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Am Tisch des Herrn

von Thomas Hessel (60311 Frankfurt)

Predigtdatum : 03.08.2003
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 7. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 6,1-15
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Wochenspruch:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
(Epheser 2,19)

Psalm: 107,1-9

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 16,2-3.11-18
Epistel:
Apostelgeschichte 2,41a.42-27
Evangelium:
Johannes 6,1-15

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 279
Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren
Wochenlied:
EG 221
oder EG 326
Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut
Predigtlied:
EG 213
Kommt her, ihr seid geladen
Schlusslied:
EG 216
Du hast uns Leib und Seel gespeist

Liebe Gemeinde!
„Die Speisung der Fünftausend,“ so ist unser Predigttext für heute in der Lutherbibel überschrieben. Durch die Auslegungsgeschichte hindurch ist er immer wieder als WUNDERGESCHICHTE gekennzeichnet worden, obgleich hier nicht wörtlich vom Wunder gesprochen wird. Doch der Sache nach geht es um ein Wunder, das mehr ist als eine einzelne vergangene Begebenheit, sondern seine Bedeutung hat bis zu uns heute. Dass unser Text allen vier Evangelisten wichtig gewesen ist, sehen wir daran, dass sie ihn alle in ihre Evangelien aufgenommen haben.
Hören wir nun die Version des Johannesevangeliums. Ich lese aus dem 6. Kapitel die Verse 1-15
1 Jesus fuhr weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. 2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? 6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? 10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.
14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.
GOTT ÖFFNE UNS FÜR DICH UND FÜR DEIN WORT! AMEN.
Liebe Schwestern und Brüder,
die vor uns liegende Speisungsgeschichte trägt viele Gegensätze in sich: JESUS will sich mit den Jüngern zurückziehen an einen einsamen Ort. Doch es kommt ihnen eine große Menschenmenge nach. Ihre Zahl ist mit etwa 5000 MÄNNERN angegeben. Dazu kommen, wie der Evangelist Matthäus zu berichten weiß, noch FRAUEN und KINDER.
Ein weiterer Gegensatz: Eigentlich wäre 200 Silbergroschen nötig, damit jeder der Anwesenden nur ein wenig zu essen bekommt, aber es sind nur fünf Brote und zwei Fische da. UND SCHLIEßLICH: Wo am Anfang nur wenig da gewesen ist, sammeln sie am Ende zwölf Körbe voller Brocken auf, die übrig geblieben sind.
Was sollen wir davon halten, gewiss ist uns klar: Vor uns haben wir kein historisches Protokoll, sondern eine WUNDERGESCHICHTE mit einer zentralen Aussage. Es wird auch nicht berichtet, wie das alles geschehen ist, was sich hier wie ein Wunder ereignet hat. Und niemand kann genau sagen, was ein Filmreporter, wäre er damals zur Stelle gewesen, hätte aufnehmen können. Denn das Wunder an und für sich wird nicht geschildert. Und so regt uns diese Speisungsgeschichte bis heute dazu an, darüber nachzudenken.
Was damals geschehen ist, wird uns im Zusammenhang mit den anderen Evangelientexten noch deutlicher, als wenn wir nur die Johannesfassung vor Augen haben: In einem fort sind JESUS und die JÜNGER von den Menschen in Anspruch genommen worden. Deshalb drängt Jesus jetzt darauf, dass sie etwas Ruhe finden. Darum die Überfahrt ans menschenleere Ostufer des Sees Genezareth. ABER EINE GROßE MENSCHENMENGE KOMMT IHNEN NACH... zu Fuß um die Nordspitze des Sees. Sechs sieben Stunden oder mehr werden sie unterwegs gewesen sein, bis sie Jesus und die Zwölf erreichen.
JOHANNES ERZÄHLT: Sie ziehen hinter Jesus her, weil er Kranke gesund gemacht hat, weil die Menschen Zeichen gesehen hatten. Zeichen, so nennt Johannes die wunderbaren Taten Gottes. Zwar wusste Jesus jetzt schon, was er tun wollte, zunächst aber wandte er sich an einen seiner Jünger, an PHILIPPUS, um ihn zu prüfen: „WO KAUFEN WIR BROT, DAMIT DIESE ZU ESSEN HABEN?“
An diesem Satz und dem weitergehenden wird deutlich: Jesus fühlt sich hier ganz als GASTGEBER. Er fühlt sich verantwortlich für das Wohl derer, die zu ihm kommen.
Philippus nimmt die Frage Jesu ganz ernst, und er antwortet ihm: Zweihundert Silbergroschen, das ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig zu essen bekomme. Zweihundert Silbergroschen, das war für die damaligen Verhältnisse ein kleines Vermögen. Und es wird auch an keiner Stelle erwähnt, dass Jesus und seine Jünger jemals so viel Geld bei sich gehabt hätten. Und das hätte auch gerade nur ausgereicht, um jedem einen kleinen Überbrückungshappen anzubieten. UM EINE BESSERE VORSTELLUNG ÜBER DEN WERT DES GELDES ZU HABEN HIER EINIGE SOZIAL – UND WIRTSCHAFTSGESCHICHTLICHE ERLÄUTERUNGEN: Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler haben errechnet, dass im Lande Israel zur Zeit Jesu ein jährliches Einkommen von 200 Silbergroschen das Existenzminimum für eine aus fünf bis sechs Mitgliedern bestehende Familie darstellte.
Nein, zweihundert Silbergroschen hatten sie sicherlich auch nicht in der gemeinsamen Kasse. So schloss sich dieser Weg, die Volksmenge zu bewirten, sicher von selbst aus. Fast resignierend wendet sich ANDREAS, der Bruder von SIMON PETRUS an Jesus: „ES IST EIN KIND HIER; DAS HAT FÜNFGERSTENBROTE UND ZWEI FISCHE, ABER WAS IST DAS FÜR SO VIELE?“
JESUS lässt sich von den Zweifeln seiner Begleiter nicht beirren. Zunächst einmal gibt er Anweisung, dass die FÜNFTAUSEND sich lagern sollen. Und obgleich die Seinen zweifeln, bereitet er ein neues Wunder vor.- Zunächst wirkt alles wie ganz alltäglich: Wie ein jüdischer Hausvater teilt Jesus die Brote und die Fische unter so viele.
EINER teilt an 5000 Männer aus, das scheint vom Praktisch - technischen ziemlich unwahrscheinlich und zeigt, dass wir den Text durchsichtiger auszulegen haben. Nach allergrößter Wahrscheinlichkeit kommt es dem Evangelisten Johannes darauf an, dass wir begreifen, aus wessen Hand, wir das Nötige täglich empfangen.
Jesus gibt, und siehe, jeder kann essen, soviel er will, und es bleiben noch Reste; ZWÖLF KÖRBE VOLL! Mit unserem Verstand verstehen wir das nicht, von unserem Verstand her werden eher Zweifel geweckt.
Es gibt viele, die lächeln unverständig oder zucken ungläubig die Schultern über unsere Speisungsgeschichte. – Aber ehe wir weiter darüber befinden, wollen wir einiges bedenken und fragen: Mit der Botschaft von Jesus waren von Anfang an wunderbare Taten verbunden.
Wir verstehen sie oft nicht! Wir können sie nicht nachmachen, sie passen nicht in unser Weltbild und unser Denken, das von der Naturwissenschaft geprägt ist. Das kann uns aber ein Hindernis sein: Jesus lässt sich eben unserem Denken und unserer Welt nicht anpassen. ER ERREGT WIDERSPRUCH UND ANSTOß! Er ist mit seinem Wort und seinem Tun fremd für unser verschlossenes und in sich verkrümmtes Denken.
Wäre er kein Anstoß mehr, nicht mehr fremd, konnte er nur bestätigen, was wir auch ohne ihn längst schon wissen. DANN WÄRE ER, JOHANNÄISCH GESPROCHEN, EIN STÜCK VON DIESER WELT UND IHRER FINSTERNIS. So lässt uns diese Geschichte von der Speisung der Fünftausend innehalten und aufmerken. Den ERSTEN CHRISTEN war sie besonders wichtig. Denn sie hatten erfahren, dass Jesus sie satt machte und nicht hungern ließ!
Insbesondere die APOSTEL wussten darum. Sie waren von Jesus herausgerufen aus der gewohnten Umgebung in die Fremde. Sie wussten nicht wie, aber immer wieder wurden sie satt, und es blieben noch Reste. – Und: Wie sie innerlich wussten, dass sie das der Fürsorge Jesu verdankten, so können auch wir uns heute erinnern an manches, was wir mit GOTTES HILFE überstanden haben.
Alles, was wir von ihm empfangen, ist wie ein Geschenk. Wer Kriegs- und Notzeiten durchgestanden, wer eine schwere Krankheit oder großes Leid überwunden hat, der weiß davon zu erzählen: GOTT SCHENKT UNS LEBEN! Er ist der Geber aller guten Gaben!
Jedoch ist er nicht verpflichtet zu geben, ist er nicht Brotkönig, unter dessen Herrschaft sich die Menschen zu allen Zeiten gerne begeben hätten. Er nimmt uns nicht auf einmal alle Sorgen ab, SONDERN er bleibt Gott!
Bis heute geschehen durch ihn Wunder! Jesus hat uns in der Geschichte von der Speisung der Fünftausend das Wunder des Austeilens gelehrt. Weil er uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen, können auch wir den nach Leben hungernden und dürstenden nicht gleichgültig gegenüberstehen. -
Ein guter Fingerzeig der Speisungsgeschichte für unsere Zeit ist, dass die Jünger das Überschüssige wieder einsammeln. Wie sie es nicht liegen- oder verkommen lassen, so sollen auch wir sehen, dass wir verantwortlich mit den Gütern der Erde umgehen. Es ist nicht Jesu Willen, dass immer noch Tag für Tag so viele Menschen umkommen und an Hunger sterben. ER GIBT, UND ER WILL, DASS AUCH WIR GEBEN.
Jesus geht heute nicht mehr durch die Welt, wie er es damals im heiligen Land tat. Überall in der Welt aber leben seine Nachfolger. Die Geschichte von Brotvermehrung oder Brotteilung hat für sie und für uns eine Konsequenz. –Nicht im Johannesevangelium, aber in den drei andren Evangelien ist der Satz enthalten, den Jesus an seine Jünger richtet: „GEBT IHR IHNEN ZU ESSEN!“ Das ist die logische Folgerung, das ist unser AUFTRAG von Christus her, unsere Hände zu öffnen und auszuteilen, dazu beizutragen, dass andere satt werden.
NIKOLAUS BERDJAJEW, ein russischer Philosoph, hat einmal etwas gesagt, was uns zur Besinnung führen kann: „ Die Sorge um mein täglich Brot ist eine materielle Frage, die Sorge um das Brot meines Bruders ist eine geistliche Frage.“
Auf jeden Fall dürfen uns die Hungernden in unserer Umgebung und in der ganzen Welt nicht gleichgültig sein. Praktisch könnte das heißen: Menschen, die an unserer Tür stehen und um Essen bitten nicht wegzuschicken, ohne ihnen etwas gegeben zu haben. Und das könnte heißen. Für die Welthungerhilfe oder z. B. Aktionen wie „Brot für die Welt“ zu spenden. Auch außerhalb der Advents- und Weihnachtszeit werden wir in den evangelischen Gemeinden zu Jollekten und Einzel-Spenden gerade für diese Aktion aufgerufen.
Hier können wir noch am unmittelbarsten etwas tun für die Hungernden dieser Welt. JESUS TEILT DAS BROT AUS! – Und unser Text wird von ihm selbst noch ergänzt durch ein Wort, das Angebot und Anspruch zugleich ist. Der Evangelist Johannes hat uns dieses Wort der Selbstoffenbarung Jesu überliefert. JESUS CHRISTUS SPRICHT: ICH BIN DAS BROT DES LEBENS, WER ZUM MIR KOMMT; DEN WIRD NICHTG HUNGERN; UND WER AN MICH GLAUBT, DEN WIRD NIMMERMEHR DÜRSTEN: Bei Jesus ist die Quelle vollgültigen und erfüllten Lebens!
Wer zu ihm kommt, dem ist verheißen, dass er nicht hungert. Und wer an ihn glaubt, der wird nimmermehr dürsten. Auf dieses Wort wollen wir hören! Zu ihm hin und zu den Menschen hin wollen wir uns in Bewegung setzen!
Da setzen wir unsere Möglichkeiten und unsere Zeit ein, so wie es vor einiger Zeit ein junger Mann merkte, der in seinen Terminkalender folgendes Gedicht, ja folgende Nachdichtung von Lothar Zenetti legte, um dessen Worte immer wieder einmal zu bedenken:
„Und er sah ein große Menge Volkes, die Menschen taten ihm leid, und er redete zu ihnen von der unwiderstehlichen Liebe Gottes.
Als es dann Abend wurde, sagten seine Jünger: Herr, schicke diese Leute fort, es ist schon spät, sie haben keine Zeit.
Gebt ihnen doch davon, so sagte er,
gebt ihnen doch von eurer Zeit!
Wir haben selbst keine, fanden sie,
und was wir haben, dieses wenige,
wie soll das reichen für so viele?
Doch da war einer unter ihnen, der hatte wohl
noch fünf Termine frei, mehr nicht, zur Not,
dazu zwei Viertelstunden.
Und Jesus nahm mit einem Lächeln,
die fünf Termine, die sie hatten,
die beiden Viertelstunden in die Hand.
Er blickte auf zum Himmel,
sprach das Dankgebet und Lob,
dann ließ er austeilen die kostbare Zeit
durch seine Jünger an die vielen Menschen.
Und siehe da: Es reichte nun das wenige
Für alle.
Am Ende füllten sie sogar 12 Tage voll
mit dem, was übrig war an Zeit,
das war nicht wenig.
Es wird berichtet, dass sie staunten.
Denn möglich ist, das sahen sie,
Unmögliches bei ihm!
Amen.

Verfasser: Pfr. Thomas Hessel, Brentanostr. 21, 60311 Frankfurt

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