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Umarmt, geküsst, umworben von Gott

von Katja Albrecht (39108 Magdeburg)

Predigtdatum : 21.06.2015
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 2. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 15,1-3.11b-32
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Wochenspruch:
"Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." (Lukas 19, 10)
Psalm: 103, 1 - 5.8 - 13 (EG 742)

Lesungen
Altes Testament: Hesekiel 18, 1 - 4.21 - 24.30 - 32
Epistel: 1. Timotheus 1, 12 - 17
Evangelium: Lukas 15, 1 - 3.11 b - 32


Liedvorschläge
Eingangslied: EG 445 Gott des Himmels und der Erden
Wochenlied: EG 232
EG 353 Allein zu dir, Herr Jesu Christ o.
Jesus nimmt die Sünder an
Predigtlied: EG 428 Komm in unsre stolze Welt
Schlusslied: EG 170 Komm, Herr, segne uns


Hinführung
Der Predigttext gehört zu den bekanntesten Gleichnissen Jesu.
Innerhalb des 15. Kapitels im Lukasevangelium, in dem es insgesamt um die Freude über das Wiedergefundene geht, bildet das Gleichnis einen Höhepunkt. Wenn schon die Freude über ein wiedergefundenes Schaf und sogar über einen wiedergefundenen Groschen so groß ist – wie kann es dann nicht überschwängliche Freude über das zurückge-kehrte Kind geben?!

Die im Hintergrund liegende Streitfrage wird in den ersten Versen deutlich: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen – dies stellen die Pharisäer und die Schriftgelehrten fest. Und Jesus erzählt daraufhin von seinem, von unserem Vater im Himmel. Von einem Vater, dessen Liebe für die beiden Söhne so groß ist, dass er im Moment des Wieder-sehens nur Freude empfindet. Dem einen entgegenläuft. Dem anderen nachgeht. Und mit beiden zusammen das Freudenmahl halten möchte.

Es ließe sich an viele Themen des (geschwisterlichen) Mit-einanders in Familie und Gemeinde anschließen. Es mag an jedem Ort unterschiedliche Fragestellungen geben, die oben auf liegen: das Miteinander der Generationen, das Miteinan-der von Alteingesessenen und Zugezogenen oder die Fragen nach Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Die eigenen Wege und die fremde Wege der Mitmenschen, der Hunger nach Liebe und die Hoffnung auf die Begegnung mit dem liebenden Gott kann auf alle Themenfelder hin aus-gelegt werden.

Der Predigttext wird während der Predigt verlesen.

Liebe Gemeinde,

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Über den einen macht er sich Sorgen. Er hat den Faden zu ihm verloren. Wo er sich gerade herumtreibt – keine Ahnung. Ob sie sich je wieder-sehen werden – unklar. Ein Mensch, der eigentlich nur einen Sohn hat. Einen, der täglich um ihn ist, der in seine Fuß-stapfen tritt. Einen Sohn, an dem er seine helle Freude hat. Wenn da nicht die Sorgen um den anderen wären …

[Lesung des Predigttextes: Lukas 15, 1 - 3.11b - 32]

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Die Geschichte vom Vater und den Söhnen und ihren Wegen hat nur männliche Haupt-rollen, von einer Ehefrau und Mutter erfahren wir nichts. Der jüngere Sohn verschwindet. Er bittet um sein Erbteil. Er bekommt, was ihm zusteht vom Vermögen und Gewinn des Hofes, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Er wandert aus, sucht sein Glück – er findet es jedoch nicht.

Viele Familien haben sich besonders in den Jahren seit der Wende von Familienmitgliedern verabschiedet, die einem Arbeitsplatzangebot in einer anderen Region Deutschlands gefolgt sind, viele im Osten Deutschlands nehmen Wochen-endbeziehungen auf sich, damit die Familie an vertrauten Ort bleiben kann. Untersuchungen unter Menschen, die den Osten Deutschlands verlassen haben oder verlassen wollen, haben ergeben, dass die allermeisten bei entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten vor Ort in ihrer Heimatregion bleiben würden. Vor allem wegen der Familie.

Aber es gibt für viele keine Wahl – und so verlassen weiter-hin Menschen, vor allem gut ausgebildete junge Frauen den Osten Deutschlands – und die Gesellschaftswissenschaftler betrachten mit Sorge, dass viele Männer die schlecht aus-gebildet sind und die keine Zukunftsperspektiven haben, zurückbleiben. Sind es heute die, die dableiben, die den lie-bevollen Vater nötig haben? Einen, der ihnen immer wieder entgegenkommt. Sich für sie interessiert?

Manchmal kann es für die einzelnen Mitglieder einer Familie nur eine Zukunftsperspektive geben, wenn der eine oder andere Teil die Familie verlässt. Eigene, unabhängige Wege geht. Auch der jüngere Sohn in der Geschichte hatte viel-leicht vor Augen, einmal eine andere Rolle einnehmen zu können, einmal nicht der Jüngere zu sein, sondern sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Solche Befreiungs-versuche können auch gelingen – aber die Geschichte macht deutlich, dass das Gehen neuer Wege nicht nach dem ersten Schritt, dem Weggehen, endet. Der Jüngere muss nun sein Leben selbst gestalten.

Es ist für Gemeinden eine wichtige Aufgabe, Menschen bei der Suche nach guten Formen des familiären und gemeind-lichen Zusammenlebens zu begleiten. Damit sie auch an fremden Orten Wurzeln schlagen können und bei der Suche nach einem erfüllten Leben nicht allein sind.

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Einer hat genug zu es-sen. Der andere hungert. Es ist die eindrücklichste Szene in der Geschichte: Der jüngere Sohn hat solchen Hunger, dass er sich sogar von Schweinefutter ernähren würden. Die Schweine fressen die Schoten des Johannisbrotbaums. Zur-zeit Jesu ist das wirklich das allerletzte, was man essen möchte. Das ist sogar sprichwörtlich belegt: Wenn jemand so weit ist, Johannisbrot zu essen, dann ist die Zeit der Buße.

Und so ist es schließlich auch in der Geschichte: In der ganz großen, körperlich spürbaren Not, da wird sich der Mann über seine Situation klar und er erkennt, dass es einen Weg zurück gibt.

Am Thema des Essens wird in der Geschichte auch ein an-derer Hunger deutlich: Der ältere Sohn regt sich darüber auf, dass der Vater seinem Bruder zu Ehren ein Fest gibt und dafür das kostbare Mastkalb schlachtet. Er beklagt sich, dass der Vater für ihn nicht einmal einen einfachen Zie-genbock übrig hatte, wenn er mit seinen Freunden feiern wollte.

Hier geht es um den Hunger nach Anerkennung und Liebe durch den Vater. Nach einem sicheren Platz an der Seite des Vaters. Einem Platz, den einem niemand streitig machen kann. Auf einer theologischen Ebene wird hier die Ausein-andersetzung frommen jüdischen Menschen und denen, die in der Gesellschaft, in der jüdischen Gemeinde Außenseiter waren, abgebildet. Haben denn auch die, die sich so weit von Gott abzuwenden scheinen, wie die Zöllner, wie dieser jüngere Sohn einen Platz bei Gott?

Aber es gibt natürlich auch die direkte Ebene in der Ge-schichte: Es gibt viel Hunger nach Liebe und Anerkennung in unserer Zeit – die Anerkennung durch die Eltern, die An-erkennung durch Lehrerinnen und Lehrer, die Anerkennung durch Gleichaltrige.

Und es gibt Menschen, die sich diesen Hunger zunutze machen, die Menschen eine Gruppe bieten, in der sie einen Platz haben können. Auch hier, in der Bewahrung Jugend-licher davor, in die Netze solcher Menschenfänger zu gehen, liegt eine große Aufgabe für die Gemeinden – und ebenso in der Auseinandersetzung mit Erwachsenen, die menschen-verachtenden Ideologien anhängen.

Der Hunger nach Liebe kann sich auch ganz anders äußern, darin dass besonders junge Mädchen gar nichts mehr essen.
Dass sie körperlich unsichtbar werden, und damit eigentlich um Hilfe schreien.

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Er hat sie tatsächlich wieder beide an seiner Seite. Gut, dass er die Hoffnung nie aufgegeben hat. In der Geschichte ist die Hoffnung am deutlichsten sichtbar für den zurückgekehrten Sohn: Gegen alle seine Erwartungen nimmt ihn der Vater mit Freuden wieder auf in den Kreis der Familie, er bekommt alle Rechte eines Sohnes zurück, ein Fest wird gefeiert.

Aber auch das Bemühen des Vaters um den älteren Sohn enthält Hoffnungsvolles. Er nimmt es nicht hin, dass dieser so wütend ist und sein Handeln nicht akzeptiert. Er wirbt um Verständnis und möchte, dass er seine Freude teilt.

Es ist die hoffnungsvollste Geste, dass der Vater herausgeht zu seinem älteren Sohn. Er muss von seiner Heimkehr ge-hört haben. Er sucht das Gespräch, er erklärt sein Verhal-ten.

Das Gespräch suchen und das eigene Verhalten erklären, das sind für mich Verhaltensweisen, die das Zusammen-leben von Menschen, auf welcher Ebene auch immer, möglich machen.

Das gilt in Familien, denn wenn wir im Gespräch sind und uns einander mitteilen, dann ist es leichter, dass alle ihren Platz finden. Dann können Meinungsverschiedenheiten wenn nicht beigelegt, so doch ausgehalten werden. Dann wird das Verhalten von Erwachsenen für Kinder nachvollziehbar und sie können sich selber zu selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln, die den Gefahren des Lebens nicht unvorberei-tet begegnen.

Das gilt aber auch in den Gemeinden: Im Gespräch bleiben und das eigene Verhalten erklären. Das gilt gerade auch für den Austausch darüber, was uns am Glauben wichtig ist. Und auch darauf zu hören, was den anderen wichtig ist, die den Glauben so ganz anders leben oder verstehen als ich. Eine dann gemeinsam gefundene Grundlage, die sich auch in den Aktivitäten einer Gemeinde äußert, die gibt dem Evangelium Raum, sich zu entfalten, die lädt ein unter das offene Dach der Gemeinde.

Das gilt aber auch über den Raum der Gemeinde hinaus in Kirche und Gesellschaft – ob wir in der Kirche neue Wege des Miteinanders suchen oder ob es um Reformen des So-zialstaates geht: Nur durch gute Kommunikation kann ein gemeinsamer Weg gefunden werden. Eine Kommunikation, die bei dem ansetzt, was den einzelnen wichtig ist, in ihrer Kirche in ihrem Land. Eine Kommunikation, die die Betei-ligung von vielen an Entscheidungsprozessen ermöglicht.

Ein Mensch hatte zwei Söhne – das ist nicht das Ende vom Lied. Die Geschichte singt das Lied eines liebenden Va-ters und zweier unendlich geliebter Söhne.

Eines Vater, der sich um beide Kinder sorgt, der ihnen nach-geht und der aus Liebe über den eigenen Schatten springt – er rennt dem einen Kind entgegen, umarmt und küsst es. Er geht zum anderen Kind hinaus und versucht es umzustim-men.

Das ist ein hoffnungsvolles, ein liebevollen und zärtliches Bild: Gott kommt uns entgegen, möchte uns als seine Kin-dern umarmen und küssen – egal welche Geschichte wir mitbringen. Von solcher Liebe getragen, können wir weite Dächer bauen, die Platz für alle Menschen bieten. Und Got-tesdienste feiern, die einladen, einen solchen Gott kennen zu lernen.

Amen.



Verfasserin: Pfarrerin Katja Albrecht
Bauernstr. Schladebach 20, 06237 Leuna




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