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vom rechten Fasten

von Rudolf Stein (Paulusgemeinde Wiesbaden)

Predigtdatum : 02.03.2014
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Estomihi
Textstelle : Jesaja 58,1-9a
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Predigt

von Prädikant Rudolf Stein, Wiesbaden
Datum: 02.03.2014
Lesereihe: VI
Feiertag: Estomihi
Textstelle: Jesaja 58,1-9a

vom rechten Fasten

Wochenspruch: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn." (Lukas 18, 31)

Psalm: Ps 31 / EG 716 Sei mir ein starker Fels

Lesungen
Altes Test.: Amos 5, 21 - 24
Epistel: 1. Korinther 13, 1 - 13
Evangelium: Markus 8, 31 - 38

Liedvorschläge
Eingangslied: 449, 1-3+6 Die güldne Sonne
vor der Predigt: 412, 1-4 So jemand spricht: »Ich liebe Gott«
oder Wochenlied: 384, 1 – 4 Lasset uns mit Jesus ziehen
Predigtlied: 389, 1-4 Ein reines Herz, Herr, schaff in mir
Abendmahl: 229, 1-3 Kommt mit Gaben und Lobgesang
Schlusslied: 632, 1-3 Wenn das Brot, das wir teilen


Liebe Gemeinde,
heute ist der Fastnachtssonntag, die Narren sammeln sich bereits zum Umzug, da erwartet der eine oder andere vielleicht eine lustig gereimte Predigt von der Kanzel, vielleicht auf Hessisch. Den muß ich enttäuschen. Wir feiern Gottesdienst mit Abendmahl, auch weil nach dem überschäumenden Fastnachtstreiben die Passionszeit beginnt, die traditionell eine Fastenzeit ist. Zudem hat die Fastnacht durchaus ihre ernste Seiten. Denn während dieser Zeit dürfen die Narren in ihren Büttenreden die Politiker und die Mächtigen aufs Korn nehmen und ihnen so richtig die Leviten lesen. Sie dürfen klar und deutlich herausrufen, was faul ist im Lande. Das genau tut auch der Prophet, wenn er im Auftrag Gottes den Juden schwere Vorhaltungen macht. Ich lese seine Rede aus Jes 58,1-9a:
Der Auftrag an den Propheten:
1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und halte meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden vor!
2 Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe.
Die Klage der Juden:
3 »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst es nicht wissen?«
Die Begründung des Propheten:
- Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und übt Druck auf alle eure Arbeiter aus.
4 Ihr faste zwar, aber zugleich hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen läßt wie Binsen und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
Die richtige Haltung und ihre Folge
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und dein Heil und Wohlergehen wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
So war das damals beim Fasten. Bei uns geht es eher um einen kleinen Verzicht über eine kurze Zeit, z.B. keine Süßigkeiten zu lutschen, keinen Alkohol zu trinken, kein Fleisch zu essen, kein Fernsehen zu gucken u.Ä. Zweck ist meist die Gesundheit zu stärken und das Durchhalten zu üben. Wer in dieser Art seine Gewohnheiten durchbricht, stärkt seine Willenskraft und gewinnt ein Stück seiner inneren Freiheit zurück. Er läßt sich nicht mehr so leicht verlocken von den alltäglichen Genüssen, sondern entscheidet souverän, was er will. Er ist wieder Herr im eigenen Haus, sobald er nicht mehr an den Verzicht denkt, sondern den Kopf frei hat für Neues.
Unsere Kirche bietet im Rahmen ihrer Fastenaktion „7 Wochen ohne“ in diesem Jahr das Thema »Selber Denken – 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten« an. Mit den Gewissheiten ist es ähnlich wie mit den Gewohnheiten. Es ist gut, von Zeit zu Zeit zu prüfen, ob sie noch das sind, was sie uns einmal waren, oder ob sie ihren Sinn inzwischen eingebüßt haben. Thomas Morus, der in seinem Buch Utopia (1516) eine ideale Gemeinschaft zeichnet, sagt: »Tradition ist nicht das halten der Asche, sonder das Weitergeben der Flamme« Es geht darum zu entdecken, was uns in der aktuellen Lebensphase wirklich erwärmt im Leben, was uns Freude macht, was uns vielleicht begeistert, und auf diese Weise unserem Leben erfüllende Aufgaben und Ziele bringt. Denn der Alltag kann uns ganz schön einlullen mit seinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, zuviel Fernsehen kann sogar stumpfsinnig machen. Spätestens wenn wir müde werden vor Langeweile, dann ist es an der Zeit unser Herz zu fragen, was wir tun können.
Unsere Art des Fastens hat einen Wert für sich, obwohl es vor allem uns selbst dient. Bei den Juden, denen der Prophet seine Vorhaltungen macht, liegt der Fall dagegen anders.
Zwar fasten die Juden auch, ja sie kasteien sich sogar. Sie machen das aber nicht um bessere Menschen zu werden, sondern benutzen das Fasten als Mittel, als Preis, damit Gott ihnen Wohlstand beschert. Sie sehen in Gott einen Geschäftspartner, der ihnen den Lohn für ihr Fasten schuldet. Aber Gott funktioniert nicht wie Auto, das losfährt, wann wir wollen und dort hinfährt, wohin wir wollen. Das machen sie Gott sogar zum Vorwurf »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst's nicht wissen?« (V3) Das geht natürlich gar nicht.
Deshalb erhebt der Prophet seine Stimme so laut wie eine Posaune und kontert: „Ihr seid scheinheilig. Ihr tut nicht, was recht ist, ihr haltet die Gebote nicht.“ (V1) »Seht doch, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach, ihr beutet eure Arbeiter aus, ihr seid streitsüchtig und ihr schlagt sofort mit der Faust drein. So kann eure Stimme in der Höhe nicht gehört werden.« (V3b+4) Und nebenbei erfahren wir auch noch, daß Gott von Selbstkasteiung, von Askese gar nichts hält: » Soll das vielleicht ein Fasttag sein, an dem ich Gefallen habe, wenn ihr auf Essen und Trinken verzichtet, euren Kopf hängen laßt wie die Binsen und euch im Sack in die Asche setzt?« (V5) Gott will seine Menschen fröhlich und zuversichtlich sehen, wir sollen aus seiner Fülle leben.
Und dann verkündet der Prophet, was Gott erwartet: »Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut [, also deinen Brüdern]!« (V6+7) Das sitzt.
Wenn schon deine innere Einstellung nicht stimmt, wenn du Lohn forderst von Gott für dein Fasten, dann ist das kein Fasten. Richtiges Fasten sieht so aus: Denke nicht an deinen Vorteil, sondern befreie dich, indem du befreist, wen du gebunden hast. Und sei demütig; teile dein Brot und sei barmherzig; übe tätige Nächstenliebe. Es geht also nicht um eine Phase des Verzichts, sondern wir sollen immer in Bescheidenheit leben und Hilfe leisten denen, die Hilfe brauchen.
Damals denkt in Israel jeder nur an sich selbst. Es ist die Zeit nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, Israel liegt zerstört am Boden und ist vollkommen verelendet. Die Heimkehrer haben kaum etwas, um zu überleben. Im Alltag herrscht die Angst vor dem nächsten Tag und der Egoismus ist extrem gesteigert. Jeder versucht sich und die Seinen über Wasser zu halten, jedes Mittel ist „recht“. In dieser Not verschaffen sich nicht wenige, vor allem Aristokraten, Vorteile mit brutalen und ungesetzlichen Mitteln. Rücksichtslose Kreditpraxis bis zur Schuldsklaverei ist an der Tagesordnung, das heißt die meisten Menschen schuften für ihre Gläubiger statt für ihr eigenes Brot. Soziale Gesinnung und Solidarität gibt es nicht. Aber, wie in jeder nationalen Notlage gibt es Bessergestellte, Gewinnler, die an der Not verdienen, sie halten ihre Taschen fest zu, ja füllen sie noch mit abgepresstem Vermögen. Stattdessen soll Gott helfen und die Gewinnler rufen zu öffentlichen Fastenaktionen auf. Öffentlich sind sie, damit sich die Gewinnler sich hinter dem Leid der vielen verstecken können. In diese Situation spricht der Prophet und deshalb zielt seine Rede vor allem auf die scheinheiligen Gläubiger.
An dieser Stelle erinnere ich mich an die Berichte meiner Großeltern von den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Damals gab es keine Propheten, aber es gab Besatzungsmächte. Sie sicherten das nötige Maß an Ordnung, sorgten für eine halbwegs gleiche Verteilung von Lebensmitteln und wiesen die Millionen von Obdachlosen, also Heimkehrer und Flüchtlinge, in noch vorhandene Wohnungen ein, gegen den Einspruch der Wohnungsinhaber. Der Bestand einer Rechtsordnung und das Aufteilen von dem, was es damals noch gab, das waren zwei unerläßliche Fundamente für das spätere Wirtschaftwunder in unserem Land.
Wo ständen wir heute, wenn diese beiden Fundamente unseres Wohlstands, Recht für jeden und Rücksicht auf alle, Ordnung im Land und Ausgleich zwischen den Menschen, nicht durchgesetzt worden wären? Stolz auf diese Leistung ist nicht angebracht. Denn wir Deutsche haben uns nicht selbst aus der Not herausgezogen. Es waren die Alliierten, die uns auf den rechten Weg – sagen wir es ruhig - getrieben haben. Auch wenn sie das nicht uneigennützig getan haben, sie haben es getan, dafür sind wir ihnen zu Dank verpflichtet. Sie haben das Chaos verhindert.
Dieses Beispiel, die Erfahrung aus unserer eigenen Vergangenheit, noch keine 70 Jahre ist es her, es beweist, daß der Prophet recht hat. Deshalb müßten wir dem Propheten beipflichten, wir müßten uns aktiv für die beiden Grundsätze einsetzen, wo sie nicht beachten werden. (also das Joch wegreißen, = befreien und Teilen, was es noch gibt)
Freilich, bei uns im Land ist das wünschenswert, aber nicht mehr dringlich, bei uns herrscht heute Wohlstand. Schauen wir aber über die Grenzen. Dort sehen wir zahlreiche Länder, wo die Not groß ist. Denken wir an Bangladesh und Indien oder viele Länder in Schwarzafrika. Weil die Schranken von Recht fehlen, nutzen dort clevere Gewinnler mit der Macht von Geld und Privilegien die Not ihrer Mitmenschen schamlos aus, um ihren eigenen Reichtum zu vergrößern. In Rußland übrigens heißen diese Gewinnler Oligarchen. Dort zerstören aber auch Exporte von dem Überfluß in unserm Land die Existenz vieler Menschen. Dort – wie auch bei uns in der EU - wäre eine gewisser Druck, wie ihn die Alliierten ab 1945 bei uns ausgeübt haben, sehr hilfreich für einen gerechten Ausgleich, zur Erfüllung dieser christlichen Pflicht.
Unser Land ist ein Beispiel: Wo willkürliche Macht durch Recht gestoppt wird und wo die vorhandenen Güter geteilt werden, da wird die Not überwunden, da geht das Leben weiter, da zieht Wohlstand ein. Das nennen wir einen sozialen Rechtsstaat. Das, was meine Großeltern nach dem 2. Weltkrieg praktisch erlebt haben, das fordert der Prophet auch von den Juden, die sich an der Not anderer bereichern. Und der Prophet kündigt an, was geschieht, wenn getan wird, was er fordert: » Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten ... : Siehe, hier bin ich.« (V8)
Not und Resignation finden ein Ende, neues Leben erwacht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
Verfasser: Präd. Rudolf Stein, Berliner Str. 197. 65205 Wiesbaden