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Lebendige Hoffnung

von Anke Andrea Rheinheimer (Nünschweiler)

Predigtdatum : 28.04.2019
Lesereihe : I
Predigttag im Kirchenjahr : Quasimodogeniti
Textstelle : 1. Petrus 1,3-9
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Wochenspruch: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." (1. Petrus 1,3)

Psalm: 116,1-9.13 (EG 746)

Predigtreihen

Reihe I: 1. Petrus 1,3-9
Reihe II: Jesaja 40,26-31
Reihe III: Johannes 21,1-14
Reihe IV: Kolosser 2,12-15
Reihe V: 1. Mose 32,23-32
Reihe VI: Johannes 20,19-20(21-23)24-29

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 107,1-3 Wir danken dir, Herr Jesu Christ
Wochenlied: EG 108,1-3 Mit Freuden zart zu dieser Fahrt, EG 117 Der schöne Ostertag
Predigtlied: EG 398,1-2    In dir ist Freude
Schlusslied: EG 116 Er ist erstanden

Predigttext 1. Petrus 1, 3 - 9

Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Predigt

Liebe Gemeinde,

wir kommen als Christinnen und Christen kirchenjahreszeitlich gerade von Ostern her, dem wichtigsten christlichen Kirchenfest, das wir am vergangenen Wochenende fröhlich miteinander gefeiert haben. Unser christliches Bekenntnis fußt auf dem österlichen Auferstehungsglauben, dem klaren und hellen Anfang der christlichen Bewegung, der auch noch ausstrahlt auf den heutigen Sonntag nach Ostern, der auf Latein „Quasimodogeniti“ heißt, zu Deutsch: „wie die neugeborenen Kindlein“.

Der Name bezieht sich auf die erwachsenen Täuflinge der Osternacht, dem traditionellen Tauftermin in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Als Neuchristen durften sie sich fühlen wie nach einer Wiedergeburt, angekommen in einem neuen Leben als Christ, nachdem sie ihr altes, heidnisches Leben voller Ausschweifungen hinter sich gelassen hatten. Zum Zeichen dafür durften sie symbolisch ihre weißen Taufkleider – weiß, der Christusfarbe - noch eine ganze Woche lang anbehalten und legten sie erst am Sonntag nach Ostern, also heute, feierlich wieder ab. Darum nennen unsere katholischen Geschwister diesen Tag auch den „Weißen Sonntag“ und feiern heute vielerorts Kommunion.

Auch wir, als evangelische Christinnen und Christen, dürfen an diesem besonderen Tag hoffnungsfroh Gottesdienst miteinander feiern in österlicher Freude und mit dem weißen Altartuch vor Augen - wie strahlende Kinder, beflügelt von der Hoffnungsbotschaft der Auferstehung. Mit uns geht seit Ostern die Zusage von neuem Leben mitten im Tod, von Licht in der Finsternis der Welt. Der freudige Osterjubel klingt noch in uns nach, das Osterlachen. Die österliche Freude durchzieht Räume und Zeiten, wo immer Gottes Wort gehört und der christliche Glaube geteilt wird. Und auf diese Weise ist sie auch zu uns gekommen. Sie geht mit von Generation zu Generation, wo immer das christliche Bekenntnis weitergegeben wird – auch von uns, an unsere Kinder und Enkel. Das Osterevangelium begleitet uns von den jubelnden Höhen der Feiertage auch hinein in die mühsamen Niederungen des Alltags, wenn die Festkleider und der Sonntagsstaat wieder abgelegt werden. Die frohe Botschaft läuft um die Welt, immer noch, seit 2000 Jahren, auch wenn die Christen manchmal unterwegs müde werden, mit Glaubenszweifeln zu kämpfen haben, innerlich angefochten sind oder äußerlich bedrängt werden.

Es ist nicht immer einfach, an der östlichen Freude und Glaubenszuversicht festzuhalten. Mit dem eigenen Glauben kann man ins Wanken kommen und unsicher werden; Zweifel kommen auf, gerade wenn andere unseren Glauben von außen in Frage stellen oder verspotten.

Diese Erfahrung haben auch schon die ersten Christen im 1. Jahrhundert nach Christus gemacht. Festzuhalten am christlichen Bekenntnis war in der damaligen Lebenswelt eine noch viel härtere Herausforderung als heute.

Das wusste auch der Autor des 1. Petrusbriefes, ein Gefolgsmann des Apostels, vermutlich aus Rom, der seine Schrift unter die anerkannte Autorität von Petrus als einem der prominentesten Jünger Jesu gestellt hat. Seine Adressaten waren die bedrängten Christen in Kleinasien, auf dem Gebiet der heutigen Türkei, das damals aufgeteilt war in verschiedene römische Provinzen, die im Briefeingang benannt werden. Es waren also geborene Heiden, die erst vor kurzer Zeit zum christlichen Glauben gekommen waren. Diese Neuchristen sollte der Brief ermutigen in ihrem Glauben, trösten in Zeiten innerer Anfechtung und darin bestärken, an ihrem Christsein trotz der Anfeindungen ihrer heidnischen Umwelt festzuhalten.

Die ermutigende Botschaft im 1. Petrusbrief ist: der Glaube gibt Kraft und Stärke, gerade wenn man damit in einer Minderheitsposition ist, so wie die ersten Christen im römischen Reich. Die damalige Gesellschaft lehnte die Christen ab, denn ihr Glaube und ihre ethisch integre Lebensführung waren der heidnischen Mehrheitsgesellschaft suspekt. Aufgrund der Entscheidung, Christ zu werden und sich taufen zu lassen, machten die Christen nämlich nicht mehr mit bei den ausschweifenden heidnischen Ritualen. Sie glaubten anders und sie lebten anders. Ihr Sinneswandel und ihre moralische Integrität machte sie zu „unbequemen“ Zeitgenossen, weil sie das unordentliche Treiben der anderen verurteilten. Umgekehrt nahmen sie sich die Freiheit, nicht mehr an den staatlichen kultischen Handlungen und am römischen Kaiserkult teilzunehmen; sie weigerten sich, den römischen Göttern zu opfern und galten deswegen als unpatriotisch. Von Staats wegen wurden sie misstrauisch beäugt, sogar als „Feinde des Staates“ verdächtigt, rechtlich belangt und verfolgt. Als Christen waren sie wie Fremdkörper in ihrer nächsten Umgebung.

Und so spricht sie der Autor des 1. Petrusbriefes auch explizit an: als „Fremdlinge in der Diaspora“, die - wie einst das Volk Israel im babylonischen Exil - in der Zerstreuung wohnen, fremd unter Fremden (1, 1). Schon unter Kaiser Nero war es zu Gewaltexzessen und sogar Kreuzigungen von Christen gekommen, weil der irre Herrscher den Christen den Brand Roms 64 n. Chr. in die Schuhe schob. Und unter Kaiser Domitian gab es dann die erste systematische Christenverfolgung flächendeckend im gesamten römischen Weltreich. Der 1. Petrusbrief datiert zwar vor Domitian, etwa um das Jahr 90 n. Chr., aber trotzdem waren die gläubigen Christen auch da schon Außenseiter im römischen Gemeinwesen und in ihrer heidnischen Nachbarschaft. Sie waren Unterprivilegierte in der sie umgebenden Mehrheitsgesellschaft und wurden wie die Juden mit manchen Stereotypen verunglimpft. 

[Optional: Ihr Christsein war mit einer schweren „Bürde“ verbunden, schreibt Horst Hahn, der frühere pfälzische Oberkirchenrat in seiner Einführung in des Neue Testament mit dem Titel „Aus Jerusalem in alle Welt“, die 2017 erschienen ist. Hahn formuliert treffend: „Die Existenz als Christ war nicht zu haben ohne Misstrauen, Unterstellungen und Verleumdungen, Hass und Feindseligkeiten bis zur öffentlichen Kriminalisierung durch die Menschen der Umgebung. Da kann man schon verstehen, dass viele Christen in die Knie gingen oder zumindest in ihrem Christusglauben erheblich angefochten waren.“ (Hahn, S. 271).]

Genau in diese Situation hinein spricht der 1. Petrusbrief. Sein Generalthema, das sich wie ein roter Faden durch seinen Text zieht, ist: Wie schafft man es als Christ, unter Repressionen und trotz bedrückender äußerer Umstände tapfer an Jesus und am christlichen Bekenntnis festzuhalten? Wodurch findet man trotz der eigenen Glaubenszweifel immer wieder neue Glaubensgewissheit, und was hält die Hoffnung lebendig? Wo kommt sie her, die Freude im Glauben mitten im Leiden?

Das Geheimnis des Glaubens ist, dass er weiter reicht als das, was vor Augen und vorfindlich ist; dass er auch in die Tiefen der menschlichen Existenz  hineinreicht und sie zusammenbindet mit der göttlichen Herrlichkeit, an der die „Auserwählten Gottes“ schon jetzt vollen Anteil haben. Dieses Erbe tragen alle Christen in sich. Die Freundschaft mit Gott - sie wiegt schwerer als die Feindschaft der Welt, denn für den Schreiber des 1. Petrusbriefs sind die Christen von Gott geadelt als „königliche Priesterschaft“; sie sind das „heilige Volk“, das „Volk des Eigentums“ (2, 9). Ihr Hoffnungsziel am Ende aller irdischen Wege ist die „Rettung der Seelen“, „der Seelen Seligkeit“, wie es in der neuen Lutherübersetzung heißt. D. h. es gibt eine lebendige Hoffnung mitten in der scheinbaren Hoffnungslosigkeit. „In dir ist Freude, mitten im Leide, o du süßer Jesu Christ“ (EG 398, 1) heißt es kongenial dazu in einem alten Kirchenlied. Diese Freude ist nicht bloß zukünftig und jenseitig, sondern ganz gegenwärtig! Der 1. Petrusbrief vertröstet nicht bloß aufs Jenseits irgendwann und irgendwo, sondern er formuliert präsentisch, d. h. die Hoffnung ist für ihn eine ganz reale Tatsache, die in unserer Seele wie in einem Zeugungsprozess entsteht. Darum sind wir als Christen „wiedergeboren … zu einer lebendigen Hoffnung“ (1, 3).

Erinnert wird dabei ganz konkret an die Erfahrung und den Zuspruch der Taufe, mit der etwas Neues und Gutes beginnt - für die ehemals heidnischen Christen damals wie eine neue Geburt, eine Wiedergeburt. Durch die Taufe wird uns ein unzerstörbares Erbe verliehen, das uns niemand und nichts wieder nehmen kann. Mit diesem Heilszuspruch der eigenen Taufe im Lebensgepäck kann man als Christ auch Ablehnung aushalten, denn Anfechtung bleibt in der christlichen Existenz nicht immer aus.

Auch für die Christen damals, in Kleinasien, hatte ihr praktiziertes Christentum einen hohen Preis; ihr Christsein war für sie nicht umsonst zu haben. Umso tröstlicher der Gedanke im Brief, dass ihr eigenes Leiden und das Leiden Christi miteinander verbunden sind. Das Erbe Gottes, verliehen in der Taufe, und der christliche Glaube ist kostbarer und beständiger als Gold; unzerstörbar - selbst in der Gluthitze des Läuterungsfeuers. Unerschütterlich sollen sie an der lebendigen Hoffnung festhalten inmitten aller ihrer Bedrängnis, denn sie währt ja nur eine „kleine Zeit“ - gemessen an der Ewigkeit.  

Liebe Gemeinde, Gott sei Dank sind wir, als heutige Christen, verschont von solchen äußeren Angriffen gegen Leib und Leben. Wir leben in einer anderen Zeit. Aber dass man als Christ verlacht wird und der Glaube von manchen Zeitgenossen verächtlich gemacht wird, das kann man auch heute erleben. Vielleicht haben Sie selbst auch schon solche Erfahrungen gemacht, dass sie jemand als unmodern, ewiggestrig oder unaufgeklärt abgestempelt hat, weil sie sich als gläubigen Christen bezeichnet haben. [Parkplatz: Raum für eigene Beispiele des/der Predigenden].

Das Christentum steht in unserer Gesellschaft nicht mehr allzu hoch im Kurs. Die Kirchen sind sonntags vielerorts ziemlich leer; allenfalls durchziehen christliche Restbestände wie die kirchlichen Feiertage noch unsere Alltags- und Festkultur, aber auch da ist manches an kulturellem Wissen bereits verloren gegangen. Heftig debattiert wird, ob es noch so etwas wie einen gesellschaftlichen Grundkonsens über christliche Werte gibt. Selbstverständliche Traditionen gehen im Zuge der allgemeinen Säkularisierung immer mehr verloren und das Verständnis für Glaubenshintergründe schwindet.

Worüber Menschen jedoch nichts mehr wissen, das ist ihnen auch nichts mehr wert; das ist ihnen egal und führt zur allgemeinen Respektlosigkeit. Wenn aber alles beliebig wird, dann verliert eine Gesellschaft auf Dauer ihr Fundament und ihren sozialen Zusammenhalt. Wo der Sinn für das Heilige, der Respekt gegenüber religiösen Werten und die Ehrfurcht vor Gott verloren gehen, da wird vieles im Miteinander unheilig und gefährlich. Dann greifen Hetze, Häme und Hass um sich, was schon vermehrt in den sozialen Netzwerken und im Umgang der Menschen miteinander zu beobachten ist.

[Parkplatz: Raum für eigene Beispiele der/des  Predigenden]

Auch für uns als Christen heute stellt sich darum die Frage: wie formulieren und vertreten wir unseren Glauben engagiert, authentisch und ehrlich? Wie erklären wir anderen unseren Glauben und feiern ihn fröhlich und mit einer positiven Ausstrahlung nach außen, so dass andere sich von unserer Glaubensfreude anstecken lassen? Was stärkt uns und lässt uns an der lebendigen Hoffnung in Jesus Christus festhalten, auch wenn andere unser Christsein mitleidig belächeln oder gar die christliche Tradition bekämpfen?

Die alten Fragen des 1. Petrusbriefes, sie stellen sich immer wieder neu - auch uns, in unserer Kirche, hier und heute - wenngleich unter veränderten äußeren Umständen. „In dir ist Freude, in allem Leide“ – auch wir singen diese alte Melodie mit. Sie klingt in uns als lebendige Hoffnung, die uns mit unserem Gott verbindet – jetzt und „bis zur Seelen Seligkeit“.

Amen

Verfasserin: Pfarrerin Anke Andrea Rheinheimer, Kirchenstraße 7, 66989 Nünschweiler

Verwendete Literatur (Exegese; Kommentare):

  • Horst Hahn, Aus Jerusalem für alle Welt. Eine Einführung in das Neue Testament, Speyer 2017
  • Norbert Brox, Der erste Petrusbrief (EKK XXI), Leipzig 1988 (Lizenzausgabe)
  • The Jewish annotated New Testament. New Revised Standard Version, hg. von Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler, New York 2011

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