Menü

Umkehr und Buße

von Manfred Günther (35325 Mücke)

Predigtdatum : 18.11.1998
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Buß- und Bettag
Textstelle : Römer 2,1-11
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. (Spr. 14,34)

Psalm: 51,3-14 (EG 727)

Lesungen:

Altes Testament:

Jesaja 1,10-17

Epistel:

Römer 2,1-11

Evangelium:

Lukas 13, (1-5) 6-9

Liedvorschläge:

Eingangslied:

EG 232

Allein zu dir, Herr Jesu Christ

Wochenlied:

EG 144

oder EG 146

Aus tiefer Not laßt uns zu Gott

Nimm von uns, Herr, du treuer Gott

Predigtlied:

EG 283

oder EG 392

Herr, der du vormals hast dein Land

Gott rufet noch, sollt ich nicht

Schlußlied:

EG 419

Hilf, Herr, meines Lebens

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. 2 Wir wissen aber, daß Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. 11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Liebe Gemeinde!

Manchmal sind die Texte, die wir predigen sollen, sehr groß und sehr bedeutend. Sie haben ein gewaltiges Gewicht, und es fällt schwer, sie in die kleine Münze des Alltags und unseres Lebens umzuwechseln. So ist das auch hier: Vielleicht gerade hier - bei solchen Worten, solchen Gedanken:

„Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet! Mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns. Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen! Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.“

Ein Pfarrer hat mit dem Gewicht dieser Verse vor Tagen auch seinen Kampf gehabt. Er hat mir erzählt, wie es ihm damit ergangen ist und sie sollen das jetzt auch hören:

Er war den Predigttext für heute durchgegangen. Dazu war ihm nichts eingefallen. Dann hatte er die anderen Bußtagstexte gelesen: Von der Umkehr, von Gottes Zorn und Ungnade, vom schlechten Baum und den schlechten Früchten, vom Verlorenen Sohn... Zu allem wollte ihm keine zündende Idee kommen. Aber etwas anderes ging ihm ständig im Kopf herum. Ein kleines eigenes Erlebnis, das viele Jahre zurücklag. Etwas, an das er seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte. Und das merkwürdigste war: Er wußte zuerst überhaupt nicht, was das mit Buße, mit Umkehr oder mit allem sonst zu tun haben soll, was so an diesem Tag in unseren Kirchen und unseren Herzen bedacht wird. Bis...

Ja, ganz plötzlich kam ihm der Gedanke, was er daraus machen könnte, was den Menschen das vielleicht für heute, für diesen Bußtagsgottesdienst sagen möchte, vielleicht sagen soll... Da wurde aus seinem kleinen Erlebnis von vor Jahren und aus der Erinnerung daran ein bißchen Führung. Er persönlich hat es so gesehen. - Aber genug der Vorrede. Hier ist das kleine Erlebnis, das der Pfarrer mir erzählt hat:

Das war eines Abends gewesen. Es war schon dunkel. Der Pfarrer war noch recht neu im Ort und daher für manche Jugendliche ein Mann, bei dem sie einmal ausprobieren mußten, wie weit man gehen kann. Das waren mindestens fünf seiner Konfirmanden damals. Sie legten sich auf dem unbebauten Grundstück gegenüber dem Pfarrhaus auf die Lauer. Dann - wahrscheinlich als eine Mutprobe - rannte immer einer von ihnen auf das Pfarrhaus zu, klingelte Sturm, um dann rasch wieder im Dunkel zu verschwinden. Das war eigentlich ganz harmlos und es geht heute auch gar nicht mehr um das, was sie taten.

Jedenfalls hat sich der Pfarrer beim 5. oder 6. Klingeln hinter der Eingangstür versteckt, um den nächsten Klingler zu stellen. Seine damals noch kleine erste Tochter sollte doch endlich ungestört schlafen können. Nach einer Weile sah er den nächsten „Mutigen“ auf sein Haus zurennen. Noch bevor der den Klingelknopf drücken konnte, riß der Mann die Tür auf und rief den Jungen mit seinem Namen an.

Der Schrecken! Und dann kamen die Worte, die ihm vor Tagen plötzlich wieder durch den Kopf gingen. Ein bißchen stotternd und gepreßt stieß der Junge hervor: „Warum rufen Sie jetzt gerade meinen Namen, da haben doch auch noch andere mitgemacht!“ - Was er geantwortet hat? Ich glaube: „Aber dich habe ich halt erwischt“, oder so ähnlich. Aber das ist auch nicht so wichtig. Aber an dieses Wort mußte der Pfarrer bei der Predigtvorbereitung für den Bußtagsgottesdienst nach so vielen Jahren wieder denken: „Warum gerade ich, die anderen haben doch auch alle mitgemacht!“

Soweit zu dem, was ich von diesem Pfarrer gehört habe. Was das jetzt mit Buße zu tun hat? Und mit dem Predigttext für heute? - Das habe ich mich selbst auch erst gefragt. Bis ich darauf gekommen bin: Was sich in dem Wort des Jungen ausdrückt, ist der Grund, warum es bei den meisten Menschen niemals zur Buße kommt! Es ist das, was wir diesem Schriftwort entgegensetzen: „Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist.“ Es ist sozusagen die letzte Tür, durch die wir uns verdrücken wollen, wenn wir genau spüren, wir sind nicht recht, wie wir sind, wir müssen uns ändern, wir haben Umkehr nötig.

Ich bin auf eine ganze Menge Beispiele dafür gekommen, wie sich Menschen durch diese „letzte Tür“ davonmachen wollen:

Mir ist der Mann eingefallen, der mir vor einiger Zeit allen Ernstes seine Frau als Vertreterin in Sachen Kirche genannt hat: Er ginge nun zwar nie in die Kirche, dafür wäre aber seine Frau in jedem Gottesdienst und außerdem ginge sie doch auch in den Frauenkreis!

Dann kam mir die Frau in den Sinn, die ihrem Pfarrer einmal geschrieben hat, sie wäre - solange sie in seinem Ort gewohnt hätte - nie zur Kirche gewesen, weil er sie ja schließlich auch nie besucht hätte!

Bei Kindern in der Familie, der Schule oder in auch in der Jungschar kann man das fast täglich erleben: „Aber die Katja hat doch auch...“ - „Der Marko war gestern aber viel schlimmer - und mir geben Sie eine Strafarbeit!“ Und wenn sie mit einer schlechten Note nach Hause kommen, dann heißt es: „Der Kai, die Susi und der Torsten haben aber noch eine schlechtere Zensur!“

Nun ist das ja alles verständlich und auch verbreitet. Nicht nur wir selbst reden und handeln auf diese Weise. Fast möchten wir uns jetzt wieder durch so eine „letzte Tür“ davonschleichen, indem wir sagen: „Die anderen schieben doch auch immer die anderen vor! Warum kriegen wir das denn heute gesagt?“

Ich müßte dann heute auch - wie der Pfarrer dem Jungen - antworten: „Aber euch habe ich halt ‘erwischt’, ihr seid heute am Bußtag in die Kirche gekommen, um etwas über Umkehr zu hören und einen ‘Bußgottesdienst’ mitzufeiern - und Buße heißt nunmal Umkehr!“

Darum will ich jetzt etwas über „Umkehr“ und „Buße“ sagen, etwas über die Vorbedingung oder besser: den Hinderungsgrund, an dem echte Buße meist schon scheitert: Wir wollen uns nämlich nicht „persönlich“ ansprechen lassen! Da sind immer andere, „die haben doch auch, die müßten schließlich genauso, die hätten noch mehr nötig...“ Und das mag ja auch stimmen. Nur reden diese anderen genau so! Und wir sind bei denen auf einmal die „anderen“, die vorgeschoben werden. Mit denselben Worten sprechen sie von uns wie wir zuvor von ihnen. Seltsam, nicht wahr? Aber eigentlich nur recht und billig. Und verständlich und verbreitet, wie gesagt. - Nur christlich ist es nicht und biblisch auch nicht.

„Christlich“ wäre etwas anderes: „Ich heiße nach dem, der selbst keine Schuld hatte und sich doch für die Schuld der anderen dahingegeben hat, Christus! Er hat zu meiner Sünde gesagt: Lege sie mir auf den Rücken. Ich will für sie ans Kreuz gehen. Ich will sie aufheben, daß du frei bist!“ - Und da kann ich jetzt nicht einmal ja zu meiner eigenen Sünde sagen? Da muß ich die anderen vorschieben und auf sie weisen: „Die haben aber auch!?“ Warum soll ich denn nicht zu meiner Schuld und meiner Schwäche stehen können, wenn Christus mich doch davon losmacht? Es gibt keine Schuld, die nicht vergeben werden könnte - wenn ich sie nur annehme und nicht wegschiebe und auf die Sünde der anderen weise.

Nein, ein Christ kann sich zu dem stellen, was er tut. Selbst zu seiner Schuld. „Christlich“ ist das nicht: Dieses „der aber auch“ und „die noch mehr“!

Aber es ist auch nicht biblisch. Ich meine, die Geschichten der Bibel legen uns alle etwas anderes nah. Ein paar Beispiele?

Hat Jesus der Ehebrecherin zugesprochen: Weißt du, andere betrügen genauso ihre Männer! Oder hat er ihr diese Tür geöffnet: „Dein Mann wird dir sicher auch nicht immer treu gewesen sein!“? Nein. Sie ist schuldig! Er weiß es und sie weiß es. Es gibt keinen Ausweg als das Ja zu dieser Schuld. Daß sie schweigt, ist dieses Ja. Aber es gibt Vergebung: „Ich verdamme dich nicht. Geh hin, sündige hinfort nicht mehr.“

Oder Zachäus: Hat er die hohe Ehre des Besuchs Jesu so ausgenutzt: „Daß du zu mir kommst, Rabbi, zeigt mir, daß ich nicht schlechter bin als die anderen?“ Nein. Er weiß, daß er unrecht ist. Und Jesus weiß es. Er nimmt diese Schuld an, indem er sagt: „Ich will allen, die ich betrogen habe, vielfach zurückgeben!“

Und der verlorene Sohn: Bei den Schweinen am Trog begreift er es endlich, was er getan hat und wie tief er gesunken ist. Das war doch nicht irgendeines anderen Schuld, wenn er sich entschließt: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen. Er hat gesündigt. Er muß sich auf den Weg machen. Und dann spricht er es auch vor dem Vater ganz deutlich aus:

„Ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen dich, Vater!“ Und in diesem Moment steht nichts mehr zwischen dem Vater und seinem Sohn. Der Vater kann die Arme ausbreiten und sein Kind ans Herz drücken. So wird Buße vollständig. Aber mit dem Ja zur eigenen Schuld fängt sie an.

Und ich denke noch einmal an uns und unsere Ausflüchte: Was wird das meinen Gott und Richter einmal interessieren, ob meine Frau immer im Gottesdienst gewesen ist - wenn ich doch nichts vom Glauben und vom christlichen Leben begriffen habe? Wenn der Pfarrer jemanden „nicht besucht“ hat, dann wird er das, wenn es ein Versäumnis war - einmal verantworten müssen. Aber es hat doch absolut nichts damit zu tun, ob ich mich als Christ verstehe und als solcher lebe und auch zur Kirche gehe! Und wenn mein Kind eine ‘5’ geschrieben hat, will ich nicht wissen, wer eine ‘6’ geschrieben hat, sondern wie die nächste Arbeit besser wird.

Liebe Gemeinde, ich wünschte uns, daß wir in Zukunft stehenbleiben und uns nicht mehr durch die „letzte Tür“ verdrücken. Es ist unsere Schuld, um die es geht. Die anderen machen sie nicht ungeschehen, auch wenn sie genau so oder gar schlimmer sind.

In einem Konfirmandenlehrbuch aus unseren Tagen steht ein kleiner Vers, der paßt hier sehr schön hin: „Es hilft der Blick zum Nachbarn nicht, wenn Gott persönlich mit dir spricht!“ Wenn wir das beherzigen, sind wir auf dem rechten Weg zur Buße und haben begonnen, diese großen, gewichtigen Worte zu verstehen:

„Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet! Mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns. Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen! Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.“

Und das wollen wir von heute auch noch mitnehmen, denn nur mit diesem Gedanken wird die Buße rund: Es gibt keine Schuld, die nicht vergeben werden könnte - wenn ich sie nur annehme und nicht wegschiebe und auf die Sünde der anderen weise.

Verfasser: Pfr. Manfred Günther, Lohgasse 11, 35235 Mücke


Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de