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Pharisäer und Zöllner

von Ulf Rödiger (06385 Aken/ Elbe)

Predigtdatum : 11.08.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Kirche und Israel
Textstelle : Lukas 7,36-50
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Leitbild:
Pharisäer und Zöllner
Wochenspruch:
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 1.Petrus 5,5
Psalm: Psalm 113, 1 - 8

Lesungen
Altes Testament: 2.Samuel 12, 1 - 10.13 - 15a
Epistel: Epheser 2, 4 - 10
Evangelium: Lukas 18, 9 - 14

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 288 Nun jauchzt dem Herren alle Welt
Wochenlied: EG 299 Aus tiefer Not schrei ich zu dir
Predigtlied: EG 353 Jesus nimmt die Sünder an
Schlusslied: EG 222 Im Frieden dein o Herre mein

Kurze Hinführung:
Um die Anstößigkeit des Handelns der Sünderin deutlich zu machen, beginne ich mit einem Beispiel aus dem Privatfernsehen. (In der Hoffnung, dass die Sendung im Herbst noch läuft, sonst in der Erinnerung an die Sendung).

Zugleich will ich deutlich machen, wie die Liebe als Grundhaltung unseres Lebens unseren Umgang miteinander verändert. Dazu ist die Besinnung auf die zuvor erfahrene Liebe Gottes nötig.


Der Predigttext wird während der Predigt gelesen

Liebe Gemeinde,

kennen sie „Das perfekte Promi Dinner“ auf VOX?
Ich erzähle Ihnen eine Folge, die so noch nicht lief, aber durchaus in das Konzept der Sendung passen würde.

Simon, eine irgendwie bekannte Größe in der Welt der Medien, lädt seine Freunde zum Essen. Diesmal soll es ein Picknick am Strand von Mallorca sein. Fackelschein und Bambusrohrmöbel, ein riesiger Grillautomat mit allen Schikanen nebst Schampuskühlbox zieren das Ambiente. Das Filmteam hat aufgebaut, die anderen Halb- und Viertelberühmtheiten haben gerade die wunderbare Vorspeise gerühmt, da erscheint die allseits bekannte Maria. Auch sie kennt man durchs Fernsehen, meist durch kleinere Rollen als naive, aber immer recht freizügige Frau. Simon und seine Gäste sind unsicher, ob der Sender sie vielleicht als ungebetenen Überraschungsgast engagiert hat, darum lässt man sie gewähren. Was sie tut ist höchst anzüglich und typisch Privatfernsehen. Zunächst einmal tut sie so, als sei sie eingeladen. Sie umkreist höchst auffällig die Runde um sich dann zu Füßen des unbestrittenen Stars des Abends niederzulassen.

Er ist das Zugpferd dieser Folge. Er ist keiner der ganz großen Stars, aber immerhin so bekannt, dass auch der öffentlich rechtlich geschulte Zuschauer etwas mit seinem Namen anfangen kann. Kaum, dass sie sich ihm zu Füßen gesetzt hat, beginnt sie auch schon dieselben zu massieren. Alle anderen sind peinlich berührt, umso mehr als sie auch noch ein paar Tränen vergießt und nun seine Füße mit ihren langen Haaren vom Sand befreit. Zu allem Überfluss beginnt sie nun, mit einer offenbar mitgebrachten Lotion, seine Füße einzucremen.

Werbepause .... zum Glück.

So etwas kann sich nur das Privatfernsehen ausdenken.

Ein Glück, das die Bibel da viel reeller ist, oder?
Es bat Jesus aber einer der Pharisäer bei ihm zu essen....
(Lesung des Predigttextes: Luk. 7, 36 - 50 ohne Ankündigung)
Kann man die beiden Geschichten wirklich vergleichen? Hier die tiefgründige Erzählung von dem vergebenden Liebeshandeln Christi und dort die vorgespielte Pseudorealität eines privaten Fernsehsenders: (Trash -) Abfall, Seelenkitsch, Fernsehen zum Abgewöhnen.
Und doch schauen Hunderttausende zu, offen oder heimlich, weil Sie spüren, die Fernsehmacher verstehen gut auf der Klaviatur unserer Sehnsüchte und Gefühle zu spielen.

Darum lohnt es sich durchaus die Parallelen zu sehen, welche beide Geschichten transportieren. Darüber hinaus lohnt es auf das zu achten, was Jesus hier mehr tut.

Simon aus dem Fernsehen und Simon der Pharisäer verkörpern unsere Sehnsucht nach dem besonderen Moment. Ich gehöre gern zu einem Kreis ausgesuchter Leute. Ich genieße die Gegenwart von Freunden, die mich verstehen und so auf einer Ebene mit mir schweben. Und was gibt es da Schöneres als ein gutes, gemeinsames Essen. Daran ist doch nichts Böses, schließlich gibt es ja genug Zeiten, in denen ich offen bin für alle, die mir begegnen. Und wenn man einen kennenlernt, der interessant ist und gut in unsere Runde passt dann um so besser.

Offensichtlich hat Jesus gegen die Einladung zum Essen nichts einzuwenden. Er lässt sich darauf ein, sich in die geschlossene Runde der Freunde des Pharisäers zu begeben.
Nur, wenn aus dieser geschlossenen Runde eine geschlossene Gesellschaft wird, dann rebelliert er auf.
Denn kaum, dass diese Runde von außen gestört wird, wird alles kompliziert und spannungsreich.

Die Fernsehmacher nutzen die Spannung, die aus dieser Störung erwächst um rasch eine Werbepause einzulegen. Doch im wahren Leben kann man nicht einfach sagen: Moment mal, jetzt machen wir erst Mal Werbepause und dann reagiere ich. Im wahren Leben müssen wir sehr schnell unsere Position wieder finden. Denn der Mensch, der unsere Kreise stört, fordert uns dazu heraus. Besonders dann, wenn er sich uns – auf den ersten Blick – so aufdrängt, wie die Frau sich Jesus aufdrängt; geradezu schamlos!

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ fällt mir als erstes bei ihr ein. Denn derartige Zeitgenossen gibt es häufiger. Wo immer sich Menschen versammeln sind sie da. Sie drängeln sich in Gespräche, stellen sich ungefragt zur Gruppe auf dem Schulhof, im Betrieb und zu den Rauchern allzumal. Ihr Ruf eilt ihnen voraus und es ist nur die gute Kinderstube, die sie uns meist wortlos ertragen lässt.

Eine gute Kinderstube hat auch der Pharisäer genossen. Er denkt sich sein Teil. In seinen Augen ist die Frau nicht nur schamlos, sondern sowieso nichts wert. Denn ihr Lebenswandel ist „in aller Munde“. So eine gehört hier nicht her, nicht gerade jetzt, wo wir unter uns sein wollen.

Im Fernsehen würde nach der Werbepause nun die Runtermache beginnen. Die geladenen Gäste würden dieser blöden Trine schon zeigen, was sie von ihr hielten. Sie würden ihr all das an den Kopf schmeißen, was wir uns nicht zu sagen wagten.

Doch Jesus reagiert ganz anders. Er schaut nicht nur mit dem „ersten Blick“, sondern mit einem zweiten, dritten und vor allem mit einem bis ins Herz reichenden Blick auf die Frau. So sieht er ihren unbeholfenen Versuch, sich ihm auf eine Art zu nähern, die ihre Bedürftigkeit deutlich macht. Keine langen Erklärungen, kein dazwischen Drängeln und schon gar nicht der Versuch irgendetwas zu beschönigen. Ganz im Gegenteil: Wenn es wirklich stimmt, dass sie eine Frau mit freizügigem Wesen ist, dann bleibt sie ganz und gar in der Sprache die ihre eigene ist. Durch Tränen und durch Berührung zeigt sie ihre Not an, denn eine andere Sprache hat sie nicht.

Davon lässt Jesus sich anrühren und geht schließlich soweit die Runde zu sprengen. Simon hatte ja nichts gesagt. Auch Jesus hätte einfach gute Miene zu diesem merkwürdigen Verhalten der Frau machen können. Aber wer eine „Miene macht“, der setzt sich eine Maske auf und dass will Jesus nicht.

Darum das Gleichnis von den zwei Schuldnern, die Zurechtweisung an Simon und der Zuspruch an die Frau. Alle drei Szenen haben ein und dasselbe Ziel: Die Liebe als das entscheidende Kriterium für unser Handeln heraus zu stellen.

Denn die Liebe als die Grundhaltung unseres Lebens kann uns in der Tat davor bewahren zu erstarren und einzuigeln.

Und so höre ich das Gleichnis von den zwei Schuldnern und weiß längst: Ich bin der mit weit mehr als „500 Silbergroschen“ Schuld. Egal, ob ich darauf schaue was ich meinen Mitmenschen und Gott schuldig bleibe, oder darauf, wo mein Leben zum Heulen ist: Wüsste ich nichts von der vergebenden Liebe Gottes, es wäre zum Verzweifeln.
Vertrauen wir aber auf die Liebe Gottes auch in den Momenten
- in denen wir außen vor sind,
- in denen wir wieder versuchen hinein zu kommen in den Kreis des Lebens
- in denen wir nichts vorzuweisen haben als unsere Tränen, dann sind wir gelassen genug, um mit Störungen durch andere umzugehen.

Und so hören unsere Runden und Kreise die Zurechtweisung der Willkommenskultur von dem Simon. Letztlich ist es die Mahnung Jesu an uns, immer wieder mal zu schauen, ob wir einander noch von Herzen nah sind, oder ob wir nur noch aus Konvention und Tradition einander einladen. Biete ich meinem Gast die Hausschuhe als Wohltat für seine Füße, oder als Schutz für meinen teuren Teppich?
Und so hören wir schließlich, dass Jesus sich das Recht herausnimmt, einem Menschen zuzusprechen, dass er nochmal anders leben kann, befreit von allem, was ihn an eigener Schuld und Versagen die Luft zum Leben raubte.

Stellen wir uns also vor, nach der Werbepause würde Simon aus dem Fernsehen unser Fernsehsternchen Maria, freundlich und herzlich an den Tisch laden. Er würde ihr deutlich machen, dass er durchaus Verständnis hat für ihre Sehnsucht nach Ruhm und Bekanntheit. Doch dann würde er davon reden, wie er sich selbst immer wieder hat verbiegen lassen für ein paar Minuten vermeintlichen Ruhmes. Kein fernsehtaugliches Ende, oder? Aber zum Glück sind die Geschichten von Jesus dann doch noch von ganz anderem Format.

Und die Liebe Gottes die größer ist als unser Begreifen, bewahre und ermutige uns heute und an allen Tagen.
AMEN

Verfasser: Pfarrer Ulf Rödiger
Poststraße 38, 06385 Aken

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