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Zeit der Erwartung des kommenden Gottes

von Christoph Hartmann (Magdeburg)

Predigtdatum : 02.12.2007
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Advent
Textstelle : Hebräer 10,(19-22).23-25
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Jahrgang 07/08
Reihe VI - Nr. 1
1. Sonntag im Advent ( 2.12.07)
Leitbild:

Zeit der Erwartung des kommenden Gottes
Wochenspruch:

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sacharja 9,9)

Psalm:
24 (EG 712)

Lesungen

Altes Testament:
Jeremia 23,5 – 8
Epistel:
Römer 13, 8 – 12 ( 13.14 )
Evangelium:
Matthäus 21,1- 9

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 1, 1-3
Macht hoch die Tür
Wochenlied:
EG 4 oder EG 16
Nun komm der Heiden Heiland
Die Nacht ist vorgedrungen

Predigtlied:
EG 8, 1-6
Es kommt ein Schiff geladen
Schlusslied:
EG 1, 5
Komm, o mein Heiland Jesu Christ


[ 19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, 21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.] 23 Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; 24 und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken 25 und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

Liebe Gemeinde!
Der Weg durch den Vorhang ist offen. Das ist die Botschaft dieses Abschnitts aus dem Hebräerbrief. Wir hören ihn am Beginn der Adventszeit.
Der Vorhang ist offen. So kennen wir das aus dem Theater. Wir sitzen auf unseren Plätzen. Der Vorhang öffnet sich. Das Stück beginnt. Und wir sind irgendwie gleich mittendrin. Der Abstand zwischen Schauspieler und Zuschauer verwischt sich. Vielleicht ist es ein heiteres Stück. So ein Stück, nach dem wir fröhlich und beschwingt nach Hause gehen.
Vielleicht ist es auch ein dramatisches oder gar tragisches Stück. So ein Stück, wo menschliches Leid vorgeführt wird. Ein Stück, das in die Tiefe geht, wo Fragen aufbrechen, die sich nicht gleich beantworten lassen. Ein Stück ohne Happy end. Und wenn der Vorhang fällt, dann bleibt Nachdenklichkeit. Wir gehen nach Hause. Die aufgeworfenen Fragen gehen mit. Sie lassen uns nicht los. Dabei sind es manchmal Fragen, auf die wir gern eine Antwort hätten. Manchmal möchten wir, dass sich der Vorhang noch einmal hebt und gezeigt wird, wie die Fragen beantwortet und die Probleme gelöst werden können. Aber da sind wir wieder auf uns selbst geworfen. Der Dichter Bert Brecht hat das in einem seiner Stücke am Schluss treffend formuliert: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Was können wir erwarten, wenn der Vorhang vor der Advents- und Weihnachtszeit weggezogen wird? Wird es eine fröhliche und beschwingte Zeit sein? Oder wird es in dieser Zeit eher dramatisch und problembeladen zugehen? Werden wir mittendrin sein so mit Herz und Seele oder wird alles nur an uns vorbeiziehen wie ein Theaterstück, das uns eigentlich nicht interessiert?
Wir haben da ja so unsere Erfahrungen. Einerseits gibt es unsere Erwartungen und Wünsche: Es soll eine friedliche und besinnliche Zeit sein. Es soll eine Zeit sein, in der wir mal zu uns selbst kommen. Es soll eine Zeit sein, in der es mehr als sonst möglich ist, dass wir aufeinander achten und füreinander da sind. Aber wir wissen auch, dass alles ganz anders kommen kann. Die Advents- und Weihnachtszeit wird häufig von Überanstrengung und Hektik bestimmt. Was bleibt dann noch übrig von den Erwartungen und Wünschen? Es ist ja kein Geheimnis: In einer Zeit hoher Erwartungen aneinander können die Enttäuschungen umso größer werden. So ist mancher froh, wenn sich der Vorhang nach der Weihnachtszeit wieder gesenkt hat und alles seinen normalen Lauf geht. So tut sich eine Kluft auf zwischen unseren Erwartungen und Wünschen und der Realität, die wir erleben.
Mit dieser Spannung im Hintergrund gehen wir auf den heutigen Predigtabschnitt zu. Dort heißt es: „Er hat uns den Weg durch den Vorhang freigemacht.“ Die Leser damals haben gleich verstanden, um was es geht. Hier wird auf den Vorhang im Tempel von Jerusalem angespielt. Dieser Vorhang trennte auch zur Zeit Jesu den heiligen Bereich im Tempel von dem Allerheiligsten. Er trennte und war doch gleichzeitig der Zugang. Allerdings nur einmal im Jahr. Dann ging nämlich der Hohepriester hindurch. Und nur er allein. Das geschah immer am Versöhnungstag. Er ist für die Juden bis heute so etwas wie ein Bußtag. Da wurde alles auf den Tisch gelegt, all die Widersprüche und Ungereimtheiten des Lebens, alles was sich aufgebaut hatte an Schuld und Versagen zwischen den Menschen und zwischen Gott und seinem Volk. Und es wurde geopfert. Das Blut des Opfertiers wurde in das Allerheiligste getragen. So sollte aus dem Weg geräumt werden, was Leben zerstört und von Gott trennt. Auf geheimnisvolle Weise war der Zugang zu Gott offen. Das war befreiend und entlastend. Die Menschen konnten aufatmen. Sie konnten sich gelöst von allem Belastenden und Verfehlten dem Leben neu zuwenden. Der Gang des Hohenpriesters durch den Vorhang eröffnete die Zukunft neu. Die Kluft zwischen Hoffnung und Realität war überwunden. Wenigstens an diesem Tag.
Uns ist das eine fremde Vorstellung. Opferhandlungen wie zu damaliger Zeit kennen wir nicht. Auch sind uns Priester im damaligen Sinne fremd.
Aber mit diesem Bild können wir etwas anfangen: „Er hat uns den Weg durch den Vorhang freigemacht“. Das ist ja mehr als den Vorhang mal eben lüften und dann wieder schnell zumachen. Das ist mehr als ein jährlich wiederkehrendes Ritual. Hier geht es um einen Weg, der nicht begrenzt ist. Es geht um einen Weg, auf dem Gott nahe ist und die Hoffnung gegenwärtig. Ganz eindringlich werden wir mit den uns zunächst fremd wirkenden Worten und Gedanken des Hebräerbriefes an den Weg Jesu erinnert. Sein Kommen hat uns den Zugang zu Gott und damit der Zugang zum Leben geöffnet. Und da sind wir nicht einfach Zuschauer. Wir sind mitten drin und werden zu Akteuren. Darum erinnert uns der Text auch an unsere Taufe. Ja, schon da wurde der Weg durch den Vorhang freigemacht. Schon da wurde es uns im Namen Jesu zugesagt, dass uns nichts trennt von Gott, dass wir angenommen sind, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Schwächen, mit all unserem Versagen und unserer Schuld. Aufwändige Opferrituale sind nicht nötig. Der Weg ist schon frei.
Und genauso erinnert uns der Text an die Feier des Abendmahls. Ja, da geschieht es immer wieder ganz handgreiflich. Wir essen vom Brot und trinken aus dem Becher. So werden wir miteinander verbunden und haben durch Jesus Christus Verbindung mit Gott. Der Weg durch den Vorhang ist frei.
So wird unser Blick am Beginn der Adventszeit als erstes gar nicht auf die Anstrengungen gerichtet, die möglicherweise auf uns warten. Denn der jährlich neue Versuch, doch ein bisschen mehr von unseren Erwartungen und Wünschen umzusetzen, könnte sehr ernüchternd enttäuscht werden. Einfach, weil der Vorhang zubleibt und sich aus eigener Kraft kein Weg hindurch findet.
Der Hebräerbrief richtet unseren Blick auf etwas, wo wir erst einmal gar nichts machen müssen. Weil als erstes etwas für uns geschieht. Denn der Weg durch den Vorhang ist schon frei. Darum kann es ruhig so anfangen wie im Theater. Wir setzen uns erst einmal hin und schauen. Wir lassen auf uns wirken, was auf uns zu kommt und mit uns geschieht. Solche Haltung des Schauens und des Abwartens mag für uns ungewöhnlich sein. Aber sie gehört von alters her zur Adventszeit. Wir tun uns nichts Gutes, wenn wir durch übermäßige Anstrengung und Hektik solche Haltung gar nicht erst zulassen. Die Texte und Lieder der Advents- und Weihnachtszeit bieten uns einen reichen Schatz, den wir erst einmal auf uns wirken lassen können. Und dann wird es wie von selbst sein, dass wir uns von Zuschauern zu Akteuren entwickeln. Die Ideen kommen und es fällt leicht, etwas zu tun, Wege zu anderen zu gehen. Dann ist es keine lästige Pflicht, was der Hebräerbrief unter anderem anmahnt: „Lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken.“ Dafür bieten sich reichlich Möglichkeiten: Von der großzügigen Spende für „Brot für die Welt“ bis hin zu spontanen oder sorgfältig überlegten Aktionen. Vielleicht fällt es wirklich nicht schwer, etwas von der Freude über das, was Gott für uns tut, weitergeben.
Liebe Gemeinde! Christus hat den Weg durch den Vorhang freigemacht. Lassen Sie uns die vor uns liegende Adventszeit nutzen. Lassen Sie uns die Nähe Gottes und die Hoffnung spüren, damit wir weitergeben können an die, die auf uns warten und auf uns angewiesen sind. Amen.

Verfasser: Oberkirchenrat Christoph Hartmann, Am Dom 2, 39104 Magdeburg

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