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Zeit der Erwartung des kommenden Gottes

von Inghild Klodt (55128 Mainz)

Predigtdatum : 02.12.2012
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Advent
Textstelle : Lukas 1,67-79
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Wochenspruch:

"Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer." (Sach 9,9)

Psalm: 24 (EG 712)

Lesungen

Altes Testament: Jeremia 23, 5 - 8

Epistel: Römer 13, 8 - 12

Evangelium: Matthäus 21, 1 - 9

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 1, 1.4 - 5 Macht hoch die Tür

Wochenlied: EG 16, 1 - 5 Die Nacht ist vorgedrungen

Predigtlied: EG 395, 1 - 3 Vertraut den neuen Wegen

Schlusslied: EG 171, 1 - 4 Bewahre uns Gott

Hinführung

Als Predigerin habe ich mich entschieden, die für den 1. Advent vorgesehene Perikope Lk 1, 67 - 79 nicht für sich stehend, sondern im Kontext der Geburtsgeschichte des Johannes auszulegen; Zacharias singt seinen Lobgesang im Rückblick auf die in Lk 1,5 - 25. 57 - 66 beschriebenen Ereignisse. Bei der Auslegung der Überlieferung lege ich den Focus auf die Entscheidung, vor die der Priester Zacharias nach der Geburt seines Sohnes gestellt wird und die er mit der Namensgebung trifft: Soll das Kind nach den persönlichen Wünschen des Vaters dessen berufliches Erbe antreten, oder darf er nach Gottes Willen Prophet werden? Thema dieser Adventspredigt in der Bußzeit vor Weihnachten ist also tatsächlich die "Umkehr": Der Predigttext lädt uns ein und macht Mut, uns – wie Zacharias – auf neue Sichtweisen und neue Lebenswege einzulassen, die sich uns eröffnen, im Vertrauen auf Gottes Hilfe und Geleit.

Der Predigttext wird im Verlauf der Predigt verlesen. Das Beispiel aus meinem persönlichen Lebensumfeld, das ich als Rahmenhandlung gewählt habe, kann durch eigene Erfahrungen der Predigerin/des Predigers beliebig ersetzt werden, ebenso die Beispiele für Erfahrungen mit auferlegtem Schweigen.

Liebe Gemeinde,

1. Rahmenerzählung: Ein Geburtstag mit Liedern und Sorgen

Manuel feierte seinen 16. Geburtstag. Er war vor einiger Zeit mein Konfirmand. Und nun hatte er mich zu seinem Geburtstag eingeladen, nicht zur Party mit den Freunden, die für den Abend geplant war, sondern zur Feier mit der Verwandtschaft am Nachmittag mit Kaffee und Kuchen. Ich war gern gekommen, denn ich kannte inzwischen auch Manuels Familie sehr gut, wir waren Nachbarn. Nachdem alle Gäste beisammen und die Geschenke übergeben waren, stellten wir uns zum Geburtstagsständchen auf: Wir sangen das bekannte "Happy Birthday" und dann noch den Kanon "Viel Glück und viel Segen". Wir sangen tapfer zweistimmig, und das Ergebnis konnte sich sogar hören lassen.

Ja, Glück und Segen konnte Manuel wirklich gebrauchen. Er hatte gerade nach einigen Mühen seinen Hauptschulabschluss geschafft, wusste nun noch nicht, wie es weitergehen sollte. Die Eltern haben einen mittelständischen Handwerksbetrieb, Manuel soll später einmal die Firma übernehmen. Aber seine schulischen Leistungen waren nicht so vielversprechend. Mathe und Deutsch liegen ihm gar nicht. Doch die Eltern wollten ihren Zukunftstraum nicht aufgeben; es gab Nachhilfe, es gab manches böse Wort: "Du bist zu faul. Du könntest viel besser sein, wenn Du nur wolltest." Viel Glück und viel Segen – Manuel war an seinem 16. Geburtstag nicht glücklich. Was sollte aus ihm werden?

2. Ein Geburtstagslied der Bibel (Predigttext)

Wenn ich an Manuels Geburtstag denke, fällt mir ein Mann aus der Bibel ein. Ich meine Zacharias, den Vater eines kleinen Jungen, der später "Johannes der Täufer" genannt wurde. Als Johannes geboren war, hat Zacharias ein ganz außergewöhnliches Geburtstagslied für ihn gesungen. Das lese ich Ihnen vor: (Lk 1,68 - 79, Bibelübersetzung: Luther Bibel 1984)

"Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund

und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,

uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.

Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens."

3. Der Hintergrund: Die Geburtsgeschichte Johannes des Täufers

Nein, das ist wahrhaftig kein schlichtes Happy-Birthday-Ständchen, sondern ein ganz besonderes Lied: ein Lobgesang in typisch biblischer Sprache, die an die Psalmen erinnert. Ein ziemlich langes Lied ist es, und Zacharias singt es zum Dank für die Geburt seines Sohnes. Es gibt ein Sprichwort, übrigens auch ein Bibelwort, das heißt: "Wessen Herz voll ist, dem geht der Mund über." (Lk 6,45) So war es sicher auch bei Zacharias, sein Herz muss übervoll gewesen sein nach allem, was passiert war. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen:

3.1. Zacharias hat keine Stimme mehr

Zacharias war ein Priester am Tempel in Jerusalem. Er und seine Frau Elisabeth waren lange Jahre kinderlos geblieben. Eines Tages, als Zacharias seinen üblichen Dienst im Tempel versieht, tritt ein Engel zu ihm und verheißt ihm die Geburt eines Sohnes, dem soll er den Namen Johannes geben. Und dieser Sohn werde – wenn er erwachsen ist – ein Prophet sein: Er werde die Menschen zu Gott bekehren und sie auf Gottes Kommen vorbereiten. Zacharias hört dem Engel zu, bleibt aber skeptisch, denn schließlich sind er und Elisabeth nach menschlichem Ermessen schon zu alt für Kinder. Da sagt ihm der Engel: "Du wirst stumm sein bis zu der Zeit, an der dies alles eingetreten ist, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast."

Und so geschieht es. Elisabeth wird schwanger, aber Zacharias wird stumm; kein Wort, kein Laut kommt mehr über seine Lippen. Zwar hat der Engel ihm versprochen, dass diese Behinderung zeitlich befristet sei, bis sich die Verheißung erfüllt habe. Aber wann soll das sein? Wenn dieser angekündigte Sohn als erfolgreicher Prophet schon selbst wieder im Rentenalter ist? Und, kann man dem Engel überhaupt trauen? Zacharias muss sich jetzt erst einmal der Gegenwart stellen: Fakt ist, dass er keine Stimme mehr hat, und es ist keine Besserung in Sicht.

3.2 Was es bedeutet, schweigen zu müssen

Ich stelle mir vor, was es für Zacharias damals bedeutet hat, stimmlos zu sein. De facto war er berufsunfähig, denn als Priester wurde von ihm erwartet, dass er nach dem Opferdienst im Tempel beim Heraustreten über das Volk einen Segen sprach (Lk 1,22). Aber es ging um noch viel mehr als das Priesteramt: Zacharias konnte nicht mehr richtig am Leben teilnehmen. Wer ohne Stimme ist, kann sich nicht mitteilen – oder nur sehr begrenzt. Wer sprachlos ist, wird selten nach seiner Meinung gefragt.

Beispiele

Mein Vater erzählt mir heute noch oft von seiner Kindheit. Er wuchs in einer Lehrerfamilie auf, wurde streng erzogen. Ein Lehrerkind hat Vorbild zu sein, meinten die Eltern. Und beim gemeinsamen Essen galt die Regel: "Kinder haben bei Tisch zu schweigen." Nur die Großen, die Erwachsenen, durften sich unterhalten, die Kinder hörten schweigend zu. Und sie merkten dabei: Die Großen – die, die reden dürfen, – sind die Wichtigen. Wir Kleinen, Sprachlosen, sind unwichtig.

Daran hat sich auch bis heute nichts geändert: "Halt die Klappe!" Oder "Halt die Schnauze". Wie oft habe ich das schon gehört, wenn Jugendliche zusammenstehen, z. B. auf dem Schulhof. Einer verbietet dem anderen das Reden, droht mit Gewalt oder Sanktionen, falls er es doch wagt, sich zu mucken. Der Starke setzt sich durch, der Schwache schweigt.

3.3 Von der Hoffnung des Zacharias, in seinem Sohn weiterzuleben

Ich stelle mir vor, wie ohnmächtig, schwach und leblos sich auch Zacharias damals gefühlt hat. Aber zugleich ist seine Frau schwanger und soll einen Sohn gebären. Seinen Sohn. Seinen Nachfolger. Der kann, wie er selbst, Priester am Tempel werden. In ihm kann Zacharias weiterleben. Die Nachbarn und Verwandten sehen das genauso. Als das Baby geboren ist, schlagen sie vor, das Kind nach dem Vater "Zacharias" zu nennen. Das ist zu jener Zeit nicht üblich in Familien, aber in diesem besonderen Fall scheint es eine gute Lösung zu sein. Zacharias der Zweite, sozusagen. Doch Elisabeth, die Mutter, weiß, dass Gott einen anderen Namen für das Kind vorgesehen hat. Und so sagt sie am Tag der Beschneidung, es solle "Johannes" heißen. Aber weil die Mutter nicht allein entscheiden darf, wird nun doch der stumme Vater befragt mit Hilfe einer Schreibtafel. Und Zacharias nimmt die Tafel zur Hand und schreibt …

3.4 Die Namensgebung: Zacharias öffnet sich für Gottes Plan mit Johannes

An dieser Stelle erreicht die Geschichte ihren Höhepunkt: Es geht um mehr als nur um einen Namen, es geht um die Zukunft des Kindes. Soll es den Weg des Vaters gehen, soll es seine Wünsche erfüllen, oder darf es mit Gott eigene Schritte in eine andere Richtung gehen? Und Zacharias schreibt auf die Tafel: "Er heißt Johannes."

Ich habe eine große Hochachtung vor der Entscheidung, die Zacharias fällt. Mir selbst wäre sie in dieser Situation sicher nicht leicht gefallen. Zacharias hat sich dafür entschieden, dass der Sohn einen eigenen Weg gehen kann. Der Vater hat die Stärke, ihn loszulassen, ihn frei zu geben. Und die Bibel erzählt, dass er mit dieser Entscheidung seine verlorene Stimme und damit sein eigenes Leben zurückgewinnt. Ein Happy-End. Und so singt Zacharias Gott zum Schluss ein großes Loblied und kann nun auch die Zukunft seines Sohnes mit Freude in den Blick nehmen: "Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk."

Später in der Bibel wird uns erzählt, wie Johannes der Täufer zum Wegbereiter Jesu wird. Wie er Menschen zu einem Leben aufruft, wie Gott es sich von uns wünscht: zu Nächstenliebe, zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

4. Die Geburtsgeschichte des Johannes als Bibeltext im Advent

Wir feiern heute den ersten Advent, den Beginn der Bußzeit vor Weihnachten. "Buße" bedeutet "Umkehr". Passen diese Happy-End-Geschichte des Zacharias und sein Loblied in die Adventszeit? Ich meine, ja. Im Advent warten wir darauf, dass Gott zu uns kommt, und öffnen uns für die Begegnung mit ihm. Aber Gott kommt nicht immer so, wie wir es uns vorstellen, und nicht immer werden unsere eigenen Pläne dabei berücksichtigt. Wenn Gott in unser Leben kommt, entstehen oft neue Sichtweisen und unerwartete Wege tun sich auf. So hat es auch Zacharias erlebt.

Im Advent leben, das heißt für mich: Ich will mich öffnen, um bereit zu sein, mit Gott neue Wege zu gehen. Ich will bereit sein, mein eingefahrenes Denken in Frage zu stellen, alte Gewohnheiten und Prinzipien, nach denen ich lebe, und die Ziele, die ich mir gesetzt habe, zu überprüfen und, wenn nötig, die Richtung zu ändern. Weil ich darauf vertraue, dass Gott mich schützend und stärkend dabei begleitet.

5. Rahmenerzählung: Ein neuer Weg für Manuel

Auch Manuel hat inzwischen einen anderen Weg eingeschlagen, den – nach anfänglichen Bedenken und einigen Gesprächen – auch die Eltern mitgehen können. Er hat eine Bäckerlehre begonnen, und die Ausbildung macht ihm Spaß. Im Internet habe ich ein neues Foto von ihm gesehen: strahlend, mit einer Freundin an seiner Seite. "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei."

Das wünsche ich nicht nur Manuel, sondern uns allen in der Adventszeit. Amen.

Segen zum Ende des Gottesdienstes

Gott segne deinen Weg

die sicheren und die tastenden Schritte

die großen und die kleinen

Gott segne dich auf deinem Weg

mit Atem über die nächste Biegung hinaus

mit unermüdlicher Hoffnung

die vom Ziel singt, das sie nicht sieht

mit dem Mut stehen zu bleiben

und der Kraft, weiterzugehen

Gottes Segen umhülle dich auf deinem Weg

wie ein bergendes Zelt

Gottes Segen nähre dich auf deinem Weg

wie das Brot und der Wein

Gottes Segen leuchte dir auf deinem Weg

wie das Feuer in der Nacht

Geh im Segen

und gesegnet bist du Segen

wirst du Segen

bist du Segen

wohin dich der Weg auch führt.

(Katja Süß)

Verfasserin: Pfarrerin Inghild Klodt

Caroline-Herschel-Straße 6, 64293 Darmstadt


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