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Moses Fürbitte

von Michael Tönges-Braungart (61348 Bad Homburg )

Predigtdatum : 05.05.2024
Lesereihe : VI
Predigttag im Kirchenjahr : Rogate
Textstelle : 2. Mose 32,7-14
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Wochenspruch: "Gelobt sei der Herr, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet." (Psalm 66,20)

Psalm: 95,1-7a

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Reihe I: Johannes 16,23b-28(29-32)33
Reihe II: Matthäus 6,5-15
Reihe III: Sirach 35,16-22a oder Daniel 9,4-5.16-19
Reihe IV: Lukas 11,(1-4)5-13
Reihe V: 1. Timotheus 2,1-6a
Reihe VI: 2. Mose 32,7-14

Liedvorschläge

Eingangslied: EG+ 34 Komm, Heilger Geist
Wochenlied: EG 344 Vater unser im Himmelreich
Predigtlied: EG 360 Die ganze Welt hast Du uns überlassen
Schlusslied: EG 172 Sende dein Licht und eine Wahrheit

Predigttext: 2. Mose 32,7-14

7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 11 Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. 14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.

Predigt

Liebe Gemeinde!

Manchmal braucht Gott Menschen. Und manchmal brauchen die Menschen Gott. Manchmal braucht Gott Menschen. Davon erzählt unser Predigttext für heute. Er stellt uns Mose vor Augen, wie er Gott im Gebet gegenübertritt und versucht, die Spannung zwischen Gott und dem Volk Israel zu überbrücken. Denn beten - besonders die Fürbitte für andere, um die es hier geht -  ist ja nichts anderes als das: Zwischen Gott und andere Menschen treten und vor Gott für diese Menschen eintreten – und natürlich auch vor diesen Menschen für Gott.

Für andere beten, bedeutet: In diese Spannung eintreten wie damals Mose. Und deshalb lassen Sie uns heute Mose einmal genauer anschauen. Mose – in der Spannung zwischen der Treue gegenüber Gott und der Treue gegenüber seinem Volk. Mose – ein Meister des Spagats in diesem Konflikt – heute würden wir sagen: Loyalitätskonflikt.

Darin hatte er allerdings auch Übung – eigentlich schon seit seiner Geburt. Sohn einer hebräischen Mutter – aufgewachsen und erzogen am Hof des Pharao. Hebräer oder Ägypter – wo gehört Mose hin?

Als – adoptierter – Enkel des Pharao sieht er mit an, wie die Ägypter das Volk seiner leiblichen Eltern unterdrücken. Wo gehört er hin – wem fühlt er sich verpflichtet? Spontan entscheidet er sich für seine Herkunft von den Hebräern. Er erschlägt einen ägyptischen Aufseher.

Das allerdings bringt ihm weder von der einen, noch von der anderen Seite Dank ein. Für die Ägypter ist er ein Verbrecher.

Und wie er zu seiner Überraschung feststellen muss; für die Hebräer auch. Sie sehen in ihm keineswegs den Freiheitskämpfer, sondern erteilen ihm eine deutliche Abfuhr. Mose muss die Flucht ergreifen. Wo gehört er hin?

Er lebt als Fremder in Midian und findet dort eine neue Heimat. Aber am Sinai begegnet ihm Gott im brennenden Dornbusch. Wieder steht Mose vor der Frage, wo er hingehören will. Gott hat den Auftrag für ihn, die Israeliten aus Ägypten zu führen. Mose muss sich entscheiden. Und er entscheidet sich für Gott und für sein Volk.

Aber damit wird es für ihn nicht einfacher. So ganz und 100%ig vertrauen die Israeliten ihm nie. Immer wieder muss er sich vor ihnen rechtfertigen. Immer wieder muss Gott für ihn eintreten. Und immer wieder muss Mose vor dem Volk für Gott eintreten. Aus dieser Spannung kommt Mose nie heraus.

Und ganz besonders krass ist sie bei unserer Geschichte. Wir kennen alle die Vorgeschichte: Mose ist allein auf dem Berg Sinai, redet mit Gott und empfängt die Tafeln mit den Geboten. Das Volk wartet währenddessen unten am Fuß des Berges. Und die Zeit wird den Menschen unten lang. Ob Mose wiederkommt? Und außerdem: Was hat es schon auf sich mit Gott? Kann man sich auf ihn verlassen? Ist er überhaupt da?

Aaron, Moses Bruder und sein Stellvertreter, fürchtet, dass die Situation eskaliert. Und vielleicht sind die Sorgen und Ängste des Volkes ja auch seine eigenen. Wie dem auch sei – er hält diese Spannung nicht mehr aus, zwischen dem Volk und Gott zu stehen. Er entscheidet sich, auf die Seite des Volkes zu treten und ihm seinen Wunsch zu erfüllen: Ein goldenes Stierbild, das Gott symbolisieren soll.

Das erfährt Mose, als er auf dem Berg Sinai mit Gott redet. Und Mose kann zwei und zwei zusammenzählen. Er weiß, was ihm jetzt bevorsteht.

Zwischen Gott und ihm beginnt ein spannendes Hin und Her.

Dein Volk“, sagt Gott, „hat schändlich gehandelt.“ Dein Volk –nicht meines. Dein Volk, Mose. Und damit stellt sich Gott gegen sein Volk, gegen Moses Volk und stellt ihn auf eine harte Probe. In seinem Zorn will Gott das Volk vernichten – und mit Mose einen neuen Anfang machen. „Vergiss das Volk“, sagt er zu Mose, „so wie ich es vergessen will. Und mit dir fange ich neu an. Du gehörst doch eigentlich nicht zu den Leuten. Du bist doch anders, Mose. Und so ganz haben sie dich doch nie akzeptiert. Jetzt hast du deine Chance! Greif zu und vergiss die anderen!“

Was für ein Angebot! Was für eine Versuchung! Mit einem Schlag könnte Mose seine Probleme und Sorgen los sein. Und endlich wäre der Spagat zu Ende, den er ständig neu aushalten muss. Der Spagat zwischen dem Volk auf der einen und Gott auf der anderen Seite.

Aber Mose widersteht der Versuchung. Er hält den Spagat durch.

Zuerst spielt er einmal den Ball an Gott zurück: „Warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk?“ sagt er. „Es ist nicht mein Volk, von dem du da redest, Gott. Es ist und bleibt dein Volk, das du dir auserwählt hast.“

So redet Mose mit Gott! Fast könnte man sich an Gespräche zwischen Eltern erinnern, die nach diesem Muster laufen. Hat das Kind etwas angestellt, dann beschwert sich der Vater bei der Mutter oder umgekehrt: „Dein Sohn…. Deine Tochter hat wieder mal….“ Und das Gegenüber antwortet: „Was heißt da dein Sohn, deine Tochter…?“

Zuerst spielt Mose den Ball an Gott zurück. Und dann wird er massiv: „Was sollen die Ägypter von dir denken, Gott? Hast du das mal überlegt? Sollen sie sich kaputt lachen über dich? Sollen sie sagen: Schaut euch diesen Gott an: Holt sein Volk aus Ägypten, gibt sich alle Mühe, bis es endlich so weit ist – und dann lässt er es in der Wüste krepieren! Das hätte er einfacher haben können! Sollen die Ägypter so über dich reden, Gott? Willst du dich vor ihnen lächerlich machen?“ Mose packt Gott bei seiner Ehre.

Und dann legt er noch eins drauf: „Wie sieht’s denn aus mit deinen Zusagen, Gott? Stehst du nicht zu dem, was du einmal versprochen hast? Kann man sich auf dich nicht verlassen? Erinnere dich daran, was du schon Abraham verheißen hast! Und steh dazu!“

Wirklich ein Künstler im Spagat, der Mose. Er stellt sich auf die Seite seines Volkes, das ihm eigentlich mehr Ärger als sonst irgendetwas bereitet, das ihm immer misstrauisch begegnet und das nicht nur in den Augen Gottes, sondern auch in den Augen des Mose wirklich halsstarrig ist. Er widersteht der Versuchung, mit Gott gemeinsame Sache gegen das Volk zu machen.

Und er stellt sich zugleich auf Gottes Seite. Das Fehlverhalten des Volkes redet er nicht klein und beschönigt er nicht. Er weiß: Gottes Zorn besteht völlig zu recht. Aber er weiß auch: Gott ist größer als sein Zorn. Und so führt er Gott selber gegen Gott ins Feld. Gottes Zusagen gegen seinen Zorn; Gottes Mühe für sein Volk gegen seine Enttäuschung; Gottes Barmherzigkeit gegen seine Gerechtigkeit. Er hält dem zornigen Gott den Spiegel vor und fragt: „Willst du wirklich so sein, Gott? Soll dein Zorn das letzte Wort behalten?“

Mose weiß, wo er hingehört: Nämlich zu Gott und zu seinem Volk. Und um Gottes Willen gehört er zu diesen Menschen, die so sind, wie sie nun einmal sind.

Also wagt er wieder den Spagat – um Gottes und der Menschen willen. Und die Bibel berichtet ganz kurz und knapp: „Da gereute Gott das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ Mose hat’s geschafft.

Ungeschoren kommt das Volk allerdings nicht davon. Davon erzählt das zweite Buch Mose auch. Und auch davon, wie Mose dann vor dem Volk wiederum für Gott eintritt. Aber die Geschichte Gottes mit seinem Volk kommt hier eben nicht an das Ende. Und Mose darf sich weiter im Spagat üben.

Das Gebet für andere ist heute das Thema. Und die Situation des Mose hier in unserer Geschichte ist typisch für die Situation des Betens für andere; die Fürbitte.

Sie steht am Ende jedes unserer Gottesdienste. Wenn wir Fürbitte halten, dann tun wir dasselbe wie Mose: Dann treten wir zwischen Gott und andere Menschen; dann treten wir vor Gott für sie ein. Vielleicht auch und gerade für Menschen, die uns Sorgen und Mühe machen – so wie damals die Israeliten dem Mose. Vielleicht auch und gerade für Menschen, die sich um Gott wenig oder gar nicht scheren. Und wenn wir für sie eintreten, widerstehen wir der Versuchung, gleichsam mit Gott gemeinsame Sache gegen sie zu machen. Dann widerstehen wir der Versuchung zu denken: „Vergiss die anderen – wir sind und bleiben auf der richtigen, auf Gottes Seite; und auf uns kann er zählen; mit uns kann er etwas anfangen; soll er doch die anderen sich selber überlassen.“ Und wenn wir dieser Versuchung widerstehen, dann verändert sich auch unsere Einstellung ihnen gegenüber. Dann werden wir uns selber – wie Gott – daran erinnern, dass sie alle seine Menschen sind, seine Geschöpfe, die ihm wichtig  und wertvoll sind. Dann verbietet sich für uns jeder Hochmut und jede Arroganz gegenüber den Menschen, die dem Glauben und der Kirche eher distanziert oder ratlos oder auch gleichgültig gegenüberstehen; jeder Hochmut und jede Arroganz auch gegenüber Menschen, die einen ganz anderen Glauben haben als wir – oder gar keinen. Dann verbietet sich für uns alles abfällige und verächtliche Denken und Reden über sie. Wenn wir für sie Fürbitte halten, treten wir vor Gott für sie ein: „Gott, überlass sie nicht sich selber! Wende dich nicht von ihnen ab! Denke an sie! Geh‘ ihnen nach! Lass‘ sie nicht im Stich! Finde du sie, auch wenn sie dich vielleicht schon lange nicht mehr suchen! Vergiss nicht: Sie gehören zu dir!“ Wenn wir für sie Fürbitte halten, heißt das natürlich auch, dass wir uns fragen: „Wie können wir vor diesen Menschen für Gott eintreten – so wie Mose das vor den Israeliten auch immer wieder getan hat?“

Wenn wir Fürbitte halten, dann treten wir aber auch und gerade für die Menschen ein, die sich von Gott verlassen und im Stich gelassen fühlen wie damals die Israeliten am Fuß des Berges Sinai. Wir reden nicht wie Mose mit Gott von Angesicht zu Angesicht. Oft ergeht es uns vielleicht viel eher wie dem Volk am Fuße des Berges, das nicht so recht weiß, was es von Gott zu halten hat und ob er überhaupt da ist und wo es ihm begegnen kann. Oft brauchen wir viel eher einen, der für uns vor Gott eintritt, als das wir uns für andere vor Gott stark machen könnten. Aber auch Mose war kein Übermensch und auch kein Glaubensathlet. Und trotzdem hat er sich an entscheidenden Stellen immer wieder vor die Israeliten gestellt und bei Gott für sie Fürbitte getan: „Erinnere dich daran, Gott, was du uns versprochen hast! Lass dein Volk nicht allein! Steh ihm bei!“

Gegen Ende jedes Gottesdienstes, bevor wir die Kirche und ihren geschützten Raum wieder verlassen und hinaus gehen in unseren Alltag, halten wir Fürbitte für andere; erinnern wir uns und Gott an die Menschen, die ihn – und uns – besonders nötig haben; erinnern wir Gott an seine Liebe und an seine Treue, an seine Gnade und Barmherzigkeit, die er uns zugesagt hat und zu denen er uns ermutigen will.

Gegen Ende jedes Gottesdienstes – und gewiss nicht nur da - stellen wir uns wie Mose vor Gott. Denn manchmal – nein, immer wieder – braucht Gott Menschen. Und wir brauchen Gott. Und wir vertrauen darauf, dass unser Gespräch ihn – wie uns – nicht unverändert lässt. Amen.  

Verfasser: Pfarrer und Dekan i. R. Michael Tönges-Braungart, Bad Homburg


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