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Befreiung im Vertrauen auf Gottes Gnade

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 31.10.2003
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 31. Oktober - Gedenktag der Reformation (Reformationsfest)
Textstelle : Matthäus 5,2-10
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Wochenspruch:

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Korinther 3,11)

Psalm: 46,2-8 (EG 725)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 62,6-7.10-12
Epistel:
Römer 3,21-28
Evangelium:
Matthäus 5,1-10 (11-12)

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 362
Ein feste Burg ist unser Gott
Wochenlied:
EG 341
oder 351
Nun freut euch, liebe Christen g’mein
Ist Gott für mich, so trete
Predigtlied:
EG 303
Lobe den Herren, o meine Seele
Schlusslied:
EG 193
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

1 Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: 3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. 4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. 5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. 6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. 7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. 8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. [11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.]

Liebe Gemeinde!
Herzliches Beileid, ihr geistlich Armen, denn ihr habt in unserer Gesellschaft und in unseren Gemeinden nichts zu melden. Da sind die Sicheren gefragt, die auf alles eine Antwort haben und nicht die Ratlosen, die schwer an den offenen Fragen tragen, die auf die spöttische Frage: und wo ist nun dein Gott? auch nicht schnell antworten können.
Herzliches Beilleid, ihr Trauernden denn von euch wollen wir nichts wissen. Ihr seid uns unheimlich mit euren verheulten Gesichtern. Ihr erinnert uns unangenehm daran, dass sich der Tod nicht für immer verdrängen lässt.
Herzliches Beileid, ihr Sanftmütigen, denn ihr werdet immer mit leeren Händen dastehen. Warum lernt ihr auch nicht, mitzukämpfen um die besten Plätze? Warum lernt ihr es nicht, euer Problem zum Problem aller zu machen. Wer immer nur bescheiden anderen den Vortritt lässt, der steht am Ende eben dumm da.
Herzliches Beileid, ihr Gerechtigkeitsfanatiker – die ihr immer noch glaubt, dass es auf Erden gerecht zugehen könnte. Recht hat, wer die Macht hat, wer die Mehrheit hinter sich kriegt - wenn ihr das nicht versteht, ist euch nicht zu helfen.
Herzliches Beileid, ihr Barmherzigen, die ihr jedem helft und überall einspringt. Ihr merkt es gar nicht, wie eure Hilfe nichts ist als der ‚Tropfen auf den heißen Stein’.
Herzliches Beileid, ihr die ihr reines Herzens seid. Ihr seid die reinen Toren unserer Zeit, bestaunt und belacht und ihr passt nur in das Kuriositätenkabinett  aber nicht in die Welt der Erfolgreichen, in den Hörsaal oder in die Arztpraxis und schon gar nicht in das Parlament. Und auch in der Kirche werdet ihr wohl nur mit mitleidigem Kopfschütteln geduldet.
Herzliches Beileid, ihr Friedensstifter, die ihr euch immer wieder zwischen alle Stühle setzt und einem Traum nachjagt - werdet endlich Realisten, damit ihr in die Welt passt.
Herzliches Beileid, ihr Verfolgten - ihr habt niemand, der für euch schreit: für die Ermordeten im Libanon und in Südafrika, für die gefolterten in der UdSSR und in Indien, für die Misshandelten in den Zellen von Bautzen und in den Lagern von Äthiopien. Ihr passt nicht zu uns, die wir die Weltgesellschaft wollen, die vom wirtschaftlichen Wachstum träumen und die sich doch nicht mit solchen Fragen wie der Religionsfreiheit belasten können. Nein, für euch können wir unsere Stimmen nicht erheben.
Mein herzliches Beileid euch allen, denn euch ist nicht zu helfen. So muss es heißen in unserer Zeit, wenn es zeitgemäß klingen soll. So klingt es wahr, weil es so nahe dran ist an unserer Wirklichkeit, in der wir leben.
Und so müssen wir es wohl auch einmal sagen, damit wir das Ungeheuerliche der Seligpreisungen Jesu überhaupt hören: Die Jesus da selig preist: Mit denen ist kein Staat zu machen! Das sind nicht die Kandidaten für das nächste Bundesverdienstkreuz, das sind nicht die Kandidaten für die nächsten Führungspositionen in Kirche und Staat, in der Politik und in den Gewerkschaften. Die Jesus da selig preist, das sind zerbrochene Leute: zerbrochen an einer Welt, in der so vieles im Argen liegt, in der es eben viel mehr Fragen als Antworten gibt.
Sie sind zerbrochen an einem Leben, das ihnen viele Striche durch die Rechnungen gemacht hat, das sie oft mit leeren Händen und verwehten Wünschen hat stehen lassen. Sie sind zerbrochen an dem Versuch, sich selbst zu verwirklichen, sich selbst ins rechte Licht zu rücken vor Gott und vor den Menschen. Die Jesus da selig preist, denen ist oft genug das Heulen näher als das Lachen, das Verzagen als der flotte Spruch, der die Situation rettet. Die haben nicht so oft die Lacher auf ihrer Seite, sondern sind womöglich öfters das Opfer des schnellen Spruchs und der treffenden Ironie.
Zerbrochene Leute - die preist Jesus selig. Denn diesen zerbrochenen Leuten will er nahe sein. Dazu ist er in die Welt gekommen, damit er zu denen hintritt die geistlich arm sind, damit er zu denen hintritt, die unter der Trauer und dem Leid zu scheitern drohen, damit er zu denen hintritt, die einfältig genug alles von Gott erwarten.
Liebe Gemeinde, es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb Jesus solche Leute selig preist: Weil er ihnen nahe sein will, weil er ihnen der Heiland sein will, weil er zu ihnen sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr unter euren Alltagslasten zusammenklappt, die ihr nicht fertig werdet mit den Rätseln der Welt und mit den Fragen nach Gott - ich will euch erquicken.
Es ist doch nicht wahr, dass der Arme schon durch seine Armut Gott näher wäre - er kann genauso besessen sein von dem Gedanken an Besitz wie der Reiche. Es ist doch nicht wahr, dass der Trauernde schon automatisch seinen Halt in Gott sucht. Wir alle kennen doch die Trauernden, die ihren Trost anderswo suchen und sei es im Alkohol. Es ist doch nicht wahr, dass jeder, der für Gerechtigkeit und Frieden, einsteht, schon automatisch ein fröhlicher und glücklicher Mensch ist - einer, der auch Gerechtigkeit ausstrahlt. Wir alle kennen doch den verkniffenen Friedenstyp, bei dem man nach Abstand sucht.
Nein, Jesus preist nicht selig, weil da manche Leute in einer eben doch besseren Lebenslage sind. Sondern weil er in dieser Lage des Leides der nahe, der helfende Gottessohn sein will, darum preist er selig.
Darf ich daran erinnern: genau das ist die zentrale Entdeckung Martin Luthers: nicht irgendein protestantisches Prinzip der Gewissensfreiheit, sondern dieses Evangelium: in mein zerbrochenes Leben tritt Jesus Christus hinein und macht es durch sein Opfer vor Gott gerecht und gut. In mein zerbrochnes Leben, an dem kein Gutes mehr ist  nichts, was vor Gott Bestand haben könnte  tritt Jesus Christus hinein und schenkt mir sein Heil.
Das ist die Seligkeit, die Jesus schenkt und um deretwillen er selig preist: Du Mensch, der du vor Gott nur mit Trümmern eines Lebensentwurfes stehen kannst, der du vor Gott nur mit einem einzigen großen Schuldbekenntnis stehen kannst, der du vor Gott nur eingestehen kannst: Vater, ich habe gesündigt, ich habe deine Wohltaten empfangen und vertan - du Mensch bist dennoch mein Bruder  wenn du mich deinen Bruder sein lässt. Du darfst aus meinem Leben leben, wenn du mir deine Schuld übergibst. Du darfst in meiner Gnade ganz gewiss werden, wenn du dein Herz an mich hängst.
Das ist der tiefste Grund der Seligpreisungen, dass in ihnen Jesus sich selbst in das verlorene Leben von Menschen hineinspricht, dass er in ihnen uns sagt: Ich bin bei euch, wenn ihr mich nur bei euch sein lasst.
Darf ich Sie einmal fragen: Glauben Sie das? Dass Jesus in ihre geistliche Armut hineinkommt, in das Gebet, das Ihnen so schwer fällt, in das Lesen der Bibel, bei dem Sie so oft ratlos sind, in den Gottesdienst, aus dem Sie vielleicht wieder einmal leer nach Hause gehen? Glauben Sie das, dass er Ihre Trauer teilen will? Glauben Sie das, dass er Ihnen auch da nahe sein will, wo andere Ihre Einfalt belächeln, wo sie nicht up-to-date sind, wo Ihre naive Bitte um Frieden Heiterkeit auslöst? Da, wo wir ihn in diesen Lebenssituationen in unsere Nähe rufen, da erfahren wir auch die Wahrheit hinter den Seligpreisungen.
Und doch: gerade da, wo wir das erfahren, wird es uns auch aufgehen: „Das kann nicht alles gewesen sein.“ Jesu Wort wird schon hier erlebt  aber es weist über die Zeit hinaus. Es ist nicht umsonst, dass hier die Zukunftsform steht: wir machen schon hier die Erfahrung der Nähe Jesu im Glauben, und diese Erfahrung lässt zugleich in uns den Wunsch aufbrechen nach dem Reich Gottes. Diese Erfahrungen in einzelnen Lebenssituationen weisen auf ihre Erfüllung hin  auf die Erfüllung im Reich Gottes, in dem Reich, in dem kein Leid und kein Geschrei, kein Schmerz und kein Krieg, keine Ungerechtigkeit und kein Unglaube mehr sein wird. Daraus erwächst dann auch dieser unbegreifliche Vers, den Martin Luther gesagt hat  und den man wohl nur begreifen kann, wenn man die Seligpreisungen der Zerbrochenen ernst nimmt:
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
lass fahren dahin,
sie haben’s kein Gewinn
Das Reich muss uns doch bleiben.
Das ist kein Trutzgesang, sondern das Wort der Glaubensgewissheit, die aus der erfahrenen Nähe Jesu Christi erwächst. Diese Gewissheit dürfen auch wir für unser Leben erbitten. Amen.

Verfasser: Pfr. Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

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