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Mitten unter uns

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 10.11.2002
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Textstelle : 1. Thessalonicher 5,1-6.(7-11)
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Wochenspruch:

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist der Tag des Heils.
(2. Kor. 6,2b)

Psalm:90,1-14 (15-17) (EG 735) oder Psalm 139

Lesungen

Altes Testament:
Hiob 14,1-6
Epistel:
Römer 14,7-9
Evangelium:
Lukas 17,20-24 (25-30)

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 147
Wachet auf, ruft uns die Stimme
Wochenlied:
EG 152
oder EG 518
Wir warten dein, o Gottes Sohn
Mitten wir im Leben sind
Predigtlied:
EG 401
Liebe, die du mich zum Bilde
Schlusslied:
EG 241,1+8
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen

1 Von den Zeiten und Stunden ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. [7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus,
10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.]

Liebe Gemeinde!
Wissen Sie was Sie da eben gesungen haben? Wir warten dein, o Gottes Sohn. Wir warten auf den wiederkommenden Herrn Jesus - ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weis nicht, ob Sie und ich wirklich so wartende Leute sind. Manchmal denke ich: wir haben es uns hier gemütlich gemacht in unseren Häusern. Wir haben es uns wohnlich gemacht in unserer kleinen Stadt. Wir haben es uns wohnlich gemacht, so gut es irgend geht in dieser Welt. Und wir hängen an dieser Welt. Wir hängen an diesem Leben. Wir hängen an dem, was wir uns mit dem Fleiß unserer Hände verdient und geschaffen haben. Wir hängen an dem, was wir mit unserem Verstand uns alles ausgedacht und verwirklicht haben. Wir hängen an den Hoffnungen und Plänen, die wir für die Zukunft gemacht haben. Das wird wohl jeder für sich selbst auch so sagen können. Und darum gilt es wohl wirklich: ich weiß nicht, ob wir so wartende Leute sind.
Aber ich glaube, dass stimmt, was wir in unserem Glaubensbekenntnis gesprochen haben, was die Konfirmanden im Augenblick mühsam genug lernen müssen: Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Jesus wird wiederkommen. Das ist die Wirklichkeit, die uns das Lied ansagt. Das ist die Wirklichkeit, die uns das Glaubensbekenntnis ansagt. Jesus Christus wird wiederkommen.
Sehen Sie: Beim ersten Kommen Jesu, da kam er in eine Welt, die mit sich selbst beschäftigt war. Die Römer hatten alle Hände voll damit zu tun, ihr steuerliches Überwachungssystem auf den neuesten Stand zu bringen. Die Juden hatten alle Hände voll damit zu tun, sich dem Zugriff eben dieses Steuersystems so gut es ging zu entziehen, Und ansonsten stand auf der Tagesordnung der Welt, was immer darauf steht: Es ging um Machtpolitik im Großen. Es ging um die Macht im Kleinen. Es ging um die Vorteile, die sich einer versprach, wenn er sich arrangierte und es ging um die großen Ideen, die in den Köpfen und den Herzen der Menschen waren. Nur mit einem rechnete keiner: damit, dass der Sohn Gottes in diese Welt treten würde, damit, dass Gott sein leidenschaftliches Wollen für diese Welt so sehr zeigen würde, dass er den Abstand zu dieser Welt überbrückte und sich selbst in sie hineingab.
Er kam ungelegen, der Sohn Gottes. Er kam unerwartet. Von den Großen der Welt hatte ihn keiner in der Rechnung – weder Augustus noch Tiberius noch Herodes noch der Hohepriester.
Und von den kleinen Leuten? Auch sie scheinen eher, überrascht und überrumpelt gewesen zu sein. Und die jahrelang um das Kommen des gebetet hatten, die standen ihm nun fassungslos gegenüber.
Seht, liebe Gemeinde, genauso wird es wieder sein. Die Welt hat ihre Tagesordnung und wir werden wohl alle damit beschäftigt sein: der eine mit der Verwirklichung seiner kleinen, privaten Träume und Wünsche und der andere mit der Arbeit an den großen allgemeinen Aufgaben der Zeit. Der eine wird sein Haus bauen, wird seine Arbeit tun an seinem Platz, wird seine Kinder erziehen. Und der andere wird in irgendeiner Konferenz sein, um den Kampf gegen eine Seuche zu organisieren, um den Kampf für den Frieden vor oder nach dem soundsovielten Weltkrieg zu führen.
Wir werden befasst sein mit dem, was wir immer tun - und dahinein, plötzlich und unerwartet kommt Er, kommt Jesus als der Herr.
Ist das nicht bestürzend. Keiner von uns kennt die Tagesordnung der Welt so, wie Gott sie sieht. Keiner von uns weiß, welche Seite im Buch der Welt nun aufgeschlagen ist. So wenig, wie wir wissen, welche Seite im Buch unseres Lebens aufgeblättert ist, ob es sich schon zum Ende neigt oder ob da noch viele Seiten sind, so wenig können wir es sagen, wie weit es mit dem Buch der Welt ist. Gewiss, wir ahnen, dass es dem Ende zugeht aber wie weit es noch ist, das wissen wir nicht.
Wenn Jesus wiederkommt, dann wird er kommen wie ein Dieb in der Nacht. Das heißt nicht, dass er sich hereinschleicht, so dass es keiner merken wird. Das ist mit diesem Bild nicht gemeint. Nein, gemeint ist etwas anders: die Warnsysteme unserer Welt sind auf alles mögliche eingestellt - auf Ufos, auf Jagdbomber, auf Pershing- und Terror-Raketen. Aber all die Frühwarnsysteme werden dies Kommen nicht erfassen: Er wird kommen, plötzlich und unerwartet.
Dann sind die Konferenzen gegenstandslos geworden. Dann sind die Problemanalysen überholt und überflüssig. Dann sind die Prognosen mit einem Schlag Altpapier. Wenn Jesus wiederkommen wird, denn bleibt nur noch eine einzige Frage übrig: Hast du auf seiner Seite gestanden, oder hast du nicht auf seiner Seite gestanden. Dann wird nicht mehr zählen, ob Du die Welt bewegt hast. Dann wird nicht zählen, ob Du mehr große oder kleine Dinge getan hast. Dann wird nicht mehr zählen, ob Du ein anerkannter Mensch gewesen bist, ein Mann von Rang, eine Frau von Einfluss. Dann wird nicht mehr zählen, ob dein Wort Gewicht hatte oder nicht, ob Du im Kirchenvorstand warst oder in einem anderen Gremium von Bedeutung. Dann bleibt eine einzige Frage: hast Du auf der Seite Jesu gestanden?
„Ich habe ja nichts gegen Jesus“, sagen manche Leute. „Da wird er wohl auch nichts gegen mich haben.“ Das ist sicherlich ein Standpunkt, der heute weit verbreitet ist: Wir haben nichts gegen Jesus, ganz im Gegenteil. Er ist uns ganz recht mit seinen Forderungen nach mehr Menschlichkeit, nach mehr Friedlichkeit, nach mehr Gerechtigkeit.
Lieber Freund - es reicht nicht aus, wenn Jesus wiederkommt, ihm zu sagen: Du, ich stand Dir freundlich-distanziert gegenüber. Ich habe nichts gegen Dich gehabt, aber ich habe mich auch nicht entschließen können, bei Dir mitzumachen, Das fromme Getue, das sich dauernd auf dich berufen hat, dass dauernd von Dir geredet hat, das war nicht mein Fall. Wenn ich das Neue Testament ernst nehme, dann weiß ich: damit kommen wir am Tag Jesu nicht durch. Da werden nicht unsere religiösen Gefühle verhandelt, da wird auch nicht unser Gottesdienstbesuch verhandelt, da wird nicht über unser Bibellesen geurteilt - da gilt nur eines: Warst Du für mich? Hast du dein Leben für Dich gelebt oder hast du es in meine Hände gegeben!
Liebe Gemeinde! Jesus wird an jenem Tag keinen Aktionskatalog abfragen. Er wird auch nicht, wie wir das manchmal meinen, fragen: Warst du besser als deine Nachbarn, hast du mehr gespendet? Hast Du mehr für die Allgemeinheit getan?
Warst Du auf meiner Seite? Aber: wie komme ich auf die Seite Jesu? Liebe Freunde, das ist wirklich die Frage Nr. 1, die es in der Gemeinde zu verhandeln gilt: Wie komme ich auf die Seite Jesu?
Ich will es einmal ganz schlicht sagen: ich komme zu Jesus, auf seine Seite, indem ich seinen Ruf nach mir höre und ihm antworte. Ich komme zu Jesus, auf seine Seite, indem ich ja zu ihm sage: Herr Jesus Christus, ich will wirklich mit dir leben. Ich will, dass du mein ganzes Leben bestimmst.
Wir können das sagen. Wir können das, weil Jesus ja schon längst die Hand nach uns ausgestreckt hat. Er hat in unserer Taufe uns das zugesagt: Du darfst zu mir kommen, du darfst dein Leben in mich hineinbergen. Was ich getan habe, das gilt dir. Was ich getragen habe, das habe ich für dich getragen. Was, ich im Kreuz und in der Auferstehung durchschritten habe, das habe ich für dich durchschritten. Jeder von uns, wie wir hier sitzen, ist so eingeladen zu Jesus. Er hat uns gerufen. Und wir dürfen auf diesen Ruf antworten: ja, Herr, ich will mein Leben nicht alleine leben. Ich will es mit dir leben.
Wer das sagt, wer sein Leben so für Jesus öffnet, wer Jesus so die Herrschaft über sein Leben antreten lässt, der wird zu einem Kind des Lichtes und der tritt ein in einen Kampf: denn von diesem Tag an geht es darum, dem Herren Jesus auch Raum im Leben zu geben. Von diesem Tag an ist nichts mehr im Alleingang zu entscheiden: Herr, was willst du? Von diesem Tag an steht das Leben nicht mehr unter meinem Befehl, sondern ich habe einen Herren, der für mich gestorben ist, der für mich auferstanden ist, und mit dem ich leben darf.
„Ich glaube, dass Jesus Christus sei mein Herr“, so haben wir es im Konfirmandenunterricht gelernt. Das ist genau das, was ich jetzt gerade gesagt habe: ich bin unter seinen Befehl getreten, unter seinen Schutz und unter seine Gnade.
Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber jeder von uns hat heutet an diesem Tag, Zeit genug, um dies eine zu sagen: Herr Jesus, komme du in mein Leben, und lass mich an deine Seite treten – ein Mensch werden, der dir gehört und zu dir gehört.
Wer so eingetreten ist in die Gemeinde, der wird mit ihr zu einem wartenden Menschen werden. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich das einmal von mir sage: Warten heißt nicht, die Hände in den Schoß legen. Warten heißt nicht, nun alles hin sich und um sich gleichgültig werden lassen. Warten auf das Kommen Jesu heißt für mich: in der Zeit, die er mir schenkt, seinen Ruf weitersagen, in der Zeit, die er mir schenkt, seine Liebe weitergeben, in der Zeit, die er mir schenkt, als ein Mensch leben, der Hoffnung hat, wo die Resignation wie ein Krebsgeschwür um sich frisst.
Warten auf das Kommen Jesu erlaubt nicht den Einstieg aus der Welt  es stellt hinein in diese Welt: zu den Menschen, die den Ruf Jesu nicht oder noch nicht gehört haben, zu den Menschen, die so leben, als ob sie dieser Ruf nichts anginge, zu den Menschen, die auf dem Weg sind.
Über diesem Warten liegt eine große Freude: ich darf wissen auf wen ich warte. Ich kenne den, der kommen wird, ich darf ihm reden und ihm alles sagen, was mich heute bedrängt und freut. Und ich weiß, dass er meine Arbeit will  dass er mich in seiner Arbeit will: Als einen, der in der Nacht dieser Welt den Weckruf hören lässt: Jesus ist der Herr, und er kommt. Amen.

Verfasser: Pfr. Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

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