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Balken im Auge

von Martin Bender (55128 Mainz-Bretzenheim)

Predigtdatum : 22.06.1997
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 6,36-42
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Wochenspruch: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal. 6,2)

Wochenlied: EG 428 oder 495

Jesus sprach: „Seid barmherzig, / wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, / so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht / so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, / so wird euch vergeben. Gebt, / so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, / mit dem ihr meßt, / wird man euch wieder messen.“

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: „Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, / so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, / und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, / ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, / und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge / und sieh dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“

Liebe Gemeinde!

Wenn Jesus seinen Zuhörern ewas besonders deutlich sagen wollte, dann hat er das gerne in Bildern, in Beispielen getan; wir nennen sie Gleichnisse. Das hat er so bei seinen Jüngern gehalten, bei den Pharisäern und ganz besonders bei den einfachen Menschen. Beispiele und Gleichnisse können eine Sache besonders drastisch und deutlich auf den Punkt bringen.

Dafür hat er meistens auf die damalige Berufs- und Lebenswelt zurückgegriffen, also auf einen Raum, der den Menschen vertraut und daher auch gut verständlich war. Manchmal hat er dabei auch recht dick aufgetragen, wie hier in unserem Text, wo er von einem Balken im Auge spricht. Wer von uns hatte schon erlebt, daß jemand einen Balken im Auge hätte! - Unser sprichwörtliches Brett vor dem Kopf ist auch schon drastisch.

Was Jesus mit solcher Übertreibung will, ist offensichtlich: den Menschen klar machen, daß mitunter sie selbst es zu dick treiben. Wenn man ein Sandkorn oder einen Holzsplitter im Auge hat, dann ist das Auge so gestört, daß man damit nichts mehr sehen kann.

Dieses Beispiel paßt gut zu dem Bild von den beiden Blinden, die einander nicht führen können, weil keiner etwas sieht. Sobald aber ein Blinder und ein Lahmer ihren Weg zusammen gehen, können sie einander ergänzen und helfen in ihrem behinderten Leben.

Wäre bei jener Begebenheit in einer westfälischen Großstadt vor einigen Jahren der Blinde nicht allein gewesen, hätte er wenigstens einen Kumpel im Rollstuhl dabeigehabt, dann wäre ihm das nicht passiert, daß er abends beim gewohnten Nachhauseweg in eine frische Baugrube rutschte, weil er die Absperrung mit den rot-weißen Plastik-Bändern nicht sehen konnte. Und als er mit seinem Stock das Loch ertastete, kam schon der Rand ins Rutschen. Erst noch langem Hilferufen hat ihn die Feuerwehr herausgeholt und versorgt.

Natürlich gab es eine Meldung an die zuständige Behörde mit der Aufforderung, die Baustelle besser abzusichern. Nach zwei Wochen erhielt unser blinder Freund die Mitteilung, vorm Tiefbauamt, man habe aufgrund des Vorfalles die Baustelle mit einer verbesserten Beleuchtung ausgestattet, so daß nun davon ausgegangen werde, daß damit seinem erhöhten Sicherheitsbedürfnis entsprochen sei.

Wer war hier eigentlich der Blinde - der Mann, der seinen gewohnten Weg normalerweise mit dem Stock ertastet und damit gut zurechtkommt, oder der Behördenmensch, der nicht begriffen hat, daß einem Blinden auch mit einer zusätzlichen Laterne nicht zu helfen ist ?

Nicht die Augen sind es, die wir mit Brillen, Ferngläsern und Mikroskopen zu verstärken wissen, sondern die inneren Augen meint Jesus. Zusammenhänge zu sehen - darum geht es. Und -auch in diesem Begriff verwenden wir das Wort „sehen“.

Es ist eine andere Brille,- die Jesus uns aufsetzen will, nämlich die, mit der wir die Größen-Verhältnisse der Dinge und Geschehnisse und ihrer Wichtigkeit richtig erkennen.

Wie in nahezu jedem Jahr werden wir auch dieses Jahr wieder Gedenktage zu begehen haben, an denen wir uns erinnern an unerfreuliche oder schlimme Ereignisse der Vergangenheit. Und dabei erheben sich - wie bei der Aussöhnung mit unseren tschechischen Nachbarn - Stimmen, die das erlittene Unrecht stärker bewerten wollen als das begangene.

„Richtet nicht!“ - sagt Jesus.

Es gibt junge Menschen, die solche Ereignisse zum Anlaß nehmen, um der älteren Generation bittere Vorwürfe zu machen. Da wird ein Generationen-Konflikt auf jene Ereignisse abgewälzt. Abrechnung heißt hier die Methode der Ohnmächtigen, ihren ohnmächtigen Zorn loszuwerden. Beispiele dieser Art gibt es zuhauf. Es kann weder hier und jetzt noch sonst irgendwann oder irgendwo darum gehen, Versöhnungs-Bemühungen abzuwerten oder Konflikte herunterzuspielen. Es geht um Ehrlichkeit. Es geht darum, daß wir über der eigenen Versöhnungs-Bereitschaft nicht übersehen dürfen, daß andere Menschen andere Vorstellungen von Schuld und Versöhnung haben. Wer durch fremdes Verschulden gelitten hat, der hat es entsprechend schwerer, die Hand auszustrecken.

Junge Menschen pflegen mitunter über das Ziel hinauszuschießen; das war schon immer so und wird immer so sein, weil es Ausdruck von Lebens-Aktivität ist. Darüber steht uns kein Recht der Verurteilung zu.

Da klingen doch die Worte Jesu wie die schönste Musik, tröstend und befreiend: Wie unser Vater barmherzig ist, so sollen wir es auch sein. Das ist Mahnung und Verheißung zugleich, mit der Jesus diese Rede beginnt. Und weiter sagt er: „...eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.“

Der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann hat einmal das Bild vom ausgestreckten Zeigefinger gebraucht: Wenn wir damit auf jemanden zeigen, dann zeigen zugleich drei andere Finger auf uns selbst zurück: Und Du selbst? - so fragen sie uns. Dabei dürfen wir ein weiteres nicht vergessen: Der Daumen zeigt dabei nach oben - zu Gott. Dieser Finger fragt, was Gott zu dem ganzen Spektakel wohl anzumerken hätte; und er deutet zugleich hin auf den, der uns Barmherzigkeit zugesagt hat.

Mit dieser Barmherzigkeit Gottes hat der moderne Mensch mitunter seine Schwierigkeiten. Gerade mit unserem klaren und präzisen Vernunft-Denken kann man sich darunter nichts Genaues vorstellen, was das bedeuten soll.

Wann und wie soll sich diese Barmherzigkeit auswirken, und wie wird sie für uns erkennbar?

Es gibt Menschen, denen bereitet es keinerlei Probleme zu trennen zwischen dieser Welt und der, die wir zu erwarten haben. Andere sehen das anders.

Wer es glauben kann, daß seine Barmherzigkeit, die er in diesem Leben geübt hat, ihren Lohn in jener Welt finden wird, der soll es so glauben; das ist gut so. Andere Menschen können das so nicht akzeptieren. Sie glauben, daß der Lohn - Jesus nennt ihn das „Himmelreich“ - schon hier in dieser Welt, in unserem Leben wirksam werden soll. In der Tat hat Jesus auch gesagt, daß das Himmelreich schon in diese Welt, in dieses Leben hereinbrechen wird. Und er hat es selbst in diese Welt und zu den Menschen seiner Zeit gebracht!

An anderer Stelle - im Joh.-Ev. - wird uns im Zusammenhang mit der Blindenheilung berichtet, daß Jesus von sich sagt, er sei das Licht der Welt.

Das heißt auch, daß er uns die „Erleuchtung“ bringen will. Diesen Begriff kennen wir, denn wir sagen doch auch, daß uns „ein Licht aufging“, wenn wir einen Zusammenhang erkannt haben.

Wenn uns so die inneren Augen geöffnet werden, dann erkennen wir auch, daß das Wort Jesu kein Befehl mehr ist, sondern mehr eine Empfehlung mit Konsequenzen:

„Mit welcherlei Maß ihr meßt, wird man euch wieder messen.“

Solange wir nicht den richtigen Blick haben für die Realität, so lange werden wir auch immer wieder falsch reagieren auf das, was von außen auf uns zukommt, falsch agieren und damit unliebsame Reaktionen der anderen auf uns ziehen.

Der richtige Blick ist der, der uns klar erkennen läßt, ob wir unseren Mitmenschen richtig begegnet sind, ihnen in der richtigen Art entgegengetreten sind.

Es ist der Blick, der uns in dem anderen Menschen ein gleichberechtigtes Geschöpf Gottes erkennen läßt. So wie Jesus unser aller Bruder geworden ist, so sind wir durch ihn zu Geschwistern in seinem Namen geworden. Das zu erkennen und in unser tägliches Verhalten umzusetzen, ist Wesensmerkmal des richtigen Blickes, um den es in unserem Text geht.

Und wenn der Andere etwas anders sieht als wir, dann mag das mancherlei Ursachen haben, es muß ja nicht eine Störung seines Blickes sein, und erst recht nicht böse Absicht gegen uns.

Wenn wir unseren Balken aus unseren Augen ziehen, das Brett wegnehmen, das wir so oft vor dem Kopf haben, mit dem wir unsere Augen verdunkeln, wenn wir uns das durch Jesus wegnehmen lassen, dann wird uns manches klar werden. Wenn wir beim Fingerzeigen an die drei anderen Finger und auch an den Daumen denken, dann werden wir manche Erleuchtung bekommen. Die schenke uns Gott, der Vater, der uns seinen Sohn geschenkt hat, damit wir unseren Weg an ihm und seinem Licht orientieren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

Liedvorschläge:

EG 450

EG 428

EG 401,1+5+6

EG 157

Prädikant Martin Bender

Libellenweg 16

55128 Mainz-Bretzenheim


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