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Heilung an Leib und Seele

von Martina Hofmann-Becker (63225 Langen)

Predigtdatum : 29.10.2000
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 19. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Jakobus 5,13-16
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Wochenspruch:

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
(Jeremia 17,14)

Psalm: 32,1-5.10-11 (EG 717)

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 34,4-10
Epistel:
Epheser 4,22-32
Evangelium:
Markus 2,1-12

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 398
In dir ist Freude
Wochenlied:
EG 320
Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren
Predigtlied:
EG 374
oder EG 631
Ich steh in meines Herren Hand
In Gottes Namen wolln wir finden
Schlusslied:
EG 216
Du hast uns Leib und Seel gespeist

Hinführung:
1. Der Jakobusbrief zählt zu den 7 kath. (=allg.) Briefen am Ende des NT. Trotz seines briefartigen Ansatzes ist er eigentlich kein Brief. Es geht hier weniger um die Entfaltung oder Verteidigung von Lehren wie in den Paulus-Briefen, sondern um Mahnung zur tatkräftigen Verwirklichung des Evangeliums.
Weithin wurde die reformatorische Kontroverse anhand des Römer- und des Jakobusbriefes zwischen den beiden Kirchen ausgetragen. Luther vermisste im Jakobusbrief die Rechtfertigungsbotschaft, wie sie Paulus bezeugt und nannte ihn deshalb mit seinen Forderung nach Werken, die den Glauben bezeugen ( Werkgerechtigkeit) eine “stroherne Epistel”, die nicht “Christus treibet”. Er verschob kurzerhand den Jakobusbrief, der im Urtext vor dem 1. Petrusbrief steht, an die vorletzte Stelle der Briefe des NT. In katholischen Bibeln und der Einheitsübersetzung steht der Jakobusbrief weiterhin an der alten Stelle.
Aus heutiger Sicht stellen die zentralen Aussagen aus Römer 3,28 (“allein durch den Glauben”) und Jakobus 2,14 (“was hilft‘s, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke aufzuweisen?”) keine Gegensätze mehr dar. Wird doch unsere Glaubwürdigkeit heute mehr denn je an unseren Werken gemessen.
2. Der Predigttext als solcher ist für den Zuhörer anschaulich, leicht verständlich und bedarf keiner großen Aufschlüsselung. Er spricht für sich selbst. Die Schwierigkeit der Verkündigung liegt an ganz andere Stelle: Diese “urchristliche Seelsorge” ist von unseren eigenen Gemeindeverhältnissen denkbar weit entfernt. Wie kann ich dem heutigen Gottesdienstbesucher(!), der weitgehend am Geschehen unbeteiligt ist/bleibt, vermitteln, dass diese Botschaft des Jakobus nicht altmodisch, sondern eben ur-christlich - und damit brandaktuell ist?
3. Ich persönlich bin zutiefst überzeugt von der “Heil-samkeit” der Ratschläge, die Jakobus den Gemeindegliedern ans Herz legt: Beten statt Pillen, Beichten statt Psychotherapie, Zuwendung und Salbung statt Krankengymnastik - das scheint mir für moderne Menschen eine durchaus nachdenkenswerte Alternative.
Um nun nicht belehrend oder gar moralisierend zu wirken, bin ich in die Rolle einer alten Dame geschlüpft, die das ent-deckt, was mich selbst an diesem Text so begeistert. Ich lasse sie einen fiktiven Brief an Martin Luther schreiben und mit diesem tüchtig schelten.
4. Wem dies zu eigen-artig ist oder die Briefform zu befremdlich, der findet im vorgegebenen Text eine Fülle Predigtstoff über Gebet, Heilung, die befreiende, aufrichtende Kraft der Beichte und den hohen Stellenwert der Fürbitte der Gemeinde, die die Kranken aufrichtet. Ebenso zentral ist die freundliche Mahnung des Jakobus, sich helfen zu lassen und Vergebung auch wirklich anzunehmen.
Aber Vorsicht vor Belehrung!, die Falle ist bei diesem Text groß. Die Predigt soll Lust zu eigenem Handeln machen, Raum für Veränderung und Neuanfang öffnen.
5. Zu Erläuterung:
Mit dem Öl in V.14 sind keine sakramentalen Vorstellungen verbunden. Es dient hier nicht der Bereitung zum Sterben, sondern der Genesung. Zum Wort gehört ein Zeichen, ein Heilmittel. Das kath. Sakrament der “Letzten Ölung” wird allerdings von dieser Stelle hergeleitet (vgl. auch Mk. 6,13).
Der “Gerechte” ist nach Luther der, der richtig vor Gott steht, der alles von Gott, nichts aber von sich erwartet.

Lieber Martin Luther,
heute Abend drängt es mich, dir zu schreiben. Verzeih, aber “wess‘ das Herz voll ist, des geht der Mund über.” Und um es freiweg heraus zu sagen - ich muss mit dir streiten!
Und weißt Du auch, warum? Eben schlage ich meine Bibel auf, denn morgen will ich zum Gottesdienst gehen. Und da habe ich es mir angewöhnt, am Samstagabend schon einmal mein Losungsbüchlein zur Hand zu nehmen und nachzuschlagen, welcher Predigttext denn für den Sonntag vorgesehen ist. Weißt du, oft schweife ich während der Predigt mit meinen Gedanken ab und kann dann nicht mehr richtig folgen. Da ist es gut, wenn ich auf das Thema schon ein bisschen eingestellt bin.
Jedenfalls: Beim Lesen der für morgen vorgesehenen Stelle des Jakobusbriefes ist mir so richtig warm ums Herz geworden! Ach Luther, ja, so müssten wir Christen wieder miteinander umgehen lernen. Miteinander und mit uns selbst - dann ginge es uns allen besser. Wo Kranke so liebevoll hineingenommen werden in die Mitte der Gemeinschaft, da können fürbittende Gebete freilich Heilsames bewirken. Es schwingt so viel Güte und Herzlichkeit mit in diesen Schlussworten des Jakobusbriefes, ich komme geradezu ins Schwärmen. Aber lies doch selber:
13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Ist das nicht wunderbar, lieber Doktor Martinus? Jakobus ermuntert die Gemeinde, liebevoll und herzlich miteinander umzugehen. Seid einfach natürlich und frei, sagt er, bringt Eure Gefühle vor Gott, gerade so, wie es um Euer Herz bestellt ist: Wenn ihr Leid tragt, gebt der Trauer Raum. Wenn Ihr fröhlich seid und Euer Herz überfließen will vor Freude, so singt Psalmen. Seid einfach und ohne Scheu so, wie ihr in eurem innersten Herzwinkel eigentlich sein möchtet.
Euer Gebet sei von herzlicher Offenheit, vor allem eure Fürbitte für die Kranken unter Euch. Tut ihnen nach Leib und Seele wohl. Das wird sie aufrichten.
Vor allem aber helft ihnen, dass sie frei werden von Schuld, dass sie aussprechen, was sie niederdrückt und belastet.
Bekennt eure Schuld voreinander ohne Falsch, ohne Beschönigung oder Erklärung. Sprecht sie einfach offen aus, seid einander Beicht-Geschwister. Lasst sie nicht die unverdauten Brocken im Magen liegen. Das macht euch nur krank. Helft einander dabei und bittet Gott gemeinsam um Vergebung. Und Gott wird vergeben und die Kranken wieder aufrichten. Das hat er zugesagt.
Traut Euren ehrlich vor Gott gebrachten Gebeten zu, dass sie große Wirkung haben.
Und solche im wahrsten Sinne wohl-tuenden, heil-samen Worte nennst du “stroherne Epistel”, die nicht “Christus treibet”, lieber Luther! Nur, weil der Jakobus von einem Glauben ohne Werke nicht viel hält. Hat der da nicht recht? Musstest du deshalb den Jakobusbrief gleich an die hinterste Stelle der Bibel verbannen? Also mir tun diese Worte von Herzen gut, so gut, dass ich es wage, mit dir zu schelten, obwohl mir das wahrhaftig nicht zusteht. Denn ich bin eine alte Frau und nicht so studiert wie du, geschätzter Herr Reformator. Auch ist der Rat der Ältesten heute längst nicht mehr so selbstverständlich gefragt wie damals, als Jakobus diesen Brief geschrieben hat. Im Gegenteil, wir Alten müssen uns heute in den Gemeinden sehr zurücknehmen, wenn wir den Jungen Raum lassen wollen, an ihrer Kirche zu bauen. Und trotzdem bitte ich Dich: Überlege dir das noch mal mit der “strohernen Epistel”. Und schau, ob da nicht eher Rosen blühen wollen.
Am kommenden Dienstag feiern wir wieder den Jahrestag deines Thesenanschlags, lieber Luther, das Reformationsfest. Längst hat die Kirche die Macht verloren, gegen die du damals so gewettert hast. Nein, unsere heutige Kirche kann und will es sich leisten, sich selbst und ihre Lehre immer wieder vor dem Spiegel der Geschichte in Frage zu stellen. Diese Suche nach der Wahrheit und den Spuren Gottes in unserem Leben in einer “ecclesia semper reformanda”, einer sich stets erneuernden Kirche in einer sich wandelnden Welt - das ist unser evangelisches Selbstverständnis geworden, lieber Luther. Und darauf dürfen wir bei aller kritischen Wachsamkeit ein bisschen stolz sein. Meinst Du nicht auch?
Nur – diese Kirche kann den Menschen keine Heimat mehr schenken. Die Mühseligen und Beladenen finden im Glauben nicht mehr die Zuversicht und Bestärkung, nach der sie suchen. Und der Sternenhimmel hat seine schützende Geborgenheit verloren.
Ohne Vertrauen in Gott und seine Bewahrung, ohne die Aufrichtung und Bestärkung durch eine Gemeinde, die dieses Geborgenheit im Glauben miteinander teilt, möchte ich mir mein Leben nicht vorstellen müssen. Und genau das lese ich aus diesen wenigen Zeilen dieses Jakobusbriefes heraus. Sie tun mir von Herzen gut und sind keinesfalls veraltet oder gar “strohern”, wie du behauptest.
Aber wie solltest Du auch ahnen, lieber Martin Luther, wie dringend wir heute, am Beginn des dritten Jahrtausends, solche wärmenden und heilsamen Worte des Jakobus wieder brauchen! Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig geworden.
Schau, es mangelt uns an nichts in Deutschland im Jahr 2000. Im Gegenteil, manchmal scheint es mir fast, als wären wir nur damit beschäftigt, unseren Überfluss zu verwalten: Wir haben genügend zu essen, sind warm und sicher in unseren fest gebauten Häusern. Jedes Kind darf lesen und schreiben lernen. Längst hat jeder seine gedruckte Bibel im Schrank stehen. Und noch viele andere Bücher dazu, das kannst Du dir wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Alles Dinge, von denen du und deine tapfere Käthe nicht zu Träumen gewagt hätten...
Und doch ist es kalt geworden in unserer Welt.
Gegen die äußere Kälte können wir uns recht gut schützen. Wir müssen nur an einem Ventil drehen - schon ist es warm in unser guten Stube.
Der zunehmenden inneren Kälte dagegen scheinen wir fast hilflos ausgeliefert zu sein. Wir haben gedruckte Zeitungen, lesen und reden viele Wörter, ja, wir schicken sie uns gar auf elektronischem Wege zu, damit sie uns noch schneller und umfangreicher erreichen. Aber die Inflation der Wörter scheint das Wort fast erstickt zu haben.
Wir können heute mit Hilfe der modernen Medizin viele Krankheiten in den Griff bekommen. Wahrscheinlich müsstest Du heute nicht mehr am Sterbebett deines geliebten Lehnchens stehen. Nein, das haben wir alles bestens im Griff.
Nur so richtig fröhlich, ausgelassen und lebendig, das sind unsere Kinder heute immer seltener. Und dagegen scheint kein Kraut gewachsen. Zumindest keines, das wir sehen und pflücken wollten... Oder doch?
Sollte das Heil-mittel etwa nicht in der Apotheke um die Ecke zu kaufen sein – sondern in uns selbst zu finden sein? Oder zum Beispiel in diesem Jakobusbrief ?
Hast du denn gar nicht gemerkt, lieber Luther, wie viel Selbstheilungskräfte Jakobus der Gemeinde zuspricht und ihr auch zutraut ? “Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.”
Jakobus jedenfalls hat keinerlei Zweifel daran, dass Gebet und herzliche Zuneigung viel Heil-sames bewirken wird. Kann es sein, dass wir modernen Menschen das einfach verlernt haben, was Gott uns zutraut? Dass wir den medizinischen Apparaten mehr zutrauen als unserer Mit-Menschlichkeit?
Also, lieber Luther, damit du Bescheid weiß: Ich werde heute Nacht ganz fest darum beten, dass sich am morgigen Sonntag möglichst vielen Menschen der Jakobusbrief so reich erschließt wie mir heute Abend. Und dass sie nicht nur mit ihren Ohren hören, sondern mit ihren Herzen wieder neu erfahren, wie heil-sam wir Menschen füreinander sein dürfen und können.
Und nichts wird mich davon abbringen, an die Wirkung meines Gebetes zu glauben. Habe ich doch es doch selbst heute wieder ganz neu erfahren dürfen: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Amen.

Verfasserin: Prädikantin Martina Hofmann-Becker, Edith-Stein-Str.50, 63225 Langen

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