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Menschliches Miteinander

von Erwin Hofmann (36341 Lauterbach)

Predigtdatum : 17.08.1997
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 12. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Markus 7,31-37
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Wochenspruch: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jes 42,3)

Wochenlied: EG 289

Weitere Liedvorschläge: EG 303; 72; 320; 620

31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. 32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, daß er die Hand auf ihn lege. 33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und 34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. 36 Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. 37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Liebe Gemeinde!

Jesus und seine Jünger kommen zurück von einer langen Reise zu Fuß ins Ausland. Bei den syrophönizischen nördlichen Nachbarn Israels sind sie gewesen, weil Jesus einmal die Ruhe erfahren wollte, die Ruhe vor dem ständigen Gefragtsein in seinem eigenen Volk, vor dem Gefragtsein als Messias wie vor dem Gefragtsein als Wunderheiler.

Das wollen wir alle irgendwann erleben, daß die täglichen Anforderungen unseres Berufes, unserer Stellung einmal von uns abfallen, daß wir als Menschen ganz einfach wir selbst sein dürfen. Deshalb fahren wir in den Urlaub, dahin, wo uns niemand kennt. Und dabei wollen wir natürlich auch Menschen kennenlernen, deren Art und Leben uns seither fremd gewesen ist. So kehren wir jetzt aus dem Urlaub zurück oder wir sind in Ferien.

Sie sind auf dem Rückweg, noch im heidnischen Gebiet der „10 Städte“, da fällt noch einmal, wie bereits zu Anfang dieser Reise, die Erwartung der Menschen über ihn her. Sie glauben zwar nicht an den Gott Israels, aber sie haben von dem gehört, in dem manche Israeliten den Sohn ihres Gottes Gottes sehen.

Sie haben über die Grenzen hinweg vernommen, daß der nicht allein überzeugend zu predigen versteht, sondern daß er den Menschen auch hilft in ihren Nöten der Seele und des Leibes. So bringen sie den Taubstummen zu ihm, dem in seinem eigenen Volk und in seiner eigenen Glaubensgemeinschaft niemand zu helfen vermochte. Vielleicht kann dieser Fremde etwas ausrichten.

Was oder wer „nicht weit her“ ist, von dem erwarten wir nicht viel. Der Fremde fasziniert. Die Wunderheiler von den Philippinen sind manchem Europäer interessanter und verheißungsvoller als die traditionelle Kunst der Ärzte im Abendland. Je exotischer die Methoden, desto größer ist die Erwartung. So machen wir das auch.

Aber wer wendet sich in seinen Nöten noch an den Exoten aus dem Vorderen Orient, an Jesus von Nazareth? - Wie man das tun soll?

Man kann doch zu ihm sprechen, kann ihn anreden in Gebeten und ihm in der Haltung der Erwartung gegenübertreten. Jesus hat Übung darin, mit Menschen umzugehen, die ihn nicht hören, nicht verstehen können. Er berührt die Ohren, jene für den Gehörlosen seither nutzlosen Organe und macht ihm damit klar: hier soll dir etwas geschehen.

Mit dem Finger tippt er an die eigene Zunge, an das Organ, mit dessen Hilfe er deutlich akzentuiert zu sprechen vermag, und dann geht er mit demselben Finger an die Zunge des armen Menschen, den er vor sich hat. Da weiß der: wie er sprechen kann, so soll auch ich sprechen!

Diese augenfällige und zu spürende Verständigung ist nicht alles. Jesus nimmt auch noch zu einem anderen Kontakt auf, er blickt zum Himmel und er sagt in seiner Sprache, die diesem Heiden fremd ist, die auch uns fremd ist: „Ephata“ - tu dich auf!

Ist das ein fremdartiges Zauberwort, das wir auch einmal in einer Situation versuchen sollten, in der uns ein Mensch partout nicht verstehen will? Nein, die zuvor geschilderte Methode Jesu ist besser. Man muß seinem Gegenüber erfahrbar machen, was man ihm helfen will und kann. Klappt die Verständigung über Sprache nicht, dann hilft die Gebärde weiter. Das kennen wir doch auch von unserem Umgang mit Ausländern her, die unserer Sprache nicht mächtig sind. Und wenn sie gar spüren, wir geben ihnen etwas von uns selbst, dann läßt das gegenseitige Verstehen nichts zu wünschen übrig. Kann es nicht sein, daß das gegenseitige Verstehen unser eigentliches Problem miteinander ist, ob wir nun die gleiche Sprache sprechen oder nicht.

Der Erfolg gibt Jesus recht. Ungeheuerlich ist dies, daß ein Mensch, der seither gar nicht geredet hat, auf einmal „recht“ sprechen kann. Das ist nicht dieses mühsame Ausformen der Worte, wie es unsere Taubstummen in den.Schulen lernen, die für sie eingerichtet sind, nein, er redet richtig und er hört! Er kann vernehmen, was die Leute ihm mitteilen wollen.

Wir, die wir das gewöhnt sind, wissen oft gar nicht, welch großes Geschenk uns mit der Sprache gegeben ist. Sprache schafft Verstehen und wenn wir sagen: „mit dem spreche ich nicht mehr“, dann wollen wir ihn nicht mehr verstehen, dann wollen wir mit ihm nichts mehr zu tun haben. Und das ist schlimm.

Wie groß und schön aber ist die gegenteilige Erfahrung: daß ein Mensch zum Reden kommt, daß er sein Herz einmal ausschütten kann und sich „alles von der Seele redet“, was ihn bedrückt hat. Da ist der, der zuhören darf und der das kann, ebenso beglückt wie der andere, der sein Herz ausschüttet. Wie gut ist es wenn wir sagen können: „mit dem kann ich reden“ oder auch: „mit mir spricht der“.

Jesus hat einem Menschen geholfen, aber er will nicht, daß davon ein großes Wesen gemacht wird. Er will auch im fremden Land nicht als der Wundermann bekannt werden, von dem sie schließlich alle einmal eine Wundertat sehen möchten. Vielleicht ist diese Zurückhaltung und Bescheidenheit auch ein Grund dafür, daß die Leute erstaunen. „Er hat alles wohl gemacht“ - von wem kann man das schon sagen? Der Sohn Gottes verbirgt sich hinter seinen Taten. Dem aber wird er offenbar, der vom Leiden seiner behinderten Existenz befreit ist.

Wer von uns hört es nicht gern, wenn er gelobt wird? Wenn die Leute sagen, wir hätten eine Sache ganz hervorragend gelöst, dann sind wir froh und zufrieden. Wir sind durch den Ruhm alle verführbar. So sagen wir auch: “Ehre, wem Ehre gebührt“. Und wir denken, daß jede Arbeit nicht nur ihres Lohnes, sondern auch ihrer Anerkennung wert ist.

Auf der anderen Seite berührt es auch uns angenehm, wenn wir es mit jemand zu tun haben, der über der Abhängigkeit vom Lob der Leute steht. Recht frei ist, wer nicht zu schielen braucht nach dem Lob seiner Umgebung. Manchmal wünschen wir uns, solche Freiheit zu haben.

Aber sind nicht gerade die Dinge des menschlichen Miteinanders, um die es hier geht, solche, die im Stillen und Verborgenen am schönsten blühen? Wenn Christus uns solche Freiheit gibt, dann dürfen auch wir sagen: Er hat alles wohl gemacht. Amen.

Herr, höre unser Bitten wenn wir dich anrufen um offene Augen und Ohren, daß wir sehen und hören wo und wie Menschen auf uns warten. Gib uns die Geduld, zuzuhören wenn einer uns sein Herz ausschütten möchte. Gib uns Verständnis wenn einer seine Schwierigkeiten vor uns ausbreitet. Laß uns bescheiden bleiben wenn uns Vertrauen geschenkt worden ist, daß unsere Eitelkeit nicht plaudert, wo wir schweigen sollten.

Wenn wir aber selbst ein Ohr brauchen, das uns zuhört, ein Herz das uns versteht, so laß uns die richtigen Menschen finden, durch die du selbst, Herr Jesu Christe, zu uns sprichst. Laß uns das Herz leicht werden über der Erfahrung, daß wir in der offenen Aussprache vieles bereinigen können, das sich trennend zwischen uns und andere Menschen gelegt hat. Herr, laß dies Wunder unter uns zu neuer Wirklichkeit werden, daß alles Verfahrene wieder gut werden kann weil du selbst die Tauben hören und die Stummen reden machst. Amen.

Pfr. Erwin Hofmann

Baumgartenweg 11

36341 Lauterbach


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