Menü

Liebe mutet neue Weg zu

von Joachim Justus Breithaupt (Ostramondra)

Predigtdatum : 25.10.2015
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 20. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Matthäus 5,38-48
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Römer 12, 21)

Psalm: 119, 10-15

Lesungen
Altes Testament: Jeremia 29, 1.4 - 7. 10 - 14

Epistel: Epheser 6, 10 - 17

Evangelium: Matthäus 5, 38 - 48

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 166, 1 - 4 Tut mir auf die schöne Pforte
Wochenlied: EG 136, 1 - 4 O komm du Geist der Wahrheit
Predigtlied: EG 413, 1 - 5 Ein wahrer Glaube …
Schlusslied: EG 168, 4 - 6 Wenn wir jetzt weitergehen

Predigt

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist »Auge um Auge, Zahn um Zahn«.
39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.
41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.
45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?
47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?
48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.


Liebe Gemeinde,

wir haben soeben einen Abschnitt aus der Bergpredigt gehört. Haben Sie dabei auch das Empfinden, dass da Verständliches und Unverständliches dicht beieinander liegen?

Dazu soll Mark Twain einmal gesagt haben:
"Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Ich für meinen Teil muss zugeben, dass mich gerade diejenigen Bibelstellen beunruhigen, die ich verstanden habe."


Wie ist das nun mit dem Verstehen und Nichtverstehen in der Bibel?
Dass Bibelstellen missverständlich gemacht werden können, indem ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen wird, zeigte im Frühjahr in einer Fernsehdiskussion zum Thema „Gewalt und Religionen“ eine bekannte deutsche Politikerin. Sie sagte: „Auch in der Bibel wird zu Gewalt aufgerufen, z. B.: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“".

Aber hier hat sie nur etwas nicht verstanden, was sich noch leicht auflösen lässt:
Jesus zitierte hier aus der Gesetzgebung des 2. Buch Moses. Beim genauen Anschauen dieser Bibelstelle und im Gesamtzusammenhang der Bibel betrachtet, wird hier nicht zu Gewalt aufgerufen, sondern zu Gerechtigkeit. Und zwar mit dem Ziel, übermäßige Gewalt bei Rache, bzw. bei der Wiederherstellung von Gerechtigkeit, zu verhindern. Dabei lässt sich in der Bibel ein interessanter Weg verfolgen: Gleich im 4. Kapitel der Bibel erschlägt Kain seinen Bruder Abel. Dafür wird er von Gott bestraft mit einem unstetigen Leben, ohne Heimat. Kain bittet Gott um Schutz, dass ihn niemand tötet, der ihn hilflos findet. Und Gott stellt ihn unter einen kräftigen Schutz, indem er ihm zusagt: „Wer dich totschlägt, soll siebenfach gerächt werden.“ So wurde es üblich, Verbrechen mit sehr hohen Strafen zu belegen.

Im Gesetz des Mose wird dieses hohe Strafmaß abgemildert: nicht siebenfach, sondern nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es wird also nicht zu Gewalt aufgerufen, sondern im Gegenteil: Gewalt wird eingedämmt. Es geht um Gerechtigkeit. Eigentlich wäre das ganz im Sinne der Bundespolitikerin gewesen. Was sie also missverstanden hat, lässt sich leicht aufklären. Dieser Beitrag in jener Talkshow hatte sein Gewicht darin, dass Gewalt heut in unserer Öffentlichkeit allgemein geächtet wird.
Aber vom Grundsatz her ist Gewalt nicht nur negativ. Es gibt die schützende Gewalt. Das zeigt uns unsere Gesetzgebung. Stellen Sie sich nur vor, in der Straßenverkehrsord-nung würden keine Strafen mehr angedroht. Es gäbe dann mit Abstand mehr Unfälle und Rowdytum, als es dies ohnehin schon gibt. Erst die angedrohte Gewalt in Form von Strafen, gibt der StVO ihre Kraft. Einsicht allein reicht nicht aus.

Weil es nun diese schützende Gewalt gibt, wird es jetzt wirklich unverständlich: In unserem Predigttext geht Jesus noch weiter als Mose: also nicht nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sondern: „rächt euch überhaupt nicht, statt dessen: ertragt das Unrecht, kommt denen, die euch Unrecht tun auch noch entgegen.“ Und dann folgen die bekannten Sprüche mit der linken und rechten Backe und wer dir etwas raubt, dem gib noch dazu, wer dich zu Hilfeleistung zwingt, tu mehr, als von dir erwartet wird und verborge immer, wenn dich jemand darum bittet.

Jesus sagte: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch verfolgen …“ Das Unverständliche an diesen Forderungen ist: die Welt funktioniert so nicht!

Wenn dem Bösen kein Widerstand entgegen gebracht wird, zerstört das Böse die Welt. Wenn die Welt 1939 nach diesen Bibelworten gehandelt hätte, und Hitlerdeutschland keinen militärischen Widerstand entgegengesetzt hätte, würden wir heute in einer faschistischen Diktatur leben, oder im KZ oder getötet.

Wenn Martin Luther King nach diesem Bibelworten gehandelt hätte: „Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei“, dann gäbe es noch heute die Rassentrennung in den Südstaaten der USA. Stattdessen rief er zum Widerstand auf – zum gewaltlosen zwar - aber zum Widerstand! Es ging ihm darum, das Unrecht nicht mehr zu ertragen.

Auch Mahatma Gandhi rief in Indien zu Widerstand auf, auch gewaltlos, aber zum Widerstand und nicht zum Ertragen des Unrechts der britischen Kolonialmacht – und Indien wurde schließlich selbständig.

Der Sohn eines Kollegen von mir wurde in der Grundschule immer wieder gehänselt und geschubst. Ein Onkel des Jungen hat begonnen mit ihm zu trainieren und ihm einfache Verteidigungsgriffe beizubringen. Er begann sich zu wehren, das brachte ihm Respekt und er wurde seitdem in der Klasse akzeptiert. Mit der wörtlichen Anwendung der Bergpredigt wäre ihm das nicht gelungen.


Wer kann hier die Bibel verstehen?
Viel ist darüber geschrieben worden, wie die Bergpredigt richtig auszulegen ist. Wenig hat mich wirklich überzeugt. Zwei Aspekte aber will ich nennen, unter denen ich mit der Bergpredigt leben kann.

Zum Einen wird es immer wieder einzelne Menschen geben, die sich von Jesu Worten direkt angesprochen fühlen. Sie werden dann den persönlichen Eindruck haben: „Das will mir Jesus jetzt sagen. Das will ich jetzt auch so tun.“ Es ist kein Prinzip für die Gesellschaft oder für eine Gruppe. Jesus selber hat so gehandelt, als er „seinen“ persönlichen Weg ans Kreuz ging.

Zum Anderen: Mit der Bergpredigt will Jesus uns möglicherweise eine grundlegende Gesinnung geben, mit der wir dann im Leben mit oder ohne Gewalt schützen und Widerstand leisten können.

Beispielsweise ist es etwas anderes, wenn Eltern ihren Kinder Grenzen setzten aus Wut und Unbeherrschtheit oder mit Verständnis und Mitleid.
Polizisten müssen zur Aufrechterhaltung der Ordnung auch Gewalt anwenden. Es ist etwas anderes, wenn sie das tun mit der inneren Haltung, dem Täter im Grunde nichts Böses zu wollen oder endlich einen guten Grund zu haben, mit aller Härte vorgehen zu können.

Ein Richter, der mit Wut und Hass ein Urteil fällt, ist ein anderer, als ein Richter, der mit Mitleid für den Angeklagten sein Urteil spricht.


Wie kann man nun seine Feinde lieben, wie es Jesus im Predigttext fordert?
Auch hier geht es um eine grundsätzliche innere Haltung. Es gibt Feinde. Es gibt Menschen, die mir Böses wollen. Und vor einem Feind muss ich mich schützen. Aber dabei muss ich nicht selber zu einem Feind werden, indem ich beginne zu hassen.

Denn auch mein Feind ist trotz seiner Bosheit oder Fehler geliebt von Gott. Gott will nicht, dass ich Menschen, die er liebt, hasse, auch nicht, wenn sie meine Feinde sind. Und wenn er sie liebt, wünscht er es sich von uns auch.

Meinen Feind zu lieben heißt nicht Gefühle zu produzieren. Ich muss ihn auch nicht zu meinem Freund machen. Aber ich kann für ihn beten und wenn es sich ergibt ihm auch Gutes tun.

Das ist nicht leicht. Ich denke, wir haben ein Leben lang zum Üben zur Verfügung. Ich finde das schon sehr herausfordernd, wie Jesus sagt: „wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?“ Das tun die Bösewichte auch. „Ihr aber sollt vollkommen sein.“

Nur allein zu dem „Nächsten“, zu denen, die ich sowieso mag, freundlich sein, so wie es schon im Alten Testament steht – das ist nichts Besonderes. Das ist leicht. Das geht fast von alleine. Jesus aber fordert uns heraus zu der inneren grundsätzlichen Einstellung, zu allen Menschen gut zu sein; auch zu den Unangenehmen. Das will er bei uns entwickeln.

Übrigens, dass man Feinde hassen soll, wie wir es im Predigttext gehört haben, das steht nirgendwo in der Bibel. „Du sollst deinen Nächsten lieben“, steht im 3. Buch Mose. „… und deinen Feind hassen“, findet sich nicht in der Stiftungsurkunde unserer Religion.

Wenn Jesus sagte: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist“ zeigt sich darin, dass sich etwas in den Glauben eingemischt hat, sich etwas neben Bibelworte stellt, als wäre es selber eines, das aber nirgends in der Bibel steht. So hat sich auch manches in der Kirche eingeschlichen, das nirgendwo in der Bibel steht und wo man dachte, es wäre gottgefällig. Ich denke dabei an alle hasserfüllte Gewalt, die durch die Kirche befürwortet ist: Judenverfolgungen, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Inquisition. Nein, das will Gott nicht. Die Predigt, dass Sünden vergeben werden durch Spenden, Schenkungen, oder Teilnahme an Pilgerreisen und Kreuzzügen oder durch Selbstbestrafungen und auferlegten Bußübungen - sind Lügen, die sich eingeschlichen hatten in unseren Glauben. Soviel zu einem kurzer Blick in die Kirchengeschichte. Schauen wir aber nicht auf andere, sondern auf uns.

Was ich am heutigen Predigttext nicht so richtig verstanden habe ist das Verhältnis von Widerstand und Ertragen von Unrecht. Mal sehen, was sich da noch entwickelt an Verständnis.

Verstanden habe ich, dass auch Menschen, die definitiv Böses tun, von Gott geliebt sind. Und er wünscht sich von mir eine positive Grundeinstellung zu ihnen. Da habe ich zu tun, ganz in dem Sinn, wie Mark Twain es gesagt hat: „Ich für meinen Teil muss zugeben, dass mich gerade diejenigen Bibelstellen beunruhigen, die ich verstanden habe."

- nochmaliges Vorlesen des ganzen Predigttextes -

Amen

Verfasser: Pfarrer Joachim Justus Breithaupt
Bahnhofstraße 4, 99636 Ostramondra


Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de
Die „Predigtvorschläge“ sind auch auf CD-ROM (Text- und MS WORD-Datei) erhältlich (Bestellformular).