade nach außen hin aufrecht zu erhalten, aber in den Spiegel schauen, das mag man nicht mehr. Und gläubige Menschen? Sie spüren, dass sie nicht so sind wie Gott es erwartet. Er hatte am Anfang ein anderes Bild mit ihnen gemalt.

Die verschiedenen Übersetzungen des Verses 5 des Epheserbriefes sprechen von tödlicher Schuld, von Ungehorsam, von Verfehlungen, in die die Menschen verstrickt sein können. Und die wir immer wieder verspüren, denn wir wissen alle, dass wir nicht perfekt sind.
Das ist dann wieder diese dicke Schicht Firnis, die auf uns liegt, uns lähmt und nicht wirklich leben lässt. Aber die Befreiung kommt, vielmehr ist sie schon da: Jesus Christus, der uns durch die Gnade Gottes errettet und lebendig gemacht hat.

Die Barmherzigkeit Gottes und die Vergebung unserer Schuld, unserer Verfehlungen und Verstrickungen, die wir immer wieder zugesagt bekommen, das sind – jedenfalls würde ich es so sagen – die Werkzeuge unseres Restaurators, sie machen uns lebendig! Wir bleiben nicht unter den Schichten unserer Lebenserfahrung versteckt, wir werden nicht von den dicken Lagen unserer Missverständnisse, unserer Fehlentscheidungen, unseres falschen Verhaltens vergraben. Wir sollen leben, wir sollen strahlen und klingen, zum Lob Gottes und damit das Leben in der Welt für alle Geschöpfe gut wird.

Liebe und Barmherzigkeit sind die Werkzeuge Gottes, mit denen er uns restaurieren will und all das wieder zum Vorschein bringen will, was im Moment nicht mehr zu sehen, nicht einmal zu ahnen ist. „Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat.“ So lesen wir es im Epheserbrief.

Wir schaffen das nicht allein, diese Befreiung, wir brauchen Gottes Hilfe. Und der Verfasser des Epheserbriefes hat das wohl auch gewusst, er wird die Menschen gekannt haben. Und so viel anders als die ersten Christen damals sind wir auch nicht gestrickt. Ich lese das aus den folgenden Sätzen:

„Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.“ Gott schenkt uns immer wieder seine Gnade. Und wenn wir vertrauen, wenn wir uns immer wieder daran erinnern lassen, dass diese Gnade in Jesus Christus Gestalt bekommen hat und jedem und jeder von uns gilt, dann können wir erleichtert aufatmen. Denn wir müssen nichts erzwingen, „mit unsrer Kraft ist nichts getan“ wie Martin Luther gedichtet hat. Aber so ganz ohne unser Zutun geht es wohl doch nicht. Wenn die Sehnsucht in uns nach diesem anderen Bild, das Gott von uns hat, nicht da ist, dann wird sich nichts ändern. Nur wenn ich mich öffne für Gottes Liebe, wenn ich bereit bin seinen Ansprüchen an mich Raum zu geben, dann kann Gottes Wahrheit in mir wirken. Dann kann etwas sichtbar werden von dem Gebilde, das wir sind, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat.

Gott will uns als lebendige Menschen, die in seiner Liebe strahlen. Und die weitergeben was ihnen geschenkt ist. Er hilft uns dazu und gibt uns immer wieder die Kraft, die wir brauchen und die aus der Vergebung kommt. Damit können alte Schichten abgetragen werden, Übermalungen werden weggenommen und wie ein frisch restauriertes Bild können wir leuchten und klingen.

Ob das ein Trost sein kann für jemanden, der schon früh am Morgen mit dem Wunsch aufwacht: Mache mich neu? Ich glaube ja, denn Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!
Amen

Verfasserin: Prädikantin Dr. Waltraud Frassine
Gutleutstraße 3, 64385 Reichelsheim


Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de