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Versprechen unseres Herrn

von Hansjürgen Günther (64342 Seeheim-Jugenheim)

Predigtdatum : 19.05.1997
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Pfingstmontag
Textstelle : Matthäus 16,13-19
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Wochenspruch: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach. 4,6)

Wochenlied: EG 125 oder 129

Liebe Gemeinde,

das Ende kündigt sich an: bevor Jesus seinen Leidensweg antritt, möchte er wissen, woran er ist mit seinen Jüngern. Er zieht sich mit ihnen in die Gegend von Cäsarea Philippi zurück, dorthin, wo der Jordanfluß entspringt. Die Gegend war übersät mit 14 Baalstempeln, syrische und griechische Götzen wurden hier verehrt. Vor allem der Hirtengott Pan. Außderdem gab es hier einen großen weißen Marmortempel, den Herodes für den römischen Kaiser hatte errichten lassen.

Also, in dieser Gegend, die gesättigt war vom Atem alter Religion und fremder Götter, gerade hier will Jesus von seinen Anhängern wissen, für wen sie ihn halten. Jesus will wissen, ob einer von ihnen nur entfernt begriffen hatte, wer und was er war. Nicht direkt fragt er sie. Zunächst erkundigt er sich nach der Meinung der Leute über ihn. Erst danach fragt er, für wen sie ihn halten.

Manche halten ihn für Johannes den Täufer, erfährt er. Herodes Antipas war keineswegs der einzige, der sich der Größe Johannes des Täufers bewußt war und daher befürchtete, daß er von den Toten zurückkehren könne.

Andere sagen, er sei Elia. Bis heute warten die Juden auf die Rückkehr des Elia als des Vorläufers des Messias. Bis heute noch lassen sie beim Passahmahl einen Platz für Elia frei. Denn wenn Elia kommt, ist der Messias nicht mehr fern!

Wieder andere sagen, Jesus sei Jeremia. Auch Jeremia sollte ein Vorläufer des kommenden Messias sein und seinem Volk in der Zeit der Not beistehen (2. Makk. 15, 1 - 14!).

Nachdem Jesus gehört hat, was im Volk über ihn gemunkelt wird, stellt er die entscheidende Frage: „Wer sagt denn ihr, daß ich sei?“ - Danach mag sehr wohl einen Augenblick Stille geherrscht haben, während den Jüngern Gedanken kamen, die zu äußern sie kaum wagten. Und dann bekennt Petrus, was er erkannt hat: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ - Messias und Christus bedeuten dasselbe. Einmal handelt es sich um das hebräische, das andere Mal um das griechische Wort für „der Gesalbte“. -

Petrus versteht: mit menschlichen Kategorien kann man diesem Jesus nicht gerecht werden. In diesem Jesus ist Gott am Werk, anders und größer als bei einem Propheten. -

Liebe Gemeinde, die Frage, die Jesus seinen Jüngern stellt, diese Frage stellt er im Grunde jedem Menschen. Er stellt sie Dir und mir: „Du, wer glaubst Du, daß ich sei?“ - Davon wird alles abhängen in meinem Leben! -

Als Pilatus Jesus fragte, ob er der Judenkönig sei, erwiderte Jesus: „Redest Du das von Dir selbst, oder haben´s dir andere von mir gesagt?“ (Joh. 18, 33f.)

Es geht nicht um Wissen über Jesus aus zweiter Hand. Es geht um mein persönliches Bekenntnis und um das, was aus diesem Bekenntnis für mein Leben folgt! „Nicht darin liegt die Wahrheit, daß wir die Gestalt Jesu nach der jeweils letzten Mode des Zeitgeistes ´interpretieren´, ...sondern darin, daß unser Leben von ihm her geprägt und gestaltet wird“ (M. Hengel, „War Jesus Revolutionär?“, 1970, S.25).

Albert Schweitzer, der große Theologe und Arzt, hat ein dickes Buch geschrieben, in dem er die Geschichte der Jesu-Deutungen zusammenträgt. Am Ende seiner Untersuchung kommt er zu dem Schluß, daß jeder von uns mit seinem Leben entscheiden muß, wer Jesus für mich ist: „Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wußten, wer er war, herantrat. Er sagte dasselbe Wort: „Du aber folge mir nach!“ und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muß. Er gebietet. Und diejenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist...“ (A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 1951, S. 642).-

Das Bekenntnis, das Petrus auszusprechen wagt, wird von Jesus gelobt: „Fleisch und Blut haben Dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage Dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen...“ - Es liegt hier ein Wortspiel vor: Petra ist das griechische Wort für „Felsen“ ( der entsprechende aramäische Name ist Kephas!). Jesus sagt also: „Du bist Petrus, und auf diesen Petra will ich meine Gemeinde bauen.“ - Jemanden einen Felsen nennen heißt, ihm ein großes Kompliment machen. Oder ist mit dem Felsen der Glaube des Petrus gemeint? Petrus war der erste Mensch, der erkannte, wer Jesus war. Er wagte als erster den Sprung des Glaubens. Er erkannte als erster den Sohn des lebendigen Gottes. Damit ist Petrus das erste Glied der Gemeinde, und andere Gemeindeglieder schließen sich diesem Grundstein an. Jeder, der dieselbe Entdeckung wie Petrus macht, ist ein weiterer Baustein, der dem Gebäude der Gemeinde Christi hinzugefügt wird.

Daß Jesus hier an eine Kirche im Sinne einer vielfach verästelten Institution gedacht hat, ist unwahrscheinlich. Vermutlich will er dem Petrus nur sagen: „Du bist der Anfang des neuen Gottesvolkes, der neuen Gemeinschaft derer, die an meinen Namen glauben!“ - Selbst die Herrschaft der Hölle, selbst das Totenreich werden die Gemeinde nicht überwältigen! -

Und dann kommt jener Vers, der für die Römisch-Katholischen Geschwister so überaus bedeutsam geworden ist: „Ich will Dir des Himmelreichs Schlüssel geben...“ wird dem Petrus gesagt. Nach Auffassung der Römisch-Katholischen Kirche besagt dieser letzte Abschnitt unseres Textes, daß Petrus die Schlüsselgewalt darüber erhalten habe, wer in den Himmel komme, und wer nicht, daß Petrus ferner Vollmacht erteilt worden sei, die Menschen von ihren Sünden freizusprechen oder nicht. Weiter begründet die Römisch-Katholische-Kirche, Petrus sei - mit derartigen Rechten ausgestattet - Bischof von Rom geworden und diese Vollmacht sei von ihm auf alle Bischöfe von Rom übergegangen bis zum heutigen Tag. Für uns Protestanten ist das schwerlich zu akzeptieren.

Die Verheißung, daß Petrus die Schlüssel des Himmelreichs erhalten werde, besagt vielmehr, daß Petrus ein Werkzeug Gottes sein sollte, mit dessen Hilfe Menschen Zugang zu Gott finden können. Aber nicht nur Petrus, sondern jeder Christ hat nach evangelischem Verständnis diese Schlüssel zum Reich Gottes. Denn jedem von uns steht es frei, anderen den Weg ins Reich Gottes zu erschließen! -

Weiter verheißt Jesus dem Petrus, was er binden werde, solle gebunden bleiben, und was er löse, solle auch im Himmel los sein. Lösen und binden waren allgemein übliche Ausdrücke, die besonders im Hinblick auf die Entscheidungen bedeutender Lehrer und Rabbinen angewandt wurden. Etwas „binden“ hieß, es für verboten erklären; etwas „lösen“ hieß, es für erlaubt erklären. Jesus sagt also zu Petrus sinngemäß: „Ich werde Dir große und schwere Verantwortung übertragen. Du wirst Entscheidungen treffen müssen, die das Wohl der ganzen Gemeinde betreffen. Deine Entscheidungen werden so wichtig sein, daß sie sich auf das irdische und ewige Heil der Menschen auswirken!“ - Jeder, der die Apostelgeschichte kennt, weiß, daß Petrus in der Tat zu einem besonderen Führer der jungen Christengemeinde wurde, angefangen von seiner ersten Pfingstpredigt in Jerusalem bis zu seiner späteren Missionstätigkeit.

Es gehört zwar nicht mehr zu unserem eng abgegrenzten Predigttext, aber ich finde es höchst bedenkenswert, daß derselbe Petrus, der in unserem Abschnitt „seliggesprochen“ wird, drei Verse später als „Satan“ betitelt wird! Der gleiche Petrus, der den Herrn liebte, verleugnete ihn! - Und Jesus hält gleichwohl an ihm fest! Die gleichen Jünger, die im Augenblick des Todes Jesu verschwunden waren, lassen sich bald darauf Apostel nennen. Die gleichen Apostel, die in Eintracht die ersten Wochen Kirchengeschichte schreiben, liegen sich später in der Wolle, - allen voran Paulus und Petrus! Schlimmeres wird nur dadurch verhütet, daß sie sich künftig aus dem Weg gehen. -

Die Geburtsstunde der Urkirche, liebe Gemeinde, war umgeben mit Licht und Finsternis, das Zwielicht ihrer Geburt hat die Kirche bis heute mitgetragen. Es ist der Zwiespalt zwischen Himmel und Erde. Es ist der Zwiespalt, in der Welt zu leben und zugleich die Welt überwinden zu wollen. Jede christliche Gemeinde lebt in der Welt, aber sie lebt nicht von der Welt! Sie lebt von einem anderen Geist. Sie lebt vom Geist Jesu Christi. Sie lebt von dem, was dem Petrus und nach ihm unzähligen Christinnen und Christen aufgegangen ist: In diesem Menschen aus Nazareth war Gott am Werk! Er ist der Christus! Er kann und will mein Leben und diese Welt zurechtbringen. Von seinem Geist der Liebe gehen heilende Kräfte aus. Sein Heiliger Geist weht, wo Er will. Er kann gelegentlich Seiner Kirche ins Gesicht wehen. Aber mag die Kirche Jesu Christi noch so schaukeln und schlingern in dieser Welt, sie soll dem Sturmangriff der Hölle nach dem Willen ihres Herrn standhalten. Das hat also nichts mit unserer Standhaftigkeit zu tun, sondern mit dem Versprechen unseres Herrn!

Amen.

Pfr. Dr. Hans-Jürgen Günther

Villastr. 8

64342 Seeheim-Jugenheim


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