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Leben in Christus

von Inghild Klodt (55128 Mainz)

Predigtdatum : 04.09.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Kirche und Israel
Textstelle : Matthäus 21,28-32
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Wochenspruch: "Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade." (1. Petrus 5, 5)

Psalm: 113, 1 – 8

Lesungen

Altes Testament: 2. Samuel 12, 1 - 10.13 - 15 a

Epistel: Epheser 2, 4 – 10

Evangelium: Lukas 18, 9 – 14

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 166, 1 - 2.6 Tut mir auf die schöne Pforte

Wochenlied: EG 406, 1 - 4 Bei dir, Jesu, will ich bleiben

Predigtlied: EG 182, 1 - 5 Halleluja

Schlusslied: EG 395, 1 - 3 Vertraut den neuen Wegen

Vorüberlegung zum Text:

Der Predigttext ist ein Gleichnis aus dem Sondergut des Evangelisten Matthäus und thematisiert (wie viele Texte des Matthäusevangeliums) das Kommen des Reiches Gottes. Jesus erinnert mit der Geschichte daran, dass für diejenigen, die sich dafür entscheiden, nach Gottes Willen leben zu wollen und diese Entscheidung nach Möglichkeit in die Tat umsetzen, das Gottesreich offen steht.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Hinführung

Der Predigttext ist heute ein Text aus dem Matthäusevangelium, ein Gleichnis Jesu, das zum Sondergut des Matthäus gehört: Es ist das Gleichnis von den beiden ungleichen Söhnen und dazu auch die Deutung dieser kleinen Rätselgeschichte, Matthäus 21, 28-32.

Zum besseren Verständnis sei noch eines gesagt: Jesus spricht hier in Jerusalem zu den Hohenpriestern des Tempels und den Ältesten des Volkes.

Lesung des Predigttextes

Jesus sagte:

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

Das Gleichnis: die Situation einer Bauernfamilie in Galiläa

Soweit unser Text. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit ergeht. Bei mir ist beim ersten Lesen erst einmal die Geschichte selbst hängen geblieben. Sie hat mich interessiert. Und so möchte ich auch heute in zwei Schritten mit Ihnen über unseren Predigttext nachdenken: erst mal die Geschichte in den Blick nehmen und dann ihre Deutung.

Das Gleichnis ist eine Familiengeschichte. Es geht um einen Vater und seine beiden Söhne. Ob die zwei schon erwachsen sind? Vielleicht sind sie noch Jugendliche, auf jeden Fall keine kleinen Kinder mehr, denn der Vater schickt sie zur Arbeit in den Weinberg, und das war eine schwierige, verantwortungsvolle Aufgabe. Heutzutage ist das nicht anders. Der Wein ist eine sehr empfindliche Pflanze, die eine sorgsame Pflege braucht. Ohne Sachkenntnis kann man da leicht Schaden anrichten.

Damals, in biblischen Zeiten, lebten die meisten Menschen in Israel von der Landwirtschaft, vor allem im fruchtbaren Galiläa. Es gab Kleinbauern und Großgrundbesitzer, und fast jeder, der einen Hof bewirtschaftete, hatte auch seinen eigenen – wenn auch noch so kleinen – Weinberg. Denn Wein gehörte zu den kostbarsten und schönsten Dingen, die sich auch der "kleine Mann" damals gegönnt hat. Der Vater schickt also die Söhne in das Liebste und Kostbarste, was er als Bauer besaß.

Der "typische" ältere Sohn

Aber Achtung: Er schickt ja gar nicht beide Söhne, sondern wendet sich zunächst nur an den älteren: "Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg." Traut der Vater dem Älteren mehr zu? Weil er schon vernünftiger ist und verantwortungsbewusster? Oder weil er, so wie es damals üblich war, als ältester Sohn den Hof einmal erben wird und sich darum schon jetzt verantwortlich zeigen soll? Doch der Sohn reagiert anders als der Vater es wohl erwartet. Er sagt: "Ich will nicht!"

Aktualisierung durch ein aktuelles Beispiel aus dem Leben der Predigerin/des Predigers (kann auch entfallen)

Ich muss da an meine Schwester (… Name) denken. Sie ist die Ältere von uns beiden. Und wenn ich mir unsere Kindheit vor Augen halte, da fallen mir einige Situationen ein, in denen sie als "die Große" ranmusste, und ich als die Kleine glücklich davonkam. "(…), rupf doch schon mal den Kopfsalat!", oder: "(…), du kannst mal eben die Wäsche aufhängen." Oder was sonst noch so anfiel. Mir traute die Mutter diese Arbeiten noch nicht so recht zu. Immerhin war ich ja auch einige Jahre jünger. Und (…) sagte dann den Satz, den ich so oft gehört habe: "Immer ich!" Ich will mich selbst nicht besser machen, als ich damals war: Ich war ziemlich froh, in diesen Augenblicken noch die Kleine zu sein, denn ich liebte die Hausarbeit ganz und gar nicht. Aber ich glaube, dass das, was sich in unserer Familie abspielte, etwas ganz Typisches für Familiendynamiken ist: Die Großen werden als "Große" erzogen, müssen mehr Verantwortung tragen, müssen oft schneller erwachsen werden, auch die kleinen Geschwister hüten und an vielen Stellen die Eltern vertreten. "Immer ich", sagte meine Schwester, aber sie half natürlich doch. "Ich will nicht", sagt der ältere Sohn des Bauern zu seinem Vater. Aber letzten Endes geht er doch in den Weinberg.

(wenn die Aktualisierung entfällt, fügt man den letzten Satz als Übergang ein: Aber letzten Endes geht er doch in den Weinberg.

Ich weiß nicht, wie Sie empfinden, aber ich verstehe den jungen Mann ganz gut: hin- und hergerissen zwischen "Ich will eigentlich nicht" und dem Gefühl der Verantwortung: dem Bewusstsein, dass er gebraucht wird und dass es sein Pflicht ist, dem Vater zu helfen und für das Wohl der Familie seinen Beitrag zu leisten.

Der "typische" jüngere Sohn

Die Geschichte geht nun so weiter, wie es eigentlich nicht anders zu erwarten ist: Der Vater, der vom Großen eine abschlägige Antwort erhalten hat, wendet sich an den Kleinen: "Dann geh du in den Weinberg!" Und dieser Sohn verspricht: "Ja, mach ich." Aber tatsächlich geht er nicht hin.

Aktualisierung durch ein aktuelles Beispiel aus dem Leben der Predigerin/des Predigers (kann auch entfallen)

Bei dieser Szene fällt mir mein Sohn (…Name) ein, der jüngste meiner Kinder. Die Kleinen und Kleinsten in den Familien sind die Beobachter. Sie haben einige Jahre Zeit, das Verhalten der älteren Geschwister zu studieren und von ihnen zu lernen. Zum Beispiel, dass es nicht gut ist, nein zu sagen zu den Wünschen der Eltern. Und sie entwickeln ihre eigene Taktik, um sich vor der Arbeit zu drücken und ihre eigenen Interessen zu wahren. (…) war lange Zeit ein Meister darin.

"(…), bring doch bitte mal den Müll runter", höre ich mich heute noch sagen. Und (…) sagt: "In Ordnung, Mom, mach ich", und hämmert weiter auf der Tastatur seines Computers herum. Und der Mülleimer steht im Flur. Erneut meine höfliche Bitte, etwas fordernder: "(…), der Müll wartet." – "Ja, ich mach doch …" Und die Tastatur ist wieder zu hören. Und Sie erahnen das Ende vom Lied: Nicht selten habe ich dann selbst den Eimer nach unten befördert, bevor noch einer über ihn drüber fällt. Sie mögen jetzt den Kopf schütteln über so viel Mangel an Pädagogik und Konsequenz, aber ich denke, es geht in vielen Familien so: Die Kleinen haben es einfach drauf!

Die Frage des Gleichnisses: Wer tut den Willen Gottes?

(Aber wieder zurück zum Gleichnis. Satz entfällt, wenn keine Beispielgeschichte erzählt wurde.) Jesus fragt nun: Wer von den beiden Söhnen hat nun des Vaters Willen getan? Eine rhetorische Frage, die sich eigentlich erübrigt: Der ältere Sohn natürlich: der, der nicht wollte, aber dann doch in den Weinberg ging.

Jesus hat diese Geschichte damals den Ältesten und Hohenpriestern in Jerusalem erzählt und das nicht ohne Grund: Sie hatten Jesus erlebt, wie er im Tempel die Tische der Händler umgeworfen hatte; sie lehnten Jesus ab, wie sie auch seinen Vorläufer Johannes den Täufer ablehnten. Sie glaubten nicht, dass diese beiden Männer in Gottes Vollmacht auftraten, und sie glaubten nicht an ihre Botschaft, dass es Zeit sei, umzukehren und nach Gottes Willen zu fragen.

Jesus sagt nun zu den Ältesten und Priestern: Ihr seid wie der junge Sohn. Ihr redet vor den Leuten davon, dass ihr alles richtig macht, aber in Wirklichkeit seid ihr weit davon entfernt. Wenn ihr Johannes und mich nicht anerkennt, dann habt ihr nichts verstanden vom Willen Gottes. Aber schaut euch die Zöllner und die Huren an, die einen so schlechten Ruf haben. Jeder sagt: Die wollen nichts von Gott wissen, sie missachten seine Gebote. Aber viele von ihnen haben auf Johannes gehört. Und sie sind umgekehrt von ihrem schlechten Weg. Sie sind wie der ältere Sohn. Und sie werden eher ins Reich Gottes kommen als ihr."

Liebe Gemeinde, dass dieses Gleichnis uns bis heute überliefert ist, liegt daran, dass Menschen schon früh erkannten, dass es hier nicht nur um einen Streit zwischen Jesus und Tempelpriestern geht. Sondern das Thema geht uns alle an: Tun wir – Sie und ich – Gottes Willen?

Von Situationen, in denen es nicht gelingt, Gottes Willen zu tun

Es gibt so viele Situationen im Leben, in denen wir ziemlich genau wissen, was gut und richtig wäre, aber wir tun es nicht, weil es uns einfach nicht gelingt: weil wir überfordert sind oder uns im Dilemma befinden.

Ich denke da an Birgit, eine Frau Mitte 50. Vor wenigen Wochen hat sie ihre Mutter ins Altersheim gebracht, obwohl sie wusste, dass die Mutter sich das nicht gewünscht hatte. "Du sollst Vater und Mutter ehren", klingt ihr im Ohr. Birgit sagt: "Ich fühle mich schlecht, dass ich das getan habe. Aber ich konnte doch nicht anders … Ich kann meinen Beruf nicht aufgeben, um Mutter zu pflegen. Und in ihrer Wohnung ging es einfach nicht mehr."

Oder ich denke an Holger, dessen alter Vater nicht mehr aus dem Haus kommt seit der letzten Beinoperation. Holger hatte versprochen, sich um das Grab der verstorbenen Mutter zu kümmern, jetzt, wo der Vater es nicht mehr kann. Aber nun ist er schon viele Monate nicht mehr dort gewesen, hatte einfach keine Zeit und keine Kraft dazu. Und am Wochenende will er sich endlich auch mal ausruhen und Zeit für die Familie haben. Dem Vater hat er nichts davon gesagt. Er hat Angst, ihn zu enttäuschen.

Gott wartet auf meine grundsätzliche Entscheidung: Will ich mein Leben in seinen Dienst stellen?

Solche Situationen, wie Birgit und Holger sie erleben, gibt es unzählige. Ich glaube, Sie alle könnten so etwas erzählen. Sind Birgit und Holger, sind Sie und ich dann wie der jüngere Sohn? Nein, - und das ist wichtig, dass uns das bewusst ist – : Es geht Jesus nicht um Dilemma-Situationen. Es geht nicht um das "Ich will, aber ich kann nicht" oder "Wie auch immer ich es anstelle: es ist nicht gut." Sondern es geht um die grundsätzliche Entscheidung: Will ich überhaupt nach Gottes Willen leben oder nicht? Das ist die Frage im Gleichnis. Und auf die muss jeder ganz persönlich seine Antwort geben.

Und diese Antwort ist gar nicht so leicht, wie manche jetzt denken mögen. Den Willen Gottes tun – in den Weinberg gehen – das kann ganz schön mühsam und unbequem sein. Das fordert uns heraus und bestimmt das ganze Leben. Und deshalb braucht es manchmal Zeit, bis aus einem "Nein, das will ich nicht" doch noch ein ernst gemeintes "Ja" wird.

Und das Schöne ist (und das sagt uns das Gleichnis), dass Gott uns Zeit gibt, unsere Entscheidung gründlich zu überdenken. Auch wenn es Phasen in unserem Leben gibt oder gab, in denen wir uns ganz von Gott entfernt haben, dürfen wir jederzeit zu ihm zurückkehren. Es ist nicht zu spät, doch noch in den Weinberg zu gehen, auch wenn man sich mal anders entschieden hatte.

Diesen Gedanken finde ich sehr tröstlich. Jesus sagt zu den Ältesten und Hohenpriestern: "Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr." Und die Betonung liegt auf "eher". Denn auch sie, die Ältesten und Hohepriester, können noch hinein.

Gott lässt uns Zeit zur Entscheidung. Der Vater auf dem Hof hat seinen jüngeren Sohn nicht verstoßen, ja nicht einmal ausgeschimpft. Er wartet voller Geduld und Barmherzigkeit. Ich weiß nicht, wie lange Gott wartet, aber er wartet – auch auf Sie und mich.

Amen.

Verfasserin: Pfarrerin Inghild Klodt

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