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Weltgericht

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 16.11.2008
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
Textstelle : 2. Korinther 5,1-10
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Wochenspruch:

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Kor. 5,10)

Psalm: 50,1.4-6.14-15.23

Lesungen

Altes Testament:
Jeremia 8,4-7
Epistel:
Römer 8,18-23 (24-25)
Evangelium:
Matthäus 25,31-46

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 147
Wachet auf, ruft uns die Stimme
Wochenlied:
EG 149
Es ist gewisslich an der Zeit
Predigtlied:
EG 353,1+3-5
Jesus nimmt die Sünder an
Schlusslied:
EG 152,1+4
Wir warten dein, o Gottes Sohn

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. 2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. 4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.
6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. 8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. 9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, daß wir ihm wohlgefallen. 10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Liebe Schwestern und Brüder!
Manchmal sehe ich, wie ein Haus abgerissen wird. Sein Urteil ist gesprochen: Es taugt nicht mehr, um darin zu wohnen. Schwer kracht die Abrissbirne gegen die Mauern. Sie stürzen zusammen. Eine Staubwolke steigt auf und bedeckt die ganze Umgebung. Einzelne Balken ragen kreuz und quer aus dem Schutt empor. Es ist ein wüstes Durcheinander von Baumaterialien. Schwer vorstellbar, dass man damit noch einmal etwas anfangen kann.
Mir gehen solche Abrissbilder nach. Ich fange an zu fragen: Wie steht das denn mit dem Haus Deines Lebens? Wie lange wird es stehen? Wie wird es einmal ans Ende kommen – wird es einstürzen, weil seine Zeit abgelaufen ist oder bricht es in einem großen Sturm zusammen? Wie lange wird es den Stürmen der Zeit standhalten können? Wird es zusammenkrachen, weil einer mit großer Kraft dagegen schlägt? Wird es einmal so sein, als wäre da nie ein Haus gewesen? Wie fällt das Urteil über mein Lebenshaus wohl aus?
Fragen über Fragen. Es sind keine Fragen, die wir theoretisierend beantworten können. Es sind Fragen, die nach unseren eigenen Urteilen, unseren eigenen Gefühlen und Sehnsüchten, nach uns selbst fragen. Darum ist, was ich zu diesen Worten des Paulus sage, auch sehr persönlich gefärbt – es geht um meinen Glauben, der sich an diesem Wort entzündet.

1. Ich muss einmal sterben
Vor Jahren habe ich dies einmal durchmeditiert: Wenn ich noch eine Stunde zu leben hätte… Ich kann mich daran erinnern, dass ich diese Stunde sehr intensiv gelebt habe – obwohl ich doch wusste: es ist nur ein Gedankenspiel. Aber: Es ist ja wahr, dass wir nicht wissen, wie lange unser Weg vor uns noch ist. Im letzten Jahr habe ich in schlimmer Krankheit geglaubt – und nicht nur ich – dass es das letzte Wegstück meines Lebens sein könnte.
Damals ist mir deutlich geworden: Wir leben hier auf Abruf. Genauer will ich es sagen: Ich lebe auf Abruf. Ich lebe nicht nur im Aufbruch, ich lebe auch im Abbruch. Dieses Leben, mein Leben wird ein Ende haben, von dem ich nicht weiß, wie nahe oder wie fern es ist.
Ich werde einmal alles zurücklassen müssen. Mein Leben geht auf eine Wegstrecke zu, bei der mir kein Mensch mehr beistehen kann. Sterben müssen heißt: loslassen müssen.
Meine Wohnung bleibt zurück mit all den Dingen, die mir vertraut und wichtig waren – meine Bücher, meine Kleider, meine Möbel, meine Blumen, meine Platten und CDs, meine...
Meine Leute bleiben zurück – die Frau, die Eltern, die Kinder, die Freunde, die Feinde, die Kollegen, die Gemeinde.
Meine Arbeit bleibt zurück: das Gewohnte, Routinierte in ihr und die Höhepunkte, die Erfolge und die Misserfolge, die Mühe und das Glück...

Ich nenne das alles deshalb, weil es wichtig ist. Wir müssen uns dem Schmerz stellen, der darin liegt: bloß erfunden zu werden. Sterben ist dies entblößt werden. Ich kann mich nicht mehr in tausend Dingen verbergen, ich kann nicht mehr in meinem Tun aufgehen. Ich bin nicht mehr in meinen Beziehungen versteckt. Paulus sagt – und ich glaube, dass er darin ein tiefer Kenner unserer Seele ist –, wir möchten nicht bloß erfunden werden.
Das ist eine der großen Ängste, längst vor dem Sterben: was, wenn ich ganz bloß gestellt bin? Was, wenn ich irgendwo bis auf die Knochen entblößt, entlarvt, durchschaut bin? Wer hilft uns aus dieser großen Angst, aus dieser tiefen Krise heraus?
Der tiefste Grund all dieser Ängste ist: Wir wissen, dass uns mit dem Sterben die Möglichkeit genommen wird, die Entscheidungen unseres Lebens noch einmal zu revidieren, richtig zu stellen. Der Tod stellt alles auf Endgültigkeit. Darum sagt man auch, dass im Tod das Urteil über unser Leben fällt.

2. Die Versuche, der Krise zu entgehen
Es ist unglaublich, wie einfallsreich wir Menschen sind, wenn es um Ausweichmanöver vor dieser letzte Krise geht. Da aber diese letzte Krise unausweichlich ist, können wir sie nur noch umdeuten. Aus der Fülle der Umdeutungsversuche nehme ich einige heraus:
- „Wir sind ja schon auferstanden.“ So haben sie damals in Korinth gesagt. Mit dem Glauben an Jesus haben wir den Tod schon hinter uns. Von nun an ist der Tod keine Wirklichkeit unseres Lebens mehr. Die letzte große Krise unseres Lebens fällt aus. Der Tod entscheidet nichts mehr. Er ist belanglos. Glücklich, wer so denken kann? Aber was ist, wenn es falsch gedacht ist – und alle Erfahrungen mit Sterbenden sagen mir bis heute: Es ist falsch gedacht.

- So konnten die Korinther damals denken, weil sie von einer zweiten Überlegung herkamen: „Der Leib zählt nicht.“ Der Leib ist nur eine äußere Hülle, die verfällt und die keine Bedeutung hat. Was wirklich zählt und ganz alleine zählt, ist die unsterbliche Seele. Die wird im Tod aus dem Gefängnis des Leibes befreit – so wie es Reinhard Mey ein wenig respektlos in unserer Zeit gesungen hat: „Die Seele schwingt sich in die Höh’, der Leib bleibt auf dem Kanapee.“
Das ist ganz nahe an Gedanken des Paulus und doch nicht das gleiche, wie Paulus es sagt. Es liegt haarscharf daneben. Paulus weiß um die Angst, bloß empfunden zu werden, eine leiblose Seele zu sein. Die nackte Seele ist für Paulus nicht Befreiung, sondern eine Vorstellung, die er fürchtet.
- Heute findet sich bei uns häufig der Versuch, Leben und Tod zu verstehen vom Denken im „Rad der Wiedergeburten.“ Danach ist jedes Sterben ein Durchgang zu einer neuen Existenzform des Ichs, das sich einen neuen Körper sucht und sich neu hier auf der Erde bewährt. Man bekommt eine zweite, dritte, vierte Chance – solange, bis die Seele geläutert ist. Nur soviel dazu: Was im Buddhismus ein Zustand ist, der überwunden werden soll – das Rad der Wiedergeburten ist nicht Ziel, sondern Plage; Ziel ist das Aufgehen im Nirwana –, das wird bei uns im Westen zur Dauerchance.
Bei all diesen Denkversuchen geht es darum, dem Tod die Bitterkeit zu nehmen – sei es durch das enthusiastische Überspringen, sei es durch die Abwertung des Leibes oder eben durch die Leugnung der Einmaligkeit und Zielgerichtetheit des Lebens.
Aus der Begleitung Sterbender sage ich, dass all diese Umdeutungen des Todes keine Lösung sind. Sie helfen uns nicht weiter – weitergeholfen ist uns nur, wo der Tod nicht mehr das letzte Wort hat.



3. Keine Furcht
Wir überspringen die große Krise nicht. Wir gehen dem Sterben entgegen. Mehr noch. Wir gehen in dem Weg unseres Lebens und unseres Sterbens der eigentlichen Krise entgegen: dem Gericht Gottes. Wir müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Dort wird das letzte Wort über uns gesprochen – und nicht im Tod.
Im 20. Kapitel der Offenbarung heißt es dazu: Vor diesem Richterstuhl fliehen alle Elemente. Vor diesem Richterstuhl stehen wir alle in einer letzten Einsamkeit. Es gibt kein Ausweichen, kein Verbergen, kein Entschuldigen, kein Beschönigen mehr. Alles kommt noch einmal zur Sprache – was gut und was böse war, was offen zu Tage liegt in unserer Zeit und was tief in uns verborgen ist. Alles kommt dort noch einmal zur Sprache – worüber wir längst Gras gewachsen glaubten und was uns in unseren schweren Nächten quält und verfolgt.
Aber – wir müssen keine Furcht haben vor dieser Krise, diesem Urteil. “Wir haben den Geist als Pfand“ sagt Paulus. Der Geist Gottes, der Geist Jesu Christi, der uns zu Söhnen und Töchtern des Vaters macht, der lässt uns nicht fliehen. Der macht uns frei von Furcht – auch in diesem Gericht. Denn durch den Geist kennen wir den, der uns richtet, der unser Leben scheidet und unterscheidet, was gut und was böse war. Der uns richten wird, ist unser Heiland, unser Herr, unser Erlöser. Der uns richten wird, ist es, der uns zu Recht bringen will. Sein Richten ist nicht Verurteilen, sondern Zurechtbringen, nicht Vernichten, sondern Aufrichten. Sein Richten wird uns scheiden von dem, was in unserem Leben nicht dem Willen Gottes gesprochen hat –, aber es wird uns nicht mehr scheiden von der Liebe Gottes, die in ihm Mensch geworden ist.
Das ist die große Zuversicht, in der wir leben dürfen angesichts der kleinen und der großen Krisen unseres Lebens: Der das letzte Wort über unser Leben sprechen wird, ist der, der sich selbst für uns in den Tod gegeben hat. Es ist der, der uns die Gnade Gottes geschenkt und zugelebt hat. Wir sind hineingeborgen in ihn, in Jesus Christus. Und alles, was uns widerfährt, treibt uns weiter zu ihm. Alles, was uns ängstet, lässt uns ihn suchen, was uns bedrängt, lässt uns bei ihm Halt und Hilfe erbitten. Nicht, weil wir Haltung bewahren in den Krisen des Lebens, ist Hoffnung und Gewissheit, sondern weil er uns hält, darum hoffen wir über alle Krisen hinaus. Nicht weil wir am Ende noch gute Worte für uns selbst vorbringen könnten, hoffen wir auf Gottes Ewigkeit, sondern weil er sein gutes Wort, von dem wir heute leben, auch dann sagen wird: „Ich lebe, und du sollst auch leben.“

Verfasser: Pfarrer Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

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