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Lohn und Gnade

von Ernst Standhartinger (64331 Weiterstadt)

Predigtdatum : 27.01.2002
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Septuagesimae
Textstelle : Römer 9,14-24
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Wochenspruch:

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Daniel 9,18)

Psalm: 31,20-25 (EG 716)

Lesungen

Altes Testament:
Jeremia 9,22-23
Epistel:
1. Korinther 9,24-27
Evangelium:
Matthäus 20,1-16a

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 440
All Morgen ist ganz frisch und neu
Wochenlied:
EG 342
oder EG 409
Es ist das Heil uns kommen her
Gott liebt diese Welt
Predigtlied:
EG 193
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
Schlusslied:
EG 610
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer

Vom Text zur Predigt
Der Predigttext gehört zu dem Abschnitt (Kap. 9-11) im Römerbrief, in dem Paulus sich mit der Frage auseinandersetzt, weshalb nur ein Teil der Juden zur Gemeinde der Christusanhänger findet, während andere diesen Glauben entschieden ablehnen. Er wirft den nicht-christlichen Juden vor, sie würden sich Gottes Heilshandeln widersetzen. Zugleich betont er gegenüber den nicht-jüdischen Christen, dass Gott trotzdem zu seinem Wort gegenüber dem jüdischen Volk steht.
Da Glaube nicht menschliches Verdienst, sondern göttliches Geschenk ist, ergibt sich die Frage, ob Gott selbst es ist, der einen Teil seines Volkes vom Christusglauben abhält. Die Antwort unseres Predigttextes (besonders wenn man noch die Verse 10-13 dazu liest) scheint zu lauten: Gott hat es eben so gemacht und gewollt, dass die einen glauben und gerettet werden, die anderen ungläubig bleiben und verworfen werden. Das steht aber in Widerspruch zu der Schlussfolgerung, mit der Paulus diesen ganzen Briefteil abschließt: „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“ (Kap. 11,32).
In der Predigt greife ich zunächst den Anschein von Willkür in Gottes Handeln auf und stelle dann den Text in den größeren Zusammenhang des Römerbriefes. Für die Darstellung der paulinischen Rechtfertigungslehre habe ich besonders Anregungen von Elsa Tamez aufgenommen („Der Brief an die Gemeinde in Rom“. In: Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998). Danach versuche ich deutlich zu machen, dass auch der Abschnitt Röm. 9,14-24 im Dienst dieser Rechtfertigungslehre steht: Auch hier geht es darum, Gottes grundlose Gnade darzustellen und zu preisen.
Textteile, die innerhalb der Predigt in Klammer stehen, sind nur zur Information für die PrädikantInnen gedacht.
Noch drei besondere Hinweise zur Wirkungsgeschichte:
1. Die Kapitel 9-11 im Römerbrief haben in der Auslegungstradition sehr oft zur Begründung antijüdischer Agitation gedient. Bei den Formulierungen ist also große Sorgfalt geboten, um nicht alten Vorurteilen neue Nahrung zu geben.
2. Paulus, selbst ja Jude, betont aber in diesen Kapiteln gerade umgekehrt, dass für ihn (um der Treue Gottes willen) die bleibende Erwählung aller Juden, auch derer, die nicht zur neuen Gruppe der Jesusanhänger gehören, außer Frage steht.
3. Auf dem Hintergrund einer schlimmen Tradition christlich begründeter Morde an Juden (besonders derer im sog. Dritten Reich) hat unsere Landeskirche das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes inzwischen in den Grundartikel der Kirchenordnung aufgenommen. Exegetische Grundlage dafür waren nicht zuletzt die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefs.
14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2.Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« 18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.
19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? 22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

Liebe Gemeinde!
Wenn wir gefragt werden, warum wir einen Menschen aus tiefstem Herzen lieben, während uns andere gleichgültig, ja vielleicht sogar ziemlich unsympathisch sind, dann ist es nicht immer einfach, darauf eine logische, überzeugende Antwort zu geben. Es ist eben so. Liebe kommt aus dem Herzen, aus dem Gefühl. Sie lässt sich weder befehlen noch verbieten und nur höchst unvollkommen erklären.
Wenn man den Predigttext anhört, der uns für den heutigen Sonntag Septuagesimae – 70 Tage vor Ostern – vorgeschlagen ist, dann kann man schnell den Eindruck gewinnen, bei Gott ist das offenbar ebenso. Die einen Menschen liebt er und andere verwirft er. Und die Frage zu stellen, warum das so ist, ist nicht nur zwecklos, sie ist auch ungehörig und verboten.
Schließlich, so sagt Paulus, kann doch auch der Ton nicht den Töpfer für seine Entscheidungen tadeln oder loben. „Spricht denn“, so schreibt er, „ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?“
Gott, so scheint die Schlussfolgerung zu lauten, vergibt eben seine Liebe, wie er gerade will und uns bleibt nichts anderes übrig, als das zur Kenntnis zu nehmen, uns zu fügen und darauf zu hoffen, dass wir zu den Geliebten und nicht zu den Verworfenen gehören.
Kann so ein Gottesbild wirklich von Paulus stammen und in unserer Bibel stehen? Haben wir nicht alle ganz andere biblische Aussagen im Kopf, etwa „Gott ist die Liebe“, (1. Joh. 4,16) oder „Gott will, das allen Menschen geholfen werde“ (1.Tim.2,4)? Und hat nicht Jesus uns gesagt und vorgelebt, dass Gott niemand verloren gehen lassen will, sondern die Verirrten sucht und sich freut, wenn sie zu ihm zurückkehren?
Irgendwie will das eine nicht zum anderen passen. Aber es scheint auch keine Möglichkeit zu geben, die Aussagen des Paulus anders zu verstehen, als so, wie es anfangs skizziert wurde. „Es liegt“, so schreibt Paulus ja ausdrücklich, „nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Denn Gott „erbarmt sich, wessen er will, und er verstockt, wen er will.“
Gerade der zuletzt zitierte Satz klingt wie der klassische biblische Beleg für die sogenannte „Prädestinationslehre“, also die Lehre von der ewigen Gnadenwahl Gottes. Mit dieser Lehre sollte das Bekenntnis, dass Gott uns ausschließlich aus freier Gnade gerecht spricht, auf die Spitze getrieben werden. Allerdings um den Preis, dass Gottes Handeln an uns Menschen dadurch als eine nicht nachvollziehbare Willkür erscheinen muss.
Aber obwohl das in unserem Bibelabschnitt so klingt, ist es doch nicht so gemeint. Das Problem liegt darin, dass unsere Predigttexte ja immer herausgeschnittene Teile aus größeren Sinnzusammenhängen sind und man mitunter einfach auf eine falsche Spur gerät, wenn man sich zu einseitig nur auf den herausgeschnittenen Textteil bezieht.
Um zu verstehen, was Paulus wirklich meint, genügt es nicht, sich nur mit diesen 11 Versen aus dem 9. Kapitel des Römerbriefes zu beschäftigen. Wir müssen auch den Brief im Ganzen im Blick behalten und nach seiner Zielsetzung fragen.
Dabei stellen wir fest: Paulus schreibt an eine Gemeinde, aus der er bisher nur Einzelpersonen kennt, Frauen und Männern, die ihm bei der gemeinsamen Missionsarbeit in anderen Gemeinden begegnet sind. Mit seinem Brief will er sich der Gemeinde, die er demnächst besuchen will, vorstellen und seine Meinung zu wichtigen Fragen des christlichen Glaubens und Lebens darstellen.
Im ersten Teil des Briefes geht er dabei auf die für seinen Glauben ganz entscheidende Frage ein, wie Gerechtigkeit, so wie Gott sie will, möglich ist. Im Hintergrund steht natürlich die alltägliche Erfahrung mit der Ungerechtigkeit, die unsere Welt beherrscht und die Paulus und die Empfänger seines Briefes nur zu gut kennen. Sie lebten ja im Römischen Weltreich, das sich selbst als Hort des Friedens, des Fortschritts und des Rechtes interpretierte und in dem doch das schreiende Unrecht zur Norm gehörte: Z. B. mussten in der Stadt Rom die Zugezogenen hohe Steuern bezahlen, Alteingesessene dagegen keine. Frauen galten im ganzen Reich weniger als Männer, Sklaven hatten überhaupt keine Rechte, Sklavinnen durfte man nach Belieben vergewaltigen und für gleiche Vergehen gab es unterschiedliche Strafen, je nachdem, ob der Täter arm oder reich war.
In so einem System kann niemand gerecht leben, alle werden als Täter oder als Opfer zu Komplizen des Unrechts. Und das gilt für von Menschen gemachte Ordnungen auch sonst – selbst der moderne demokratische Rechtsstaat ist, bei allen unbestrittenen Fortschritten, von wirklicher Gerechtigkeit weit entfernt. Das können wir beispielsweise beim Ausländerrecht oder beim Umgang mit Obdachlosen, Alleinerziehenden, Behinderten und vielen anderen an den Rand gedrängten sehr schnell erkennen. Allein in den reichen Industrieländern gibt es nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) 11 Millionen Menschen, die Hunger leiden müssen – vom Elend in den armen Ländern ganz zu schweigen.
Aber Gott will Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die mehr ist, als die Erfüllung von Paragrafen. Er will dass alle Menschen einen gerechten Anteil haben an dem, was er seinen Menschen geschenkt hat, einen gerechten Anteil nicht nur an den materiellen Gütern, sondern auch an Freiheit, Hoffnung, Menschenwürde, Lebenserfüllung. Dafür ist ein grundlegender Neuanfang nötig.
Und einen solchen Neuanfang hat Gott gesetzt durch Jesus Christus, der die Gerechtigkeit Gottes lebte in seinem Einsatz für die Schwachen und Missachteten. Von den Hütern des Rechts wurde er dafür am Kreuz ermordet. Aber Gott hat ihn auferweckt und damit seinen Weg bestätigt. Nun gilt: So wie durch Adam die Sünde in die Welt gekommen ist, weil alle zu Komplizen des Unrechts wurden, so ist durch Christus die Gerechtigkeit gekommen, an der wir uns beteiligen dürfen und können. (Röm. 5,12-21). Wir sind eingeladen, uns anzuschließen beim Aufstand Jesu gegen das Unrecht.
Erst nachdem dies in aller Breite dargelegt ist, geht Paulus im zweiten Teil seines Briefes, zu dem auch unser Predigtabschnitt gehört, dann auf die Frage ein, wie sich denn diese Gerechtigkeit Gottes, die für alle Menschen gilt, zu den besonderen Wegen verhält, die er mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen geht.
Auch hier geht Paulus von seiner eigenen Erfahrung aus. Er ist schließlich Jude und weiß um die besondere Geschichte zwischen Gott mit diesem Volk. Er kennt den Einsatz seines Volkes für den Glauben an Gott und er kann nicht verstehen, warum trotzdem nicht alle seinen Glauben an Jesus als den Christus teilen. - Es geht ihm da ähnlich wie uns, wenn wir feststellen müssen, dass wir mit anderen, die an den selben Gott glauben und zur selben Kirchen gehören wie wir, in wichtigen Glaubensfragen nicht zu einer übereinstimmenden Antwort kommen können.
Paulus fragt sich, ob dieses Einander-nicht-Verstehen-Können vielleicht von Gott selbst so gewollt sein könnte. Und er sucht darauf nach Antworten in seiner jüdischen Bibel, also in dem Buch, das wir „Altes Testament“ nennen.
Er erinnert sich, dass auch da von Entscheidungen Gottes berichtet wird, die wir nicht sofort verstehen und die wie göttliche Willkür erscheinen.
Der Pharao, der Moses Zeitgenosse war, war sicher nicht besser und nicht schlechter als andere Pharaonen vor ihm und nach ihm auch. Aber Gott will, dass er sich Mose gegenüber so halsstarrig verhält, damit um so deutlicher sichtbar wird, dass Gott es ist, der Israel aus der Sklaverei befreit. Der Unglaube des mächtigen Pharao wird gebraucht, damit Gottes Parteinahme für die Rechtlosen sichtbar wird.
Vielleicht, so schließt Paulus daraus, braucht Gott auch solche Juden, die sich jetzt nicht denen anschließen, für die Jesus aus Nazareth der Erlöser der Menschen ist. Vielleicht ist das in Gottes Plänen notwendig, damit etwas Neues neben dem Judentum entstehen kann, eine Gemeinschaft von Glaubenden, in der Platz auch für die ist, die bisher von Gott nichts gewusst haben.
Die Zusagen, die Gott den Israeliten gegeben hat, sind damit ja nicht ungültig geworden. Wir alle, ob Jesusanhänger oder altgläubige Juden oder Menschen außerhalb dieser Glaubensrichtungen, verdanken unsere Gemeinschaft mit Gott doch nicht der Tatsache, dass wir besser wären als andere. Nein, Gott nimmt uns an, obwohl er weiß, dass es mit unserer Gerechtigkeit nicht weit her ist. Oder richtiger: Er nimmt uns an, gerade weil er das weiß. Denn eine Gerechtigkeit, die aus der Liebe kommt, ist nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis seines Handelns an den Menschen. Uneingeschränkt und für alle gilt ja: „Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“
Was Gott tut, geschieht, weil er es gut mit seinen Menschen meint – auch dort, wo wir es nicht verstehen. Und deshalb schließt Paulus den Briefteil, in dem unser Predigttext steht, ab mit einem Lobpreis auf Gottes unbegreifliche Barmherzigkeit für alle. „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. (Röm. 11,32).
Das ist eine merkwürdige Art von göttlicher Gerechtigkeit, aber, wie wir nur zu gut wissen, die einzige an der wir nicht scheitern. Wir können nicht erklären, warum Gott uns Menschen liebt, obwohl wir so wenig bereit sind, seinen guten Willen zu befolgen. Aber er tut es. Und dafür dürfen wir ihm danken. Amen.

Verfasser: Pfr. i.R. Ernst Standhartinger, Grüner Weg 2A, 64331 Weiterstadt

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