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Versuchung

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 04.03.2001
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Aschermittwoch
Textstelle : Lukas 22,31-34
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Wochenspruch:

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. (1. Johannes 3,8)

Psalm: 91,1-4.11-12 (EG 736)

Lesungen

Altes Testament:
1. Mose 3,1-19 (20-24)
Epistel:
Hebräer 4,14-16
Evangelium:
Matthäus 4,1-11

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 91
Herr, stärke mich, dein Leiden
Wochenlied:
EG 362
oder EG 347
Ein feste Burg ist unser Gott
Ach bleib mit deiner Gnade
Predigtlied:
EG 406
Bei dir, Jesu, will ich bleiben
Schlusslied:
EG 157
Lass mich dein sein und bleiben

Liebe Gemeinde,
Der Weg nach Golgatha hat längst angefangen. Unser Wort führt uns hinein in die letzte Nacht vor der Kreuzigung: Jesus weiß, was auf ihn zukommt, aber seine Jünger wissen es noch nicht. Sie wissen es noch nicht, obwohl er es ihnen gesagt hat. Sie wissen es noch nicht, obwohl er ihnen die Wahrheit über seinen Weg nicht verhüllt hat. Aber das kennen wir wohl: Wir hören und nehmen doch nicht wahr. Wir wissen und wollen es doch nicht wissen.
Die Jünger sind ganz mit sich beschäftigt: mit ihren Träumen vom neuen Israel, mit ihren Träumen von belohnter Treue und von Größe im Himmelreich. In dieser Situation wendet sich Jesus an Petrus und wir hören, was er ihm sagt:
31 Jesus sprach zu Petrus: Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. 33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.
Vor Jesus liegt offen zu Tage, was für Petrus noch verborgen ist. Jesus sieht seinen Jünger, wie er abwehrend die Hände hebt „Ich kenne diesen Menschen nicht.” Jesus sieht seinen Jünger, wie er sich zu schützen sucht: „Ich habe nichts mit diesem Jesus zu tun.” Jesus sieht seinen Jünger, wie er in die Nacht hinausgeht und bitterlich weint - über sich und seine Feigheit, über seinen Stolz, der ihm zerbrochen ist, über seine Lüge, mit der seine Haut hat retten wollen.
Und Jesus sieht, wie in dieser Stunde der nachtschwarzen Verzweiflung über sich selbst der Widersacher sein Spiel mit Petrus treibt; wie in Petrus der Gedanke aufsteigen will: wer sich einmal so von Jesus abgewendet hat, für den gibt es kein Zurück. Wer einmal so die Liebe seines Herrn verraten und verleugnet hat, für den gibt es keine Umkehr mehr. Wer so tief gefallen ist, für den bleibt nur noch die Tiefe und das Dunkel des Todes.
Dann hat er, der Satan, gewonnenes Spiel, wenn Petrus auf diese bittere Stunde seines Versagens sieht und sich selbst verklagt: Da hast du dich festgelegt für alle Zeit. Dann hat er, der Satan, gewonnenes Spiel, wenn er es dem Petrus ins Herz hinein flüstert als unverrückbare Wahrheit: wer einmal aus der Liebe herausgefallen ist, der ist für alle Zeit aus der liebe herausgefallen.
Wissen Sie, was mich erschrecken macht? Dass diese Einflüsterungen so nahe an der Stimme unseres Herzens sind. Dass solche Gedanken doch wie von selbst in uns hochsteigen. Wir kennen das doch nur zu gut: Dass wir uns unser Versagen in einem Gespräch nicht verzeihen können; dass wir uns unser Versagen in einer Beziehung nicht verzeihen können; dass wir es nicht glauben können, dass aus Lüge und Betrug und Schuld ein Rückweg möglich ist - für uns und für andere können wir es nicht glauben.
Diesen Stimmen unseres eigenen Herzens, in die sich der Widersacher Gottes einschleicht und die er mitflüstert, stellt Jesus sein Wort entgegen: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Jesus lässt den Weg, den er mit Petrus gegangen ist seit dem Fischzug auf dem See Genezareth nicht in der Nacht des Verrates enden. Jesus gibt diesen Menschen, dem er sein Wort anvertraut hat, den er in seine Schar gerufen hat, nicht an seine Verzweiflung preis. Jesus lässt sich seinen Jünger, den er geliebt hat, nicht um seiner Schwäche willen nehmen.
Seht, das ist ein ganz großes Wort bis zu uns hin. Was Jesus hier dem Petrus sagt, das dürfen wir uns gesagt sein lassen: auch unsere Geschichte des Glaubens lässt er, Jesus, nicht in irgendeiner Schuld oder irgendeiner Verzweiflung abreißen. Auch um unseretwillen sagt er: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glauben nicht aufhöre.
Wir denken es oft genug, wir seien es, die unseren Glauben durchhalten müssen. Wir müssten die Fragen abwehren, die uns Angst machen. Wir müssten uns vor den Gedanken schützen, die uns zweifeln lassen. Und dabei vergessen wir: Jesus sieht Tag um Tag, Stunde um Stunde nach uns. Er steht vor dem Vater und bittet für uns: Dass unser Vertrauen in dieser Welt nicht zerbricht; dass unser Mut, uns an ihn zu halten, nicht hinfällt, wenn wir einmal hingefallen sind.
Es tut gut, das zu hören und sich zusagen zu lassen: Ich bitte für dich, dass du deinen Glauben nicht wie ein veraltetes Kleid wegwirfst, weil du nicht weiter weißt. Ich bitte für dich, dass du deinen Glauben nicht abtust als eine Sache aus Kindertagen, wenn du gesichtet wirst: vom Spott der Freunde, von den Ratlosigkeiten des Lebens, von den Ängsten, die dich überfallen und den Selbstanklagen, die dir machen Schuld vorhalten.
Das ist der Dienst, von dem Paulus sagt: Jesus übt ihn durch alle Zeiten hindurch aus - für uns. Wenn alle Anklagen dieser Welt über uns zusammenschlagen, so steht er, Jesu dem entgegen: Ich bitte für dich!
Und nun geht Jesus noch einen Schritt weiter: Wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder! Wie denn? Wir haben eben erst gesagt: Petrus hat doch schon eine Geschichte des Glaubens. Petrus hat doch einmal einen Anfang gemacht, hinter den er nicht mehr zurück kann. Petrus hat doch dieses klare Erlebnis, dass er „Ja” gesagt hat zum Ruf Jesu, der ihn getroffen hat - was soll da: dermaleinst?
Ich denke, dass wir aus diesem Wort etwas zu lernen haben: Wo die Bekehrung zu einem Datum unserer Vergangenheit wird, da haben wir sie schon verloren. Bekehrung ist nicht ein einmaliges Datum auf unserem Lebensweg. Bekehrung wird zu eng gesehen, wenn wir sie nur auf den Anfang unseres Christenlebens beziehen. Es geht um die immer neue Umkehr auf dem Weg. Denn das wird Petrus ja gerade schmerzhaft erleiden: dass ihn die Erfahrungen der Vergangenheit eben nicht vor dem Fall, vor der Verleugnung bewahren. Aber auch das soll er erfahren, dass sein Herr über den Fall und die Verleugnung hinaus an ihm festhält.
Und - das ist für mich etwas ganz Großes - er hält an ihm fest als seinem Beauftragten. Er hat Petrus ein ‘Amt’ zugedacht: Stärke deine Brüder (deine Geschwister, würden wir wohl sagen). Ausgerechnet Petrus! Ausgerechnet der, der selbst so schwach geworden ist, soll die anderen stärken. Ausgerechnet er, der trostlos in die Nacht gelaufen ist, soll die anderen trösten können! Ja, ausgerechnet er!
Was ist das für ein Herr! Ich stelle den in die Führungsaufgabe, der im entscheidenden Augenblick versagt und verzagt hat. Ich stelle den an den wichtigen Platz, der mich verleugnet und im Stich gelassen hat. Ich zeige dem mein ganzes Vertrauen, der sich als schwach und anfällig erwiesen hat.
Kein Chef dieser Welt könnte so die Berufung eines leitenden Mitarbeiters begründen. Und wir können es in Wahlkampfzeiten und in Zeiten der Regierungsbildung oft genug beobachten: Schon das kleinste Anzeichen von Schwäche schließt Führungspositionen aus.
Jesus aber ruft Petrus. Er hat keine Gewähr, dass Petrus von diesem Tag an der Felsenmann sein wird, auf den Verlass ist. Ein Blick in die Geschichte genügt: auch in der Folgezeit wird Petrus manchmal dem Druck nachgeben, wird er manchmal um seine Haut fürchten, wird er nicht immer der unverzagte und unerschrockene Bekenner sein.
Aber: gerade weil er nicht der starke Führer ist, kann er trösten. Weil er die Ängste kennt, kann er stärken. Weil er nicht aus eigener Kraft durch das Dunkel seines Verzagens und Versagens gekommen ist, kann er Wegweiser sein für die, die gleich wie er gefährdet sind. Denn Petrus kann nicht den Schwachen entgegentreten: werdet wie ich - sondern er kann sich nur an ihre Seite stellen: lasst euch halten von ihm, Jesus! Petrus wird nie sich selbst als leuchtendes Beispiel hinstellen können - aber er wird immer hinweisen können auf Jesus, den treuen Herrn.
Das ist dich Trost bis zu uns heute: der Herr, der Petrus nicht hat fallen lassen, der wird auch uns nicht fallen lassen. Der Herr, der Petrus neu in seinen Dienst gerufen hat, der erneuert auch heute seinen Ruf an uns.
Dann müssen wir nicht mehr versuchen, uns selbst groß und stark zu machen. Dann müssen wir nicht mehr versuchen, uns selbst heil durch schwere Zeiten und Anfechtungen zu bringen. Dann müssen wir nicht mehr große Treueschwüre loslassen, die doch über unsere Kräfte gehen. Sondern wird dürfen lernen aus der Kraft dieses barmherzigen Herrn zu leben. Wir dürfen es lernen, die empfangene Barmherzigkeit, die uns nicht an unserem Versagen misst, anderen weiter zu geben. Wir dürfen uns einüben in ein Leben, das seiner Treue mehr traut als unserem Vermögen, und das seine Treue auch für die Schwestern und Brüder größer glaubt als alle Schuld und alles Versagen.
Als Jesus zu Petrus diese Worte sagt, da haben sie zuvor Abendmahl miteinander gefeiert. In der Feier des Abendmahles will Jesus uns begegnen, damit auch unser Glaube nicht aufhört, damit auch wir gestärkt werden und unsere Schwestern und Brüder stärken können, damit auch wir uns alle Tage hineinnehmen lassen in seine Fürbitte wie in einen großen Schutzmantel. Amen.

Verfasser: Pfr. Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

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