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Nachfolge

von Winfried Anslinger (Homburg)

Predigtdatum : 12.07.2020
Lesereihe : II
Predigttag im Kirchenjahr : 5. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 5,1-11
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Wochenspruch: Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. (Epheser 2,8)

Psalm: 73,1-3.8-10.23-26

Predigtreihen

Reihe I: Matthäus 9,35-10,1(2-4)5-10
Reihe II: Lukas 5,1-11
Reihe III: 1. Korinther 1,18-25
Reihe IV: 1. Mose 12,1-4a
Reihe V: Johannes 1,35-51
Reihe VI: 2. Korinther (11,18.23b-30);12,1-10

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 445 Gott des Himmels und der Erde
Wochenlied: EG 241 Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
Predigtlied: EG 171 Bewahre uns, Gott
Schlusslied: EG 610 Herr, wir bitten: Komm und segne uns

Predigttext Lukas 5,1-11

Der Fischzug des Petrus

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.
2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde,

vielleicht kennen Sie den Roman des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemmingway mit dem Titel „Der alte Mann und das Meer“. Dort wird erzählt, wie ein alter Fischer den Fang seines Lebens macht. Er ist weit aufs Meer hinaus ge-fahren und plötzlich hat er einen riesigen Fisch am Haken. Stundenlang muss er mit ihm kämpfen, bis er ihn überwältigt hat. Erschöpft und stolz macht er sich auf den Rückweg. Endlich hat er auch einmal etwas, wovon er erzählen kann, für das er endlich Anerkennung bekommt in der Kneipe, wo man sich trifft. Der Fisch ist viel zu groß für sein kleines Boot, sodass er ihn außen an der Bordwand befestigen muss. Mit letzter Kraft macht er kehrt, freut sich schon auf die warme Stube, da bemerkt er, dass, angelockt vom Blut seiner Beute, viele kleine Raubfische auftauchen, um sich über seinen Fang herzumachen. Er kann sie nicht abwehren und muss hilflos zusehen, wie sie ihm alles vor den Augen wegfressen. Stück um Stück. Als er endlich im Hafen ankommt, hängt nur noch ein Gerippe am Haken. 

Eine Geschichte, die mit einer glücklichen Überraschung beginnt, große Hoffnungen trägt und dann in tiefste Enttäu-schung abstürzt. Der Dichter beschreibt damit seine Lebensphilosophie: Viele Hoffnungen machen sich die Menschen, doch am Ende werden alle vom Leben betrogen. 

Unsere biblische Geschichte verläuft genau umgekehrt. Da steht am Anfang die Enttäuschung über eine vergebliche Nacht auf See, wo man mit leeren Netzen heim kommt. Doch am Ende ist das Boot so voll, dass es fast versinkt.

Sie fängt unspektakulär an: Petrus und seine Leute sitzen am Strand und waschen die Netze. Da gibt es einen Auflauf im Ort. Ein Fremder ist gekommen, das passiert nicht oft. Er scheint etwas zu suchen, oder jemanden. Da sieht er Petrus. Er geht auf ihn zu und bittet ihn ohne Umschweife um einen Gefallen. Einem Fremden schlägt man keinen Wunsch ab. Und warum auch nicht, etwas Abwechslung tut gut. Petrus lässt ihn in sein Boot einsteigen, fährt ein paar Meter von Ufer weg und setzt sich neben ihn. Da fängt der Fremde an, zu den Leuten am Strand zu sprechen. Offensichtlich ist er ein Wanderprediger. Davon hört man gelegentlich, jetzt lernt er einmal so einen kennen. Was hat er zu sagen?

Petrus hört viel Neues in den folgenden Minuten – oder waren es Stunden? Dinge, über die er noch nie nachgedacht hat, aber sie treffen ihn. Es dauert nicht lange, da fängt er Feuer. Er hört, wie der Fremde übers Leben spricht, über Hoffnungen und Enttäuschungen und warum man nicht aufgeben soll. Er redet von einer Kraft, die das Leben trägt, auch wenn sie nicht zu spüren ist, und dass diese Kraft ans Ziel bringt. 

Petrus kommt ins Nachdenken. Wer ist er eigentlich? Ein junger Mann, der eben seine ohrfeigenreiche Lehre beim Vater beendet hatte und dem jetzt ein langes Berufsleben bevor-stand. Er hatte nie über den Tag hinaus gedacht. Dass dieses Leben, das immer in vorgezeichneten Bahnen verlaufen war, etwas einmaliges und großes sei, ein Geschenk, für das man danken muss, darauf war er nie gekommen. Aber es stimmte. Denn eines Tages würde er alt sein wie jetzt seine Eltern und deren Eltern, die seit Jahren schon auf dem Friedhof wohn-ten. Deshalb stimmt es überhaupt nicht, dass alles immer gleich bleibt. Es gibt Veränderung und man muss sich darauf einstellen. Immer nur weiter – das erschien ihm plötzlich zu wenig. 

Ich glaube, wir verstehen Petrus recht gut, selbst wenn wir mit dem Rest der Geschichte unsere Bedenken haben: Das Leben bietet meist weniger, als unsere vorauseilende Phantasie gerne daraus machen möchte. Die Erfahrung zeigt, dass Enttäuschungen wahrscheinlicher sind als Wunscherfüllung. 

Gerade in Zeiten, wo eine ungesteuerte Globalisierung verunsichert und entwurzelt. Wo junge Menschen, die nach abge-schlossener Lehre mit guten Noten sich bewerben und überall nur Zeitverträge angeboten bekommen. Hilft da die virtuelle Welt vor dem Computer, in der man Held sein kann? Lang-jährige Mitarbeiter bemerken, wie ihre Arbeitsplätze in der Abteilung nach und nach von Maschinen besetzt werden. Alte stellen fest, dass sie nur noch als Belastungsfaktoren wahr-genommen werden. Frauen, die ein halbes Leben lang darin aufgegangen sind, Haus, Garten und Familie in Ordnung zu halten und dazu noch die Halbtagsstelle, verzweifeln, wenn sie bemerken, sie werden nicht mehr gebraucht. Dabei hat man doch jahrzehntelang geglaubt, man sei unersetzlich. Mit seinem Engagement, seiner Erfahrung. Hilft dann noch Well-ness? Lange Urlaubsfahrten im Campingbus? Tröstet der täg-liche Waldlauf mit den Sticks? 

[Hier eventuell Beispiele aus dem eigenen Lebensumfeld, die zeigen, dass das Leben manchmal enttäuschend verläuft.]

Da wendet sich der Mann erneut an Petrus. „Fahr doch noch-mal raus auf den See. Es wird sich lohnen.“
Nun weiß ein Geselle zwar noch nicht alles über sein Handwerk, Unmögliches erkennt er aber schon. Darum blickt Petrus den Mann ungläubig und enttäuscht an und schüttelt den Kopf: „Wenn wir die ganze Nacht hindurch nichts gefangen haben, wieso dann jetzt? Jedes Kind weiß doch, dass die Fische nur nachts an die Oberfläche kommen und bei Tag unten bleiben, wo kein Netz hinkommt.“

Eben noch hatte ihn dieser Prophet so beeindruckt und angerührt, jetzt zweifelt er. Realität ist eben doch Realität!
„Fahrt hinaus, wo es tief ist und werft eure Netze aus“. Die Überzeugungskraft im Ton dieses Mannes ist es wohl, die ihn das Unmögliche versuchen lässt. Er hat ja nichts zu verlieren, außer ein, zwei Stunden Schlaf. 

„Auf dein Wort hin will ich‘s versuchen“, antwortet Petrus und fährt tatsächlich hinaus, begleitet vom wissenden Grinsen seiner Helfer, die sich nicht trauen auszusprechen, was jeder denkt: „Ein toller Redner ist er schon, aber Ahnung von Fischen hat er nicht.“ 

Was dann erzählt wird, ist mit unserem üblichen Denken natürlich nicht kompatibel. Ein Mirakel, sagen die einen, denen die Geschichte ein Produkt orientalischer Fabulierkunst ist. Ein Wunder, sagen die anderen, die meinen, es sei für Gott, den Schöpfer doch kein Problem, jederzeit einzugreifen, sobald es ihm richtig erscheint. Ein Traum, sagen wieder andere, denen diese Erzählung ein Symbol ist für seelische Vorgänge, die zum Glauben führen. Es komme nicht aufs erzählte Geschehen an, sondern auf die Schilderung einer inneren Entwicklung beim künftigen Jesusjünger Petrus.
Sicher ist, dass Petrus zu dem Zeitpunkt, als Jesus das Dorf verließ, sein treuester Anhänger geworden war und fortan nicht mehr von seiner Seite wich. Er verließ den väterlichen Betrieb, die bescheidene Sicherheit einer kleinbürgerlichen Existenz und zog hinaus in die Welt. Auf ein Wort hin, ein Wort der Hoffnung, das alles in den Schatten stellte, was ihm bisher untergekommen war. 

Nicht jedem, liebe Gemeinde, wird ein Boot voller Fische ins Haus geliefert, wenn er sich auf ein Wort der Hoffnung ein-lässt. Welcher Gedanke könnte helfen, dem Undenkbaren zu trauen? 

Eine Theologin referierte einmal auf einem Seminar der pfälzischen Schülerarbeit. Das Thema der Veranstaltung war: „Gott und die Naturwissenschaften“. Es ging da um Erkenntnistheorie in den naturwissenschaftlichen Disziplinen und deren Verhältnis zur Theologie. 

Die Frau war selbst stark körperbehindert und konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten. Sie sagte: Gott ist für mich eine Art Hypothese. So wie der Physiker bei seinen Versuchen erst eine Hypothese aufstellt, die er dann mit Experimenten überprüft und gegebenenfalls widerlegt, so ist für mich Gott zunächst nur eine Behauptung. 

Das Experiment ist mein Leben. Ich überlege mir, unter welcher Hypothese mir mein Leben besser erscheint: mit Gott oder ohne ihn. Betrachte ich mein Leben ohne Gott, könnte ich es wegwerfen, denn es hat wenig Qualität. Ich muss täglich Medikamente nehmen und schon die kleinste körperliche Anstrengung macht mir Mühe und schmerzt. Betrachte ich mein Leben unter der Voraussetzung, dass es Gott gibt, dann kann ich mir wenigstens sagen: es gibt noch etwas anderes außer Rollstuhl und Rehaklinik. Vielleicht gibt es doch eine Instanz, die Einsehen hat mit meiner schlimmen Lage, und mit der Not vieler weiterer Menschen außer mir. Gott lässt mich noch etwas anderes erwarten. 

Das leuchtet mir ein. Es kommt überhaupt nicht auf ein Mirakel mit berstenden Netzen am See an. Wichtig ist, dass wir begreifen, was auch Petrus nach und nach begriff: Das Leben ist nicht einfach nur vorhanden. Uns wird zugemutet, ihm ein Konzept zu geben, es auf Zukunft hin zu entwerfen. Davon hängt viel ab: Ob es mit Gott ein hoffnungsfroher und perspektivreicher Entwurf ist, oder ob es ohne Gott sich in dem erschöpft, was wir vor Augen haben. 

Jeder von uns ist gefragt: Willst du dem Weg Hemmigways folgen, mit Hoffnung zu Beginn und Enttäuschung am Ende? Oder willst du dem Weg des Petrus folgen, mit hartem Realismus zu Beginn und Hoffnung am Ende? Mit Gottes Augen betrachtet, ist kein Leben wertlos und sinnlos. Weil dem Schöpfer von Himmel und Erde nicht gleichgültig bleiben kann, was mit seinen Geschöpfen geschieht. Weil es nahe liegt, ihn mit dem Bild eines liebenden Vaters zu beschreiben, den Leiden und Verzweiflung rührt. Auch wenn mit solchen Vergleichen die Grenze unseres irdischen Denkens überschritten wird, können sie Hoffnung stiften über den Tag hinaus. Gott führt sein Werk zu Ende und es sollte kein böses Ende sein. Davon sprach Jesus und fortan auch Petrus.

Menschenfischer konnte er werden, als er begriffen hatte, wie viel ein Leben gewinnt, wenn ihm Sinn und Ziel geschenkt werden, wenn Umfassendes ins Spiel kommt. Mit so einer Erkenntnis kann man einfach nicht hinter dem Berg halten.
Amen

Verfasser: Pfarrer i. R. Winfried Anslinger, Emilienstraße 45, 66424 Homburg


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