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Umkehr

von Ulf Häbel (35321 Laubach-Freienseen)

Predigtdatum : 16.11.2005
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Buß- und Bettag
Textstelle : Matthäus 12,(33-35).36-37
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Wochenspruch:

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. (Sprüche 14,34)

Psalm: 51,3-14 (EG 727)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 1,10-17
Epistel:
Römer 2,1-11
Evangelium:
Lukas 13, (1-5) 6-9

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 584
Meine engen Grenzen
Wochenlied:
EG 144
oder EG 146
Aus tiefer Not lasst uns zu Gott
Nimm von uns, Herr, du treuer Gott
Predigtlied:
EG 283
Herr, der du vormals hast dein Land
Schlusslied:
EG 289,4-5
Die Gottesgnad alleine

Jesus sprach zu den Pharisäern: 33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 34 Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. 35 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. [36 Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. 37 Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.]

Liebe Gemeinde,
es gibt keine Eindeutigkeit mehr- weder in dem, was wir sagen, noch durch das, was wir tun. Man kann alles von zwei Seiten sehen und von unterschiedlichen Positionen her beurteilen.
In meiner Lebensphilosophie ist Kinder aufzuziehen ganz wichtig. Meine Frau und ich haben dementsprechend fünf Kinder groß gezogen. Ich habe Freunde, die dazu eine ganz andere Einstellung haben. Sie meinen, Kinder in eine schon überbevölkerte Welt zu setzen sei unverantwortlich. Es gäbe schon genug Kinder auf der Erde. Politiker wiederum äußern sich besorgt über die zunehmende Kinderlosigkeit in unserer Gesellschaft, weil die künftige Schulden- und Steuerlast auf sehr viel mehr Schultern der nächsten Generation verteilt werden müsste.
„Die Globalisierung ist gut“, sagen die einen. Sie halten es für einen Fortschritt, dass man im Prinzip überall auf der Erde alle Waren und Dienstleistungen austauschen und kaufen kann. „Es ist doch gut“, sagen sie, „dass diese eine Welt bald so erschlossen sein wird, dass man schnell überall ist“. Die Kritiker sagen: „Dann sind wir Menschen zwar schnell überall, aber nirgends mehr wirklich daheim.“ Der Globalisierungswahn nähme uns die regionale Heimat, warnen sie. Außerdem sei die Welt nun mal nicht überall mit denselben Maßstäben zu messen.
Das stimmt. Wenn man zum Beispiel den Weizenpreis von Kanada von 8,- Euro per Doppelzentner zum weltweit bestimmenden Maßstab macht, dann braucht bei uns im Vogelsberg kein Bauer mehr Weizen anzubauen. Bei den gegebenen Bodenverhältnissen und in unserem Klima rentiert dann kein Weizenanbau. Gerade in der Landwirtschaft kann man sehen, dass die sogenannten Weltmarktpreise die ungünstigeren Regionen und ihre Landwirtschaft erledigen. Das gilt für den Getreidebauern wie auch für die Milchbauern. Was ist nun wichtig: Globalisierung oder Regionalisierung?
Es gibt keine Eindeutigkeit. Alles hat zwei oder noch mehr Seiten. Einerseits – andererseits, ja und nein, sowohl als auch.
Diese Undeutlichkeit gilt auch bei der Einstellung von Menschen zueinander. Freundschaften und Partnerschaften, familiäre Beziehungen sind nicht mehr so eindeutig, wie frühere Treue- und Sippenschwüre es suggerierten. Wie erleichternd und entlastend ist da die eindeutige Aussage Jesu: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Doch so eindeutig ist das Leben nicht.
Mindestens seit die Faschisten diesen Satz für sich und ihre politische Ziele genutzt haben, ist das klar geworden. Diese Haltung: Entweder du bist einer von uns, du stehst auf unserer Seite, und dann hast du dich so zu verhalten, wie wir es wollen, oder: du bist unser Feind und wirst schlimmstenfalls auch beseitigt, diese Haltung ist verdächtig. Hinter dieser Eindeutigkeit hat sich absolute Intoleranz verborgen gegen Andersdenkende, die von den Mächtigen verfolgt und in den Tod getrieben wurden.
Wenn man diese Einstellung, du bist für mich oder du bist mein Feind, nicht so dramatisch wie durch die jüngste Geschichte unsres Volkes illustriert, ist sie uns dennoch vertraut. Wie schnell kann man aus der Gunst eines Freundes fallen, wenn man seinen Erwartungen nicht mehr entspricht? Entweder du bist mein Freund und dann musst du so sein wie ich dich haben will, oder es ist aus zwischen uns. Wie viele Freundschaften und Partnerschaften gehen an dieser erzwungenen Eindeutigkeit kaputt! Woran liegt das? Ist Mehrdeutigkeit im Leben, die Vielfalt von Lebenseinstellungen zu mühsam? Wollen wir uns durch die geforderte Eindeutigkeit nur die Mühe der Auseinandersetzung sparen?
Das Gleichnis, das im Predigttext zitiert wird, wirkt so eindeutig und klar: Ein guter Baum bringt gute Früchte, und ein böser Baum bringt böse Früchte.
Damit liegen die moralischen Vorurteile schon nahe: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ws soll denn bei dessen Kinderstube Gutes herauskommen? Wie die Alten sangen, so zwitschern auch die Jungen usw. Doch so einfach ist das mit dem Maßstab von gut und böse nicht. Ist es so eindeutig gut, Kinder aufzuziehen oder eine berufliche Karriere vorzuziehen? Ist es richtig, die Globalisierung als höchsten Wert gesellschaftlicher Entwicklung zu preisen oder das Gegenteil zu fordern? Ist es gut hetero- oder homosexuell, im Familienverbund oder als Single zu leben?
So eindeutig ist die Moral, die übrigens meist von den Mächtigen oder den Eindeutigkeitsfanatikern gemacht wird, nicht. Im Anschluss an das Buch von Konrad Lorenz „Das sogenannte Böse“ wurde jahrelang heiß diskutiert, was die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Menschlichkeit hin befördert und was nicht. Bei den Tieren bewirkt die Triebunterdrückung die Verminderung von Entwicklung und Lebensentfaltung, so Konrad Lorenz. In der menschlichen Gesellschaft bewirkt dasselbe die unterdrückende Moral. Böse ist nicht, was Moralisten für böse erklären, sondern alles, was die Vielfältigkeit des Lebens und seine weitere Entwicklung behindert.
In der Bibel ist gut oder böse keine Kategorie der Moral. Es ist damit gefragt, was das Leben fördert bzw. behindert. Gut ist im Verständnis der Bibel das, was das Leben zum Guten hinentwickeln hilft, was Freiheit und Selbstverantwortung stärkt. Und das ist niemals ganz eindeutig. Wenn man sich z. B. Auseinandersetzungen zwischen Eltern und ihren pubertierenden Kindern vorstellt, wird einem sofort klar, wie unterschiedlich sie einschätzen, was gut in der Erziehung ist. Da ist weder gut noch böse eindeutig.
Uns bleibt die Mühe, das Leben von unterschiedlichen Seiten zu betrachten, nicht erspart. Wir müssen uns der anstrengenden Arbeit, zu differenzieren, unterziehen. Man muss offen und ehrlich in jeder Situation fragen, was dem Leben dient und was nicht. In dieser Auseinandersetzung muss man allerdings seine eigene Position darlegen und der Kritik durch andere aussetzen. Diese ehrliche Auseinandersetzung ist Buße. Die eigene Gesinnung zu nennen und sie auf die andere zu beziehen, seine eigene Position darzulegen und sie auch kritisieren zu lassen und wenn nötig zu ändern, das ist Buße.
Als ich vor über 30 Jahren studierte, wurde in der Soziologie das Wortungetüm „Ambiguitätstoleranz“ eingeführt. Gemeint ist damit, dass ich im Gespräch oder in der Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen, dessen Meinung oder Position einnehmen muss, um sie zu verstehen. Es ist eben nicht so eindeutig: Meine Meinung ist richtig und deine falsch. Nun sieh’ es doch ein! Mein Glaube ist der rechte, deiner ist ein Irrtum. Nun bekehre dich endlich!
Ambiguitätstoleranz heißt, sich in die Gedanken eines Andersdenkenden hineindenken, das Gefühl eines anderen Menschen nachempfinden zu wollen, seine Position einzunehmen, um sie wenigstens einigermaßen nachvollziehen zu können. In der Seelsorge habe ich das einige Male erlebt: Wenn Partner sich gegenseitig Vorwürfe machen bzw. das Verständnis füreinander fehlt, dann habe ich sie gebeten: Wechselt doch mal die Plätze! Setze dich mal auf den Stuhl des anderen; versuche nun dich in dessen Gedanken und Gefühle hineinzuversetzen. Denke und rede mal aus der Position des anderen. Das ist eine Übung der Toleranz. Ich versuche, so offen und tolerant zu sein, dass der andere Mensch, der Konfliktpartner, in meinem Denken und Gefühl einen Platz hat. Das Verstehenwollen des anderen ist Bußfertigkeit.
Und dazu lädt uns der Bußtag ein! Amen.

Verfasser: Pfr. Dr. Ulf Häbel, Wintergesse 19, 35321 Laubach

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