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Leben aus Gottes Gnade

von Peter Fleckenstein (55218 Ingelheim)

Predigtdatum : 23.08.2020
Lesereihe : II
Predigttag im Kirchenjahr : 11. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 18,9-14
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Wochenspruch: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petrus 5,5)

Psalm: 145,1-2.14.17-21

Predigtreihen

Reihe I: Hiob 23
Reihe II: Lukas 18,9-14
Reihe III: Epheser 2,4-10
Reihe IV: 2. Samuel 12,1-10.13-15a
Reihe V: Lukas 7,36-50
Reihe VI: Galater 2,16-21

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 166, 1.2.4 Tut mir auf die schöne Pforte oder EG 324, 1-3.12-13 Ich singe dir mit Herz und Mund
Wochenlied: EG 584, 1-4 Meine engen Grenzen
Predigtlied: EG 625, 1-3 Wir strecken uns nach dir
Schlusslied: EG 630, 1-3  Wo ein Mensch Vertrauen gibt oder EG 352, 1-2.4 Alles ist an Gottes Segen

Predigttext Lukas 18,9-14

Der Pharisäer und der Zöllner

9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Klassentreffen, 30 Jahre nach dem Abitur. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wer ist wohl alles dabei?
Was ist aus den anderen im Jahrgang geworden?
Beruf und Familie, alles im grünen Bereich?
Wenigstens so weit in Ordnung, dass man darüber reden kann? Ich freue mich, all die alten Gesichter wieder zu sehen. Kräftig sind manche geworden. Bei einigen hat sich das Haar gelichtet. Im Hintergrund läuft leise Musik aus den Siebzigern und Achtzigern. Und viele sind ins Gespräch vertieft: „Wie geht`s? Wo steckst du denn eigentlich?“ - „Privat alles top. Bin sehr zufrieden, nette Frau, fleißige Kinder, Konto ok und Haus fast abbezahlt.“ Schenkelklopfen, Gelächter. „Und beruflich?“ -
„Ist gerade etwas stressig, aber ich will nicht klagen.“
Alles klar. Alles in Ordnung. So muss es sein.
So wird es erwartet. Und so stellen wir uns vor.
Beruflich erfolgreich und privat glücklich.
Wäre ja schlimm, wenn`s anders wäre.
Was sollen die andern von mir denken?

Stellen Sie sich vor, demnächst soll ein neuer Dekan / eine neue Dekanin gewählt werden. Die Bewerber stellen sich folgendermaßen vor:

„Ich bin 54 Jahre, das zweite Mal geschieden, meine Tochter aus erster Ehe spricht zurzeit nicht mit mir. Aber ansonsten ist alles ok. Mein ganzes Vertrauen setze ich nämlich auf Gott.“
Oder: „Ich bin 38 Jahre, chronisch krank, weiß nicht wie lange ich noch zu leben habe. Ich bin heute schon auf fremde Hilfe angewiesen. Beziehungen sind schwierig für mich. Aber was ich kann, will ich in Gottes Namen gerne tun und in die Gemeinden einbringen.“

Würden Sie so jemanden Ihr Vertrauen schenken?
Einem oder einer, die Schwächen zugibt, Fehler einräumt, Versagen nicht verschweigt?
Das ist doch peinlich. Das kann man doch nicht machen. Das geht doch nicht: Sagen, was ist, unverblümt.
Offen aussprechen, wie es um mich steht, wie ich da stehe, vor Gott, den anderen, vor mir selbst.

Jesus erzählt in einem Gleichnis von einem Menschen, der das wagt. Hören wir den Predigttext für diesen Sonntag. Er steht im Lukasevangelium Kapitel 18 die Verse 9 bis 14.

Eigentlich ist klar, wie wir diese Geschichte zu verstehen haben. Da muss man nicht viele Worte drüber verlieren. Anfang und Ende dieses Abschnittes aus der Bibel sprechen eine deutliche Sprache. Hier liegt auf der Hand, wer der Gute und wer der Böse ist, wem unsere Sympathie gehören soll und von wem wir uns besser distanzieren.

Aber vielleicht sind die Verhältnisse gar nicht so eindeutig, schwarz oder weiß, richtig oder falsch? Vielleicht steckt die Wahrheit zwischen den Zeilen. Vielleicht finden wir erst bei näherem Hinsehen und Hinhören, was uns weiter hilft in unserer Selbstwahrnehmung, bei der Betrachtung der anderen, in unserer Dasein vor Gott?

Zwei recht unterschiedliche Menschen haben sich auf den Weg in den Tempel gemacht. Sie wollen beten. Sie hoffen, Gott nahe zu kommen. Sie möchten ihr Herz ausschütten, offen sagen, wie es um sie steht.
Sie suchen Anerkennung und Bestätigung.
Nun sind sie da, unter einem Dach, Glieder einer Gemeinde, Angehörige eines Volkes, zwei Menschen im Gespräch mit Gott.

Der eine, ein Pharisäer, müht sich, nach bestem Wissen und Gewissen ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Er lebt nicht einfach nur so in den Tag hinein. Er meidet Unrecht, lässt fünfe nicht gerade sein. Er macht keine krummen Geschäfte, betet regelmäßig und gibt bereitwillig ab an die, die es nötig haben. Er dankt Gott für sein Leben, dass er so ist wie er ist. Offensichtlich lebt er im Einklang mit sich selbst. Er dankt Gott, dass er ihn vor Fehltritten bewahrt hat, dass sein Leben glücklich verlaufen ist, dass er nicht gescheitert ist wie manch anderer: „Danke, dass ich nicht bin wie die anderen. Danke, dass ich nicht bin wie der und der.“

Der Pharisäer sucht die Nähe zu Gott und geht dabei auf Distanz zu seinem Nächsten. Er grenzt sich ab. Das ist ja auch die Absicht dieser Gruppe. Sie wollen heilig sein wie Gott selbst heilig ist, anders, Gott wohlgefällig. Keine halben Sachen mehr. Mit Leib und Seele wollen sie ihr Leben in Gottes Namen führen.

Der andere, ein Zöllner, steht hinten.
Vielleicht hat er sich nicht weiter nach vorne gewagt. Nein, da gehöre ich nicht hin. Das ist nicht mein Platz.
Er steht etwas entfernt, hinten, distanziert.
Er will sich nicht vordrängen auf die ersten Plätze, wo gilt: sehen und gesehen werden.
Vielleicht, weil er seine Schwächen kennt und sein Versagen vor Augen hat ?
Immerhin macht er gemeinsame Sache mit den römischen Besatzern. Er ist dem Lockruf des Geldes gefolgt, hat es zu etwas gebracht, allerdings auf Kosten anderer. Er arbeitet mit den Feinden Israels zusammen, nimmt, was er kriegen kann. Er lässt nichts anbrennen. Doch dabei hat er nicht nur gewonnen.

Er ist den anderen - möglicherweise auch sich selbst - fremd geworden. Er hat sich entfernt, ist ins Abseits geraten. Kein Wunder, wenn ihn die anderen meiden, wenn sie ihm aus dem Weg gehen.

Immerhin sieht er seine Fehler ein. Er weiß, dass das nicht in Ordnung war. Und er bringt auch den Mut auf, das zuzugeben. Er sieht allerdings kaum eine Chance, je wieder gut machen zu können, was in seinem Leben daneben ging. Die Geschichte ist einfach zu verfahren. Da ist zu viel kaputt gegangen. Er kann das aus eigener Kraft nicht wieder in Ordnung bringen.

Und würde er sein anrüchiges Geschäft aufgeben, wäre er wirtschaftlich am Ende, ganz unten.
Doch er gesteht sein Versagen ein. Er lässt die Masken fallen, die er bis jetzt meisterhaft zu tragen wusste. Er zeigt sein wahres Gesicht. Er bekennt Gott, wie es wirklich um ihn steht.

Den Blick hat er gesenkt. Er schaut nach unten, schämt sich. Immerhin macht er nicht die anderen für sein Schicksal verantwortlich; die bösen Römer, die miesen Verhältnisse. Er schlägt sich an die eigene Brust und bekennt frei heraus, wie es um ihn steht. Sein Gebet ist kurz und knapp: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Wem von beiden gehört unsere Sympathie? Für wen schlägt unser Herz? In welchen der beiden können wir uns vielleicht sogar selbst erkennen?

Wir kennen die Sehnsucht, gut da stehen zu wollen, anerkannt zu werden. Andere sollen uns bewundern, uns zumindest so akzeptieren wie wir sind.
Das gelingt am ehesten, wenn ich etwas leiste, wenn ich etwas vorzuweisen habe, etwas darstelle.
Klappern gehört zum Geschäft, je lauter, umso besser.
Ich muss mich verkaufen. Egal, ob ich das will oder nicht.
Tue Gutes und rede darüber.
Stell dein Licht gefälligst nicht unter den Scheffel.
Sieh zu wie du vor den Leuten glänzen kannst. Zeige lieber mehr als du hast, sonst glaubt man dir nicht einmal was du wirklich kannst.

Gelegentlich denke ich allerdings auch: Ich mühe mich doch redlich, mit den anderen klar zu kommen. Ich versuche, mein Leben zu meistern. Ich sehne mich nach Liebe und Anerkennung. Und irgendwie gelingt es mir nicht. Ich tue anderen weh, übersehe sie, setze mich auf ihre Kosten durch. Ich schäme mich dafür, wenn mir das klar wird. Am liebsten möchte dann davon laufen.

Da bräuchte ich dringend einen, der mir aufhilft und mich aus der Sackgasse raus holt, in die ich geraten bin.
Pharisäer und Zöllner, Zöllner und Pharisäer; wie zwei Seiten einer Medaille, wie zwei Seiten von mir selbst.
Einmal überschätze ich mich selbst mit meinen Möglichkeiten. Und ein anderes Mal schleiche ich mit gesenktem Blick durch die Welt.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer soll ich sein? Pharisäer und Zöllner, ein Bild unseres Bewertungs-Systems, Ausdruck unseres ständigen Vergleichens:

„Gut, dass ich nicht so bin wie die anderen; die AFDler und PegidaLeute, die Fundamentalisten und Extremisten, die Brexit-Befürworter, die Heuschrecken und Raffer, all die anderen. Nein, so bin ich nicht. So will ich auch gar nicht sein.“

Zöllner und Pharisäer, Pharisäer und Zöllner; ein Bild für unsere Erkenntnis, dass ich am Leben, an den eigenen Ansprüchen oder an den Erwartungen der anderen immer wieder kläglich scheitere.
Pharisäer und Zöllner, ein Bild für unser Leben vor Gott. Beide warten auf das erlösende Urteil, auf ein Wort, das in die Zukunft weist:
„Dir sind deine Sünden vergeben! Gehe hin in Frieden!“

Wie können wir den Tempel verlassen und gerechtfertigt nach Hause gehen? Wie können gut weiterleben, vor Gott ins rech-te Licht gerückt und auf den Platz gewiesen werden, der uns zusteht? Auf den Platz, auf den wir passen, an dem wir glücklich sind?

Die Geschichte spielt im Tempel, im Haus Gottes, nicht auf einer Abifeier. Die beiden sind hierhergekommen und wenden sich an den, dem sie ihr Leben verdanken. Beide beten zu Gott. Einer ganz vorne für sich, der andere bleibt im Hintergrund. Nähe und Distanz, Scham und Abgrenzung. Die Chan-ce auf Veränderung ergibt sich genau hier, im Gebet, in der versammelten Gemeinde, vor Gott.

Welche Bitte wird Gott hören und annehmen?
Welche Worte wird er verwerfen?

Anerkennung ist wie Nahrung für die Seele, Aufbaukost, Mittel zum Leben. Das brauchen wir. Darauf bin ich angewiesen, Tag für Tag. Die Schatten der Vergangenheit sollen uns nicht länger quälen und gefangen nehmen. Mein Wert, mein Ansehen hängt nicht davon ab, ob ich gut bin oder sogar besser als die anderen.
Vor Gott stehen beide da mit leeren Händen.
Gott bewertet uns nicht nach den Maßstäben, die wir sonst gewohnt sind und für richtig halten. Gott sieht uns mit unseren Stärken und unseren Schwächen. Er nimmt uns wahr, wie wir sind, ungeschminkt und jenseits jeder Verstellung. Und dennoch wendet er seinen Blick nicht von uns ab.

Der Zöllner, so heißt es am Ende der Geschichte, verlässt den Tempel gerechtfertigt. Von Gott aufgerichtet, zurechtgemacht, gerecht gesprochen. Nicht, weil er seine Vergangenheit ausblendet oder die begangenen Fehler herunterspielt, sondern weil er sie vergibt.
Er soll von Neuem beginnen.

Der Pharisäer wird nicht getadelt, weil er ein anständiges Leben geführt hat und so zu leben versucht, wie es Gott gefällt.
Doch er hat sich in seinem Bemühen von seinem Mitmenschen entfernt. Er hat die Mitte, das Herz göttlicher Weisungen aus dem Blick verloren:
„Liebe deinen Nächsten. Er ist wie Du!“

Beide sollen ihren Weg fröhlich machen. Beide sollen sich sehen lernen wie sie wirklich sind, und daran nicht verzweifeln. Beide sollen wahrnehmen, dass Gott gnädig ist und barmherzig und von großer Güte. Wie im Gleichnis von den beiden Söhnen sollen sie erkennen, dass sie beide zum Fest des Lebens eingeladen sind; der jüngere Sohn, der mutwillig das Erbe in der Fremde durchgebracht hat, der mit seinen Träumen Schiffbruch erlitten hat und den Weg zurück nach Hause wagte.

Und genauso der ältere Sohn, der beim Vater geblieben ist, der seine Pflicht treu erfüllt hat und zuletzt nur mit Mühe über seinen Schatten springen kann, als der Vater dem Jüngeren vergibt.

Für beide ist der Tisch gedeckt. Beide sind eingeladen zum Leben. Sie dürfen kommen aus noch so großer Ferne. Sie dürfen Nähe wagen, zu sich, zum anderen, weil Gott ihnen nahe kommt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Verfasser: Pfarrer Peter Fleckenstein, Dietrich-Bonhoeffer-Str. 1, 55218 Ingelheim


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